Neu im Kino/Filmkritik: „Le Mans 66: Gegen jede Chance“ kämpft ‚Ford v Ferrari‘

November 17, 2019

Mitte der sechziger Jahren war Ferrari cool und gewann reihenweise Autorennen. Ford war, nun, das Gegenteil. Und auch wenn ein amerikanischer Junge nicht das Geld hatte, sich einen Ferrari-Sportwagen zu kaufen, investierte er sein Geld definitiv nicht in einen Ford, der damals das Synonym für ‚langweilige Familienkutsche‘ war. Um das zu ändern, beauftragt der Autokonzern Ford den Ex-Rennfahrer und Auto-Designer Carroll Shelby innerhalb kürzester Zeit einen Rennwagen zu entwickeln, der in Le Mans beim legendären 24-Stunden-Rennen Ferrari besiegen kann und soll. Das Rennen stellt allein schon aufgrund seiner Dauer höchste Ansprüche an Fahrer und Fahrzeuge.

Shelby nimmt den unmöglichen Auftrag an. Helfen soll ihm Ken Miles, ein Autoschrauber und Testfahrer, bei dem Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen. Denn so brillant Miles als Fahrer und Tüftler ist, so unverträglich ist er gegenüber fast allen Menschen und er ist absolut nicht teamfähig. Aber Shelby verspricht ihm, dass er am 24-Stunden-Rennen teilnehmen wird. Auch wenn dieses Versprechen nicht leicht einzuhalten ist.

Sie machen sich an die Arbeit, die damals vor allem aus einer Folge von Versuchen und Irrtümern mit verschiedenen munter ausgetauschten und ausgebauten Fahrzeugteilen besteht. Im Zweifelsfall wird auf jedes Gramm Gewicht verzichtet und die heutigen Sicherheitsbestimmungen waren damals noch nicht einmal angedacht.

1966 schickt Ford dann seine Fahrzeuge und Fahrer ins 24-Stunden-Rennen. Miles ist einer der Fahrer. Shelby der Leiter des Rennteams.

James Mangold, der zuletzt mit „Logan“ begeisterte, erzählt in seinem neuen Film „Le Mans 66: Gegen jede Chance“ die Geschichte von dem Duell zwischen Ford und Ferrari nach. Im Mittelpunkt des Dramas stehen die miteinander befreundeten Rennfahrern Shelby und Miles, gespielt von Matt Damon und Christian Bale, die auch gegen Widerstände im Ford-Konzern auf das Ziel hinarbeiteten, den unbesiegbaren Ferrari-Rennstahl zu besiegen. Sie sind damit in doppelter Weise Underdogs. Mangold erzählt ihre Geschichte von Ende der fünfziger Jahre, als Shelby aufgrund eines schweren Herzleidens seine Karriere als Rennfahrer aufgeben muss, bis hin zu dem Autorennen 1966 in Le Mans, das im letzten Filmdrittel über fast vierzig Minuten gezeigt wird.

Diese Geschichte erzählt Mangold, wie in einer großen Reportage, souverän zwischen Einzelschicksalen, zwischen Detail- und Hintergrundinformationen, zwischen der Arbeit von Shelby und Miles in der Werkstatt und auf dem Testgelände und der großen Firmenpolitik in den Chefetagen von Ford wechselnd. Dabei hat er, auch wenn er sich auf Details konzentriert, immer das große Ganze im Blick. Ausstattung und Schauspieler überzeugen ebenso.

Le Mans 66“ ist klassisches Erzählkino, das trotz seiner epischen Laufzeit von zweieinhalb Stunden immer spannend bleibt und auch Nicht-Rennsportfans von der ersten bis zur letzten Minute begeistert.

Damit gehört Mangolds Film schon jetzt, neben „Grand Prix“ (1966) und „Rush“ (2013), zu den wenigen gelungenen Filmen über die Rennsportszene. Erwähnen könnte man noch die deutlich unbekannteren Filme „Le Mans“ (1971) und „Weekend eines Champions“ (1971). „Le Mans“ war von Hauptdarsteller Steve McQueen ursprünglich als Dokumentarfilm geplant. „Weekend eines Champions“ ist ein fast unbekannter Dokumentarfilm von Roman Polanski, der 1971 Rennfahrer Jackie Stewart beim Großen Preis von Monaco begleitet.

