Neu im Kino/Filmkritik: Käfer „Bumblebee“ ist ein guter Transformer

Dezember 20, 2018

Nach fünf „Transformers“-Spielfilmen, in denen Michael Bay seine Form subtiler Unterhaltung präsentierte, weiß man, wie ein an der Kinokasse erfolgreicher „Transformers“-Film aussieht: hirnlose Action, eine von Film zu Film zunehmend chaotischere Handlung, konsequent unterforderte Schauspieler (die dafür viel Schmerzensgeld erhalten) und junge Damen, deren für den Film notwendige Fähigkeiten sich in ihrem vollbusigen Aussehen erschöpfen.

Dass das bei dem neuen „Transformers“-Film anders wird, hat niemand wirklich erwartet. Schließlich hat Bay den Film produziert und der von ihm für diesen „Transformers“-Film engagierte Regisseur hat vorher nur den Animationsfilm „Kubo – Der tapfere Samurai“ gedreht.

Die ersten Minuten sind dann auch im bekannten Michael-Bay-Stil inszeniert: Es beginnt mit einer riesigen Schlacht. Auf dem Planeten Cybertron kloppen sich die Autobots mit den Deceptions. Als die Autobots die Schlacht verlieren, schickt Optimus Prime Bumblebee (aka B-127) auf die Erde. Er soll den Planeten bewachen und alles für die friedliche Ankunft der Autobots vorbereiten.

Auch auf der Erde geht es gleich mit viel Kampfgetöse weiter. Denn Bumblebee landet, verfolgt von den terminatormäßig auf ihr Ziel fokussierten Deceptions Shatter und Dropkick, mitten auf einem Militärübungsplatz und das Militär geht mit der bewährten Militärtaktik „erst ballern, dann weiterballern“ vor.

Bumblebee kann, schwer lädiert, entkommen und jetzt nimmt der von Travis Knight inszenierte Film eine sehr erfreuliche Wendung hin zu kindgerechter, ihre Protagonisten ernst nehmender herzerwärmender Disney-Unterhaltung.

Jetzt ist auch die Zeit, um kurz zu erklären, dass die Autobots und die Deceptions Roboter sind, die sich schwuppdiwupp in Autos verwandeln können. Bumblebee verwandelt sich in einen gelben VW Käfer und versteckt sich in dem nordkalifornischen Küstenort Brighton Falls auf einem Schrottplatz.

Dort lebt auch Charlie Watson (Hailee Steinfeld). Die Einzelgängerin gehört nicht zur angesagten Clique in der Schule. Lieber fährt sie mit ihrem Moped herum (ohne Helm), schraubt in der Garage an der 1959er Corvette ihres verstorbenen, über alles geliebten Vaters herum, trauert ihm immer noch nach und verdient sich etwas Geld hinzu. Sie ist definitiv kein Bay-Babe, sondern ein erfrischend normal aussehender Teenager mit alltäglichen Problemen und Sorgen. Wobei Jungs nicht dazu gehören.

Auf einem Schrottplatz entdeckt sie einen alten, gelben, hundertfünfzigprozentig schrottreifen VW Käfer. Sie verliebt sich in das Auto und kann den Besitzer des Schrottplatzes überzeugen, ihn ihr zum 18. Geburtstag zu schenken.

Als sich, kurz darauf, in der heimischen Garage, Bumblebee ihr gegenüber als Autobot zu erkennen gibt, reagiert sie erstaunlich gefasst. Denn der 1987 spielende Film spielt vor den anderen „Transformers“-Filmen und damals waren Transformers auf der Erde noch unbekannt. Schnell schließt sie den sehr herzigen Bumblebee in ihr Herz. Er wird, soweit man das bei einem Auto sagen kann, zu ihrem ständigen Begleiter, der auch in ihr Leben eingreift.

Die Idylle zwischen Charlie und Bumblebee ist allerdings nur von kurzer Dauer. Die Deceptions und das Militär wollen Bumblebee unbedingt finden und vernichten. Ein in Charlie verliebter Nachbarjunge entdeckt das Geheimnis des Käfers. Und dann ist da noch Charlies Familie, – ihr kleiner Bruder, ihre Mutter und ihr neuer Vater – , die sich fragt, was Charlie in der Garage treibt.

