Neu im Kino/Filmkritik: „Vor uns das Meer“ – die Geschichte des Einhandseglers Donald Crowhurst

April 1, 2018

Für alle, die die wahre Geschichte von Donald Crowhurst und seiner in der englischen Küstenstadt Teignmouth begonnenen Weltumseglung nicht kennen und jetzt nicht den Wikipedia-Artikel durchlesen wollen: diese Filmkritik enthält Spoiler.

 

Am 31. Oktober 1968 begibt sich der 1932 geborene Donald Crowhurst, ein glücklich verheirateter Vater, Wochenendsegler und Erfinder, auf eine Weltumseglung. Er hofft auf das von der Sunday Times ausgelobte Preisgeld für die erste Nonstop-Weltumseglung eines Einhandseglers.

Später kommt heraus, dass seine nach England gesendeten Erfolgsberichte über seine Reise gefälscht waren. Er hatte es noch nicht einmal bis zum Kap Horn geschafft.

Aus dieser wahren Geschichte eines Betrugs könnte man eine Komödie über einen Schlawiner, der alle an der Nase herumführt, oder eine bittere Anklage gegen eine kapitalistische Gesellschaft, die einen Idealisten in den Ruin treibt oder das Überlebensabenteuer eines Mannes auf hoher See machen. James Marsh geht, nach einem Drehbuch von Scott Z. Burns (u. a. die Steven-Soderbergh-Filme „Der Informant!“, „Contagion“ und „Side Effects“), in „Vor uns das Meer“ einen anderen Weg.

Crowhurst, ein verheirateter Mann mit drei Kindern und eher erfolgloser Unternehmer, ist von der Seefahrt fasziniert. Jedes Wochenende schippert er ein wenig herum. Segler, wie Francis Chichester, der als erster Einhandsegler die Welt umrundete, sind seine Helden. Als die Sunday Times den mit 5000 Britischen Pfund dotierten Preis für die erste nonstop Einhandweltumseglung auslobt, will er an dem Golden Globe Race teilnehmen. Warum er sich auf diese gefährliche Reise begeben will, wird im Film nie so richtig deutlich. Es ist letztendlich eine Mischung aus Abenteuerlust, einer Midlife-Crisis, der Hoffnung auf das Preisgeld und den späteren Einnahmen durch Werbeverträge und Vorträge, die ihn finanziell sanieren würden. Es ist auch eine Werbemaßnahme für seine Firma Electron Utilisation und seine Erfindungen, und der Wunsch, endlich einmal ein gefeierter Held zu sein.

Schon vor der Fahrt verschuldet er sich allerdings immer mehr. Als Sicherheit bietet er sein Haus und seine Firma an. Er lässt in kürzester Zeit ein vollkommen neues Boot, ein Trimaran, bauen. Am letzten Tag des von der Sunday Times vorgegebenen Zeitfensters für die Teilnahme an dem Wettbewerb startet er am 31. Oktober 1968 in Teignmouth in einem Boot, das in keinster Weise hochseetauglich ist. Es sieht aus, als habe vorher eine Gruppe Jugendlicher eine Party gefeiert. In dem Moment, der im Film ungefähr in der Mitte ist, hätte Crowhurst seine Fahrt mit der Teignmouth Electron abbrechen müssen. Er tat es nicht. Ein Abbruch in dem Moment hätte für ihn den sicheren Ruin bedeutet hätte. Also startet er allein die Weltumseglung, die im Film immer wieder von Szenen aus England über die Nöte seiner Frau Clare und den einsetzenden, von seinem PR-Berater Rodney Hallworth befeuerten Presserummel, unterbrochen wird.

Vor uns das Meer“ basiert auf einer wahren Geschichte, die wahrscheinlich nur Seebären und Briten kennen und die – unbestritten und auch ohne all die Hintergründe, die in mehreren Bücher und Filmen verarbeitet wurden, zu kennen – das Potential für einen spannenden Film hat. Marshs Film ist es nicht.

