Neu im Kino/Filmkritik: „Ghost in the Shell“ – viel Stil, wenig Substanz

März 30, 2017

Am Anfang war die Aufregung der Fans über White-Washing: Scarlett Johansson spielt eine Japanerin. Naja, eigentlich eine Japanerin, deren Gehirn in einen Roboterkörper implantiert wird. Und Roboter haben eigentlich keine Nationalität. Vor allem Roboter mit implantierten falschen Erinnerungen.

Außerdem sieht Scarlett Johansson in „Ghost in the Shell“ wirklich sehr japanisch aus und Mamoru Oshii, Regisseur des „Ghost in the Shell“-Animationsfilm ist ebenfalls begeistert: „Scarlett Johansson hat meine Erwartungen an die Rolle der Major bei Weitem übertroffen. (…) Sie ist meiner ursprünglichen Vorstellung dieser Figur so nahe gekommen. Diese Rolle war für sie, und niemand sonst hätte sie spielen können.“

Johansson spielt den ‚Roboter‘ Major überzeugend als emotionslose, leicht staksende Maschine, die sich langsam an ihre Vergangenheit (oder Zukunft oder andere implantierte Erinnerungen oder Fehler in der falsch formatierten Festplatte) erinnert und herausbekommen will, was sie bedeuteten. Dabei wird sie in ein politisches Komplott verwickelt, das auch die weniger pfiffigen Zuschauer nach einigen Sekunden von der ersten bis zur letzten Filmminute durchschauen. Auch wenn sie sich gerade nicht an „Robocop“ erinnern.

Denn Major wurde von Dr. Ouelet (Juliette Binoche) für die Hanka Corporation entwickelt. Auf einige wichtige Manager dieser Firma wurde jetzt ein Anschlag verübt. Verantwortlich dafür soll der brillante Hacker Kuze (Michael Pitt) sein, der auf einen Rachefeldzug gegen die Firma ist und der sich an einem unbekannten Ort in der Mega-Metropole versteckt. Major und ihre Kollegen von Anti-Terror-Einheit „Sektion 9“ sollen ihn finden.

Die Story könnte, wie in zahlreichen anderen Science-Fiction-Filmen, der erzählerische Faden sein, an dem entlang eine zum Nachdenken anregende Vision der Zukunft entworfen wird, die aktuelle Entwicklungen in die Zukunft projiziert und die auch und vor allem ein Kommentar zur Gegenwart ist.

Aber die neue Verfilmung von „Ghost in the Shell“ gehört zu den Science-Fiction-Filmen, die konsequent Stil über Substanz stellen.

Ghost in the Shell“ ist ein freies Remake des Kult-Animes von Mamoru Oshii, der auf Masamune Shirows gleichnamigen Manga von 1989 basiert und bei uns nach dem VHS-Start 1996 kurz darauf auch eine Kinoauswertung erlebte. Weitere Filme, zwei Fernsehserien und drei Videospiele folgten.

Vor zwanzig Jahren war die Cyberpunk-Welt von „Ghost in the Shell“ noch neu; auch weil er einer der wenigen Filme war, der die Ideen von Cyberpunk-Autoren wie William Gibson und Bruce Sterling auf die Kinoleinwand übertrug. Als Trickfilm hatte er keine Probleme mit den erforderlichen Spezialeffekten. Jetzt, dank CGI, sind auch die unmöglichsten Spezialeffekte kein Problem mehr und so basiert die Welt von „Ghost in Shell“ auf „Blade Runner“, „Matrix“ und „Das fünfte Element“, ohne letztendlich viel Sinn zu ergeben, wenn Major zwischen der Matrix und der realen Welt hin und her springt, Visionen hat und fantastische Technologien benutzt. Die reale Welt sieht wie eine riesige „Das fünfte Element“-Bilderwelt aus, in die man noch einige riesige, eher bewegungslos herumhängende Hologramme einfügte. Das sieht schick aus.

Auch wenn Scarlett Johansson reichlich nackt (Frage: Warum muss ein Roboter wie ein Playmate aussehen?) durch diese Cyperpunk-Welt schwebt, springt und kämpft, kann das Auge sich nicht beklagen, während das Gehirn wegen ständiger Unterforderung in jeder Beziehung in einen Dämmerschlaf versinkt.