Weil Bumblebee ein VW Käfer mit besonderen Fähigkeiten ist, werden sofort Erinnerungen an vor Ewigkeiten gesehene Filme mit Herbie (Disneys Superkäfer) und Dudu (die deutsche Ausgabe in gelb) wach. Der 80er-Jahre-Soundtrack mit all den Hits, die man damals an jeder Straßenecke hörte, verbreitet ebenfalls ein angenehmes Retro-Gefühl. Die Songs sind dabei auch ein Teil des Gesprächs zwischen Bumblebee und Charlie. Weil Bumblebee nicht sprechen kann, drückt er seine Gedanken über das Autoradio mit Musik aus. Auch optisch und erzählerisch knüpft Travis Knight mit seinem Film an die achtziger Jahre an, als John Hughes, Steven Spielberg und die von ihm in seiner Firma Amblin Entertainment produzierten Filme, an der Kinokasse triumphierten. Man kann „Bumblebee“ ohne große Mühe als gelungene Neuinterpretation von „E. T. – Der Außerirdische“ sehen.

Das Zielpublikum des neuen Films aus dem „Transformers“-Universum sind dieses Mal eindeutig Kinder bis vierzehn Jahre. Für sie gibt es, im Rahmen einer in sich abgeschlossenen Geschichte sympathische Charaktere, Humor (zum Beispiel wenn Bumblebee tapsig das Haus der Watsons zerlegt) und, wenn die Transformers gegeneinander kämpfen, auch mehr als handfeste Action. Im Zentrum steht allerdings immer die glaubwürdige Beziehung zwischen Charlie und ihrem neuen Gefährten Bumblebee.

Bumblebee“ ist der sympathischste, erfreulichste und gelungenste „Transformers“-Film. Dass Travis Knight einen hundertprozentigen Anti-Michael-Bay-Film abliefert, hätte vor wenigen Wochen niemand erhofft und erwartet.

Bumblebee (Bumblebee, USA 2018)

Regie: Travis Knight

Drehbuch: Christina Hodson

mit Hailee Steinfeld, John Cena, Jorge Lendeborg Jr., Jason Drucker, Pamela Adlon, Stephen Schneider, Ricardo Hoyos, John Ortiz, Glynn Turman, – und im Original den Stimmen von Dylan O’Brien, Peter Cullen, Angela Bassett, Justin Theroux, David Sobolov

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Instagram-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bumblebee“

Metacritic über „Bumblebee“

Rotten Tomatoes über „Bumblebee“

Wikipedia über „Bumblebee“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Bays „Transformers: Ära des Untergangs (Transformers: Age of Extinction, USA 2014)

Meine Besprechung von Michael Bays „Transformers: The Last Knight“ (Transformers: The Last Knight, USA 2017)

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Love, Simon“, Teenager, weiß, schwul, in Georgia lebend

Juni 28, 2018

Ich bin so wie du.

Im Wesentlichen ist mein Leben völlig normal.

Mein Dad war der gut aussehende Quarterback, der die scharfe Jahrgangsbeste geheiratet hat. Und nein, die Highschool war nicht der Höhepunkt ihres Lebens.

Ich habe eine Schwester, die ich sogar mag. Ich sage ihr das natürlich nicht. Und letztes Jahr, nach 200 Folgen von einer Kochshow, hat sie beschlossen, dass sie Köchin werden will. Das heißt, wir sind jetzt alle ihre Testpersonen.

Und dann sind da meine Freunde.

Zwei von ihnen kenne ich praktisch seit Anbeginn der Zeit. Oder wenigstens seit dem Kindergarten.

Eine kenne ich erst seit ein paar Monaten, aber ich habe das Gefühl, ich kenne sie schon ewig.

Wir machen alles, was Freunde so tun. Wir trinken viel Iced Coffee, sehen uns schlechte Neunzigerjahre-Filme an und träumen im Waffle House vom College und stopfen uns mit Kohlenhydraten voll.

Und wir stehen immer zueinander.

Also, wie gesagt, ich bin genau wie du. Ich habe ein völlig normales Leben.

