Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Sieben Minuten nach Mitternacht“ kommt das Monster

Mai 5, 2017

Geschichten sind das Gefährlichste von der Welt. Geschichten jagen, beißen und verfolgen dich.

Geschichten sind wichtig. Sie können wichtiger sein als alles andere. Wenn sie die Wahrheit in sich tragen.

(Das Monster bzw. Patrick Ness)

Der dreizehnjährige Conor O’Malley hat schon mehr Probleme als nötig. Seine von ihm über alles geliebte Mutter Lizzie ist todkrank. Krebs. Sein Vater lebt am anderen Ende der Welt in den USA. Seine Großmutter hasst er. Sie ist ihm viel zu streng. In der Schule ist er der Outsider. Er hat einen immer wiederkehrenden Albtraum.

Und dann wird er neuerdings noch jede Nacht um sieben Minuten nach Mitternacht von einem Monster geweckt.

Bei ihrer ersten Begegnung sagt Conor ihm, dass er keine Angst vor ihm habe. Außerdem ist er alt genug, um zu wissen, dass es keine Monster gibt.

Das Monster, das aussieht wie die vor dem O’Malley-Haus auf dem Hügel stehende Eibe und behauptet von Conor gerufen worden zu sein, nimmt die Herausforderung an. Er wird dem störrischen Conor Angst einjagen. Es will dem Jungen drei Geschichten erzählen und dann soll ihm Conor eine Geschichte erzählen, die die Wahrheit über Conor O’Malley und seine Ängste verrät.

Mit dieser Begegnung beginnt einer der schönsten, vielschichtigsten und überraschendsten „Monsterfilme“ der letzten Zeit.

Schon die erste Geschichte, die das Monster erzählt, widerspricht Conors Erwartungen. Es ist kein Märchen mit einer eindeutigen, von Anfang an offensichtlichen Moral. Es ist eine Geschichte, die Conors Ansicht von Gut und Böse fundamental widerspricht, weil der gute Prinz seine Geliebte ermordet und das Monster die böse Königin rettet.

Conor ist ziemlich verärgert über das Ende dieser Geschichte. Das sagt er dem Monster auch unverblümt.

Aber das Monster hat noch zwei weitere Geschichten, die den respektlosen Conor das Fürchten lehren sollen. Außerdem spiegeln die von ihm erzählten Geschichten Conors aktuelle Situation. Sie sollen ihn zum Nachdenken, zum Überprüfen seiner Ansichten und Meinungen, anregen.

J. A. Bayonas düsterer Fantasy-Film „Sieben Minuten nach Mitternacht“ basiert auf Patrick Ness‘ Jugendbuch, das mit mehreren Preisen, wie dem Deutschen Jugendliteraturpreis, ausgezeichnet und in fast vierzig Sprachen übersetzt wurde. Für den Film schrieb er das Drehbuch und visuell wurde sich, vor allem bei dem Monster, an den SW-Buchillustrationen von Jim Kay orientiert.

Schon in dem Roman wird die Idee, dass fiktionale Geschichten immer mehr oder weniger verfremdete Metaphern für reale Probleme des Erzählers sind, offen angesprochen; wobei Ness diesen Gedanken lässig auf die Metaebene hebt. Ohne dass dadurch die Geschichte zu einer verkopften und unverständlichen Abhandlung gerät. Außerdem unterläuft er immer wieder die Erwartungen des Publikums. Das beginnt schon mit dem Monster, das lieber Geschichten erzählt als handgreiflich Angst und Schrecken zu verbreiten.

Die Geschichten des Monsters und Conors Lebensumstände – die sich rapide verschlechternde Gesundheit seiner Mutter, der aus den USA nur zu einem kurzen Besuch kommende Vater, die verhasste Großmutter, die ihn aufnehmen will – werden von Ness und Bayona zu einer dichten Entwicklungsgeschichte miteinander verflochten, die sie konsequent aus Conors Perspektive erzählen. Bayona gestaltet sie mit etlichen Tricks und animierten Sequenzen visuell so reichhaltig, dass die Romanvorlage wie das Drehbuch zum Film wirkt.

Bayona inszenierte vorher „Das Waisenhaus“ und „The Impossible“. Sein nächster Film ist die Fortsetzung von „Jurassic World“. Sie soll im Juni 2018 in den Kinos starten.

