Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Edward Norton erkundet Jonathan Lethems „Motherless Brooklyn“ und nimmt sich einige Freiheiten

Dezember 12, 2019

Als vor zwanzig Jahren Jonathan Lethems Noir-Krimi „Motherless Brooklyn“ erschien wurde gleich über eine Verfilmung gesprochen. Denn Lethems geradlinige Kriminalgeschichte voller liebgewonnener Klischees eignet sich vorzüglich dafür. Es dauerte dann doch zwanzig Jahre und der Film hat wenig mit der Vorlage zu tun. Norton verlegte die Geschichte von den späten Neunzigern in die fünfziger Jahre und er erfand einen vollkommen neuen Kriminalfall. Nur der Held und der Grund für seine Ermittlungen blieben gleich.

Wer jetzt aber denkt, dass Jonathan Lethem in Interviews Gift und Galle über die Verfälschung seines literarischen Meisterwerks speit, irrt sich. Er äußerte sich wohlwollend über den Film und er weist darauf hin, dass Buch und Film zwei verschiedene Sachen sind, die eigenen Regeln gehorchen.

Im Roman wird Lionel Essrogs Chef Frank Minna ermordet. Minna zog ihn und einige andere Waisenkinder groß, indem er sie immer wieder für sich arbeiten ließ. Zuletzt als „Privatdetektive“. Dabei waren ihre Aufträge meistens mehr, selten weniger halbseiden. Jetzt sollen sie Minna beschützen, während er sich in einem Apartmentzimmer mit einem Auftraggeber trifft. Das Treffen gerät aus dem Ruder. Minna wird angeschossen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Essrog und seine Kollegen haben keine Ahnung, wer der Täter ist.

Essrog beginnt den Täter zu suchen. Dabei versucht er aus seinen Beobachtungen und Frank Minnas rätselhaften letzten Worten eine Spur zum Täter zu finden.

Im Buch bewegen Essrog und die anderen Minna Men sich durch das heutige Brooklyn wie klassische Hardboiled-Dicks. Nur ist halt nicht mehr 1950 und sie sind alle keine Sam Spades und Philip Marlowes, sondern mäßig begabte Waisenkinder. Sie sind Handlanger, die in eine Geschichte hineinstolpern, die zu groß für ihre geistigen Fähigkeiten ist.

Außerdem leidet Ich-Erzähler Lionel Essrog am Tourette-Syndrom.

Edward Norton, der das Drehbuch schrieb, die Regie führte und die Hauptrolle übernahm, verlegt die Geschichte von der Gegenwart in die das New York der späten fünfziger Jahre und damit in die Zeit des klassischen Noirs. Damit erscheinen die Minna Men und ihr Verhalten nicht mehr anachronistisch.

Gleichzeitig erfand Norton einen Fall, der deutlich von Roman Polanskis „Chinatown“ beeinflusst ist. Nur dass es dieses Mal um einen Bauskandal aus New York geht.

Moses Randolph (Alec Baldwin) ist ein skrupelloser Baumogul und Teilzeitpolitiker, der mit seinem politischen Amt seine Bauprojekte fördert. Dazu gehört die Zerstörung von von armen, hauptsächlich Schwarzen bewohnten Wohnvierteln. Anschließend baut er dort moderne Mietwohnungen, die für Schwarze nicht bezahlbar sind. Oder er baut eine Schnellstraße. Er hat sich die Stadt zur Beute gemacht und verdient mächtig daran.

Baldwins Figur ist am deutlichsten von Robert Moses inspiriert. Der Stadtplaner entwarf das Gesicht des heutigen New Yorks.

Dieser sich tief in die Stadtgeschichte von New York hineingrabende Plot hat mit Lethems Plot nichts zu tun.

Mit gut zweieinhalb Stunden ist der Film deutlich zu lang geraten. Es ist eine Länge, die vor allem die Eitelkeit des Hauptdarstellers befriedigt, der mit seiner Performance überdeutlich auf einen Oscar zielt.