Le Mans 66: Gegen jede Chance (Ford v Ferrari, USA 2019)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth, Jason Keller

mit Matt Damon, Christian Bale, Jon Bernthal, Caitrano Balfe, Tracy Letts, Josh Lucas, Noah Jupe, Remo Girone, Ray McKinnon, JJ Field, Jack McMullen

Länge: 153 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweis: Der US-Titel ist „Ford v Ferrari“, der UK-Titel ist „Le Mans ’66“.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Metacritic über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Rotten Tomatoes über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Wikipedia über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)

Meine Besprechung von James Mangolds „Logan – The Wolverine“ (Logan, USA 2017)


TV-Tipp für den 10. November: The Accountant

November 9, 2019

Pro7, 20.15

The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.

Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


TV-Tipp für den 18. Juli: Fury – Herz aus Stahl

Juli 18, 2019

Vox, 22.10

Fury – Herz aus Stahl (Fury, USA 2014)

Regie: David Ayer

Drehbuch: David Ayer

Packender und extrem schonungsloser Kriegsfilm über die Erlebnisse einer Besatzung eines US-Panzers während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, Jon Bernthal, Michael Pena, Jim Parrak, Brad William Henke, Jason Isaacs, Kevin Vance, Alicia von Rittberg, Scott Eastwood

Hinweise
Moviepilot über „Herz aus Stahl“
Metacritic über „Herz aus Stahl“
Rotten Tomatoes über „Herz aus Stahl“
Wikipedia über „Herz aus Stahl“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Ayers “End of Watch” (End of Watch, USA 2012)

Meine Besprechung von David Ayers “Sabotage” (Sabotage, USA 2014)

Meine Besprechung von David Ayers „Herz aus Stahl“ (Fury, USA 2014)

Meine Besprechung von David Ayers „Suicide Squad“ (Suicide Squad, USA 2016)


TV-Tipp für den 7. April: The Accountant

April 6, 2019

Pro7, 20.15

The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.

Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Wiederholung: Montag, 8. April, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Widows – Tödliche Witwen“, tote Männer und ein todsicherer Plan

Dezember 8, 2018

Steve McQueens neuer Film beginnt mit friedlichen Bildern von Männern, die sich von ihren Frauen verabschieden und zur Arbeit gehen. Ihre Arbeit ist allerdings etwas ungewöhnlich: sie sind Profi-Einbrecher und bei diesem Einbruch geht einiges schief. Sie müssen flüchten, werden von der Polizei quer durch die Stadt verfolgt und als die Polizei sie in einer Lagerhalle verhaften will, explodiert ihr Fluchtfahrzeug im Kugelhagel. Die Beute geht in Flammen auf. Die Diebe sterben.

Ihre Frauen sind die titelgebenden Witwen, die kurz darauf knietief in finanziellen Problemen stecken. Und dann fordert auch noch Jamal Manning (Brian Tyree Henry) sein Geld zurück. Denn Harry Rawlins (Liam Neeson, vor allem lebendig in Rückblenden) und seine Gang haben sein Wahlkampfgeld gestohlen. Harrys Frau Veronica Rawlins (Viola Davis) hat einen Monat, um das Geld zu beschaffen.

Weil sie das Tagebuch ihres Mannes hat, in dem er alle Informationen für seinen nächsten Einbruch akribisch notierte, besitzt sie den Plan für einen Einbruch. Jetzt braucht sie nur noch einige Informationen, wie den Standort des Gebäudes, in dem der mit einigen Millionen Dollar gefüllte Tresor steht, und einige Helferinnen. Sie denkt dabei an die anderen Frauen, die bei Harrys letztem Einbruch ebenfalls ihre Männer verloren haben. Linda (Michelle Rodriguez), deren Kleidergeschäft von ihrem Mann verzockt wurde, und Alice (Elisabeth Debicki), die von ihrem Mann als Vollzeit-Ehefrau an der kurzen Leine gehalten wurde, helfen ihr. Später stößt Belle (Cynthia Erivo), die als Friseuse und Kindermädchen für Lindas Kinder kaum über die Runden kommt, zu ihnen.