Sieben Minuten nach Mitternacht (A Monster calls, USA/Spanien 2016)

Regie: J. A. Bayona (bzw. Juan Antonio Bayona)

Drehbuch: Patrick Ness

LV: Patrick Ness: A Monster calls, 2011 (Sieben Minuten nach Mitternacht)

mit Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Toby Kebbell, Ben Moor, James Melville, Oliver Steer, Geraldine Chaplin, Liam Neeson (als das Monster, was einerseits eine Hauptrolle, aber andererseits eine Trickfigur ist)

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (zum Filmstart in einer Filmausgabe mit Filmfotos)

Patrick Ness: Sieben Minuten nach Mitternacht

(nach einer Idee von Siobhan Dowd, mit Illustrationen von Jim Kay)

(übersetzt von Bettina Aberbanell)

cbj, 2017

224 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

cbj, 2011

Originalausgabe

A Monster calls

Walker Books Ltd., London, 2011

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Sieben Minuten nach Mitternacht“

Metacritic über „Sieben Minuten nach Mitternacht“

Rotten Tomatoes über „Sieben Minuten nach Mitternacht“

Wikipedia über „Sieben Minuten nach Mitternacht“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Juan Antonio Bayonas „The Impossible“ (Lo imposible, USA/Spanien 2012)

cbj-Seite zum Buch und zur Verfilmung

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Neu im Kino/Filmkritik: Familienzusammenführung nach dem Tsunami in „The Impossible“

Januar 31, 2013

Es ist ein Kreuz mit diesen Filmen, die „auf einer wahren Geschichte“ basieren. Oft werden die wahren Ereignisse genommen und so lange verändert, bis die Ähnlichkeiten zwischen Fakt und Fiktion nur noch zufällig sind. Es geht aber auch, wie der spanische Spielfilm „The Impossible“ zeigt, anders. Drehbuchautor Sergio G. Sanchez und Regisseur Juan Antonio Bayona nahmen ein wahres Schicksal, nämlich die Geschichte der spanischen Familie Belon und erzählten dann eine so universelle Geschichte über eine Familie, die nach dem Tsunami 2004 in Thailand, getrennt wurde und sich wieder fand, dass es vollkommen egal ist, wie genau sich die Filmemacher an die Fakten gehalten haben. Wie der Familie Belon dürfte es damals vielen Familien, die ihren Weihnachtsurlaub im Paradies verbringen wollten, ergangen sein. Vielleicht deshalb haben die Macher der Familie keinen Nachnamen verpasst und die Nationalität der Familie geändert.

Henry (Ewan Mc Gregor), Maria (Naomi Watts – jaja, besonders spanisch sehen sie nicht aus, aber Antonio Banderas, Javier Bardem und Penélope Cruz waren gerade anderweitig beschäftigt) und ihre drei Söhne Lucas (Tom Holland), Simon (Oaklee Pendergast) und Thomas (Samuel Joslin) fliegen nach Thailand. Die englische, in Japan lebende Familie will ihren Weihnachtsurlaub in einem noblen Ferienressort verbringen, als die Flutwelle des Tsunamis alle Urlaubspläne zunichte macht.

Maria und Lucas werden in das Landesinnere gespült. Sie verletzt sich am Bein und hilfsbereite Einheimische bringen sie in ein Lazarett. Dort wartet die Ärztin auf die Operation, die zu einer Amputation ihres Beines führen könnte, während Lucas versucht, sich nützlich zu machen.

Währenddessen sucht Henry mit Simon und Thomas seine Frau und seinen dritten Sohn. Zusammen mit anderen Urlaubern, die ebenfalls ihre Angehörigen suchen, machen sie sich auf den Weg.

Diese Familienzusammenführung wird von Juan Antonio Bayona in zwei großen Blöcken erzählt, die die Trennung der Familie betont. Denn solange wir das Schicksal von Maria und Lucas bis kurz vor der Vereinigung mit ihrem Mann und den beiden anderen Söhnen verfolgen (Okay, das kommt jetzt nicht wirklich überraschend), wissen wir nicht, was mit Henry, Simon und Thomas passiert ist.

Bei dem Melodrama spielt Byjona, dessen erster Spielfilm der erfolgreiche, mit Preisen und Lob überhäufte Horrorfilm „Das Waisenhaus“ war, immer wieder, allerdings eher störend, mit Horrorelementen und dem beliebten, aber hier vollkommen überflüssigen und unpassenden „Die Natur schlägt zurück“-Topos, das auch immer nach einer noch so banalen Erklärung verlangt.

Davon abgesehen liefert er eindrucksvolle Bilder von dem Tsunami, der alles unter sich begrabenden Flutwelle, den anschließenden Zerstörungen, dem Überlebenswillen und der Hilfsbereitschaft der Menschen. Dass dabei die Einheimischen nur als Staffage vorkommen ist der gewählten Geschichte, die den Überlebenswillen, familiäre Bindungen und den Humanismus huldigt, geschuldet.

The Impossible - Plakat

The Impossible (Lo imposible, USA/Spanien 2012)

Regie: Juan Antonio Bayona

Drehbuch: Sergio G. Sanchez (basierend auf der Geschichte von Maria Belon)

mit Naomi Watts, Ewan McGregor, Tom Holland, Samuel Joslin, Oaklee Pendeergast, Sönke Möhring, Geraldine Chaplin

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Impossible“

Metacritic über „The Impossible“

Rotten Tomatoes über „The Impossible“

Wikipedia über „The Impossible“ (deutsch, englisch)

 


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