Neu im Kino/Filmkritik: Hüte dich vor den „Norman“ dieser Welt!

September 22, 2017

Norman Oppenheimer ist – Ja, was eigentlich? Spät im Film sagt eine Frau zu ihm, sie habe mit viele Menschen gesprochen, aber niemand habe ihr sagen können, wer er sei, was er tue und ob er überhaupt eine Familie habe. Dabei kennen ihn viele Leute und er bemüht sich immer, Kontakte zu vermitteln und ihnen zu helfen. Nur: warum eigentlich?

Diese Frage beantwortet Joseph Cedar in seinem neuesten Film „Norman“ nur durch die Blume und im Rahmen einer im modernen New York im jüdischen Milieu spielenden Geschichte, die von der Figur des Hofjuden inspiriert ist. Der Hoffaktor war ein an einem höfischen Herrschaftszentrum beschäftigter Kaufmann, der Luxuswaren und Geld für den Herrscher beschaffte. In der Literatur und dem Theater findet man diese Figur bereits in der Bibel in der Geschichte von Josef oder in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ oder in „Jud Süß“. Ein nicht vollendetes Filmprojekt über Veit Harlans antisemitischen Film war für Cedar die Inspiration für seine Charakterstudie „Norman“.

Dieser von Richard Gere grandios in all seinen Facetten, seiner Größe und auch, vor allem, seiner Erbärmlichkeit, gespielte Norman Oppenheimer ist ein Problemlöser, der sich anderen Menschen mit höflicher Penetranz aufdrängt und ihnen anbietet, ihnen zu helfen, sie mit jemand anderes in Kontakt zu bringen. Das tut er auch bei Micha Eshel (Lior Ashkenazi), dem er in einem New Yorker Schuhgeschäft ein Paar Schuhe schenkt.

Jahren später, als Micha Premierminister von Israel wird, erinnert Micha sich bei einem US-Besuch an Norman und er begrüßt ihn bei einem offiziellem Empfang überschwänglich. Dass seine Vertrauten ihn immer wieder vor Norman warnten und warnen, ignoriert er. Denn Norman ist doch eine grundgute Seele. Nach dieser neuen Begegnung von Micha und Norman beginnt ‚Der bescheidene Aufstieg und tragische Fall eines New Yorker Geschäftsmanns‘ (Untertitel).

Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Schließlich kennt Norman viele wichtige Menschen und er will doch nur helfen.

Ruhig, fast schon bedächtig erzählt der in New York geborene, in Israel aufgewachsene und lebende Regisseur Joseph Cedar (Beaufort, Hearat Shulayim), unterstützt von einem fantastischen Ensemble und Jun Miyakes beschwingter Musik, seine subtile und in jeder Beziehung sehr schlaue Tragikomödie mit einem freundlichen Blick auf die fehlbaren Menschen, viel subtilem jüdischen Humor und etlichen Fremdschäm-Momente. Eigentlich ist fast jede Minute mit Norman ein solcher Fremdschäm-Moment. Denn Norman biedert sich immer wieder, ohne einen Unterschied zu machen oder auch nur einen Hauch erkennbarer Selbstachtung zu haben, bei anderen Menschen an und er wird immer wieder, höflich, aber bestimmt abgewiesen oder hinauskomplimentiert. Man möchte ihn schütteln und einen anderen Beruf empfehlen, aber irgendwie ist Norman auch ein glücklicher Mann, der genau das tut, was er will.

Norman (Norman: The Moderate Rise and Tragic Fall of a New York Fixer, USA/Israel 2016)

Regie: Joseph Cedar

Drehbuch: Joseph Cedar

mit Richard Gere, Lior Ashkenazi, Michael Sheen, Steve Buscemi, Charlotte Gainsbourg, Dan Stevens, Hank Azaria, Harris Yulin

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Norman“

Metacritic über „Norman“

Rotten Tomatoes über „Norman“

Wikipedia über „Norman“ (deutsch, englisch) (derzeit ist die deutsche Wikipedia-Seite deutlich umfangreicher)

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