Neu im Kino/Filmkritik: „The Commuter“ Liam Neeson erlebt eine mörderische Zugfahrt

Januar 11, 2018

In diesem Fall sagt der Spruch „Wenn Ihnen ‚Unknown Identity‘, ‚Non-Stop‘ und ‚Run all Night‘ gefallen haben, wird ihnen ‚The Commuter‘ gefallen“ alles. Denn die vierte Zusammenarbeit von Regisseur Jaume Collet-Serra und Liam Neeson liefert, wieder einmal, gut abgehangenes Thriller-Entertainment mit einer ordentlichen Portion Action, einer vertrauten Geschichte, die mit etlichen überraschenden Twists hochenergetisch präsentiert wird und einem beachtlichen, spielfreudigem Ensemble. Neben Liam Neeson sind Vera Farmiga, Patrick Wilson, Sam Neill und Elizabeth McGovern in oft kleinen, aber wichtigen Rollen dabei.

Neeson spielt Michael MacCauley, einen glücklich verheirateten Ex-Polizisten, der seit zehn Jahren in Manhattan als Versicherungsmakler arbeitet und jeden Tag aus den Suburbs in die Millionenstadt pendelt. Diese Monotonie des täglichen Pendelns zeigt Jaume Collet-Serra in den ersten Minuten in einer schönen Montage, die auch als eigener Kurzfilm funktioniert. Am Ende ist klar: MacCauley ist ein ganz gewöhnlicher, unauffälliger Mann mit ganz gewöhnlichen Problemen.

Heute erlebt er allerdings einen echten Scheißtag. Weil er nicht genug Versicherungen verkauft, wird der Sechzigjährige fristlos entlassen. Damit sind auch all seine finanziellen Pläne in Richtung Haus und Uni-Ausbildung seines Sohnes obsolet.

Auf der Heimfahrt sitzt ihm im Pendlerzug eine Frau (Vera Farmiga), die er noch nie in diesem Zug gesehen hat, gegenüber. Denn, und das wissen alle Pendler, mit den Jahren kennt man, jedenfalls vom Sehen, all die anderen Passagiere, die tagtäglich mit einem die Strecke fahren. Sie fragt ihn, was er täte, wenn er für eine kleine Gefälligkeit, die nicht ungesetzlich sei, eine große Menge Geld bekäme. Zum Beispiel die 25.000 Dollar, die im Zug-WC versteckt seien und eine Anzahlung auf die 100.000 Dollar seien, die er am Ende bekäme. Dafür müsse er nur eine Person identifizieren, die ebenfalls im Zug sitzt und an einem bestimmten Bahnhof aussteigt.

Natürlich hält MacCauley Joannas hypothetische Frage zuerst für einen Scherz.

Natürlich sucht er auf der Zug-Toilette das Geld, findet es und steckt es ein. Dass er jetzt auch die andere Seite des Deals ausführen muss und dass Joanna und ihre Hintermänner darauf bestehen, zeigen sie ziemlich schnell. Gleich als Warnung töten sie einen Menschen. Und sie sind bereit, weitere Menschen, auch MacCauleys Familie, zu töten, um MacCauley an seine Seite des Deals zu erinnern. Ein Teil des Deals ist, dass MacCauley niemand über seine Situation und seine Aufgabe informieren darf.

Notgedrungen beginn der auf sich allein gestellte MacCauley in dem Zug die unbekannte Person zu suchen. Gleichzeitig will er herausfinden, warum sie für die Verschwörer so wichtig ist und welche Rolle er in der Verschwörung spielen soll.

Während sich einige Hintergründe der Verschwörung, jedenfalls für den Genrejunkie, ziemlich schnell herauskristallisieren, rätselt man bis zuletzt, wer die Person ist, die MacCauley identifizieren soll und warum sie so wichtig ist. Denn Collet-Serra besetzte den Zug durchgehend mit unbekannten Schauspielern, die sich durch ihr Verhalten mehr oder weniger verdächtig machen. Die bekannten Schauspieler übernehmen dagegen Rollen wie Ex-Kollege und Ehefrau von MacCauley.