Denn die Filmgeschichte hat niemals eine gesellschaftspolitische Relevanz als Utopie. Die große Zeit des Cyberpunk ist vorbei. Sie war in den Achtzigern und Neunzigern, als es eine pessimistische Weltsicht und Angst vor den Möglichkeiten von Computern gab. Cyberpunk-Autoren schrieben über weltweite Vernetzungen von Daten, das Internet, Smartphones, kybernetische Erweiterungen unserer Körper und kybernetische Ersetzungen von Körperteilen als es diese Dinge noch nicht gab.

Regisseur Rupert Sanders überträgt jetzt diese Welt in die Gegenwart, ohne – und das hätte er tun müssen, damit „Ghost in the Shell“ relevant wird – ihr als Utopie irgendetwas hinzuzufügen oder sie irgendwie zu aktualisieren. Er entwirft auch kein wirkliches Bild der Zukunft, weder als Utopie, noch als Dystopie oder als irgendwie geartete Gesellschaftskritik. „Ghost in the Shell“ hat, um nur einige der bekannten Cyberpunk-Topoi zu nennen, keine Position zum Kapitalismus, zur Kontrollgesellschaft oder zur Technik-Diktatur. Und das ist, wenn wir an unseren alltäglichen Umgang mit Computern und Überwachungstechnologien denken, dann zu wenig.

Sanders ignoriert in seinem Film die Gesellschaftskritik, die düstere Weltsicht und die philosophischen Fragen des Cyberpunks durchgehend zugunsten der bunt glitzernden Oberfläche.

So toll diese Bilder sind – hier scheint sich ein IMAX-Besuch zu lohnen -, so sehr wirkt „Ghost in the Shell“ wie der Besuch in einem SF-Museum mit Scarlett Johansson, die hier auf der visuellen Ebene ihre Rollen als ‚Black Widow‘ Natasha Romanoff aus den Avengers-Filmen (inclusive einer Fahrt auf dem Motorrad) und Luc „Das fünfte Element“ Bessons „Lucy“ wiederholt.

Ghost in the Shell (Ghost in the Shell, USA/Großbritannien 2017)

Regie: Rupert Sanders

Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler, Ehren Kruger

LV: Masamune Shirow: Ghost in the Shell, 1989

mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Chin Han, Danusia Samal, Lasarus Ratuere, Yutaka Izumihara, Tawanda Manyimo

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ghost in the Shell“

Metacritic über „Ghost in the Shell“

Rotten Tomatoes über „Ghost in the Shell“

Wikipedia über „Ghost in the Shell“ (deutsch, englisch)

Meine Beprechung von Rupert Sanders‘ „Snow White and the Huntsman (Snow White and the Huntsman, USA 2012)

Und noch einige Plakate

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TV-Tipp für den 21. Dezember: Die Wolken von Sils Maria

Dezember 21, 2016

Arte, 20.15

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas

Eine alternde Schauspielerin probt eine Rolle in einem Stück ein, mit dem sie vor Jahren ihren Durchbruch hatte und Olivier Assayas nutzt diesen Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfasernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Nach der TV-Premiere von „Die Wolken von Sils Maria“ zeigt Arte, um 22.15 Uhr, „Irma Vep“; ein weiterer Film von Assayas, in dem er, äußerst kurzweilig, von den Problemen bei den Dreharbeiten für ein Remake des Stimmfilms „Die Vampire“ mit Maggie Cheung in der Hauptrolle erzählt.

mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann

Wiederholungen

Donnerstag, 29. Dezember, 23.10 Uhr

Samstag, 7. Januar, 00.55 Uhr (VPS 01.20)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Wolken von Sils Maria“
Moviepilot über „Die Wolken von Sils Maria“
Metacritic über „Die Wolken von Sils Maria“
Rotten Tomatoes über „Die Wolken von Sils Maria“
Allociné über „Die Wolken von Sils Maria“
Wikipedia über „Die Wolken von Sils Maria“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: „69 Tage Hoffnung“ für die Bergleute und ihre Familien

