DVD-Kritik: „Desierto – Tödliche Hetzjagd“ an der mexikanisch-amerikanischen Grenze

Oktober 25, 2016

Ein Tag wie jeder andere an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, zwischen Dritter und Erster Welt, zwischen Armut und schießwütigen Drogenkartellen und dem gelobten Land mit dem Versprechen auf Reichtum. Wie jeden Tag versuchen Dutzende Mexikaner die Grenze zu überqueren, ohne erwischt zu werden. Einige haben diese Reise schon öfter gemacht, andere versuchen ihr Glück zum ersten Mal. Wenn sie von der Border Patrol oder selbsternannten Grenzschützern erwischt werden, werden sie wieder zurückgeschickt – und sie versuchen wieder ihr Glück.

Aber an diesem Tag, der in „Desierto – Tödliche Hetzjagd“ geschildert wird, geht einiges schief. Schon in Mexiko bleibt das Auto der Schleuser in der Wüste liegen. Zwei der Schlepper wollen die zwölf Migranten über die Grenze bringen.

Kurz hinter der Grenze, als die Gruppe sich in zwei kleinere Gruppen getrennt hat, erschießt ein selbsternannter Grenzschützer (grandios: Jeffrey Dean Morgan) kaltblütig den größeren Teil der Gruppe.

Die überlebenden vier Illegalen und der Gehilfe des Schleusers, der die Gegend nicht kennt, können flüchten.

Zunächst. Denn der Redneck hat sie entdeckt und mit seinem über alle geliebten Hund beginnt er sie zu jagen.

Desierto – Tödliche Hetzjagd“, der zweite Spielfilm von „Gravity“-Drehbuchautor Jonás Cuarón, ist ein spannender Survival-Thriller vor einer prächtigen Western-Kulisse. An einen Western erinnert Cuaróns Film auch fast durchgehend. Nur dass hier die Indianer Mexikaner sind und unsere Sympathien bei ihnen liegen. Auch wenn wir nichts über sie wissen und im Lauf des Films eigentlich nichts über sie erfahren. Über den Redneck und seine Motive erfahren wir auch nichts. Denn Cuarón konzentriert sich, wie in „Gravity“, auf die Situation und den Kampf des Einzelnen ums Überleben. In „Gravity“ war es eine Frau, die zur nächsten Raumstation gelangen musste, ehe ihr die Luft ausging. In „Desierto“ ist es letztendlich ein Mann (Gael García Bernal), der einfach nur am Leben bleiben will, unbewaffnet ist und niemanden verletzten will. Insofern geht es um den Zusammenprall von Humanität und Barbarei.

Das ist spannend inszeniert. Mit wenigen Dialogen und fotogener, nach der großen Leinwand schreiender Kulisse.

Es ist allerdings auch ein Film, der auf jeglichen gesellschaftskritischen Kommentar verzichtet oder auch nur irgendwie die Situation an der amerikanisch-mexikanischen Grenze vertieft. Sie ist nur die austauschbare Kulisse für eine Menschenjagd, bei der die Gejagten auf ihrer Flucht erstaunlich lange auf jegliche Gegenwehr verzichten.

Beim Toronto International Film Festival 2015 erhielt „Desierto“ den International Critics‘ Award (FIPRESCI) „for using pure cinema to create a strong physical sensation of being trapped in a vast space and hunted down by hatred in its most primal form.“

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Desierto – Tödliche Hetzjagd (Desierto, Mexiko/Frankreich 2015)

Regie: Jonás Cuarón

Drehbuch: Jonás Cuarón, Mateo Carcía Elizondo

mit Gael García Bernal, Jeffrey Dean Morgan, Alondra Hidalgo, Diego Cataño, Marco Pérez, Oscar Flores, David Lorenzo

DVD

Ascot Elite

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 18 Jahre (keine Ahnung warum)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Desierto“

Metacritic über „Desierto“

Rotten Tomatoes über „Desierto“

Wikipedia über „Desierto“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Gravity“ im Orbit

Oktober 3, 2013

Endlich – nach dem ganzen Lärm der weitgehend geistlosen Sommer-Blockbuster – gibt es wieder Filme, bei denen man sein Gehirn nicht an der Saaltür abgeben muss. Es gibt sogar Science-Fiction-Filme, die die Gehirnzellen nicht beleidigen. Wobei „Gravity“, der neue Sandra-Bullock-Film, eigentlich kein Science-Fiction-Film ist. Er spielt zwar im Weltraum, aber nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart. Bullock spielt Dr. Ryan Stone. Die Wissenschaftlerin ist zum ersten Mal im Weltraum und eigentlich wäre sie lieber auf der Erde in einem Labor. Aber für die Forschung müssen halt Opfer gebracht werden. Für Matt Kowalski (George Clooney) ist der Aufenthalt im Weltraum kein Opfer. Dem erfahrenen Astronauten gefällt die Stille und Weite des Alls. Auch wenn er ständig alte Geschichten erzählt.

Als Weltraummüll ihr Space-Shuttle zerstört und alle ihre Kollegen sterben, müssen sie zur nächsten sich im Orbit befindlichen Weltraumstation fliegen. Kowalski kann Stone mit seinen Geschichten und Fragen über ihr Leben beruhigen. Aber noch bevor sie die rettende nächste Raumstation erreichen, geschieht ein weiteres Unglück. Kowalski driftet ins Weltall und in den sicheren Tod. Stone ist jetzt ganz auf sich allein gestellt – und ihr Sauerstoff geht bedrohlich zur Neige.

Gravitiy“ ist eigentlich ein Ein-Personen-Stück vor einer zwar dunklen, aber prächtigen Kulisse und „Children of Men“-Regisseur Alfonso Cuarón gelingt es wirklich die Weite, Ruhe und Schönheit des Alls fühlbar zu machen. Der dunkle Kinosaal ist sicher hilfreich. Und die 3D-Effekte sind dieses Mal klug eingesetzt und bringen wirklich eine weitere Dimension in den Film.

Dass die Filmgeschichte mit ihrem durchgehend realistischem Grundton, ihrer Konzentration auf einen Charakter, der dann auch keinen Gesprächspartner hat, dem Vermeiden von großen philosophischen Fragen und dem klaren Ende eher an eine Kurzgeschichte oder eine Novelle und nicht an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert, führt dann auch zu einer inzwischen schlanken Laufzeit von neunzig Minuten. Trotzdem ist Stones Odyssee nicht weniger faszinierend als die von „2001“-Astronaut Bowman, aber weniger spekulativ.

Empfehlenswertes Echtzeit-Kino ohne störenden Subplot.

Gravity - Plakat

Gravity (Gravity, USA/GB 2013)

Regie: Alfonso Cuarón

Drehbuch: Alfonso Cuarón, Jonás Cuarón

mit Sandra Bullock, George Clooney, Ed Harris (Mission-Control-Stimme, im Original)

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gravity“

Moviepilot über „Gravity“

Metacritic über „Gravity“

Rotten Tomatoes über „Gravity“

Wikipedia über „Gravity“ (deutsch, englisch)


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