The Commuter“ ist ein spannender Verschwörungsthriller mit etwas Old-School-Action, einem zugzerstörendem Finale, viel Suspense von der ersten bis zur letzten Minute und mehr als einem Hauch Hitchcock. Dabei gewinnen die Macher der bekannten Geschichte genug neue Facetten und überraschende Wendungen ab, um bis zum Ende der Zugfahrt glänzend und äußerst kurzweilig zu unterhalten. Das hohe Erzähltempo, die engagiert aufspielenden Schauspielern und die druckvolle Regie, die in hundert Minuten eine ziemlich verwickelte Geschichte erzählt, tragen dazu bei. Dass sie, vor allem natürlich die große Verschwörung, wenn man genauer darüber nachdenkt, wenig plausibel ist, stört nicht in diesem Moralstück.

Und ich werde jetzt garantiert nicht auf die Zugtoilette stürmen, um nach dem Briefumschlag mit Geld zu suchen…

The Commuter (The Commuter, USA/Großbritannien 2017)

Regie: Jaume Collet-Serra

Drehbuch: Byron Willinger, Philip de Blasi

mit Liam Neeson, Vera Farmiga, Patrick Wilson, Sam Neill, Elizabeth McGovern, Jonathan Banks, Florence Pugh, Andy Nyman, Killian Scott, Shazad Latif, Roland Moller, Kobna Holdbrook-Smith, Colin McFarlane

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Commuter“

Metacritic über „The Commuter“

Rotten Tomatoes über „The Commuter“

Wikipedia über „The Commuter“

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „Non-Stop“ (Non-Stop, USA 2013; ebenfalls mit Liam Neeson)

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „Run all Night“ (Run all Night, USA 2015; dito)

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „The Shallows – Gefahr aus der Tiefe“ (The Shallows, USA 2016)

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Neu im Kino/Filmkritik: Bricht Michael Fassbender „Das Gesetz der Familie“?

August 4, 2017

Seit Generationen leben die Cutlers in Gloucestershire mitten im Herzen von Postkartenengland und sie haben mit dieser Postkartenidylle nichts zu tun. Wie Kesselflicker leben sie in Wohnwagen, halten zusammen und sind Kriminelle, die alles klauen, was nicht niet und nagelfest ist. Sie sind auch Stammkunden bei der Polizei und tauschen regelmäßig ihren Wohnwagen gegen eine Gefängniszelle.

Colby Cutler (Brendan Gleeson) ist der unumstrittene Clanchef. Chad (Michael Fassbender) sein Sohn und Nachfolger. Allerdings ist er mit Kelly (Lyndsey Marshal), einer Frau aus dem Dorf, verheiratet und er hat zwei Kinder, die er richtig erziehen möchte. Dazu gehört auch, dass sein achtjähriger Sohn die Schule besucht. Er selbst besuchte nie eine Schule und ist Analphabet.

Chad will sogar aus der familiären Wohnwagensiedlung wegziehen und ein bürgerliches Leben beginnen.

In seinem Spielfilmdebüt „Das Gesetz der Familie“ porträtiert der TV- und Musikvideo-Regisseurs Adam Smith einen autoritär strukturierten Clan, der außerhalb der Gesellschaft lebt und die Dynamik innerhalb einer Vater-Sohn-Beziehung. Brendan Gleeson und Michael Fassbender überzeugen als Vater und Sohn. Und Fassbender hat man noch nie so entspannt gesehen, wie wenn er mit seinem Filmsohn zusammen herumalbert. Sie allein machen den Film sehenswert.

Allerdings plätschert der Film unentschlossen zwischen Familien- und Gangstergeschichte hin und her, spitzt den Vater-Sohn-Konflikt kaum zu und er hat eines der feigsten Enden der letzten Jahre. In den letzten Minuten beendet er nämlich nicht den Konflikt zwischen Chad und Colby, sondern weicht ihm aus. So als habe man bei einem Agatha-Christie-Krimi einfach die Minute, in der der Mörder enttarnt wird, weggelassen, weil der Autor keine Ahnung hatte, wer der Mörder ist und es ihm auch vollkommen egal ist, weil er damit zufrieden ist, alle Verdächtigen vorgeführt zu haben.