Für die anderen Schauspieler bleiben da nur noch Nebenrollen. Bruce Willis, der Essrogs Mentor Frank Minna spielt, verschwindet aus dem Film genauso schnell wie aus dem Buch. Nach ein paar Minuten Minuten ist er tot. Danach taucht er noch einige Male in Flashbacks und kurzen Traumszenen, in denen er Essrog kluge Ratschläge gibt, auf. Damit reiht sich diese Rolle vom Umfang her mühelos in Bruce Willis‘ Spätwerk ein. Immerhin tritt er dieses Mal in einem besseren Film auf.

Alec Baldwin, Willem Dafoe und Gugu Mbatha-Raw überzeugen in ihren wenigen, aber wichtigen Auftritten. Gerade Baldwins erster Auftritt ist sehr gelungen inszeniert.

Trotzdem ist „Motherless Brooklyn“ vor allem eine zu lang geratene Fleißarbeit. Noir-Motive werden zitiert, die bekannten Plot-Points mit den vertrauten Figuren abgehandelt. Nur der Protagonist, der Möchtegern-Privatdetektiv Lionel Essrog, fällt mit seiner Störung und den damit verbundenen Macken aus dem Rahmen. Norton präsentiert das überzeugend als ein Period-Piece.

So ist „Motherless Brooklyn“ ein Noir, der weniger Interesse am Krimiplot und dem überschaubar kompliziertem Mordkomplott, als am Ausstellen der schauspielerischen Fähigkeiten von Edward Norton hat.

Motherless Brooklyn (Motherless Brooklyn, USA 2019)

Regie: Edward Norton

Drehbuch: Edward Norton

LV: Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn, 1999 (Motherless Brooklyn)

mit Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Willem Dafoe, Bruce Willis, Ethan Suplee, Cherry Jones, Boby Cannavale, Dallas Roberts, Josh Pais, Radu Spinghel, Michael Kenneth Williams, Leslie Mann

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(lesenswert und ganz anders als die Verfilmung)

Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn

(übersetzt von Michael Zöllner)

Tropen Verlag, 2019

376 Seiten

9, 95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Tropen Verlag, 2001

Originalausgabe

Motherless Brooklyn

Doubleday, New York 1999

Neu von Jonathan Lethem

Wenige Tage vor dem Kinostart von „Motherless Brooklyn“ erschien die deutsche Ausgabe von Jonathan Lethems Kurzgeschichtensammlung „Alan, der Glückspilz“. Die neun Geschichte richten sich dabei nicht an den Lethem-Neueinsteiger. Der sollte besser mit einem seiner Romane, wie „Motherless Brooklyn“, beginnen. Die Kurzgeschichten sind Stilübungen, Skizzen, Momentaufnahmen, Ideen und auch Was-zur-Hölle-hat-er-sich-dabei-gedacht?-Texte. Mal mehr, mal weniger absurd, mal mehr, mal weniger in unserer Wirklichkeit spielend.

Jonathan Lethem: Alan, der Glückspilz

(übersetzt von Johann Christoph Maass)

Tropen, 2019

176 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Lucky Alan and other stories

Doubleday, New York 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Motherless Brooklyn“

Metacritic über „Motherless Brooklyn“

Rotten Tomatoes über „Motherless Brooklyn“

Wikipedia über „Motherless Brooklyn“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über den Roman „Motherless Brooklyn“

Book Marks über den Roman „Motherless Brooklyn“

Homepage von Jonathan Lethem

Wikipedia über Jonathan Lethem (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jonathan Lethems „Der wilde Detektiv“ (The feral detective, 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Der „Joker“ will nur…

Oktober 11, 2019

Auf den Filmfestspielen von Venedig erhielt er den Goldenen Löwen. Seitdem werden ihm mehr oder weniger gute Chancen für einen oder mehrere Oscars eingeräumt. Allerdings dauert es bis zur Oscarverleihung noch einige Monate. Außerdem ist der „Joker“ ein Superheldenfilm und die hatten bisher, wie Science-Fiction- und Fantasy-Filme, wenig Glück bei den Oscars.

