Neu im Kino/Filmkritik: Hercule Poirot und der „Mord im Orientexpress“: bekannte Story, neues Ensemble

November 9, 2017

Erstens: es war vielleicht keine gute Idee, vor dem Genuss der neuesten Verfilmung von Agatha Christies Herucle-Poirot-Roman „Mord im Orientexpress“ noch einmal die vorherigen Verfilmungen anzusehen und noch einmal die Vorlage durchzulesen.

Zweites: ich bin kein großer Fan von traditionellen Rätselkrimis. Meistens empfinde ich den Teil zwischen Auffinden der Leiche und Enttarnung des Täters als eine ziemlich langweilige Abfolge von Befragungen. Ein Puzzle eben, das man nicht wirklich lösen kann, weil man letztendlich doch nicht alle wichtigen Fakten kennt.

Das sollte als einordnendes Vorgeplänkel für meine Besprechung von Kenneth Branaghs Verfilmung von „Mord im Orientexpress“ genügen. Branagh hält sich, nach einem Drehbuch von Michael Green („Green Lantern“, „Logan“), an die wahrscheinlich allseits bekannte Geschichte. Immerhin ist Christies Roman in verschiedenen Übersetzungen gut erhältlich und die klassische Verfilmung von Sidney Lumet läuft ja öfter im Fernsehen.

1934 klärt Hercule Poirot in Jerusalem einen Diebstahl, der das fragile Gleichgewicht der Religionen stört, auf. Danach begibt er sich auf die Reise nach England. Dort werden seine überragenden detektivischen Fähigkeiten gebraucht. Einen Teil seiner Reise legt er im Orientexpress zurück.

In der zweiten Nacht seiner Reise im Orientexpress wird Edward Ratchett ermordet. Der Täter muss sich noch im Zug aufhalten, der auf einer Brücke von einer heruntergekrachten Lawine abrupt gestoppt wurde. Im Roman und den früheren Verfilmungen reichte eine banale Schneeverwehung aus.

Poirot beginnt die Passagiere zu befragen. Dabei ist der Mord ein ziemlich vertrackter Fall. Ratchett wurde bedroht und er hatte Angst, ermordet zu werden. Am Tatort findet Poirot verschiedene, widersprüchliche Spuren. So hat Ratchett zwar eine Pistole zur Selbstverteidigung, aber er benutzte sie nicht. Die zwölf Stichwunden, die zu seinem Tod führten, sind willkürlich gesetzt. Mal wurde stärker, mal schwächer zugestochen. Mal von einem Linkshänder, mal von einem Rechtshänder. Das offene Fenster wird schnell als Ablenkungsmanöver abgetan. Aber die verschlossene Zugabteiltür wirft Rätsel auf (wobei das zu den Fundamenten eines Rätselkrimis gehört). Dafür scheint die Tatzeit, dank Ratchetts zerbrochener Taschenuhr, klar zu sein.

Und in der Mordnacht kam es zu mehreren seltsamen Ereignissen. So sah Poirot eine Frau in einem roten Kimono. Aber keine der Passagierinnen besitzt einen solchen Kimono. So wird im Nebenabteil ein Knopf von einer Schlafwagenschaffneruniform gefunden. Aber an Pierre Michels Uniform sind noch alle Knöpfe. Und in der Nacht hörte Poirot Geräusche in Ratchetts Abteil. Auf die besorgte Nachfrage des Schlafwagenschaffners antwortete eine Männerstimme auf französisch sagte, dass alles in Ordnung sei. Nur: Ratchett spricht keine Fremdsprachen.

Rätsel über Rätsel, die nur ein Meisterdetektiv in langwierigen Befragungen aufdröseln kann. Immerhin hat Poirot schnell herausgefunden, dass Ratchett unter falschen Namen durch Europa reiste. Unter seinem richtigen Namen war er in den USA – zu Recht – verurteilt worden, das Kind einer vermögenden Familie entführt und getötet zu haben. Dieser aufsehenerregende Prozess führte zu mehreren Todesfällen in der Familie und ihrem Umfeld.

