Neu im Kino/Filmkritik: Noch ein Remake: „Einer nach dem anderen“ heißt jetzt „Hard Powder“

März 1, 2019

Auch im Remake funktioniert die Geschichte: Kyle wird ermordet. Die Polizei geht von einer Überdosis aus. Nels Coxman, der Vater des Toten, Fahrer des örtlichen Schneepflugs und seit kurzem „Bürger des Jahres“, glaubt nicht daran. Sein Sohn habe keine Drogen genommen. Kurz darauf sagt ihm Kyles bester Freund, dass sie in den lokalen Drogenschmuggel involviert waren und auf dem Flughafen einige Kilo Drogen für sich abgezweigt hatten. Sie hatten angenommen, dass der Diebstahl dem örtlichen Mafiaboss nicht auffällt.

Coxman, der sich in dem Moment gerade umbringen wollte, hat jetzt eine Mission. Er wird die Männer, die für Tod seines Sohnes verantwortlich sind, töten. Einen nach dem anderen.

Und das ist auch der Titel, unter dem Hans Peter Molands Film „Kraftidioten“ 2014 in unseren Kinos lief. Stellan Skarsgard spielte den Vater, der bei seinem gnadenlos lakonischen Rachefeldzug einen Gangsterkrieg auslöst. Für das Remake hat Liam Neeson die Hauptrolle übernommen. Aus Nils Dickman wurde Nels Coxman. Dieser Namenswechsel verrät ungefähr den Grad der Unterschiede zwischen Original und Remake.

Hans Peter Moland übernahm wieder die Regie. Etliche seiner damaligen Crewmitglieder, wie Kameramann Philip Øgaard, sind wieder dabei. Das alte Drehbuch von Kim Fupz Aakeson wurde von Frank Baldwin fast unverändert übernommen. Die Geschichte spielt nicht mehr in Südnorwegen, sondern in dem friedlichen Skiresort Kehoe, Colorado. Weitere Änderungen müssen mit der Lupe gesucht werden.

Wie das Original ist das Remake ein schwarzhumoriger, sarkastischer, lakonisch erzählter Gewaltexzess. Alles ist jetzt etwas polierter und, gefühlt, gibt es mehr Leichen. So wird das ikonische Bild von der zur Großstadt führenden Straße öfter und damit leitmotivischer eingesetzt. Es werden wieder viele Leichen im Fluss entsorgt und die Namen der gerade gewaltsam Verstorbenen werden als Texttafel mit weißer Schrift vor einem schwarzen Hintergrund gezeigt. Es ist ein kurzes Innehalten vor dem nächsten Mord. Nach der letzten Schlacht ist die Leinwand dann wegen der vielen dabei verstorbenen Verbrecher mit Namen gefüllt. Der Humor und das Erzähltempo sind, bei allen Erinnerungen an „Fargo“, immer noch sehr untypisch für einen US-Film.

Eine große Änderung fällt einem beim Ansehen kaum auf: im Original verursachte Nils Dickman unbeabsichtigt einen Krieg zwischen norwegischen und serbischen Verbrecherbanden, die das Drogengeschäft untereinander aufgeteilt haben. Im Remake wird der Part der Serben von US-amerikanischen Ureinwohnern übernommen. Das führt zu einigen Spitzen über den respektlosen Umgang mit der indigenen Bevölkerung und ihrem Erbe. Die Geschichte, die gegenseitigen Vorurteile, das Misstrauen und die Dynamik des Gangsterkrieges verändern sich dadurch nicht.

Dieser auf mehreren Ebenen, wie in einem alten Stan-Laurel-und-Oliver Hardy-Sketch, eskalierende Krieg zwischen Coxman und den Verbrechern und den Verbrechern untereinander ist natürlich ein großer Spaß für die Freunde des schwarzen Humors.

Allerdings hat man genau diesen Film schon einmal gesehen. Nicht unbedingt besser, aber in keinem Fall schlechter.