Bis zu den Nominierungen und Preisverleihungen kann der Verleih sich an den überwiegend positiven Kritiken, den begeisterten Publikumsreaktionen und dem überaus erfreulichem Einspiel – in den USA spielte der Film am Startwochenende über 96 Millionen US-Dollar ein – erfreuen. Außerdem wird über über den Protagonisten, die Gewalt und die Botschaft des Films diskutiert. Denn nichts davon ist wirklich eindeutig und nichts davon wird in dem heute gewöhnlichen Comicfilm-Actionstil präsentiert, in dem alles so unmöglich ist, dass, auch wenn ganze Städte und Galaxien zerstört werden, immer der Entertainment-Aspekt im Vordergrund steht. Wirklich verletzt wird niemand und am Ende gewinnen die Guten.

Spaß hat in „Joker“ niemand.

Das liegt auch daran, dass Todd Phillips in seinem Film nicht von einer weiteren Konfrontation zwischen Batman und dem Superschurken Joker erzählt. Sein Film gehört daher, wenigstens für den Moment, nicht zum DC Extended Universe. So wird das von Warner Bros. Pictures und DC Comics gemeinsam produzierte filmische Universum genannt. Nach einem sehr holprigen Start mit düsteren und ernsten Superheldenfilmen wurde es zuletzt mit „Wonder Woman“, „Aquaman“ und „Shazam!“ besser, unterhaltsamer und vergnüglicher.

Joker“ knüpft nicht an diese Filme und das DCEU an, sondern er ist als Einzelfilm, der in keiner Verbindung zum DCEU steht, konzipiert. Außerdem erzählt er die Entstehungsgeschichte des Jokers. Im Gegensatz zu anderen Superhelden und Superschurken gibt es nicht die allgemein akzeptierte, kanonisierte Ursprungsgeschichte des Jokers. Eigentlich kennt man den Joker in den Comics und Filmen nur als Superschurken mit einem, ähem, problematischen Sozialverhalten, Lust am Chaos und einem verzerrten Clownsgesicht.

Das eröffnet Todd Phillips (die „Hangover“-Filme, „War Dogs“) die Möglichkeit, seine Version von dem Joker und wie der Joker der Joker wurde zu erzählen, ohne sich um all das Drumherum zu kümmern.

Sein Joker heißt Arthur Fleck. Als wir ihn zum ersten Mal in Gotham City in den frühen 1980er Jahren sehen, wedelt er als Clown auf der Straße mit einem Werbeschild herum, das ihm prompt von einer Bande Jugendlicher geklaut wird. Nach einer Verfolgungsjagd stellen sie ihn in einer Nebengasse, schlagen ihn zusammen und zerstören das Schild. Das Schild wird später von Flecks Gehalt abgezogen.

Gotham City ist hier, wie auch in den Comics, ein Synonym für New York City. Es ist die Stadt, in der Martin Scorseses „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ spielen. Beide Filme wurden schon vor der Premiere als Inspirationen für „Joker“ genannt. Vor allem „The King of Comedy“ ist die immer wieder erkennbare Inspiration für „Joker“. Beide Male geht es um einen erfolglosen Künstler, der von seinem Idol wahrgenommen werden will. Bei Scorsese war Jerry Lewis das Idol und Robert De Niro der fanatische Möchtegern-Komiker. Bei Phillips ist Joaquin Phoenix der bis auf die Knochen abgemagerte Möchtegern-Komiker Arthur Fleck und Robert De Niro, in einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle, der bekannte Late-Night-Gastgeber Murray Franklin.

Bis es zur ersten echten Begegnung zwischen Fleck und Franklin kommt, führt Phillips uns in Flecks Psyche. Er ist ein nicht witziger Komiker, ein Clown zum Fürchten, ein von unerklärlichen Lachkrämpfen geplagter Psychopath, der immer noch bei seiner kränkelnden Mutter lebt und der ewige Verlierer, der höchstens in seiner Fantasie das Mädchen bekommt. Es gibt nichts, was ihn irgendwie auf seine spätere Karriere als Superverbrecher Joker vorbereiten könnte. Auch seine ersten verbrecherischen Taten, wie die Ermordung einiger nerviger Yuppies in der U-Bahn, folgen keinem Plan, sondern sind reine Affekthandlungen. Entsprechend ratlos reagiert er am Ende, wenn aus dem Clown Fleck der Joker wird und ganz Gotham City zum Schauplatz einer Straßenschlacht wird, während in einer Gasse neben einem Kino ein künftiger Superheld geboren wird.