Kenneth Branagh orientiert sich in seiner Verfilmung selbstverständlich an Lumets Verfilmung. Allein schon das Aufgebot an Stars ist immens: Kenneth Branagh als Hercule Poirot, Johnny Depp als Edward Ratchett, Josh Gad als Hector MacQueen, Derek Jacobi als Edward Masterman, Michelle Pfeiffer als Caroline Hubbard, Penélope Cruz als Pilar Estravados, William Dafoe als Gerhard Hardman,Lucy Boynton als Gräfin Andrenyi, Sergei Polunin als Graf Andrenyi, Judi Dench als Fürstin Natalia Dragomiroff, Olivia Colman als Hildegarde Schmidt, Daisy Ridley als Mary Debenham, Manuel Garcia-Rulfo als Biniamino Marquez, Marwan Kenzari als Pierre Michel, Leslie Odom, jr. als Dr. Arbuthnot und Tom Bateman als Bouc (und Kenner der Geschichte kennen jetzt, auch wenn drei Namen verändert wurden und es einen neuen Charakter gibt, den Namen des Mörders). Auch im Hinblick auf Dekors und Kostüme schöpft Branagh aus dem Vollen. Nicht weil es unbedingt nötig ist, sondern weil er es kann. Das Essen im Zug wird pompös zubereiten und auf Porzellantellern serviert. Damals war eine Zugfahrt, jedenfalls in der ersten Klasse, nicht eine Fahrt von A nach B, sondern ein rollendes Nobelhotel.

Selbstverständlich gibt es auch einige Änderungen zum Roman und den vorherigen Verfilmungen. Die meisten fallen nicht sonderlich ins Gewicht. So ist es letztendlich einerlei, welchen Fall Poirot in der Levante aufklärt. Wie in den anderen Verfilmungen dient dieser Fall nur dazu, uns zu zeigen, wie brillant der Detektiv ist. Auch bei den Aussagen der Zugpassagiere änderten sich, wie in allen Verfilmungen, einige, letztendlich unerhebliche Details.

Einige Änderungen sind eher missglückt. Jedenfalls gibt es, auch weil es bis auf eine deplatzierte Actionszene (Poirot prügelt sich nicht! Das macht Sherlock Holmes.) für die Handlung egal ist, keinen Grund, den Zug mitten im Gebirge, auf einer Brücke zum Stillstand zu bringen. Dieses Mal wird der Zug sogar von einer Lawine gestoppt. In den älteren Versionen zwingt eine Schneeverwehung den Orientexpress zum Anhalten. Das ist zwar weniger spektakulär und fotogen, erfüllt aber seinen Zweck.

Danach konnte Branagh nicht der Versuchung widerstehen, mehrere Szenen außerhalb des Zuges spielen zu lassen. Auch wenn es nicht viel Sinn ergibt. So wird für ein Gespräch zwischen Poirot und einer Verdächtigen ein Essenstisch im Schnee aufgebaut. Oder die Erste-Klasse-Passagiere setzen sich in einer Imitation von Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“ in einen Tunnel und warten auf Poirot. Warum auf den Zuggleisen, auf denen der Orientexpress fahren soll, ein Podest mit Tisch und Stühlen steht, wird nicht verraten.

Auch das Auffinden der Tatwaffe unterscheidet sich von den vorherigen. Normalerweise findet Caroline Hubbard das Messer in ihrer Tasche. Anscheinend hat der Mörder es nach der Tat, auf seiner Flucht durch ihr Abteil, dort versteckt. Dieses Mal steckt es, reichlich sinnfrei, in ihrem Rücken.

Und es gibt einige Änderungen, die eindeutig falsch sind. Das gilt vor allem für die Chronologie der Mordnacht und der Verhöre. Während in allen anderen Versionen der Geschichte uns die Ereignisse in der Tatnacht chronologisch präsentiert werden, gibt es jetzt in der Tatnacht Lücken, die erst später gefüllt werden. Die Verhöre werden teilweise in einem Zusammenschnitt mehrere Verhöre präsentiert. Das ist heute üblich, um sie zu komprimieren und auch etwaige Widersprüche aufzuzeigen. Aber gerade bei Rätselkrimis sind das die Momente, in denen die Schauspieler brillieren können. Auch präsentiert Branagh die verschiedenen Spuren, die zum Täter führen, erstaunlich ungeschickt, fast schon chaotisch.

Sowieso fehlt der zweiten Hälfte (also ab der Entdeckung der Leiche) durchgängig der Humor, die inszenatorische Geschlossenheit, die Verspieltheit und Experimentierfreude der ersten Hälfte. Stattdessen wirkt alles etwas schludrig und fahrig. Als ob man für diese Filmhälfte mit einer früheren Drehbuchversion arbeiten musste oder etliche Szenen nicht drehen konnte. Die Schauspieler können nie so brillieren, wie sie es eigentlich sollten und es gelingt der Regie nicht mehr, ein Gefühl für den Raum und die zeitliche Abfolge zu entwickeln.

