Böse Frauen: „Young God“ von Katherine Faw

März 25, 2020

Das also ist der erste Band der Taschenbuchreihe des Polar-Verlags, die unter dem Motto „Dark Places“ steht. Das Motto und die Erklärung dafür (‚an die äußeren und inneren dunklen Orte führen‘, ‚an die finsteren Plätze in uns, die über Gut und Böse entscheiden‘, ‚Einblicke in das soziale, moralische und politische Klima der Zeit gewähren‘) trifft auch auf die anderen, durchgehend lesenswerten Bücher des Polar-Verlags zu.

Das erste was bei dem Reihenauftakt, Katherine Faws „Young God“, auffällt, ist das im Vergleich zu den anderen Polar-Büchern lieblos-austauschbare Cover. Es ist ein Cover, das mich an einen BoD-Verlag erinnert, der einen Regiokrimi in der örtlichen Buchhandlung verkaufen will. Dabei ist das Cover von Britta Kuhlmann gestaltet, die auch für die anderen, durchweg gelungenen und einprägsamen Polar-Covers zuständig ist.

Das Buch selbst ist dagegen alles andere als austauschbar und definitiv kein Krimi für Regiokrimifans. Katherine Faw erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte der dreizehnjährigen, in North Carolina lebenden Nikki.

Als ihre Mutter bei einem Badeunfall stirbt, flüchtet Nikki zu ihrem Vater Coy Hawkins. Er war der größte Koksdealer im County. Jetzt, nach einer verbüßten Haftstrafe, lebt er auf einem abgelegenen Hof in einem Trailer. Er ist nur noch ein Schatten seines früheren Ichs. Gerade so hält er sich finanziell über Wasser, indem er den Zuhälter für die minderjährige Angel spielt. Besonders toll ist dieses Leben nicht, aber für Nikki ist es ein bedeutend besseres Leben als in einem Jugendheim.

Schnell überlegt sie, wie sie ihr Leben verbessern kann. Als erstes schlägt sie ihrem Vater vor, der Zuhälter von mehreren Mädchen zu sein. Als das nicht wie geplant funktioniert, will sie, zusammen mit ihrem Vater, einen Drogendealer ausrauben.

Young God“ ist ein Country-Noir, der natürlich sofort an Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006) erinnert. In dem, auch erfolgreich verfilmten Roman sucht die sechzehnjährige Ree ihren untergetauchten, wahrscheinlich toten Vater, der ihr Haus für seine Kaution verpfändete. In „Der Tod von Sweet Mister“ (The Death of Sweet Mister, 2001) erzählte er die Geschichte eines dreizehnjährigen, in den Ozarks lebenden Jungen, der von seinem Vater zu Einbrüchen angestiftet wird. Beide Bücher sind natürlich unbedingte Leseempfehlungen.

Neben dem jugendlichen Protagonisten, dem Handlungsort (das US-amerikanische Hinterland) und dem White-Trash-Milieu gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Woodrell und Katherine Faw. Beide schreiben extrem kurze Bücher. Bei Faw entstand dies aus einer enormen Verknappung. Die erste Fassung von „Young God“ hatte über hunderttausend Worte. Sie war allerdings nicht zufrieden damit und begann alles, was irgendwie unwichtig war, zu streichen. Am Ende blieben, im Original, zweiundzwanzigtausend Worte übrig. Die Sprache ist nüchtern. Lakonisch. Manchmal stehen nur wenige Worte auf einer Seite. Die transportieren dann alle wichtigen Informationen, während der Leser den Rest mühelos ergänzen kann.

Außerdem führt diese Kondensierung dazu, dass Faw Nikkis Geschichte unerbittlich und mit rasender Geschwindigkeit voran treibt. Von der Lesegeschwindigkeit ist „Young God“ ein richtiger Pageturner.

Am Ende der Geschichte hat Nikki eine Zukunft, die keine Zukunft ist.

Kirsten Reimers hat ein lesenswertes Nachwort geschrieben, das allerdings erst nach der Lektüre des schmalen Noirs gelesen werden sollte. Denn sie verrät darin die gesamte Geschichte.

Der zweite Band der „Dark Places“-Reihe, „Preisregen“ von Ron Corbett, ist bereits erschienen. Für den Herbst sind „Eiskalter Abschied“ von Marcello Fois, „Stoneburner“ von William Gay und „Tin Men“ von Mike Knowles angekündigt.

Katherine Faw: Young God

(übersetzt von Alf Mayer)

Polar, 2020

232 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Young God

Farrar, Straus and Giroux, New York, 2014

Hinweise

Wikipedia über Katherine Faw

Polar: Interview mit Katherine Faw (Vorsicht. Es wird auch über das Ende geredet)


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