In diesem Moment sind all die durchaus vorhandenen Qualitäten des Films obsolet. Aus einem Familienporträt wird, – grundlos -, ein dicker Stinkefinger in Richtung Publikum.

Das Gesetz der Familie (Trespass against us, Großbritannien 2016)

Regie: Adam Smith

Drehbuch: Alastair Siddons

mit Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal, Georgie Smith, Kacie Anderson, Rory Kinnear, Sean Harris, Killian Scott, Barry Keoghan

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Gesetz der Familie“

Metacritic über „Das Gesetz der Familie“

Rotten Tomatoes über „Das Gesetz der Familie“

Wikipedia über „Das Gesetz der Familie“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. Februar: ’71 – Hinter feindlichen Linien

Februar 9, 2017

3sat, 23.00

71 – Hinter feindlichen Linien (’71, Großbritannien 2014)

Regie: Yann Demange

Drehbuch: Gregory Burke

Der junge englische Soldat Gary Hook muss 1971 noch nicht einmal sein Land verlassen, um mitten in einem Krieg zu landen. Damals herrschte in Nordirland Bürgerkrieg. Bei einem Routineeinsatz in Belfast wird Gary von seiner Einheit getrennt und er muss sich, zwischen allen Fronten, in einer Nacht zu seiner Einheit durchschlagen. Dabei weiß er nicht, wem er vertrauen kann.

Ein hochspannender, wortkarger Thriller, der bei der Berlinale gut ankam und dann doch nur eine DVD-Veröffentlichung erlebte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jack O’Connell, Paul Anderson, Richard Dormer, Sean Harris, Barr Keoghan, Martin McCann, Charlie Murphy, Sam Reid, Killian Scott, David Wilmot

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „’71“
Moviepilot über „’71“
Metacritic über „’71“
Rotten Tomatoes über „’71“
Wikipedia über „’71“ (deutsch, englisch)
Berlinale über „’71

Meine Besprechung von Yann Demanges „’71 – Hinter feindlichen Linien“ (’71, Großbritannien 2014)