Auch der von Kenneth Branagh gespielte Hercule Poirot verliert in diesem Moment plötzlich seine bis dahin gepflegten Marotten, die ihn zu einem Verwandten von Adrian Monk machen. Genau wie Monk sucht Poirot nach dem perfekten Gleichgewicht und weil Verbrechen diese Harmonie stören, sieht er die Abweichungen davon mit übergroßer Deutlichkeit. Bei Monk ist diese Suche nach Harmonie, die er nur bei der Enttarnung des Mörders verspürt, das Prinzip seines Lebens. Er kämpft immer und überall gegen das Chaos. Er sucht die perfekte Balance. Bei Poirot ist es im Film zunächst nur die Suche nach dem perfekten Paar Eier. Was durchaus witzig ist. Oder wenn er mit seinem linken Schuh in einen Kuhfladen tritt und dann, wegen des Gleichgewichts, auch mit seinem rechten Schuh in den Fladen tritt und, unter dem Gelächter des Kinopublikums, „Besser“ murmelt.

Am Ende, wenn er die Verdächtigen versammelt, um seinem staunenden Publikum den Täter zu präsentieren, wird dieser Punkt wieder aufgenommen. Jetzt behauptet Poirot, im Gegensatz zur Romanvorlage, dass er einen Zwiespalt sehe zwischen seinem Verständnis für das Motiv und seinem Gefühl für universelle Symmetrie; also dass der Mörder für seine Tat bestraft werden muss.

In diesem Moment wird, in jeder Beziehung denkbar ungeschickt, die Frage nach den Gründen für Selbstjustiz gestellt. Eine Frage, die während des gesamten Films uninteressant war und die im Kosmos eines Rätselkrimis nicht wirklich behandelt werden kann. Jedenfalls nicht in einem traditionellen Rätselkrimi, in dem es nur um das Zusammensetzen des „Wer war der Täter?“-Puzzles geht. Da sind moralische Fragen, Ambivalenzen und die Motive für eine Tat nebensächlich. Auch der Detektiv steht nie vor einem moralischen Dilemma. Er enttarnt den Täter und übergibt ihn an die Justiz. Meist ist bei der Enttarnung auch ein Polizist mit gezückten Handstellen dabei und der Täter begibt sich, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Gefängnis. Es ist die gerechte Strafe für das Fehlschlagen seines perfekten Planes.

Und so ist diese Version des „Mord im Orient-Express“ eine Fassung, die an etlichen dramaturgischen Fehlentscheidungen und einer irritierend schwachen zweiten Hälfte leidet. Dafür kann Branaghs nostalgisches Ausstattungskino mit einer 1-A-Besetzung punkten.

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman, Sergei Polunin , Manuel Garcia-Rulfo, Leslie Odom, jr.

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA 2013)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Cinderella“ (Cinderella, USA 2015)

Simon Mayo unterhält sich mit Kenneth Branagh über den Film

Kenneth Branagh über den „Mord im Orientexpress“

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Verfilmte Bücher: „Mord im Orientexpress“ ist, mal wieder, „Mord im Orientexpress“

November 8, 2017

 

Auch wenn wahrscheinlich jeder, der Sidney Lumets regelmäßig im Fernsehen laufende Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orient-Express“ gesehen hat, die Lösung kennt: sie wird in dieser Besprechung über den Roman und die bisherigen Verfilmungen verraten. Meine Besprechung der Neuverfilmung von und mit Kenneth Branagh als Hercule Poirot gibt es zum Kinostart am 9. November. .

 

Der Roman

 

1934 veröffentlichte Agatha Christie ihren neunten Roman mit dem belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot. Besondere Kennzeichen: seine Hinweise auf seine „kleinen grauen Zellen“ und sein liebevoll gepflegter Schnurrbart. Inspiriert war „Mord im Orientexpress“ von der damals weltweit Aufsehen erregenden Entführung und Ermordung des Babys von Charles Lindbergh. Diese damals noch nicht aufgeklärte Tat ist dann auch die Grundlage für das Mordmotiv.

Der Fall selbst bewegt sich in den etablierten Rätselkrimipfaden.

Hercule Poirot reist mit dem Orientexpress von Istanbul nach Calais. In Jugoslawien bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken. Samuel Edward Ratchett, der Drohbriefe erhielt und Poirot als seinen Beschützer engagieren wollte, liegt ermordet in seinem Erster-Klasse-Abteil. Er wurde mit zwölf Messerstichen, die anscheinend von mehreren Personen stammen, ermordet. Das geöffnete Abteilfenster ist eine falsche Fährte. Denn es gibt keine vom Zug wegführenden Fußspuren im Schnee. Schwieriger zu entschlüsseln sind andere Spuren: der im Nebenabteil, das der Mörder anscheinend für seine Flucht benutzte, gefundene Knopf von einer Uniform von einem Schlafwagenschaffner, das Taschentuch mit dem Monogramm „H“, die von Poirot in der Mordnacht gesehene Frau im roten Kimono und die Frage nach der Tatzeit. Zwar zeigt die zerbrochene Uhr des Toten mit 01.15 Uhr eine eindeutige Uhr- und Tatzeit an, aber schon vorher antwortete ein Mann in Ratchetts Abteil auf die nach einem Geräusch gestellte Frage des Schlafwagenschaffners, dass alles in Ordnung sei. Allerdings antwortete er auf französisch und der tote US-Bürger Ratchett spricht keine Fremdsprachen. Sagt sein Sekretär.