Er spricht vieles an, vertieft aber nichts und er kann sich nicht entscheiden, welche Geschichte er erzählen will. Am Ende ist „Vor uns das Meer“ die schlecht endende Geschichte einer selbstbetrügerischen Selbstüberschätzung, die im Wahnsinn und Tod, möglicherweise Suizid, endet. Am 10. Juli 1969 entdeckt ein britisches Postschiff 1800 Meilen von England entfernt im Atlantik die Teignmouth Electron. Von Donald Crowhurst fehlt jede Spur. Er gilt seitdem als tot.

Bei dem vor und hinter der Kamera versammelten Talent hätte ich mehr erwartet als eine brave, niemals packende und an den entscheidenden Punkten oberflächliche Chronik der Ereignisse.

Vor uns das Meer (The Mercy, Großbritannien 2017)

Regie: James Marsh

Drehbuch: Scott Z. Burns

mit Colin Firth, Rachel Weisz, David Thewlis, Ken Stott, Jonathan Bailey, Adrian Schiller, Oliver Maltman, Kit Connor, Eleanor Stagg, Andrew Buchan, Geoff Bladon

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Vor uns das Meer“

Metacritic über „Vor uns das Meer“

Rotten Tomatoes über „Vor uns das Meer“

Wikipedia über „Vor uns das Meer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Marshs David-Peace-Verfilmung „1980“ (Red Riding: In the Year of Our Lord 1980, Großbritannien 2009)

Meine Besprechung von James Marshs „Shadow Dancer“ (Shadow Dancer, Großbritannien/Irland/Frankreich 2012)

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Neu im Kino/Filmkritik: Besuchen Sie mit Woody Allen das „Café Society“

November 10, 2016

Der jährliche Woody-Allen-Film entführt uns wieder einmal in die Dreißiger Jahre an die Ost- und Westküste, nach Hollywood und in einen New Yorker Nachtclub, in dem sich die bessere Gesellschaft trifft.

Aber zuerst muss Bobby Dorfman (Jesse Eisenberg als Woody Allen) nach Los Angeles. Der jüdische Junge will nicht im Geschäft seines Vaters arbeiten. Weil die Dorfmans mit Phil Stern (Steve Carell) einen erfolgreichen Hollywood-Agenten in der Familie haben, gibt es auch gleich familiäre Beziehungen, die ausgenutzt werden können. Onkel Phil soll sich um Bobby kümmern. Und wie das so ist mit lästigen Verwandten, hat der großkotzige Agent keine Zeit für das entfernte Familienmitglied. Also lässt er ihn von seiner Sekretärin Vonnie (Kristen Stewart) durch Hollywood kutschieren. Dabei verlieben sich die beiden.

Dummerweise ist Vonnie auch mit Onkel Phil liiert und dieser überlegt jetzt ernsthaft, seine Frau für die Geliebte zu verlassen.

Dieses Liebesgeschichte steht zwar einerseits so halbwegs im Zentrum von „Café Society“, andererseits erzählt der Film, den Woody Allen nach eigenem Bekunden wie einen Roman strukturierte, vor allem ein Jahr aus dem Leben von Bobby, ergänzt um zahlreiche Episoden aus dem Leben seiner Familienmitglieder. Diese Episoden sind durchaus vergnüglich. Oft als Gags. Aber sie bringen den Hauptplot nicht voran. Und auch der Hauptplot ist eher eine Nebensache.

In der Filmmitte beginnt eine vollkommen neue Geschichte, die im Gegensatz zur Hollywood-Filmhälfte lustlos, ziellos und unkonzentriert heruntergespult wird. Bobby zieht zurück nach New York. Er betreibt, was für Ärger sorgen wird, zusammen mit seinem Verbrecher-Bruder einen Nachtclub, verliebt sich in eine andere Frau (Blake Lively) und heiratet sie. Erst als Phil mit seiner neuen Frau im Nachtclub wieder auftaucht, trifft Bobby seine erste Liebe wieder. Beide haben wir, während wir uns fragte, wie die Geschichte enden soll, nicht wirklich vermisst. Aber dann ist Silvester und das Jahr und der Film sind um, ohne dass wir klüger sind. Auch wenn die letzten Bilder eine bestimmte Interpretation nahe legen, hat das abrupte Ende von „Café Society“ nicht die Eleganz des Endes von „Match Point“. Und auch nie dessen erzählerische Stringenz und Eleganz.