Nur dass ich ein riesiges Geheimnis habe.

(Simons erste Worte in „Love, Simon“, Voice Over)

 

Ich gehöre nicht zum Zielpublikum von „Love, Simon“ und ich würde meinen erwachsenen Freunden zum Thema andere Bücher und Filme empfehlen, wie „Call me by your Name“.

Aber mit diesem Buch und Film würde das Zielpublikum von „Love, Simon“ wahrscheinlich wenig anfangen können. Denn „Love, Simon“ ist ein Coming-of-Age-Film für Schüler. Der Film erzählt eine typische, an einer US-Highschool spielende Coming-of-Age-Geschichte. Mit einem kleinen Unterschied, der aus dem Film dann etwas Besonderes macht. Der titelgebende Simon ist schwul. Und das ist innerhalb des Genres ein großer Schritt hin zur Realität. Denn Simon ist der gut aussehende Protagonist und er hat mit seiner Homosexualität keine Probleme. Auch wenn er sich, wegen der offensichtlichen, damit verbundenen Probleme, noch nicht öffentlich zu seine sexuellen Orientierung bekannt hat. Im Film gibt es eine schöne Szene viel über unseren Umgang mit Sexualität verrät. Simon fragt sich, warum nicht jeder sich outen müsste und wie es wäre, wenn die Eltern beim Bekenntnis zur Heterosexualität peinlich berührt, entsetzt und schockiert wären.

Simon sucht noch, wie man es aus unzähligen Highschool-Filmen, Romantic Comedies und Schnulzen kennt, die richtige Person für das erste Mal, die die große Liebe und die Frau (den Mann? den Partner?) fürs Leben. Und bis es zum ersten Kuss kommt, muss unser Held einige Abenteuer bestehen.

Greg Berlanti erzählt in seinem, auf Becky Albertallis Jugendbuch-Bestseller basierendem Film diese Geschichte. Mit schönen Menschen in einer schönen Gegend in schönen Bildern, die auch in einer Nicholas-Sparks-Schnulze nicht negativ auffallen würden.

Eines Abends entdeckt Simon im Internet einen Text von „Blue“, der wie er Schüler an der Creekwood High in Shady Creek, einem Vorort von Atlanta, Georgia ist und der ebenfalls schwul ist. Simon legt sich das Pseudonym „Jacques“ zu und sie beginnen sich emsig online auszutauschen. Ohne ihre wahre Identität zu kennen. Simon, ein wahrer Frauenschwarm, fragt sich, wer von den Jungs an der Schule Blue ist.

Sein Leben wird noch komplizierter, als er sich nach einer auf dem Schulcomputer geschriebenen Nachricht an Blue nicht abmeldet. Sein Schulfreund und Klassenclown aus Verzweiflung Martin entdeckt Simons Geheimnis. Weil Martin in Simons Freundin Abby verliebt ist und sie nichts von ihm wissen will, erpresst er Simon. Er soll ihn mit ihr verkuppeln.

Von der Story her ist „Love, Simon“ ein typischer, kitschiger Coming-of-Age-Film über die erste Liebe, garniert mit einigen typischen Schulproblemen, verständnisvollen Eltern und Lehrern und gut aussehenden, höflichen Teenagern. Und etwas Humor der netten Art.

Aber dieses Mal spielt die sattsam bekannte Geschichte über die Suche nach der großen Liebe sich nicht zwischen einem Jungen und einem Mädchen ab. Es geht auch nicht um einen schüchternen Jungen, der sich in die Klassenschönheit (und, ja, das kann verraten werden, Blue ist ein gut aussehender Junge) verliebt, sondern es geht um einen Jungen, der einen anderen Jungen sucht, in den er aufgrund seiner E-Mails verliebt ist und dessen Identität er nicht kennt.

Damit erzählt „Love, Simon“, soweit ich den Überblick habe, zum ersten Mal, in einer Mainstream-Highschool-Komödie eine schwule Coming-of-Age-Geschichte. Und in diesem Genre gehört Berlantis Film zu den gelungenen Vertretern. Wegen Simons im Film bis zu seinem Zwangsouting gegenüber seinem Umfeld lange verschwiegener Homosexualität, haben viele Dialoge eine doppelte Bedeutung. So ist auch das Musical „Cabaret“, das Simon und seine Freunde für eine Schulaufführung proben, bewusst ausgewählt.