Es gibt also genug Hinweise und falsche Fährten, die Poirot in den kommenden Stunden, bis der Zug weiterfahren kann, entschlüsseln muss. Er beginnt die zwölf Passagiere der ersten Klasse zu befragen. In schönster Rätselkrimitradition muss sich der Mörder unter ihnen befinden.

Neben „Alibi“ (The Murder of Roger Ackroyd, 1926), einem anderen Hercule-Poirot-Krimi, in dem sie die Erwartungen des Publikums nach dem Mörder auf den Kopf stellte, und dem Theaterstück „Die Mausefalle“ (The Mousetrap, 1952), das eine ähnliche, den Erwartungen widersprechende Lösung hat, präsentiert sie in „Mord im Orientexpress“ alle Verdächtigen, also alle Zugpassagiere, als den Mörder. Ratchett, eigentlich Cassetti, hat vor einigen Jahren John Armstrongs Baby entführt und getötet. Cassetti wurde angeklagt und wegen eines Formfehlers nicht verurteilt. Die Passagiere des Schlafwagens waren mit Armstrong als Verwandte, Angestellte und Freunde verbunden und, nachdem Ratchett freigesprochen wurde, beschlossen sie, Selbstjustiz zu üben. Was sie, nach präziser Planung, in der Mordnacht taten. Weil mit Poirot ein nicht eingeplanter Gast in dem Zugabteil mitreiste, legten sie außerdem zahlreiche falsche Fährten.

Am Ende präsentiert Poirot den versammelten Verdächtigen diese Lösung und eine andere, in der ein unbekannter, flüchtiger Täter Ratchett ermordete. Die Täter geben ihre Tat zu und der ebenfalls im Zug mitreisende Direktor der Zuggesellschaft, Monsieur Bouc, und der Arzt Dr. Constantine entscheiden sich dafür, der Polizei zu erzählen, dass Ratchett von einem flüchtigen Einzeltäter ermordet wurde.

Diese Lösung (also dass Ratchett gleichzeitig von zwölf Menschen ermordet wurde) ist zwar überraschend, aber auch nicht besonders logisch. So soll das Mordopfer keinen der Mitreisenden erkannt haben.

Wie die Täter, die sich teilweise vorher nicht kannten, sich kennen lernten und wie sie sich zu dieser Tat verabredeten, wird nicht erwähnt. Auch nicht, wie sie sich überzeugten, gemeinsam einen kaltblütigen Mord auszuführen. Wer über diese Punkte auch nur kurz nachdenkt, wird ernsthafte Probleme mit der von Agatha Christie präsentierten Lösung haben.

Der offensichtliche Konflikt zwischen einer moralisch vielleicht gerechtfertigter Selbstjustiz und der Herrschaft des Gesetzes (inklusive einem rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren) wird in dem Roman nicht weiter thematisiert. Schließlich steht in einem Rätselkrimi die Tätersuche als intellektuelles Puzzlespiel im Vordergrund. Mit der Illusion, dass man als Leser den Täter ebenfalls enttarnen kann, weil der Autor alle Fakten präsentiert. Sogar wenn man die Lösung kennt, wird man nur wenige Hinweise auf die richtige Lösung finden. Im Klassischen Rätselkrimi, wie ihn Agatha Christie erfand, geht es sogar nur um die Tätersuche. Oder in Poirots Worten: „Es gibt für diesen Mord zwei mögliche Lösungen. Ich werde Ihnen beide vorstellen, und dann mögen Monsieur Bouc und Dr. Constantine entscheiden, welche von ihnen die richtige ist.“

Der Roman ist in einer heute altertümlichen Sprache geschrieben und die gut vierzig Seiten bis zur Entdeckung der Leiche sind ziemlich spannungsfrei.

Ziemlich witzig sind, jedenfalls aus heutiger Sicht, die schamlos vorgetragenen, jeder Grundlage entbehrenden Urteile über verschiedene Völker. Sie sind einfach eine Ansammlung absurder Vorurteile.