Aber wirklich packend ist diese mit Anspielungen und Zitaten reichhaltig gesegnete Origin Story nie. Dafür ist der Film zu sehr überzeugt von seiner eigenen Bedeutung. Die Geschichte, die vor allem eine zwischen Wahn und Wirklichkeit pendelnde Charakterstudie ist, entwickelt sich zu schleppend und zu unentschlossen. So als habe man gleichzeitig provozieren und niemand provozieren wollen.

Und ich habe Arthur Fleck niemals als künftiges Verbrechergenie gesehen. Er ist von der ersten bis zur letzten Minute, auch wenn dann viele Menschen mit einem Clownsgesicht durch die Stadt marodieren, ein Niemand, der in dem Moment zu einer Projektionsfläche wird. Nur ist unklar für was.

Joker (Joker, USA 2019)

Regie: Todd Phillips

Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver

LV: Charakter von Bob Kane, Bill Finger und Jerry Robinson

mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Frances Conroy, Brett Cullen, Shea Whigham, Bill Camp, Glenn Fleshler, Leigh Gill, Josh Pais, Brian Tyree Henry

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche WarnerBrosDC-Facebook-Seite

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Joker“

Metacritic über „Joker“

Rotten Tomatoes über „Joker“

Wikipedia über „Joker“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Todd Phillips‘ „War Dogs“ (War Dogs, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Herren Caine, Freeman und Arkin versuchen einen „Abgang mit Stil“

April 14, 2017

Jahrzehntelang arbeiteten sie gemeinsam in der Fabrik und auch als Rentner sind Joe Harding (Michael Caine), Willie Davis (Morgan Freeman) und Albert ‚Al‘ Garner (Alan Arkin) immer noch beste Freunde. Als ihr ehemaliger Arbeitgeber die Firma umstrukturiert und ihre Rente sich in Luft auflöst, hat Joe eine Idee: sie überfallen ihre Bank. Und weil er kürzlich einen Banküberfall miterlebte, weiß er auch, wie es geht.

Also planen die drei rüstigen Rentner einen Banküberfall, bei dem sie sich das zurückholen wollen, was ihnen gehört. Der Rest kann dann ja gespendet werden.

Abgang mit Stil“ ist eine altmodische Gaunerkomödie, die ruhig bis bedächtig im Lebensrhythmus der Rentner erzählt wird und bei der die Sympathien klar verteilt sind. Das spielfreudige Ensembles, der feine Humor des Films, der sich nie über seine Personen lustig macht und die durchgehend freundlich-humanistische Einstellung lassen einen gnädig über die doch sehr vorhersehbare Geschichte, ihre teils dick aufgetragenen Botschaft und die Ambitionslosigkeit der Macher hinwegsehen. Denn ihre Schmunzelkomödie will nie mehr als ein Vehikel für die Altstars sein.

Die Inspiration für „Abgang mit Stil“ war Martin Brests 1979er Gaunerkomödie „Die Rentner-Gang“ (Going in Style, mit George Burns, Art Carney und Lee Strasberg).

St. Vincent“-Drehbuchautor Theodore Melfi übernahm für die aktuelle Version allerdings nur die Idee, dass einige Rentner eine Bank überfallen. „Garden State“-Regisseur Zach Braff beschränkte sich bei seinem dritten Spielfilm darauf, die Altstars bei ihrem gemeinsamen Abhängen nicht zu stören. Entstanden ist eine Feelgood-Gaunerkomödie für einen entspannten Nachmittag.

Abgang mit Stil (Going in Style, USA 2017)

Regie: Zach Braff

Drehbuch: Theodore Melfi (basierend auf einer Geschichte von Edward Cannon)

mit Michael Caine, Morgan Freeman, Alan Arkin, Christopher Lloyd, Ann-Margaret, Joey King, Matt Dillon, John Ortiz, Josh Pais

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Abgang mit Stil“

Metacritic über „Abgang mit Stil“

Rotten Tomatoes über „Abgang mit Stil“

Wikipedia über „Abgang mit Stil“

Meine Besprechung von Zach Braffs „Wish I was here“ (Wish I was here, USA 2014)

Meine Besprechung von Theodore Melfis „St. Vincent“ (St. Vincent, USA 2014)


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