Neu im Kino/Filmkritik: Die hochkarätig besetzte Patricia-Highsmith-Verfilmung „Die zwei Gesichter des Januars“

Mai 30, 2014

Mit „Der Fremde im Zug“ hatte Patricia Highsmith einen glänzenden Start ihrer Karriere. Immerhin wurde ihr erster Roman von Alfred Hitchcock verfilmt. Der Film und die Vorlage, die mir besser als der Film gefällt, sind heute Klassiker. In den folgenden Jahren wurden weiterer ihrer Romane verfilmt. Besonders die Geschichten mit Tom Ripley sind bei Filmemachern beliebt. Mal wurden sie in die Gegenwart verlegt, mal nicht.
Jetzt ist mit „Die zwei Gesichter des Januars“ eine weitere Patricia-Highsmith-Verfilmung im Kino, die durchgängig vom Patina der Vergangenheit umweht ist. In Athen besucht Chester MacFarland mit seiner Frau Colette 1962 die Akropolis. Der reiche Geschäftsmann entdeckt dabei einen jungen Reiseführer, den sie kurz darauf in einem Café wieder sehen. Es ist Rydal Keener. Ebenfalls ein Amerikaner, der hier einen mehr als ausdehnten Sommer verbringt und sich als Reiseführer und mit kleineren Betrügereien sein Geld verdient. Chester engagiert ihn als ihre Begleitung für die nächsten Tage.
Das könnte eine nette kleine Urlaubsepisode bleiben, wenn Chester nicht eines Abends in seinem Hotelzimmer von einem Privatdetektiv, der ihn im Namen von einigen vermögenden Gläubigern verfolgte, zur Rede gestellt würde. Am Ende des Gesprächs ist der Detektiv, durch einen unglücklichen Unfall, tot und als Chester die Leiche verschwinden lassen will, wird er von Rydal entdeckt.
Ab jetzt ist das ungleiche Betrügertrio auf der Flucht. Denn Rydal wittert ein gutes Geschäft und er hat auch ein Auge auf Colette geworfen.
„Die zwei Gesichter des Januars“ ist das Regiedebüt von Hossein Amini, der bislang die Drehbücher für die Henry-James-Verfilmung „Die Flügel der Taube“, die A.-E.-W.-Mason-Verfilmung „Die vier Federn“, die Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot – Gnadenlose Jagd“, die James-Sallis-Verfilmung „Drive“, die modernisierte Schneewittchen-Variante „Snow White and the Huntsman“ und die demnächst startende John-le-Carré-Verfilmung „Our Kind of Traitor“ (Verräter wie wir) schrieb.
Sein Drehbuch sprach dann auch Viggo Mortensen, Kirsten Dunst und Oscar Isaac, der zuletzt in „Inside Llewyn Davis“ als glückloser Musiker überzeugte, an. Denn es verlässt sich auf die Schauspieler und die Dynamik innerhalb des mehr als halbseidenen Trios. Vieles wird nicht gesagt. Fast immer entsprechen ihre Worte nicht ihren Absichten und Amini will überhaupt nicht alles erklären. Immerhin hat er mit Mortensen, Dunst und Isaac drei gute Schauspieler, die auch schweigend viel sagen können. Dazu kommt noch die zauberhafte Landschaft. Gedreht wurde unter anderem auf Kreta, in Athen und Istanbul an Orten, die sich in den verganenen fünfzig Jahren nicht veränderten.
Insgesamt wirkt „Die zwei Gesichter des Januars“ wie ein in den frühen Sechzigern, kurz nach „Nur die Sonne war Zeuge“, gedrehter Kriminalfilm.
P. S.: 1985 entstand eine deutsche Verfilmung des Romans. Regie bei „Die zwei Gesichter des Januar“ (auf das „s“ wurde verzichtet) führte Wolfgang Storch, der zusammen mit Karl Heinz Willschrei das Drehbuch schrieb. Charles Brauer, Yolande Gilot und Thomas Schücke spielten mit und mir gefiel der Film, als ich ihn vor Jahren sah. Er müsste endlich mal wieder im TV gezeigt werden.

Die zwei Gesichter des Januars - Plakat - 4

Die zwei Gesichter des Januars (The two Faces of January, Großbritannien/USA/Frankreich 2014)
Regie: Hossein Amini
Drehbuch: Hossein Amini
LV: Patricia Highsmith: The two Faces of January, 1964 (Unfall auf Kreta, Die zwei Gesichter des Januars)
mit Viggo Mortensen, Kirsten Dunst, Oscar Isaac, Daisy Bevan, Omiros Poulakis, David Warshofsky
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die zwei Gesichter des Januars“
Moviepilot über „Die zwei Gesichter des Januars“
Metacritic über „Die zwei Gesichter des Januars“
Rotten Tomatoes über „Die zwei Gesichter des Januars“
Wikipedia über „Die zwei Gesichter des Januars“

Die Londoner Pressekonferenz vom 13. Mai 2014 zum Film mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ und revolutioniert das Nachrichtenfernsehen zum Boulevard

Januar 30, 2014

Damit hat niemand gerechnet. Ron Burgundy ist zurück. Einige dürften ihn noch von seinem ersten Spielfilmauftritt „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“ kennen. Da war er der Nachrichtensprecher eines Lokalsenders in San Diego und der ungekrönte König der Stadt, bis die junge Reporterin Veronica Corningstone kam, die nicht nur Ambitionen auf seinen Sprecherposten hatte, sondern ihm auch intellektuell haushoch überlegen war. Der tumbe Macho Burgundy und seine ebenso dummen Mitarbeiter kämpften mit allen Mitteln gegen sie, aber letztendlich konnten sie den Fortschritt nicht aufhalten und am Ende hatten sie sogar gelernt, dass auch Frauen Nachrichtensprecherinnen und echte Journalistinnen sein können. Außerdem verliebten Burgundy und Corningstone sich ineinander. Mit dem Filmende der liebevollen und kurzweiligen, aber auch sehr nachlässig erzählten Siebziger-Jahre-Gagparade war die Geschichte von Burgundy, Corningstone und dem „Action-4-News-Team“ zu Ende erzählt. Fortsetzung überflüssig.