 

Die Verfilmungen

 

Seit seiner Veröffentlichung wurde der Roman mehrmals verfilmt. Bei uns sind die beiden Spielfilme (die zweite Spielfilm-Verfilmung startet am Donnerstag) und spielfilmlangen TV-Filme bekannt.

Am bekanntesten ist die Verfilmung von Sidney Lumet. Er sperrte 1974 ein Dutzend Stars in den Zug ein und bei den Verhören von Hercule Poirot hatte jeder seinen großen Auftritt. Das Rezept war so erfolgreich, dass danach, mit Peter Ustinov als Poirot, „Tod auf dem Nil“ und „Das Böse unter der Sonne“ entstanden. Der dritte Ustinov/Poirot Kinofilm „Rendezvous mit einer Leiche“ hatte dann weniger Stars und war auch weniger erfolgreich. Davor spielte Ustinov den Detektiv auch in drei TV-Filmen. Nach dem gleichen Rezept entstand damals, mit Angela Lansbury als Miss Marple, „Mord im Spiegel“.

Lumets Verfilmung ist heute immer noch vergnügliches, aus der Zeit gefallenes, in einer Parallelwelt spielendes Starkino, bei dem jeder Schauspieler in mondäner Kulisse mindestens einmal groß aufspielen darf.

Carl Schenkel verlegte 2001 in seiner erschreckend spannungsfrei inszenierten Verfilmung die Geschichte in die Gegenwart, was man vor allem an einem Handy und einem Laptop erkennt.

Am Ende, wenn Poirot erklärt, dass er der Polizei die Version von dem flüchtigen Täter erzählen wird, zeigt sich ein großes Problem. Damals, als Christie den Roman schrieb, war eine solche Erklärung möglich. Heute, in Zeiten von CSI, ist eine solche Erklärung nicht mehr glaubwürdig. Sie würde allen Spuren widersprechen.

Neun Jahre später inszenierte Philip Martin im Rahmen der langlebigen TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ mit David Suchet als Hercule Poirot, eine weitere Version des Romans. Wie alle Suchet/Poirot-Filme spielt sie in den Dreißigern. Bei Christie-Fans sind die siebzig TV-Filme mit Suchet sehr beliebt sind.

In diesem Fall wird die Lösung sehr früh präsentiert und Poirot hadert danach länger mit der Frage, welche Lösung er der Polizei präsentieren soll. Es entsteht sogar das Gefühl, dass die Täter jetzt ihn als unliebsamen Zeugen ermorden könnten.

Am Ende bleibt offen, welche Lösung er der Polizei erzählt. Der Zuschauer muss sich entscheiden.

Martins Verfilmung ist deutlich gelungener als Schenkels misslungene Verfilmung. Und Poirots Zweifel wenn er der Polizei als Mörder präsentieren soll, führen zu einigen noirischen Kameraeinstellungen, die das Gefühl vermitteln, dass Poirot wirklich in Lebensgefahr schwebt und bald von den Ratchetts Mördern, die zu einem mordlüsternen Mob werden, umgebracht werden könnte. Das ist, weil in einem Rätselkrimi der Detektiv nach der Enttarnung keine Angst vor irgendwelchen Aktionen des Mörders haben muss, eine interessante Variante, die nur bedingt funktioniert. Auch weil Hercule Poirot danach keine weiteren Fälle lösen könnte.

Beide TV-Filme stehen im Schatten von Lumets Verfilmung.

Und am 9. November kommt Kenneth Branaghs Verfilmung in unsere Kinos. Allein schon von der hochkarätigen Besetzung knüpft er an Lumets Verfilmung an.

In den einschlägigen Foren wird bis dahin emsig über Hercule Poirots Bart diskutiert. Wie auch bei Albert Finney, Alfred Molina und David Suchet darüber diskutiert wurde.

Ich persönlich halte Branaghs Poirot-Bart für eine monströse Geschmacksverirrung.

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1934 als „Die Frau im Kimono“; später „Der rote Kimono“. Elisabeth van Bebber war die Übersetzerin.

Die aktuelle Übersetzung erschien erstmals 2002 im S. Fischer Verlag. Sie müsste, auch wenn es im Impressum nicht gesagt wird, identisch mit Otto Bayers 1999 im Scherz Verlag erschienener Übersetzung sein.