Denn „Café Society“ ist ein Desaster. Da helfen auch nicht die stilbewusste Ausstattung, die schönen Hollywood-Locations, fein fotografiert von Vittorio Storaro, der beschwingte Jazz-Soundtrack, und die sympathischen, engagiert spielenden Schauspieler; auch wenn Steve Carell einfach nur wieder den bösen Kapitalisten spielt. Es hilft nicht, weil das Drehbuch einfach nur, zusammengehalten durch einen Erzähler (im Original von Woody Allen gesprochen), Episoden aneinanderreiht. Oft mit dem bekannten Allen-Witz, aber auch vollkommen beliebig austauschbar. Man hätte auch locker die Hälfte der Szenen durch andere Szenen ersetzen können, ohne dass man es bemerken würde. Eisenberg als Woody-Allen-Imitator wird von Szene zu Szene geschoben, ohne dass jemals klar wird, was er den will. Naja, eigentlich will er nichts. Weder in Hollywood, noch in New York. Dabei wiederholt Allen seine vertrauten Themen, die er in früheren Filmen deutlich besser behandelte als in dieser redundanten Abfilmung seiner Notizzettel.

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Café Society (Café Society, USA 2016)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

mit Jesse Eisenberg, Jeannie Berlin, Steve Carell, Blake Lively, Parker Posey, Kristen Stewart, Corey Stoll, Ken Stott

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Café Society“

Metacritic über „Café Society“

Rotten Tomatoes über „Café Society“

Wikipedia über „Café Society“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens “Irrational Man” (Irrational Man, USA 2015)

Woody Allen in der Kriminalakte  


Neu im Kino/Filmkritik: Peter Jacksons „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ erzählt die weiteren Abenteuer von Bilbo

Dezember 12, 2013

 

Die Tolkien-, „Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Fans haben sicher schon ihre Kinokarte für „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ gelöst und nichts, was ich sage, wird sie von einem Besuch abhalten.

Die überzeugten Verächter von J. R. R. Tolkien, „Herr der Ringe“, „Der Hobbit“ und allem, wo „Fantasy“ draufsteht, werden sich auch den Mittelteil von Peter Jacksons dreiteiliger „Der Hobbit“-Verfilmung nicht ansehen.

Aber wie sieht es für die Anderen aus?

Nun, „Smaugs Einöde“ erzählt die Geschichte des ersten „Der Hobbit“-Films „Eine unerwartete Reise“ weiter und in einem Jahr gibt es mit „Hin und zurück“ den wieder gut dreistündigen Abschluss von Peter Jacksons episch langer Verfilmung eines ziemlich dünnen Buches. Eigentlich hat man das Kinderbuch schneller gelesen als gesehen.

Jedenfalls sind jetzt Bilbo Beutlin, Thorin Eichenschild, ihre zwölf Zwergenfreunde und der Zauberer Gandalf auf dem Weg. Sie wollen das Zwergenreich Erebor befreien. In „Smaugs Einöde“ müssen sie durch den Düsterwald, kämpfen gegen riesige Spinnen, werden von den Waldelben gefangen genommen, können dank Bilbo und des ihn unsichtbar machenden Rings flüchten, indem sie sich in Weinfässern durch einen reißenden Fluss treiben lassen, werden vom Fährmann Bard über den See nach Seestadt gefahren und gehen in den Einsamen Berg, um dort den Arkenstein zu holen. Dabei müssen sie gegen den titelgebenden Drachen Smaug, der in dem Berg in einer riesigen, gut gefüllten Schatzkammer lebt, kämpfen.

Das ist so ungefähr die den Tolkien-Fans bekannte Geschichte des gut dreistündigen Films, der im wesentlichen eine Abfolge von Action-Setpieces ist, die einerseits atemberaubend anzusehen sind, andererseits aber auch mit der Zeit langweilen. Denn sie dehnen sich endlos. Es gibt zuerst eine, dann zwei, dann eine gefühlte Hundertschaft riesiger Spinnen, die von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Es gibt dann noch eine und noch eine und noch eine weitere Flussmündung. Es tauchen Hundertschaften von Orks auf, die Bilbo und seine Freunde umbringen wollen und von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Gern auch mal enthauptet, aber immer unblutig. Und im Einsamen Berg dauert der Kampf zwischen Smaug und Bilbo verdammt lang. Dann kommen die anderen Zwerge hinzu und es dauert noch länger und der halbe Berg wird zerstört, ehe der Film mit einem Cliffhanger endet, der ganz klar auf ein Publikum zielt, das den ersten Teil kennt und den dritten Teil sehen will.