Die ursprüngliche Idee für „Widows“ ist schon ziemlich alt. Lynda La Plante hatte sie bereits in den frühen achtziger Jahren und setzte sie ziemlich zeitgleich als Roman und TV-Miniserie um. Die uns anscheinend nie gezeigte TV-Serie war 1983 ein Hit im britischen TV und 2002 die Vorlage für eine US-TV-Miniserie. La Plante erzählte die Geschichte der diebischen Frauen 1985 und 1995 in zwei weiteren TV-Miniserien weiter. „Widows“ war für sie der Beginn einer erfolgreichen Karriere. So war sie als Autorin und Produzentin für die TV-Serien „Heißer Verdacht“ (Prime Suspect) und „Der Preis des Verbrechens“ (Trial & Retribution) verantwortlich. Um nur die zwei langlebigen Serien zu nennen, die auch in Deutschland bekannter sind.

Steve McQueen sah 1983 als Jugendlicher die TV-Serie und er war von den Frauen, die ein Ding drehen, fasziniert. Das war damals brandneu. Zusammen mit „Gone Girl“-Autorin Gillian Flynn setzte er sich jetzt an eine zeitgemäße Adaption des Stoffes.

McQueen und Flynn verlegten die Geschichte nach Chicago, in die Gegenwart. Die Lokalpolitik und die sozioökonomischen Verwerfungen und Konflikte innerhalb der US-Gesellschaft sind ein wichtiger Teil der sehr dicht erzählten Geschichte, die immer wirkt, als habe man die sechsteilige TV-Serie auf kinotaugliche zwei Stunden eingedampft. Da bringt jede Szene die Geschichte erkennbar voran. Und weil McQueen zwischen mehreren Handlungssträngen jongliert, kann man sich ziemlich schnell ausmalen, wie alles miteinander zusammenhängt.

Im Mittelpunkt des Thrillers stehen die Planung und Durchführung des Coup. Aber McQueen wechselt souverän zwischen mehreren Handlungssträngen. Neben den vier Frauen, die einige Taschen voll Geld stehlen wollen, sind auch Jack Mulligan (Colin Farrell) und Jamal Manning involviert. Sie sind gerade mitten im Wahlkampf um den Posten des Stadtrats für den 18. Bezirk von Chicago. Mulligans Vater Tom (Robert Duvall) will das Wahlamt an seinen Sohn vererben. Der Afroamerikaner Manning ist ein bekannter Verbrecher, der als Stadtrat ehrbar werden und etwas für seine Gemeinde tun will.

Es sind, auch weil McQueen die einzelnen Handlungsstränge immer wieder aufspaltet, viele Episoden und Themen, die dank seiner sicheren Regie und dank des guten Drehbuchs nie zu einer chaotischen Abfolge unzusammenhängender Episoden werden. Es ist auch schön zu sehen, dass jeder Charakter, auch wenn er nur wenige Minuten Filmzeit hat, zu einer dreidimensionalen Figur entwickelt wurde.

Widows – Tödliche Witwen“ ist ein mustergültiger, elegant erzählter Genrefilm, bei dem vor allem der Name des Regisseurs erstaunt. Denn Steve McQueens vorherige Filme „Hunger“, „Shame“ und „12 Years a Slave“ waren intensive Dramen, die sich auf einen Charakter, einen Mann, konzentrierten und dem nie von der Seite wichen. Sein neuester Film ist dagegen ein astreiner, konsequent den Regeln des Heist-Movies folgender Thriller mit mehreren Erzählsträngen und ganz gewöhnlich starken Frauen als Protagonisten.

Kurz gesagt ist „Widows“ für Steve McQueen das, was „Inside Man“ für Spike Lee war: ein aus dem sonstigen Werk herausstechender schnörkelloser und spannender Genrefilm.

Und mir fällt ein, dass ich immer noch nicht Wallace Strobys dritten Hardboiled-Krimi „Fast ein guter Plan“ (Pendragon) mit Profidiebin Crissa Stone gelesen habe.

Widows – Tödliche Witwen (Widows, USA 2018)

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: Gillian Flynn, Steve McQueen (basierend auf der gleichnamigen TV-Serie von Lynda La Plante)

mit Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki, Cynthia Erivo, Colin Farrell, Daniel Kaluuya, Jackie Weaver, Robert Duvall, Liam Neeson, Brian Tyree Henry, Garrett Dillahunt, Carrie Coon, Jon Bernthal, Manuel Garcia-Rulfo, Lukas Haas

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Widows“

Metacritic über „Widows“

Rotten Tomatoes über „Widows“

Wikipedia über „Widows“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Steve McQueens „12 Years a Slave“ (12 Years a Slave, USA 2013)