DVD-Kritik: Eine Nacht in Belfast „’71“

August 20, 2015

Ich kann euch wirklich nicht sagen, warum „’71“ bei uns, nachdem er schon letztes Jahr auf der Berlinale im Wettbewerb seine Premiere hatte, von der Kritik gelobt wurde und eine spezielle Erwähnung bei der Vergabe des Preises der Ökumenischen Jury erhielt, nicht im Kino lief. Denn dass der Nordirland-Konflikt mit seinen unübersichtlichen Frontlinien bei uns nicht mehr so bekannt ist, kann es nicht sein. Eher schon, dass „’71“ sich etwas unglücklich zwischen Blockbuster-Unterhaltung und Arthouse-Kino positioniert. Aber das war bei „Herz aus Stahl“ (Fury, USA 2014) nicht wirklich anders.
In seinem Spielfilmdebüt (nach mehreren TV-Arbeiten) erzählt Yann Demange die Geschichte von Gary Hook (Jack O’Connell) und seinem ersten Einsatz in Belfast 1971. Gary ist ein junger englischer Soldat, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat. Er ist ein Waisenkind, das sich um seinen in einem Heim lebenden kleineren Bruder kümmert und der vor allem, wie viele junge Männer, wegen der gesicherten Arbeitsperspektive, Soldat wurde. Er hofft, nach der Ausbildung in Deutschland stationiert zu werden. Aber er und seine Kameraden werden nach Nordirland, mitten in den blutig geführten Bürgerkrieg, geschickt. Dort sollen sie die Polizei unterstützen. Aber schon ihr erster Einsatz geht schief: die Polizei agiert äußerst brutal, die Bevölkerung wirft Steine, ein Soldat wird kaltblütig erschossen und Gary wird von seiner Truppe getrennt. Auf der Flucht vor IRA-Männern, die auch ihn ermorden wollen, kann er sich in einer Toilette (yep, damals gab es noch Außentoiletten) verstecken. In der Nacht versucht er, mitten im Kriegsgebiet, zurück zu seiner Einheit zu kommen, während er von allen gesucht wird und er nicht weiß, wem er vertrauen kann. Denn fast niemand will ihm helfen.
An seiner Oberfläche ist „’71“ ein packender Kriegsthriller, der seine Geschichte vor allem durch seine die frühen Siebziger heraufbeschwörenden Bilder erzählt. Das ist insofern erstaunlich, weil Demange ein TV-Regisseur und Drehbuchautor Gregory Burke ein Theaterautor ist und beide daher vor allem mit wortlastigen Stoffen vertraut sind. In „’71“ gibt es allerdings nur wenige Dialoge, aber viel Action und einen geschickten Spannungsaufbau. Und es gelingt ihnen, die Ansichten der schon damals fast unüberschaubaren Zahl beteiligter Gruppen und Splittergruppen und die moralischen Dilemma, in die sie die plötzliche Anwesenheit eines Soldaten stürzt, aufzuzeigen.
So grandios der für keine der beteiligten Gruppen Partei ergreifende Film auch ist, so vernachlässigbar ist das Bonusmaterial. Etwas B-Roll und kurze, nicht sonderlich informative Interviews mit zwei Darstellern, die während des Drehs entstanden. Hätte man nicht wenigstens die Berlinale-Pressekonferenz oder Interviews mit dem Regisseur und dem Autor besorgen können?

71 - DVD-Cover

’71 – Hinter feindlichen Linien (’71, Großbritannien 2014)
Regie: Yann Demange
Drehbuch: Gregory Burke
mit Jack O’Connell, Paul Anderson, Richard Dormer, Sean Harris, Barr Keoghan, Martin McCann, Charlie Murphy, Sam Reid, Killian Scott, David Wilmot

DVD
Ascot-Elite
Bild: 2,39:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews mit Jack O’Connell und Jack Lowden, B-Roll, Trailer, Wendecover
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „’71“
Moviepilot über „’71“
Metacritic über „’71“
Rotten Tomatoes über „’71“
Wikipedia über „’71“ (deutsch, englisch)
Berlinale über „’71“ (die Pressekonferenz in voller Länge)


Neu im Kino/Filmkritik: Lieber Herr Pfarrer, „Am Sonntag bist du tot“

Oktober 23, 2014

Die ersten Minuten sind grandios: In einer langen, ungeschnittenen Szene ist die Kamera auf Brendan Gleeson gerichtet, der den irischen Dorfpriester James Lavelle spielt. Er sitzt im Beichtstuhl. Ein Gläubiger beichtet ihm, dass er als Kind von einem Geistlichen sexuell missbraucht wurde und dass er sich jetzt dafür rächen will, indem er eine Person umbringt, die nichts mit den damaligen Taten zu tun hat, die vollkommen edel ist und ein Repräsentant der Kirche ist. Der Beichtende sagt Lavelle, dass er ihn in einer Woche am Strand umbringen werde.
Was für ein Auftakt. Was für eine tolle Ausgangsidee – und wie wenig macht John Michael McDonagh (The Guard – Ein Ire sieht schwarz) daraus. Denn Lavelle, der den Beichtenden kennt, unternimmt in den folgenden Tagen nichts. Er verrichtet einfach seine gewohnte Seelsorgerarbeit bei seinen Schäfchen, die alle etwas speziell sind. Iren halt. Er wird von seiner Tochter besucht. Er besucht einen US-Schriftsteller, der auf einer Insel seine Bücher schreibt. Sie unterhalten sich über Gott und die Welt. Und immer wieder geht es um Schuld und Sühne, aber weil Lavelle nichts unternimmt, langweilt dieser Reigen für die Prämisse belangloser Episoden schnell. Denn sie sind einfach nur die Chronik einer x-beliebige Woche aus dem Leben eines Geistlichen. Weder regelt Lavelle seine Angelegenheiten, noch versucht er seinen Mörder, den er kennt, von der Tat abzuhalten. Lavelle akzeptiert die Nachricht von seinem Tod so, wie andere Menschen die Nachricht, dass kommende Woche das Heizöl geliefert wird, akzeptieren.
Diese überwältigende Schicksalergebenheit Lavelles, der als wahrer Gläubiger klaglos das ihm von Gott auferlegte Schicksal gleichgültiger als Jesus akzeptiert, ist als dramaturgische Idee, die die Todesankündigung und das damit verbundene potentielle Drama total sabotiert, zwar interessant, aber für mich funktionierte sie nicht.
Da können auch die guten Schauspieler und einzelne gute Szenen nichts ausrichten.