Februar 13, 2016

Das Schlussbild beschreibt eigentlich ziemlich genau das Problem von „69 Tage Hoffnung“. Wir sehen, in Schwarzweiß, die 33 echten Minenarbeiter, die 2010 die titelgebenden 69 Tage in der San José Mine in der Nähe von Copiapó in Chile in einer eingestürzten Mine eingeschlossen waren, einträchtig nebeneinander am Strand. Es ist ein harmonisches Familienbild. Und der Film davor setzte ihnen ein Denkmal, das in jedem Fall dazu führt, dass sie nicht vergessen werden und das vielleicht dazu führt, dass sie entschädigt werden. Denn bislang erhielten sie von ihrem Arbeitgeber, der Minengesellschaft Compañía Minera San Esteban Primera, kein Geld. Dabei führte deren Missachtung von Warnungen und Sicherheitsbestimmungen zu dem Grubenunglück am 5. August 2010.
Nach dem Unglück entwickelt sich in Patricia Riggens Film, wie in der Realität, die Geschichte in mehreren Erzählsträngen zwischen den 700 Meter unter der Erde eingeschlossenen 33 Minenarbeitern, ihren Familien, die vor den Toren der Mine in der Zeltstadt Camp Esperanza (Hoffnung) ausharren, den Rettern, die zunächst versuchen herauszufinden, ob überhaupt jemand gegen alle Wahrscheinlichkeit das Unglück überlebte, und der Politik, die sich, durch den Druck der Familien und Medien, dazu bereit erklärt, die Rettungsmaßnahmen tatkräftig zu unterstützen.
Diese Situation hat schon auf den ersten Blick viel dramatisches Potential. Aber dann, und wahrscheinlich kann man „69 Tage Hoffnung“ am besten darüber beschreiben, was er nicht ist, umschiffen die Macher diese Konflikte, weil die Rettungsmaßnahmen nach anfänglichen Problemen gut laufen. Aus der ganzen Welt kommen Bohrexperten, das Geld für die Rettungsmaßnahmen fließt und, nachdem es einen Kontakt zu den Bergarbeitern gibt (die vorher, weil die Bergwerksgesellschaft auch an der Notverpflegung sparte, fast verhungert wären), entwickelt sich der Aufenthalt unter der Erde, was auch an der Organisation der Arbeiter lag, zu einem erstaunlich konfliktfreien Club Med. Gerade das dürfte, wie wir aus jedem Urlaub wissen, nicht der Realität entsprechen, aber die Bergarbeiter und ihre Familien berieten die Filmemacher und natürlich lässt man hier – was für beide Seiten gilt – einiges weg.
Insofern ist „69 Tage Hoffnung“ kein Survival-Drama à la „The Revenant“ oder „Everest“. Es ist auch kein Polit-Thriller, der die Umtriebe der Bergwerksgesellschaft kritisiert. Sie gefährdet für ihren Profit das Leben der Bergarbeiter. Es ist auch keine Darstellung des komplexen Verhältnisses zwischen Staat und Kapital in einem südamerikanischen Staat. Es ist auch keine Medienkritik; das erledigte Billy Wilder schon 1951 mit „Reporter des Satans“ (Ace in the Hole). Außerdem sind in „69 Tage Hoffnung“ die Journalisten viel zu sehr Staffage, die vor allem dazu dient, ab und an, schnell einige für das Verständnis nötige Informationen zu transportieren. So ist Riggens Film eine gut gefilmte, gut gespielte, etwas zu sehr in Richtung glattes Hollywood-Kino gehende Erinnerungspostkarte der Eingeschlossenen und ihrer Familien. Und, als wichtige Nebenfiguren, ihrer Retter.
Aus kommerziellen Gesichtspunkten ist das verständlich. Mit 26 Millionen Dollar Kosten ist es für einen südamerikanischen Film eine große Produktion, die auf den Weltmarkt schielt und mit einer internationalen Besetzung aufwartet. Auch wenn diese Entscheidung „69 Tage Hoffnung“ einiges von seinem dramatischen Potential raubt, das er mit einer Zuspitzung gehabt hätte. Eine Zuspitzung, die in punkto Einspielergebnis ein Risiko gewesen wäre und auch, wie wir es von anderen auf wahren Ereignissen basierenden Filmen kennen, für Diskussionen gesorgt hätte, ob die Geschichte wirklich richtig interpretiert wird.
Gedreht wurde vor Ort und das ist ein eindeutiger Pluspunkt des Films. Die Minenaufnahmen entstanden in Kolumbien in den Minen von Nemocón und Zipaquira; die anderen Aufnahmen entstanden wenige Kilometer vom Unglücksort in Chile in der Atacama Wüste und dieser Realismus trägt natürlich, zwischen all den CGI-Katastrophenfilmen (wie „San Andreas“), zur angenehm altmodischen Qualität des Films bei. Man hofft, auch wenn man sich noch an den Ausgang der Geschichte erinnert, dass die Bergarbeiter überleben. Am 13. Oktober 2010 erblickten sie wieder das Tageslicht. Vor laufenden Kameras, die ihre Bilder in die ganze Welt sendeten.
So ist das betont unkontroverse und traditionell inszenierte Drama, das den zutreffenden deutschen Titel „69 Tage Hoffnung“ hat, nicht so beeindruckend, wie es hätte sein könnte. Es ist halt näher an einer Stadtchronik als an einer Reportage.