Besonders subtil ist das nicht. Aber „Love, Simon“ ist auch nicht der Film für den Cineasten, der endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen will, sondern für Jugendliche, die endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen sollen – und die ihnen bei der Akzeptanz ihrer Sexualität und ihrem Outing helfen kann. Denn Simon ist ein ganz normaler Junge. Es ist auch ein Aufruf zur Toleranz. Verpackt in eine konventionellen Geschichte mit einem Protagonisten, den niemand von der Bettkante stoßen würde. Wie man so sagt.

Und so ist der Film für die Menschheit noch nicht einmal ein kleiner Schritt (ich sage nur „Call me by your Name“), aber ein großer für das Mainstream-Coming-of-Age-Genre.

Der mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnete Roman ist allerdings deutlich schwächer als die Verfilmung. Das Buch liest sich mit seinen dürftigen Beschreibungen wie ein Roman zum Film, der einfach nur das Drehbuch nacherzählt und dabei auf jegliche literarische Schnörkel und vertiefende, die Erzählgeschwindigkeit hemmende Beschreibungen verzichtet.

Im Gegensatz zum Film beginnt Albertalli mit der Erpressung von Martin. Damit setzt sie eine vollkommen andere Spannungskurve als der Film, in dem Simon am Anfang auf der schulischen Klatschseite creeksecrets auf den Text seines Seelenverwandten stößt. Im Film geht es daher von der ersten Minute an um die Frage, wie Simon mit seiner Sexualität und seinen Gefühlen umgeht. Im Buch muss er sich dagegen zuerst einmal um eine Erpressung kümmern. Und während der Film ständig, bei jedem Blick, jedem Satz, jedem Gespräch um die Frage kreist, welcher Mitschüler Blue ist, wird dieser Spannungsmoment von Albertalli fast gänzlich ignoriert. Deshalb sind alle Dialoge im Film wesentlich doppeldeutiger als im Buch. So gibt es im Film eine Szene, in der Simon und seine Freundin (früher hätte man sie Sandkastenliebe genannt) darüber reden, wen sie lieben und dabei, ohne dass sie es bemerken, aneinander vorbeireden. So proben die Schüler im Buch das Theaterstück „Oliver!“, basierend auf Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Im Film proben sie für die Schulaufführung das im Berlin in den frühen dreißiger Jahren spielende Musical „Cabaret“, das dann, auf mehreren Ebenen, Simons Geschichte spiegelt.

Love, Simon (Love, Simon, USA 2018)

Regie: Greg Berlanti

Drehbuch: Isaac Aptaker, Elizabeth Berger

LV: Becky Albertalli: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015 (Nur drei Worte; Love, Simon)

mit Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Jorge Lendeborg Jr., Logan Miller, Miles Heizer, Kerynan Lonsdale, Josh Duhamel, Jennifer Garner, Tony Hale, Natasha Rothwell

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

(Trivia: In den USA: Rated PG-13 for thematic elements, sexual references, language and teen partying)

Die Vorlage

Zum Filmstart erschien eine Filmausgabe, die ihren Namen wirklich verdient. Denn der Verlag spendierte nicht nur ein neues Cover, sondern auch einen 8-seitigen Bildteil, einen Ausschnitt aus dem Drehbuch und ein sehr kritikloses Gespräch zwischen Becky Albertalli, Simon-Darsteller Nick Robinson und Regisseur Greg Berlanti.

Becky Albertalli: Love, Simon

(Filmausgabe)

(übersetzt von Ingo Herzke)

Carlsen, 2018

336 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Nur drei Worte

Carlsen, 2016

Originalausgabe

Simon vs. the Homo Sapiens Agenda

Balzer + Bray, 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Love, Simon“

Metacritic über „Love, Simon“

Rotten Tomatoes über „Love, Simon“

Wikipedia über „Love, Simon“ (deutsch, englisch)

Homepage von Becky Albertalli

Das Gespräch in der Build Series mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern


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