Hard Powder (Cold Pursuit, Großbritannien 2019)

Regie: Hans Petter Moland

Drehbuch: Frank Baldwin (nach dem Drehbuch „Kraftidioten“ von Kim Fupz Aakeson)

mit Liam Neeson, Tom Bateman, Tom Jackson, Emmy Rossum, Laura Dern, John Doman, Domenick Lombardozzi, Julia Jones, Gus Halper, Micheál Richardson

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Hard Powder“

Metacritic über „Hard Powder“

Rotten Tomatoes über „Hard Powder“

Wikipedia über „Hard Powder“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Hans Petter Mollands Jussi Adler-Olsen-Verfilmung „Erlösung“ (Flaskepost fra P, Dänemark/Deutschland/Schweden/Norwegen 2016)


Neu im Kino/Filmkritik:Taylor Sheridans grandioser Schnee-Western „Wind River“

Februar 8, 2018

Statistiken über vermisste Menschen gibt es für jede andere Demographie, nur nicht für die Frauen der amerikanischen Ureinwohner. Keiner weiß, wie viele von ihnen wirklich vermisst werden“, verrät am Ende von „Wind River“ eine Texttafel. In seinem Spielfilmdebüt erzählt Taylor Sheridan die Geschichte einer dieser Frauen. Es ist keine wahre Geschichte, aber eine Geschichte, wie sie passieren könnte. Jedenfalls in Bezug auf das Mordmotiv.

Am Anfang des Thrillers läuft die achtzehnjährige Arapaho-Indianerin Natalie Hanson panisch und barfuss durch den eiskalten Schnee des Indianer-Reservats Wind River. Das mit Wasserflächen 9.147,864 km² große Reservat, in dem ungefähr 26.000 Menschen leben, liegt im menschenleeren US-Bundesstaat Wyoming.

Cory Lambert (Jeremy Renner), ein Fährtenleser, Jäger und Fallensteller für den U. S. Fish & Wildlife Service, entdeckt, als er einen Puma jagt, mitten im Nirgendwo ihre Leiche. Die nächsten Ansiedlungen sind, egal in welche Richtung sie gelaufen wäre, mehrere Kilometer entfernt. Und sie muss große Angst gehabt haben. Denn sonst wäre sie niemals barfuß bei eisiger Kälte losgelaufen und so weit gelaufen bevor die menschenfeindliche Natur sie tötete.

Das FBI schickt die junge FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen). Sie soll den örtlichen Behörden helfen, braucht selbst aber Hilfe, um in der Gegend zu überleben. Sie bittet Lambert ihr bei den Ermittlungen zu helfen. Der Fährtensucher ist einverstanden. Auch weil er immer noch mit dem Tod seiner Tochter hadert. Sie starb vor drei Jahren unter ähnlichen Umständen. Und Natalie Hanson war ihre beste Freundin.

Lambert, Banner und Ben (Graham Greene), der Chef der aus sechs Beamten bestehenden Reservatspolizei, beginnen die Menschen zu suchen, die für Hansons Tod verantwortlich sind.