Nun, irgendwie doch nicht. In den USA scheint der von Will Ferrell gespielte Charakter sehr beliebt zu sein. Also wurde nach einem Jahrzehnt die alte Bande wieder zusammengerufen, etliche Stars absolvieren einen Kurzauftritt und eine weitere Ron-Burgundy-Geschichte wird erzählt. Wir haben jetzt 1980. Burgundy und seine Frau Veronica Corningstone sind in New York und präsentieren gemeinsam eine Nachrichtensendung, bis Burgundy wegen erwiesener Unfähigkeit gefeuert wird und seine Frau aufsteigt. Mitten in seiner Depri-Phase (wir erinnern uns an den ersten „Anchorman“-Film) erhält er ein Angebot, das er nicht absagen kann: Kench Allenby (ein Klon aus Ted Turner, Rupert Murdoch und viel Richard Branson) baut den neuen Fernsehsender GNN auf, der 24 Stunden Nachrichten ausstrahlen soll. Eine bescheuerte Idee, findet jeder, aber Burgundy und seine alte Gang, das „Action-4-News-Team“, sind dabei und zielsicher steuert er die No-Gos an, die sich als zukunftsweisend entpuppen sollen. Bei ihm gibt es keine Berichte über Politik und wichtige Ereignisse, sondern substanzloses Geplauder über die schönen und alltäglichen Seiten des amerikanischen Alltags oder eine mehrstündige Live-Schaltung zu einer Autoverfolgungsjagd oder sie probieren vor laufender Kamera die angesagte Droge Crack aus. Kurz: Dinge, die keine Nachrichten sind, werden als Nachrichten verkauft und Burgundy erfindet das heutige Fernsehen.

Genau in diesem Moment wird „Anchorman 2“ zu einem Film, der immer wieder an seiner eigenen Haltungslosigkeit scheitert. Im ersten Film wurde auch erzählt, wie Frauen in eine Macho-Bastion einbrechen und am Ende hat Burgundy (und seine Freunde) gelernt, dass auch Frauen in ihrem Beruf ihre Berechtigung haben. Der Macho, das hirnlose Alpha-Männchen, wird zu einem besseren Mann – und wir konnten, mit den Schauspielern, über die damalige Zeit lachen. Das war ein schöner, nostalgischer Trip, der auch durchaus gelungen damalige Filme parodierte.

In „Anchorman 2“ erfindet eben dieser Trottel das heutige Nachrichtenfernsehen, in dem Boulevard-Meldungen und Pseudo-Nachrichten wichtiger sind als Aufklärung und klassischer Journalismus – und wir sollen es gut finden. Während „Anchorman“ noch eine durchaus fortschrittliche Botschaft hatte, ist „Anchorman 2“ durch und durch konservativ bis reaktionär. Denn wir sollen, im Gegensatz zum ersten „Anchorman“, einen Haufen Idioten bewundern und ihre Leistungen für das Nachrichtenwesen gut finden. Sogar Veronica Corningstone, die immer eine echte Journalistin werden wollte, ergibt sich dem Charme der Nicht-Nachrichten. Sie verrät alles, wofür sie bisher stand und was ihr wichtig war, während aus dem Trottel Burgundy der unumstrittene Held und Prophet wird, der niemals kritisch hinterfragt wird. Von Demontage, wie im ersten „Anchorman“-Film, wollen wir überhaupt nicht reden. Genau dieser – von den Machern vielleicht nicht beabsichtigte – Subtext vermieste mir den ganzen Film.

Da helfen dann auch nicht mehr die hübsch geschmacklosen Klamotten, etliche gelungen Gags (aber es gibt auch misslungene Gags und Leerlauf) und Reminiszensen an den ersten Film, der auch in erster Linie als Gagparade funktionierte.

Anchorman 2 - Teaser

Anchorman – Die Legende kehrt zurück (Anchorman 2: The Legend continues, USA 2013)

Regie: Adam McKay

Drehbuch: Adam McKay, Will Ferrell

mit Will Ferrell, Steve Carell, Paul Rudd, David Koechner, Christina Applegate, Meagan Good, James Marsden, Josh Lawson, Kristen Wiig, Dylan Baker, Judah Nelson, Greg Kinnear, Harrison Ford, Sacha Baron Cohen, Marion Cotillard, Will Smith, Kirsten Dunst, Jim Carrey, Steve Coulter, Tina Fey, Liam Neeson, John C. Reilly, Vince Vaughn, Kanye West (das meiste sind Cameos und sicher hab ich einige vergessen)

Länge: 119 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Moviepilot über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Metacritic über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Rotten Tomatoes über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“

Wikipedia über „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ (deutsch, englisch)


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