Meine Besprechung von David Finchers Gillian-Flynn-Verfilmung „Gone Girl – Das perfekte Opfer (Gone Girl, USA 2014) (Buch- und Filmkritik)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenners Gillian-Flynn-Verfilmung „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“ (Dark Places, USA/Frankreich 2015)

Steve McQueen über den Film

Steve McQueen und Gillian Flynn über den Film

Steve McQueen, Viola Davis, Michelle Rodriguez und Elizabeth Debicki über den Film


Neu im Kino/Filmkritik:Taylor Sheridans grandioser Schnee-Western „Wind River“

Februar 8, 2018

Statistiken über vermisste Menschen gibt es für jede andere Demographie, nur nicht für die Frauen der amerikanischen Ureinwohner. Keiner weiß, wie viele von ihnen wirklich vermisst werden“, verrät am Ende von „Wind River“ eine Texttafel. In seinem Spielfilmdebüt erzählt Taylor Sheridan die Geschichte einer dieser Frauen. Es ist keine wahre Geschichte, aber eine Geschichte, wie sie passieren könnte. Jedenfalls in Bezug auf das Mordmotiv.

Am Anfang des Thrillers läuft die achtzehnjährige Arapaho-Indianerin Natalie Hanson panisch und barfuss durch den eiskalten Schnee des Indianer-Reservats Wind River. Das mit Wasserflächen 9.147,864 km² große Reservat, in dem ungefähr 26.000 Menschen leben, liegt im menschenleeren US-Bundesstaat Wyoming.

Cory Lambert (Jeremy Renner), ein Fährtenleser, Jäger und Fallensteller für den U. S. Fish & Wildlife Service, entdeckt, als er einen Puma jagt, mitten im Nirgendwo ihre Leiche. Die nächsten Ansiedlungen sind, egal in welche Richtung sie gelaufen wäre, mehrere Kilometer entfernt. Und sie muss große Angst gehabt haben. Denn sonst wäre sie niemals barfuß bei eisiger Kälte losgelaufen und so weit gelaufen bevor die menschenfeindliche Natur sie tötete.

Das FBI schickt die junge FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen). Sie soll den örtlichen Behörden helfen, braucht selbst aber Hilfe, um in der Gegend zu überleben. Sie bittet Lambert ihr bei den Ermittlungen zu helfen. Der Fährtensucher ist einverstanden. Auch weil er immer noch mit dem Tod seiner Tochter hadert. Sie starb vor drei Jahren unter ähnlichen Umständen. Und Natalie Hanson war ihre beste Freundin.

Lambert, Banner und Ben (Graham Greene), der Chef der aus sechs Beamten bestehenden Reservatspolizei, beginnen die Menschen zu suchen, die für Hansons Tod verantwortlich sind.

Autor und Regisseur Taylor Sheridan beendete vor einigen Jahren seine höchstens solala verlaufende Schauspielerkarriere (daran ändern auch wiederkehrende Rollen in „Veronica Mars“ und „Sons of Anarchy“ nichts) zugunsten einer Karriere als Autor, der über die Dinge schreibt, die er kennt und die ihn interessieren. Gleich mit seinen Drehbüchern „Sicario“ und „Hell or High Water“ wurde er von Kritikern, Publikum und Krimifans euphorisch gefeiert. Es sind Genregeschichten, die das Genre respektieren, eine Botschaft haben, eine unbekannte Welt in ihrer Komplexität zeigen und der Frontier-Bevölkerung eine Stimme verleihen. Auch „Wind River“, das nach seiner Prämisse ein konventioneller Rätselkrimi mit etwas Ethno-Sauce hätte werden können, verlässt schnell diese Pfade. Sheridan benutzt diese Rätselkrimi-Struktur nur als Aufhänger für eine sehr präzise, genaue und feinfühlige Studie über die in dem Indianer-Reservat lebenden Menschen, ihr Leben, ihre Beziehungen und wie sie mit dem Verlust geliebter Menschen umgehen. Garniert wird diese Sozialstudie mit einigen wenigen, aber sehr knackigen Action-Szenen und vielen traumhaften Bilder der schneebedeckten Landschaft; von „Beast of the Southern Wild“-Kameramann Ben Richardson. Neben den Profi-Schauspielern setzte Sheridan auch Laien ein, die bei ihrem Spiel aus ihrem eigenen Leben schöpften und einige seiner Freunde, denen er über die Jahre gut zuhörte, leben in den Reservaten. Das alles trägt zur Authenzität des Gezeigten bei. Dieser präzise, quasi-dokumentarische Blick erstreckt sich auch auf die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander. Sie kennen sich seit Ewigkeiten. Entsprechend wenig müssen sie über ihre gemeinsame Vergangenheit reden. Sheridan zeigt diese gemeinsame Vergangenheit in der Art, wie sie miteinander umgehen, was sie sagen und nicht sagen, wie sie sich verhalten. Zum Beispiel bei der ersten Begegnung von Lambert mit seiner Frau oder wenn sie Natalie Hansons Eltern die Todesnachricht überbringen. Der Film ist voll solcher kleiner, berührender Szenen. Oft zeigt Sheridan sie auch beim Verrichten alltäglicher Tätigkeiten. Und, obwohl das selbstverständlich sein sollte, sehen ihre Wohnungen so aus, als ob sie wirklich in ihnen leben würden.