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69 Tage Hoffnung (The 33, USA/Chile 2015)
Regie: Patricia Riggen
Drehbuch: Mikko Alanne, Craig Borten, Michael Thomas (nach einer Geschichte von Jose Rivera)
LV: Hector Tobar: The 33: Deep Down Dark – The untold Stories of 33 Men buried in a Chilean Mine, and the Miracle that set them free, 2014
mit Antonio Banderas, Rodrigo Santoro, Juliette Binoche, Gabriel Byrne, James Brolin, Lou Diamond Phillips, Mario Casas, Jacob Vargas, Juan Pablo Raba, Oscar Nuñez
Länge: 127 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „69 Tage Hoffnung“
Metacritic über „69 Tage Hoffnung“
Rotten Tomatoes über „69 Tage Hoffnung“
Wikipedia über „69 Tage Hoffnung“ (deutsch, englisch) und das Unglück (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Wunderschön, „Die Wolken von Sils Maria“

August 31, 2015

Zum Kinostart kurz vor Weihnachten schrieb ich schamlos begeistert über Olivier Assayas‘ neuen Film „Die Wolken von Sils Maria“:

Der Film erzählt von einer Schauspielerin, die eine Theaterrolle annimmt, die Rolle einstudiert und schließlich die Premiere feiert.
Das klingt jetzt nicht furchtbar spannend, aber „Die Wolken von Sils Maria“ ist von Olivier Assayas inszeniert, der zuletzt mit „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ überzeugte, und mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen und Chloë Grace Moretz in einer wichtigen Nebenrolle ist der Film auch namhaft besetzt. Und Assayas nutzt den Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film zwar anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfassernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.
Im Mittelpunkt stehen die Textproben der von Juliette Binoche gespielten Maria Enders. Sie hatte vor zwanzig Jahren, im Theater, ihren Durchbruch als verführerische junge Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in Gefühlswirren stürzt und in den Selbstmord treibt.
Wilhelm Melchior, der Autor des Stückes, wurde während der Proben und danach in jeder Hinsicht ihr Mentor.
Kurz vor einer Ehrung für sein Lebenswerk, bei der sie eine Rede halten sollte, erfährt sie, dass er gestorben ist. Gleichzeitig wird ihr die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des Stückes angeboten. Der junge, von der Kritik abgefeierte Regisseur will sie unbedingt haben. Aber jetzt soll sie nicht Sigrid, mit der sie sich identifizierte, sondern Helena, ihre Antagonistin, die Böse, spielen.
Zögernd nimmt sie die Rolle an, quartiert sich in der Berghütte von Melchior in Sils Maria ein und beginnt mit ihrer persönlichen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) die Rolle zu proben. Dabei übernimmt Valentine die Rolle der Jüngeren – und bei den Proben ist oft nicht erkennbar, wann der Text des Stückes übergeht in persönliche Bekenntnisse und wann persönliche Bekenntnisse von dem Stück überlagert werden.