Die Verfilmungen

Der bekannte Kinofilm

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paul Dehn, Anthony Shaffer (ungenannt)

mit Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark, Wendy Hiller, Colin Blakely

Die unbekannte TV-Verfilmung

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient-Express, USA 2001

Regie: Carl Schenkel

Drehbuch: Stephen Harrigan

mit Alfred Molina, Meredith Baxter, Leslie Caron, Peter Strauss, Fritz Wepper, Kai Wiesinger, Amira Casar, Nicolas Chagrin, Tasha de Vasconcelos, David Hunt, Adam James, Dylan Smith, Natasha Wightman

Die TV-Verfilmung im Rahmen der Serie „Agatha Cristie’s Poirot“

 

Agatha Christie’s Poirot: Mord im Orient-Express (Agatha Christie’s Poirot: Murder on the Orient Express, Großbritannien 2010)

Regie: Philip Martin

Drehbuch: Stewart Harcourt

mit David Suchet, Toby Jones, David Morrissey, Jessica Chastain, Barbara Hershey, Susanne Lothar, Tristan Shepherd, Sam Crane, Brian J. Smith, Stewart Scudamore, Serge Hazanavicius, Eileen Atkins, Denis Ménochet, Hugh Bonneville, Marie-Josée Croze, Stanley Weber, Elena Satine, Joseph Mawle, Samuel West

Polyband veröffentlichte diese Verfilmung jetzt als Einzel-DVD „Poirot – Mord im Orient-Express“

Die Neuverfilmung (Kritik gibt es zum Filmstart am 9. November 2017)

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Christopher Nolans Kriegsfilm „Dunkirk“

Juli 28, 2017

Es gibt viele Gründe, die für Christopher Nolans neuen Film „Dunkirk“ sprechen. Und einen gewichtigen Grund dagegen. Dazu später mehr.

In „Dunkirk“ erzählt Nolan, nach seinem Drehbuch, die legendäre Rettung der 1940 in Dünkirchen von den Deutschen einkesselten englischen und französischen Soldaten. Ende Mai kämpften die Soldaten in dem Küstenort um ihr Überleben, während sie sich auf ihren sicheren Tod vorbereiteten. Sie konnten, wie ein Blick in die Geschichtsbücher verrät, gerettet werden. Das gelang durch zahlreiche Freiwillige, die in ihren Booten von England nach Frankreich fuhren und die Soldaten aus Dünkirchen herausholten, während die Deutschen abwarteten.

Im Rahmen der „Operation Dynamo“ wurden zwischen dem 26. Mai und dem 4. Juni 1940 230.000 britische und 110.000 französische Soldaten aus Dünkirchen evakuiert. Diese bis dahin größte Rettungsaktion der Weltgeschichte ist in Großbritannien ein Nationalmythos. Die Rettung der Soldaten, fast der gesamten Berufsarmee, war die Grundlage für den Kampfgeist Großbritanniens in den nächsten Kriegsjahren.

Nolan erzählt diese auf der Insel sattsam bekannte Geschichte in schlanken hundert Minuten (mit dem Abspann dauert der Film 107 Minuten) parallel auf drei Zeitebenen, die am Ende ineinander verschmelzen. Die Geschehnisse am Strand dauern eine Woche, auf der Nordsee einen Tag und in der Luft eine Stunde. Am Strand harren die Soldaten aus, während alle Versuche, zu flüchten, misslingen. Sie blicken dem sicheren Tod ins Auge. Auf der Nordsee fährt ein Bootsbesitzer mit seinem Sohn und einem Freund seines Sohnes in Richtung Dünkirchen, um dort so viele Soldaten wie möglich zu retten. Er ist – auch wenn Nolan erst am Ende die zahlreichen anderen Boote zeigt, die ebenfalls über den Ärmelkanal fuhren – ein Teil der „Operation Dynamo“, in der alle verfügbaren Wasserfahrzeuge eingesetzt wurden, um die eingekesselten Soldaten aus der tödlichen Falle zu retten. Und in der Luft versuchen zwei RAF-Piloten den Luftraum frei von Angriffen deutscher Piloten zu halten.

Nolan verknüpft die drei Erzählstränge, die ausschließlich die englische Seite der Ereignisse schildern, miteinander, ohne dass man jemals den Überblick verliert. Allerdings bleiben alle Charaktere austauschbar. Sie sind auf ihre reine Funktionalität und ihre Taten reduziert.

Der Sound ist ein ständiges wummerndes Dröhnen, das die wenigen Dialoge (in der Originalfassung) meistens übertönt. Die Dialoge sind, bis auf einige Informationen zum Gefechtsverlauf und der Rettungsaktion, auch vollkommen unwichtig. „Dunkirk“ ist fast ein Stummfilm. Und wie Nolan die Geschichten miteinander verknüpft, ist brillant. Es entsteht eine einzige große Symphonie aus drei Geschichten, Sound und Bildern, teils, wie in seinen vorherigen Filmen, mit IMAX-Kameras aufgenommen, die den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute in das Geschehen hineinwerfen.