Denn als Einzelwerk ist „Smaugs Einöde“ nur ein Showcase für die Tricktechniker und für die Qualität von 3D, auch wenn der 3D-Effekt in den ersten Minuten, wenn Gandalf und Thorin Eichenschild sich in einer Gaststätte unterhalten, eher an einen Scherenschnitt erinnern. Aber später entfalten die Bilder auf der großen Leinwand ihre ganze Pracht und, auch wenn sie immer an bekannte Bildwelten anknüpfen, überwältigen sie.

Auch der im ersten Teil kritisierte Eindruck, dass der mit 48 Einzelbildern pro Sekunde aufgenommene Film immer wieder wie eine billige Nachmittags-TV-Sendung wirke, ist nicht vorhanden. Die echten und die am Computer entstandenen Sets wirken atemberaubend realistisch.

Die Schauspieler sind gut. Dafür sind die Dialoge eher lausig. Halt der übliche Schwurbel, den man aus Mittelalter- und Fantasy-Filmen kennt.

Und damit kommen wir zur Eingangsfrage zurück: Lohnt sich „Smaugs Einöde“ für Menschen, die einfach nur einen guten Film sehen wollen?

Nein, denn unter dem Actionfeuerwerk geht jede Charakterentwicklung zugrunde. Wir erfahren in den Actionszenen auch eigentlich nichts über die Charaktere (denn: Action ist Handlung! Handlungen enthüllen den Charakter!), ihre Motivation und was das Ziel der Reise ist. Hier gibt es nur bunt zusammengewürfelte Reiseerlebnisse.

Auch das große Finale im dritten „Der Hobbit“-Film wird nicht vorbereitet. So bleibt unklar, warum die Orks Bilbo und seine Gefährten so hartnäckig verfolgen; warum die beiden Elben sich als unbeteiligte Gruppe so sehr in den Kampf zwischen den Zwergen und den Orks einmischen; welche Rolle Bard im dritten „Der Hobbit“-Film haben könnte. Über ihn erfahren wir nur, dass er ein Seemann und Vater ist und Ärger mit dem Bürgermeister hat. Wir wissen auch nicht wo Gandalf, der Bilbo und seine Schar am Filmanfang für eine andere, wichtige Aufgabe verließ, gefangen gehalten wird und ob und wie seine Gefangenschaft die Ereignisse im dritten Teil beeinflussen könnte.

Das sind natürlich alles Fragen, auf die die „Hobbit“-Fans die Antwort kennen, aber in einem Film sollte die Vorlage filmgerecht aufbereitet werden und natürlich sollten auch Späteinsteiger die nötigen Informationen im Film erhalten (was leidlich funktioniert) und es sollten im zweiten Akt alle nötigen Informationen für den Höhepunkt gegeben werden. Denn die Aufgabe von „Smaugs Einöde“ ist nur, „Hin und zurück“ vorzubereiten.

Der Hobbit – Smaugs Einöde“ ist ein Film für die zahlreichen „Der Hobbit“-/“Herr der Ringe“-Fans, die den ersten Film gesehen haben und den dritten Film sehen werden.

Der Hobbit - Smaugs Einöde - Plakat

Der Hobbit – Smaugs Einöde (The Hobbit: The Desolation of Smaug, USA 2013)

Regie: Peter Jackson

Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro

LV: J. R. R. Tolkien: The Hobbit, 1937 (Kleiner Hobbit und der große Zauberer, Der kleine Hobbit, Der Hobbit oder Hin und zurück)

mit Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Benedict Cumberbatch, Evangeline Lilly, Lee Pace, Luke Evans, Ken Stott, James Nesbitt, Orlando Bloom, Stephen Fry, Mikael Perbrandt

Länge: 161 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Moviepilot über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Metacritic über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Rotten Tomatoes über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Wikipedia über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ (deutsch, englisch)

Homepage von J. R. R. Tolkien

Homepage der deutschen Tolkien-Gesellschaft

Freeman? Cumberbatch?


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