Am Sonntag bist du tot - Plakat

Am Sonntag bist du tot (Calvary, Irland 2014)
Regie: John Michael McDonagh
Drehbuch: John Michael McDonagh
mit Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen, Dylan Moran, Isaach De Bankolé, M. Emmet Walsh, Marie-Josée Croze, Domhall Gleeson, David Wilmot, Killian Scott, Orla O’Rourke, David McSavage, Pat Shortt, Gary Lydon, Owen Sharpe
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Am Sonntag bist du tot“
Moviepilot über „Am Sonntag bist du tot“
Metacritic über „Am Sonntag bist du tot“
Rotten Tomatoes über „Am Sonntag bist du tot“
Wikipedia über „Am Sonntag bist du tot“
Meine Besprechung von John Michael McDonaghs „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ (The Guard, Großbritannien/Irland 2010)

Und ein ausführliches DP/30-Interview mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller


DVD-Kritik: „Jack Taylor“, Trinker, Privatdetektiv, Galway

Januar 10, 2014

Als 2001 der erste Jack-Taylor-Roman „The Guards“ von Ken Bruen erschien, wurde er in der angloamerikanischen Krimigemeinde euphorisch aufgenommen. „The Guards“ und der Folgeband „The Killing of the Tinkers“ räumten die wichtigen Krimipreise ab. Unter anderem Edgar- und Anthony-Nominierungen, Shamus- und Macavity-Gewinner. Seinen zweiten Shamus erhielt er für „The Dramatist“.

Und obwohl es auch in Deutschland schon damals einige bekennende Ken-Bruen-Fans gab, erschien erst 2009 die Übersetzung von „The Guards“ als „Jack Taylor fliegt raus“. Übersetzt von Harry Rowohlt, einem der wenigen Übersetzer, dessen Name es auch auf den Buchumschlag schafft und der Käufer anlockt. Dummerweise ist er auch ein Übersetzer mit einem beträchtlichen Ego und entsprechend umstritten sind die Übersetzungen; – wobei die echten Ken-Bruen-Fans seine Noirs eh im Original lesen, weil seine lyrisch-knappe Sprache eben nur im Original (auch wenn man nicht jede Anspielung und jedes Wortspiel versteht) ihren wirklichen Reiz entfaltet. Die Geschichten sind nebensächlich. Denn in einem Jack-Taylor-Roman geht es immer um Jack Taylor, Ex-Polizist, Trinker, Privatdetektiv, der seine Fälle nicht löst, weil er gut ermittelt, sondern trotz seiner Ermittlungen. Er ist ein herumstreifendes Katastrophengebiet, das sich bevorzugt auf die heiligen Kühe von Galway stürzt: Schwäne, die Kirche (die späteren Taylor-Romanen sind undenkbar ohne die Religion; in „The Devil“ trifft er sogar den Leibhaftigen) und den Hass gegen die Tinker, dem herumfahrenden Volk, das dort ungefähr so beliebt ist, wie bei uns die Sinti und Roma (beziehungsweise früher Zigeuner). Seine Freunde sind letztendlich die lesbische Polizistin Ridge, der zum Zen-Meister halbwegs konvertierte Drogenhändler Stewart und Father Malachy, seine Nemesis, Fluch seines Lebens und enger Freund von Jack Taylors Mutter.