In seiner abstrakten Form ist die Geschichte von „Dunkirk“ vielfältig interpretierbar. Wobei derzeit eine Interpretation mit dem Brexit so naheliegend ist, dass ich sie hier jetzt nicht ausführen will. In seiner konkreten Form erzählt Nolan einfach nur drei Geschichten, die einen Eindruck von den damaligen Ereignissen liefern, ohne auf die Hintergründe einzugehen.

Aber Nolan erzählt seine Geschichte nicht im luftleeren Raum. Die Auswahl seiner Plots (auf der Mole, auf See, in der Luft), die gewählte Perspektive (die englische), die Folgen der Ereignisse (der Untergang wird abgewehrt, der Kampfgeist erwacht und die deutsche Armee wird besiegt) ergeben dann eine ultrapatriotische, erschreckend eindimensionale Geschichte fernab aller moralischen Ambivalenzen oder irgendwelcher erzählerischer Brechungen.

Dunkirk“ ist nämlich ein ganz gewöhnlicher, konservativer Kriegsfilm, in dem die Stahlgewitter des Krieges die Schule sind, die aus Jünglingen echte Männer macht.

So betrachtet ist Nolans Film als Heldenverehrung in drei Geschichten eine widerliche Kriegsverherrlichung.

Dunkirk (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

mit Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Harry Styles, Aneurin Barnard, James D’Arcy, Barry Keoghan, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Mark Rylance, Tom Hardy

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Dunkirk“

Metacritic über „Dunkirk“

Rotten Tomatoes über „Dunkirk“

Wikipedia über „Dunkirk“ (deutsch, englisch)

Englische Christopher-Nolan-Fanseite

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Das Teaserplakat

Die Weltpremiere des Films in London

Peter Travers unterhält sich mit Christopher Nolan über seinen Film


TV-Tipp für den 26. Mai: Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre

Mai 25, 2017

3sat, 22.35

The Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre (USA 1998, Regie: Robert Altman)

Drehbuch: Clyde Hayes

LV: John Grisham (Originalstory – soweit bekannt nicht veröffentlicht)

Anwalt Rick Magruder verknallt sich in Mallory Doss und bemerkt nicht, wie sehr sie ihn für ihre Interessen benutzt.

Die erfolgloseste und – so auch meine Ansicht – die beste Grisham-Verfilmung. Altman verfilmte einen Drehbuch-Entwurf, den Grisham vor seinem Leben als Bestseller-Autor schrieb, und das Studio startete den Film – nach einem Streit mit Altman über die endgültige Fassung – fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu den erfolgreichen Grisham-Bücher und deren Verfilmungen löst der Held, natürlich ein Anwalt, nicht das Problem, sondern er ist das Problem. In dem düsteren Südstaaten-Thriller glänzen etliche Stars: Kenneth Branagh, Robert Downey Jr., Embeth Davidtz, Robert Duvall, Tom Berenger, Daryl Hannah, Famke Janssen

Hinweise

Homepage von John Grisham

Wikipedia über John Grisham (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über John Grisham

Rotten Tomatoes über “The Gingerbread Man”

Wikipedia über „The Gingerbread Man“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ron Manns Doku „Altman“ (Altman, Kanada 2014)


TV-Tipp für den 29. Mai: Der lange Weg nach Hause (aka „Long Walk Home“)

Mai 29, 2016

Eins Festival, 20.15

Der lange Weg nach Hause (Australien/Großbritannien 2002, Regie: Philip Noyce)

Drehbuch: Christine Olsen

LV: Doris Pilkington (aka Nugi Garimara): Follow the Rabbit-Proof Fence, 1996 (später „The Rabbit-Proff Fence“; deutsch als „Long Walk Home“)

Die wahre, von Philip Noyce packend erzählte Geschichte von drei Mädchen, die 1931 quer durch Australien 2400 Kilometer am titelgebenden „Rabbit-Proof Fence“ (Kaninchenzaun) entlang nach Hause wanderten. Als Aborigine-Mischlingskinder waren sie von ihren Müttern getrennt und an das andere Ende des Landes transportiert worden.

Das Gesetz existierte bis 1970.

Christopher Doyle war der Kameramann.

Die Musik ist von Peter Gabriel.