Später lernt Enders auch Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) kennen, die Sigrid spielen soll. Sie ist ein junger Hollywoodstar, die mit einer Rolle in einem Superheldenfilm berühmt wurde, jetzt souverän mit ihren Skandalen auf der Klaviatur der Facebook- und Twitter-Öffentlichkeit spielt und mit einer prestigeträchtigen Theaterrolle den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen würde.
Dieses Spiel zwischen Rolle und Schauspielerpersönlichkeit gewinnt durch die Besetzung natürlich zusätzliche Facetten und wird dadurch ein schönes Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Selbsterkenntnissen, Einblicken in die Welt der Schauspielerinnen und schönen Lügen, die wahrer als das wahre Leben sind. Immerhin trifft hier ein europäischer Altstar auf zwei Hollywood-Jungstars, die auch in Superheldenfilmen mitspielen – und wenn es keine Theaterrolle gibt, ist natürlich eine Rolle in einem europäischen Kunstfilm auch nicht zu verachten.
Ein Punkt störte mich allerdings bei „Die Wolken von Sils Maria“. Olivier Assayas verjüngte Juliette Binoche um mindestens zehn Jahre. Denn als sie, im Film, vor zwanzig Jahren ihren Durchbruch hatte, war sie eine Achtzehnjährige; was sie im Film zu einer knapp Vierzigjährigen machen würde, während ich mich immer wieder fragte, warum sie keine Fünfzigjährige spielen darf. Das hätte ihren inneren Konflikt noch glaubwürdiger gemacht.
Das ändert aber nichts daran, dass „Die Wolken von Sils Maria“ die europäische Version des ebenfalls grandiosen „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der am 29. Januar bei uns anläuft, ist. Man sollte sich unbedingt beide Filme ansehen. Vielleicht sogar hintereinander und dann vergleichen.

Seitdem hat „Birdman“ den Oscar als bester Film bekommen und Kristin Stewart trat neben Julianne Moore (die für ihre Rolle den Oscar erhielt) in dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ auf.
Stewart und Juliette Binoche erhielten für ihr Spiel in „Die Wolken von Sils Maria“ jeweils einen César. Ein dritter César ging an Oliver Assayas‘ Drehbuch.
Stewart soll auch in Assayas‘ nächstem Film „Personal Chopper“ auftreten, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll.
Das Bonusmaterial besteht nur aus einem zwölfminütigem Interview mit Olivier Assayas, das aber gewohnt informativ ausgefallen ist.

Die Wolken von Sils Maria - DVD-Cover

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann

DVD
NFP marketing & distribution/EuroVideo
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Originalfassung (Englisch mit Passagen in Deutsch und Französisch)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit Olivier Assayas, Trailer, Hörfilmfassung
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Wolken von Sils Maria“
Moviepilot über „Die Wolken von Sils Maria“
Metacritic über „Die Wolken von Sils Maria“
Rotten Tomatoes über „Die Wolken von Sils Maria“
Allociné über „Die Wolken von Sils Maria“
Wikipedia über „Die Wolken von Sils Maria“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen)


Neu im Kino/Filmkritik: Taffe Frauen: Juliette Binoche und Kristen Stewart suchen „Die Wolken von Sils Maria“