Der in der Gegenwart spielende Schneewestern lief letztes Jahr in Cannes und erhielt den Regiepreis in der Sektion „Un Certain Regard“. Er erhielt auch, neben anderen Preisen und Nominierungen, bei überschaubarer Konkurrenz, beim American Indian Film Festival den Preis als bester Film. Dieser Preis dürte Sheridan am Meisten gefreut haben. Und dass „Wind River“ 2017 in den USA der Independent-Film mit dem sechsthöchsten Umsatz war.

Nick Cave und Warren Ellis schrieben die Filmmusik.

 

Als ich mit der Arbeit an ‚Wind River‘ begann, meinem ersten Film als Regisseur, betrachtete ich ihn als Abschluss einer thematischen Trilogie, die sich mit der modernen amerikanischen Frontier, dem Grenzgebiet, auseinandersetzt. Sie beginnt mit der Epidemie der Gewalt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko in ‚Sicario‘ (2015), dann richtet sich der Fokus auf die massive Schere zwischen Reichtum und Armut in West Texas in ‚Hell or High Water‘ (2016). Das letzte Kapitel ist nun ‚Wind River‘ – die Katharsis.

‚Wind River‘ blickt auf das wohl greifbarste Überbleibsel der amerikanischen Frontier – und zugleich Amerikas größtes Versagen: die Indianerreservate. Auf der persönlichsten Ebene ist es eine Studie darüber, wie ein Mann nach einer Tragödie weitermacht, ohne sie jemals verarbeitet zu haben, ohne einen Abschluss gefunden zu haben. Auf der allgemeinsten Ebene ist es eine Studie, was man damit angerichtet hat, Menschen zu zwingen, auf Land zu leben, wo niemals Menschen leben sollten.“

Taylor Sheridan über „Wind River“

Wind River (Wind River, USA 2017)

Regie: Taylor Sheridan

Drehbuch: Taylor Sheridan

mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Graham Greene, Gil Birmingham, Julia Jones, Teo Briones, Martin Sensmeier, Hugh Dillon, James Jordan

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wind River“

Metacritic über „Wind River“

Rotten Tomatoes über „Wind River“

Wikipedia über „Wind River“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Taylor Sheridan über den Film

DP/30 unterhält sich mit Jeremy Renner über den Film

D?/30 unterhält sich mit Elizabeth Olsen über den Film


TV-Tipp für den 7. Dezember: Fury – Herz aus Stahl

Dezember 7, 2017

Vox, 22.15

Herz aus Stahl (Fury, USA 2014)

Regie: David Ayer

Drehbuch: David Ayer

Packender und extrem schonungsloser Kriegsfilm über die Erlebnisse einer Besatzung eines US-Panzers während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, Jon Bernthal, Michael Pena, Jim Parrak, Brad William Henke, Jason Isaacs, Kevin Vance, Alicia von Rittberg, Scott Eastwood

Wiederholung: Freitag, 8. Dezember, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Herz aus Stahl“
Moviepilot über „Herz aus Stahl“
Metacritic über „Herz aus Stahl“
Rotten Tomatoes über „Herz aus Stahl“
Wikipedia über „Herz aus Stahl“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Ayers “End of Watch” (End of Watch, USA 2012)

Meine Besprechung von David Ayers “Sabotage” (Sabotage, USA 2014)

Meine Besprechung von David Ayers „Herz aus Stahl“ (Fury, USA 2014)

Meine Besprechung von David Ayers „Suicide Squad“ (Suicide Squad, USA 2016)


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