Mit Everlyn Sampi, Tianna Sansbury, Laura Monaghan, David Gulpilil, Ningali Lawford, Myarn Lawford, Deborah Mailman, Jason Clarke, Kenneth Branagh

auch bekannt als „Long Walk Home“ (Kinotitel)

Hinweise

Moviepilot über „Der lange Weg nach Hause“

Metacritic über „Der lange Weg nach Hause“

Rotten Tomatoes über „Der lange Weg nach Hause“

Wikipedia über „Der lange Weg nach Hause“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Cinderella“ ist Aschenputtel

März 12, 2015

Die Geschichte von Aschenputtel (manchmal auch Aschenbrödel oder bei den Amis Cinderella) ist ja bekannt. Aber heute, wo gefühlt jedes Märchen mit einem anderen Schwerpunkt neu erzählt wird, fällt Kenneth Branaghs Version von Aschenputtel schon auf. Denn er erzählt das Märchen einfach noch einmal so, wie wir es aus unseren Kindertagen kennen. Nur die Tricktechnik ist besser als in den älteren Filmen.
Das ist, angesichts der zahlreichen mehr oder weniger missglückten Neuinterpretationen, schon etwas. Modernisierungen, wie „Maleficent – Die dunkle Fee“ (inspiriert von Dornröschen) oder „Snow White and the Huntsman“ (inspiriert von Schneewittchen), ließen einen oft kopfschüttelnd zurück. Da wurde die Geschichte aus der Sicht eines Nebencharakters erzählt und plötzlich war die böse Fee gar nicht mehr so böse, sondern nur noch eine strenge Mutter und die ganze Geschichte hatte nicht mehr die Prägnanz des Originals. Da wurde aus der Heldin eine veritable Actionheldin, die mit dem alten Märchen wenig, mit aktuellen Fantasy-Filmen viel zu tun hat und die natürlich alles das weg lässt, was wir am Original mochten.
Aber gleichzeitig fragte ich mich, warum Kenneth Branagh, der immerhin mit zwei Shakespeare-Neuinterpretationen, die allgemein abgefeiert wurden und damals William Shakespeare für viele Zuschauer erstmals erschloss, dieses Mal so konservativ vorgeht und er sich – ohne jede Not – zum willigen Erfüllungsgehilfen von Walt Disney degradieren lässt. Dieser konservative Ansatz macht dann auch „Cinderella“ zu einem Film für achtjährige Mädchen. Alles ist offensichtlich. Es gibt keinen Subtext, keine aktuellen Bezüge oder einen individuellen Zugriff auf die Geschichte. Es gibt nur die Geschichte von einem verschüchterten, passiven Mädchen, das sich in den Traumprinz verliebt und ihn am Ende, nachdem er sie im ganzen Land suchte, auch bekommt.
Diese sattsam bekannte Geschichte wird in prachtvollen Bildern, die im Luxus schwelgen und mit einigen bekannten Schauspielern (Cate Blanchett, Helena Bonham Carter, Stellan Skarsgard, Derek Jacobi) garniert, mit Liebe zum malerischen Detail, überraschungsfrei und, immerhin, erstaunlich kitschfrei erzählt. Denn allzuleicht hätte der Märchenfilm in eine jungmädchenhafte Schwärmerei ausarten können.

P1.43 (CINDE_003B_G - Payoff Poster (Blue Dress) (ONLINE DEBUT NOVEMBER))
Cinderella (Cinderella, USA 2015)
Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Chris Weitz
mit Lily James, Cate Blanchett, Richard Madden, Stellan Skarsgard, Holliday Grainger, Sophie McShera, Derek Jacobi, Helena Bonham Carter, Nonso Anozie, Ben Chaplin, Hayley Atwell
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Cinderella“
Moviepilot über „Cinderella“
Metacritic über „Cinderella“
Rotten Tomatoes über „Cinderella“
Wikipedia über „Cinderella“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA 2013)


TV-Tipp für den 30. März: Celebrity – Schön, reich, berühmt

März 30, 2014

3sat, 22.05

Celebrity (USA 1998, Regie: Woody Allen)

Drehbuch: Woody Allen

Der verheiratete Klatschreporter Lee (Kenneth Branagh als Woody-Allen-Ersatz) ist auf der Suche nach dem Glück in der Welt des Scheins.

Mediensatire, die Woody Allen mal wieder in Schwarzweiß drehte und bei der etliche Stars mitspielten.

mit Kenneth Branagh, Judy Davis, Joe Mantegna, Leonardo DiCaprio, Charlize Theron, Melanie Griffith, Winona Ryder, Hank Azaria, Famke Janssen, Bebe Neuwirth, Michael Lerner, Gretchen Mol, J. K. Simmons, Jeffrey Wright

Wiederholung: Montag, 31. März, 03.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Celebrity“

Wikipedia über „Celebrity“ (deutschenglisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Kriminalakte über Woody Allen


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