Für die Verfilmung durfte Jack Taylor erstaunlich viele Ecken und Kanten behalten. Trotzdem wurde einiges geändert. So hat Taylor in der TV-Serie zwar auch eine Freundin bei der Polizei. Aber seine Vertraute bei der Polizei, Kate Noonan, erscheint nicht besonders lesbisch, eher schon asexuell. Und Cody ist als Privatdetektiv-begeisterter Jüngling, der in der Serie immer dabei ist, der typische Sidekick des Helden, der vor allem die Laufarbeit erledigen darf und mehr schlecht als recht die Detektei von Jack Taylor am Laufen hält.

Außerdem wurden, was bei den Taylor-Fans von der Insel für Kritik sorgte, die Innenaufnahmen in Bremen im Studio gedreht, weil auch die deutsche Firma Molten Rock Media mitproduzierte und es einen Zuschuss von Nordmedia gab. Und mit den Dialekten scheint es auch zu hapern, aber das kann auf der jetzt veröffentlichten DVD-Box mit den ersten sechs Jack-Taylor-Filmen nicht überprüft werden, weil auf die englische Tonspur verzichtet wurde.

Aber der wichtigste Unterschied zwischen Bruens Romanen und den Verfilmungen ist, dass in den Romanen der Ich-Erzähler Jack Taylor der Dreh- und Angelpunkt der Geschichten ist, die vor allem Charakterstudien sind und Taylor die Fälle normalerweise nicht aufgrund eigener Ermittlungen löst. Ken Bruen meinte mal: „He is the world’s worst detective. Cases get solved not because of him but despite him.“

Für die Verfilmungen wurde das geändert. Die Geschichten sind geradliniger und konventioneller, aus verschiedenen Perspektiven erzählt (obwohl Ken Bruen in den späteren Jack-Taylor-Romanen mit verschiedenen Perspektiven experimentiert) und Taylor ist der Ermittler, der die Fälle löst. In den Filmen werden die Fälle wegen Jack Taylor gelöst.

Und natürlich fehlt, auch wenn es etwas Voice-Over gibt und Dialoge übernommen wurden, Ken Bruens knappe, schwarzhumorig-lakonische Sprache, die Zitate und die Leselisten der Leseratte Jack Taylor, die veritable Einkaufslisten sind.

In „Der Ex-Bulle“ soll er ein spurlos verschwundenes Mädchen suchen. Weil kurz vorher vier Mädchen, deren Leichen aus dem Wasser gezogen wurden, sich angeblich selbst umbrachten, befürchtet Taylor, dass bald eine fünfte Wasserleiche gefunden wird.

In „Auge um Auge“ gerät Jack Taylor an die Pikemen, eine Bürgerwehr, die Verbrecher, die vor Gericht nicht verurteilt wurden, final bestraft.

In „Gefallene Mädchen“ wühlt Jack Taylor in der Vergangenheit von Galway. Denn er soll eine Nonne finden, von der er nur ihren Spitznamen „Lucifer“ kennt, und die in einem Magdalenen-Heim, in dem „Gefallene Mädchen“ wieder auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden sollten, ein besonders drakonisches Regime führte.

In „Königin der Schmerzen“ beauftragt ein sich merkwürdig verhaltender Literaturprofessor Jack Taylor den Tod einer Studentin aufzuklären. Am Ende gerät Taylors Freundin Kate Noonan in Lebensgefahr.

In „Tag der Vergeltung“ wird Father Royce, der lange in den USA war, ermordet. Father Malachy möchte, dass Taylor den Fall aufklärt. Denn Father Royce verging sich an Messdienern – und das könnte das Motiv sein.

In „Das schweigende Kind“ wird Jack Taylor von einem Tinker-Clan beauftragt, den Mörder von Rosies Mutter zu finden. Rosie, die den Mord beobachtete, schweigt und die Polizei interessiert sich nicht sonderlich für diesen Streit unter Tinkern.