Dezember 18, 2014

Der Film erzählt von einer Schauspielerin, die eine Theaterrolle annimmt, die Rolle einstudiert und schließlich die Premiere feiert.
Das klingt jetzt nicht furchtbar spannend, aber „Die Wolken von Sils Maria“ ist von Olivier Assayas inszeniert, der zuletzt mit „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ überzeugte, und mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen und Chloë Grace Moretz in einer wichtigen Nebenrolle ist der Film auch namhaft besetzt. Und Assayas nutzt den Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film zwar anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfassernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.
Im Mittelpunkt stehen die Textproben der von Juliette Binoche gespielten Maria Enders. Sie hatte vor zwanzig Jahren, im Theater, ihren Durchbruch als verführerische junge Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in Gefühlswirren stürzt und in den Selbstmord treibt.
Wilhelm Melchior, der Autor des Stückes, wurde während der Proben und danach in jeder Hinsicht ihr Mentor.
Kurz vor einer Ehrung für sein Lebenswerk, bei der sie eine Rede halten sollte, erfährt sie, dass er gestorben ist. Gleichzeitig wird ihr die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des Stückes angeboten. Der junge, von der Kritik abgefeierte Regisseur will sie unbedingt haben. Aber jetzt soll sie nicht Sigrid, mit der sie sich identifizierte, sondern Helena, ihre Antagonistin, die Böse, spielen.
Zögernd nimmt sie die Rolle an, quartiert sich in der Berghütte von Melchior in Sils Maria ein und beginnt mit ihrer persönlichen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) die Rolle zu proben. Dabei übernimmt Valentine die Rolle der Jüngeren – und bei den Proben ist oft nicht erkennbar, wann der Text des Stückes übergeht in persönliche Bekenntnisse und wann persönliche Bekenntnisse von dem Stück überlagert werden.
Später lernt Enders auch Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) kennen, die Sigrid spielen soll. Sie ist ein junger Hollywoodstar, die mit einer Rolle in einem Superheldenfilm berühmt wurde, jetzt souverän mit ihren Skandalen auf der Klaviatur der Facebook- und Twitter-Öffentlichkeit spielt und mit einer prestigeträchtigen Theaterrolle den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen würde.
Dieses Spiel zwischen Rolle und Schauspielerpersönlichkeit gewinnt durch die Besetzung natürlich zusätzliche Facetten und wird dadurch ein schönes Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Selbsterkenntnissen, Einblicken in die Welt der Schauspielerinnen und schönen Lügen, die wahrer als das wahre Leben sind. Immerhin trifft hier ein europäischer Altstar auf zwei Hollywood-Jungstars, die auch in Superheldenfilmen mitspielen – und wenn es keine Theaterrolle gibt, ist natürlich eine Rolle in einem europäischen Kunstfilm auch nicht zu verachten.
Ein Punkt störte mich allerdings bei „Die Wolken von Sils Maria“. Olivier Assayas verjüngte Juliette Binoche um mindestens zehn Jahre. Denn als sie, im Film, vor zwanzig Jahren ihren Durchbruch hatte, war sie eine Achtzehnjährige; was sie im Film zu einer knapp Vierzigjährigen machen würde, während ich mich immer wieder fragte, warum sie keine Fünfzigjährige spielen darf. Das hätte ihren inneren Konflikt noch glaubwürdiger gemacht.
Das ändert aber nichts daran, dass „Die Wolken von Sils Maria“ die europäische Version des ebenfalls grandiosen „Birdman (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der am 29. Januar bei uns anläuft, ist. Man sollte sich unbedingt beide Filme ansehen. Vielleicht sogar hintereinander und dann vergleichen.

Die Wolken von Sils Maria - Plakat

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann
Länge: 124 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Wolken von Sils Maria“
Moviepilot über „Die Wolken von Sils Maria“
Metacritic über „Die Wolken von Sils Maria“
Rotten Tomatoes über „Die Wolken von Sils Maria“
Allociné über „Die Wolken von Sils Maria“
Wikipedia über „Die Wolken von Sils Maria“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Die Pressekonferenz in Cannes

(französisch)

(englisch)

Und beim NYFF52

 


TV-Tipp für den 8. September: Die Nacht ist jung

September 8, 2014

Arte, 22.15

Die Nacht ist jung (Frankreich 1986, Regie: Leos Carax)

Drehbuch: Leos Carax

Paris im Zeichen des Halleyschen Kometen: ein Virus tötet alle, die ohne Liebe Sex haben. Ein verliebter, aber auch infizierter Bauchredner will aus einem Hochhaus das Impfserum stehlen.