Autor und Regisseur Taylor Sheridan beendete vor einigen Jahren seine höchstens solala verlaufende Schauspielerkarriere (daran ändern auch wiederkehrende Rollen in „Veronica Mars“ und „Sons of Anarchy“ nichts) zugunsten einer Karriere als Autor, der über die Dinge schreibt, die er kennt und die ihn interessieren. Gleich mit seinen Drehbüchern „Sicario“ und „Hell or High Water“ wurde er von Kritikern, Publikum und Krimifans euphorisch gefeiert. Es sind Genregeschichten, die das Genre respektieren, eine Botschaft haben, eine unbekannte Welt in ihrer Komplexität zeigen und der Frontier-Bevölkerung eine Stimme verleihen. Auch „Wind River“, das nach seiner Prämisse ein konventioneller Rätselkrimi mit etwas Ethno-Sauce hätte werden können, verlässt schnell diese Pfade. Sheridan benutzt diese Rätselkrimi-Struktur nur als Aufhänger für eine sehr präzise, genaue und feinfühlige Studie über die in dem Indianer-Reservat lebenden Menschen, ihr Leben, ihre Beziehungen und wie sie mit dem Verlust geliebter Menschen umgehen. Garniert wird diese Sozialstudie mit einigen wenigen, aber sehr knackigen Action-Szenen und vielen traumhaften Bilder der schneebedeckten Landschaft; von „Beast of the Southern Wild“-Kameramann Ben Richardson. Neben den Profi-Schauspielern setzte Sheridan auch Laien ein, die bei ihrem Spiel aus ihrem eigenen Leben schöpften und einige seiner Freunde, denen er über die Jahre gut zuhörte, leben in den Reservaten. Das alles trägt zur Authenzität des Gezeigten bei. Dieser präzise, quasi-dokumentarische Blick erstreckt sich auch auf die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander. Sie kennen sich seit Ewigkeiten. Entsprechend wenig müssen sie über ihre gemeinsame Vergangenheit reden. Sheridan zeigt diese gemeinsame Vergangenheit in der Art, wie sie miteinander umgehen, was sie sagen und nicht sagen, wie sie sich verhalten. Zum Beispiel bei der ersten Begegnung von Lambert mit seiner Frau oder wenn sie Natalie Hansons Eltern die Todesnachricht überbringen. Der Film ist voll solcher kleiner, berührender Szenen. Oft zeigt Sheridan sie auch beim Verrichten alltäglicher Tätigkeiten. Und, obwohl das selbstverständlich sein sollte, sehen ihre Wohnungen so aus, als ob sie wirklich in ihnen leben würden.

Der in der Gegenwart spielende Schneewestern lief letztes Jahr in Cannes und erhielt den Regiepreis in der Sektion „Un Certain Regard“. Er erhielt auch, neben anderen Preisen und Nominierungen, bei überschaubarer Konkurrenz, beim American Indian Film Festival den Preis als bester Film. Dieser Preis dürte Sheridan am Meisten gefreut haben. Und dass „Wind River“ 2017 in den USA der Independent-Film mit dem sechsthöchsten Umsatz war.

Nick Cave und Warren Ellis schrieben die Filmmusik.

 

Als ich mit der Arbeit an ‚Wind River‘ begann, meinem ersten Film als Regisseur, betrachtete ich ihn als Abschluss einer thematischen Trilogie, die sich mit der modernen amerikanischen Frontier, dem Grenzgebiet, auseinandersetzt. Sie beginnt mit der Epidemie der Gewalt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko in ‚Sicario‘ (2015), dann richtet sich der Fokus auf die massive Schere zwischen Reichtum und Armut in West Texas in ‚Hell or High Water‘ (2016). Das letzte Kapitel ist nun ‚Wind River‘ – die Katharsis.

‚Wind River‘ blickt auf das wohl greifbarste Überbleibsel der amerikanischen Frontier – und zugleich Amerikas größtes Versagen: die Indianerreservate. Auf der persönlichsten Ebene ist es eine Studie darüber, wie ein Mann nach einer Tragödie weitermacht, ohne sie jemals verarbeitet zu haben, ohne einen Abschluss gefunden zu haben. Auf der allgemeinsten Ebene ist es eine Studie, was man damit angerichtet hat, Menschen zu zwingen, auf Land zu leben, wo niemals Menschen leben sollten.“

Taylor Sheridan über „Wind River“

Wind River (Wind River, USA 2017)

Regie: Taylor Sheridan

Drehbuch: Taylor Sheridan

mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Graham Greene, Gil Birmingham, Julia Jones, Teo Briones, Martin Sensmeier, Hugh Dillon, James Jordan

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wind River“

Metacritic über „Wind River“

Rotten Tomatoes über „Wind River“

Wikipedia über „Wind River“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Taylor Sheridan über den Film

DP/30 unterhält sich mit Jeremy Renner über den Film

D?/30 unterhält sich mit Elizabeth Olsen über den Film


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