Letztendlich sind die Jack-Taylor-Filme ordentliche Privatdetektiv-Filme mit einem kantigen Helden und Fällen, die sich tief in die unschönen Seiten der irischen Geschichte begeben. Aber die Bücher sollte man trotzdem lesen. Denn sie sind etwas ganz anderes.

Die DVD-Ausgabe

Eigentlich ist die deutsche DVD-Ausgabe der ersten sechs Jack-Taylor-Filme ein Fall für die Mülltonne. Denn es gibt keine Untertitel und keinen Originalton. Beides gehört für mich zur Standardausstattung.

Es gibt Interviews mit Hauptdarsteller Iain Glen, Noonan-Darstellerin Nora Jane Noone, Cody-Darsteller Killian Scott, Regisseur Stuart Orme, Produzent Ralph Christians, Drehbuchautor Marteinn Thorisson und Kameramann John Conroy, teils untertitelt, teils mit Voiceover, teilweise auch ohne Nennung des Interviewten.

Nein, einen besonders liebevollen Eindruck hinterlässt die „Jack Taylor“-Box nicht.

Dummerweise sieht die Situation in anderen Ländern nicht viel besser aus. In England gibt es nur die ersten drei Filme auf DVD.

Es gibt außerdem eine „Complete Collection One & Two“ mit den ersten fünf Fällen. Denn „Das schweigende Kind“ wurde bislang in Irland noch nicht gezeigt.

Jack Taylor - DVD-Cover - 4

Jack Taylor (Irland 2010/2011/2013)

mit Iain Glen (Jack Taylor), Nora Jane Noone (Kate Noonan), Killian Scott (Cody), Frank O’Sullivan (Superintendent Clancy), Paraic Breathnach (Father Malachy)

DVD

Edel

Bild: Pal 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interviews mit den Darstellern und Machern der Serie

Länge: 540 Minuten (6 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Jack Taylors Ermittlungen

Der Ex-Bulle (The Guards, Irland 2010)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Tom Collins, Anne McCabe, Ralph Christians

LV: Ken Bruen: The Guards, 2001 (Jack Taylor fliegt raus)

Auge um Auge (The Pikemen, Irland 2011)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

Gefallene Mädchen (The Magdalen Martyrs, Irland 2011)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

LV: Ken Bruen: The Magdalen Martyrs, 2002 (Jack Taylor fährt zur Hölle)

Königin der Schmerzen (The Dramatist, Irland 2013)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marcus Fleming

LV: Ken Bruen: The Dramatist, 2004 (Ein Drama für Jack Taylor)

Tag der Vergeltung (Priest, Irland 2013)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

LV: Ken Bruen: Priest, 2006 (Jack Taylor und der verlorene Sohn)

Das schweigende Kind (Cross; Shot Down, Irland 2013)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

LV: Ken Bruen: Cross, 2007 (Jack Taylor auf dem Kreuzweg)

Die Jack-Taylor-Romane

1) Jack Taylor fliegt raus (The Guards, 2001)

2) Jack Taylor liegt falsch (The Killing Of The Tinkers, 2002)

3) Jack Taylor fährt zur Hölle (The Magdalen Martyrs, 2003)

4) Ein Drama für Jack Taylor (The Dramatist, 2004)

5) Jack Taylor und der verlorene Sohn (Priest, 2006)

6) Jack Taylor auf dem Kreuzweg (Cross, 2007)

7) Jack Taylor gegen Benedictus (Sanctuary, 2008)

8) Jack Taylor geht zum Teufel (The Devil, 2010)

9) Ein Grabstein für Jack Taylor (Headstone, 2011)

10) Purgatory, 2013

Hinweise

Homepage zur TV-Serie

ZDF über Jack Taylor (und, unschöner, hier)

Wikipedia über die Jack-Taylor-Filme

Thrilling Detective über Jack Taylor

Deutschsprachige Ken-Bruen-Seite (Atrium-Verlag)

Homepage von Ken Bruen

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Ken Bruen in der Kriminalakte


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