Ziemlich unbekanntes, selten gezeigtes und bei uns nicht auf DVD (es gibt eine französische DVD) erhältliches Frühwerk von Leos Carax, der danach „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (läuft um 20.15 Uhr), „Pola X“ und „Holy Motors“ inszenierte.

eine brillante Stilübung zu den Archetypen und Mythen des französischen und amerikanischen film noir. (…) Ein spröder, glechzeitig aber gefühl- und humorvoller Film, der Godard soviel wie den Klassikern des Genres verdankt.“ (Fischer Film Almanach 1989)

mit Michel Piccoli, Juliette Binoche, Denis Lavant, Hans Meyer, Julie Delphy, Serge Reggiani

Hinweise

Arte über Leos Carax

Rotten Tomatoes über „Die Nacht ist jung“

Wikipedia über „Die Nacht ist jung“ (englisch, französisch) und Leos Carax


Neu im Kino/Filmkritik: „Words and Pictures“ dreht sich um Worte und Bilder

Mai 22, 2014

Als Jack Marcus (Clive Owen) und Dina Delsanto (Juliette Binoche) sich im Lehrerzimmer das erste Mal begegnen, ist klar, dass sie ein Liebespaar werden. Denn so abweisend wie die neue Kunstlehrerin auf den arroganten Englischlehrer reagiert, der sie mit seinem kindischen Wortsuchspiel herausfordert, kann es nur in die Gefilde einer Screwball-Comedy gehen, in der die Beiden sich gegenseitig verbal züchtigen.
Jack und Dina haben ihre beste Zeit hinter sich. Jack war einmal eine große Literaturhoffnung. Inzwischen ist ein Trinker mit einem kaputten Familienleben. Sein Sohn bemüht sich erfolgreich, möglichst wenig Zeit mit seinem Vater zu verbringen. Dina ist noch eine erfolgreiche und gefeierte Malerin. Allerdings hat sie die Stelle in der ländlich gelegenen Schule in Maine angenommen, weil sie Arthritis hat. Ihre derzeitige Ausstellung wird die letzte mit echten Delsanto-Bildern sein. Nur ihre engsten Freundinnen wissen von ihrer Kranheit.
Als Jack erfährt, dass sie in ihrem Unterricht behauptete, die Malerei sei die höherwertige Kunst, behauptet er das Gegenteil und schnell bricht ein wahrer Zickenkrieg zwischen den beiden aus, in den sie auch ihrer Schüler einspannen. Denn die sollen in einem Wettbewerb begründen, ob die Malerei oder die Schriftstellerei die höherwertige Kunst sei.
„Words and Pictures“ ist eine romantische Komödie, die von den beiden Hauptdarstellern und ihren spitzen Dialogen lebt. Außerdem ist ein Film, der hemmungslos zwei der schönen Künste feiert und die beiden Hauptdarsteller fast endlos über die Malerei und die Schriftstellerei und die Bedeutung der Kunst für unser Leben räsonieren lässt, grundsympathisch. Während Juliette Binoche ihre Bilder für den Film selbst malte, bedient Clive Owen sich bei den großen Autoren der letzten Jahrhunderte, die er ausgiebig und frei vor seinen Schülern collagenhaft zitiert.
Dass beide als Lehrer katastrophale Fehlbesetzungen sind, die im wirklichen Leben spätestens nach zwei Wochen gefeuert würden, ist in diesen Momenten egal. Immerhin geht es in „Words and Pictures“ nicht um die banale Realität, sondern um Worte und Bilder, die – schließlich muss der Scheinkonflikt zwischen ihnen bis zum Ende angeheizt werden – über weite Strecken des kurzweiligen Films als deutlich voneinander getrennte Künste betrachtet werden, wie Feuer und Wasser und nicht wie Yin und Yang.

Words and Pictures - Plakat

Words and Pictures (Words and Pictures, USA 2013)
Regie: Fred Schepisi
Drehbuch: Gerald Di Pego
mit Clive Owen, Juliette Binoche, Valerie Tian, Navid Negahban, Bruce Davison, Amy Brenneman, Adam DiMarco
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Words and Pictures“
Moviepilot über „Words and Pictures“
Metacritic über „Words and Pictures“
Rotten Tomatoes über „Words and Pictures“
Wikipedia über „Words and Pictures“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Fred Schepisi über „Words and Pictures“

 

 


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