Neu im Kino/Filmkritik: „Er ist wieder da“ und die Massen jubeln

Oktober 8, 2015

Der Adolf ist wieder da. Also, für alle, die ihm begegnen, ist er nicht der echte Adolf Hitler. Denn der ist ja seit 1945 tot. Heute, 2015, kann es sich daher nur um einen Spinner oder einen Komiker, der Method Acting auf die Spitze treibt, handeln. Allerdings, und das ist die ziemlich grandiose (wenn auch nicht neue) Prämisse von Timur Vermes‘ Bestseller und jetzt David Wnendts freier Verfilmung des Buches, ist dieser Adolf Hitler der echte Adolf Hitler, der plötzlich aus dem Nichts in Berlin auftaucht, sich über die Gegenwart wundert und, nachdem ein notleidender TV-Reporter ihn durch ganz Deutschland begleitete und filmte, schnell als Komiker durch die Sender gereicht wird. Ein großer Teil des Humors entsteht aus dem Aufeinandertreffen von Hitler, seinen Ansichten und der deutschen Gegenwart, die ganz anders ist als das Deutschland, das er kannte.
Dazu gibt es eine ziemlich gelungene Mediensatire über die Kämpfe in einem Sender und die Reaktionen auf der Straße und in TV-Shows auf Adolf Hitler. Seinen ersten Auftritt vor einem großen Publikum hat er mit einer improvisierten Rede über das Fernsehen in der fiktiven Privatsender-Show „Krass Alter“ mit Michael Kessler als Moderator. Danach tritt Hitler bei Frank Plasberg, Jörg Thadeusz und im Circus HalliGalli, im lockeren Gespräch mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, auf.
Und dann gibt es noch, während des gesamten Films, viele Begegnungen von Adolf Hitler auf der Straße mit ganz normalen Menschen. Sie wollen vor dem Brandenburger Tor ein Selfie mit ihm machen. Sie reagieren, wenn er seine Wäsche in einer Wäscherei abgibt, überhaupt nicht; – was auch an dem typischen Berliner Leben-und-leben-lassen-Einstellung liegt. Und sie stimmen Hitlers Ansichten zu. Teilweise ungefragt; – was aber niemand, der schon einmal mit ganz normalen Menschen sprach oder an einem Wahlkampfstand den Tiraden der Wähler lauschte, erstaunt. Diese dokumentarischen Teile, in denen Hitler-Darsteller Oliver Masucci in seiner Rolle improvisieren musste, verleihen der Satire dann auch eine realistische Grundierung, die auf den gesamten Film abfärbt. Denn auch in den anderen Teilen wirken die Dialoge immer natürlich und die Schauspieler stolpern nicht steif durch das Bild oder versuchen krampfhaft witzig zu sein. Am Ende ist kaum noch zu erkennen, was im Drehbuch stand und was improvisiert ist und dann radikal zusammengeschnitten wurde. So hatte Wnendt nachdem er im Sommer 2014 mit Masucci als Hitler und einem kleinen Team durch Deutschland gefahren war, 380 Stunden Filmmaterial, das für den Film auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurde.
Allerdings erzählt „Er ist wieder da“ auch nichts, was man nicht schon in anderen Satiren oder Mockumentaries, wie „Borat“ oder „Muxmäuschenstill“, gesehen hat. In der kleinen Independent-Produktion „Muxmäuschenstill“ brauchten Regisseur Markus Mittermaier und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg vor elf Jahren für ihre Bestandsaufnahme der deutschen Wirklichkeit keinen Hitler-Wiedergänger, sondern nur einen biederen jungen Mann im Anzug, der als selbsternannter Blockwart für Ideale und Verantwortungsbewusstsein auf die Straße ging und die Massen begeisterte.
Insgesamt ist „Er ist wieder da“, angesichts der vielen Fallen des Themas, ein überraschend gelungener Film, der allerdings mit zwei Stunden für eine satirische Mockumentary zu lang geraten ist. Zu oft plätschert Wnendts Film ziellos vor sich hin, indem er einfach die Ereignisse chronologisch und ohne dramaturgischen Fokus erfasst. Da hätte ich mir eine stärkere Zuspitzung gewünscht. Immerhin gibt Katja Riemann eine beängstigend glaubwürdige Mischung aus Eva Braun und Leni Riefenstahl ab und das Ende, wenn Hitler über seine Zukunft sinniert, während wir Bilder aus aktuellen Nachrichtensendungen sehen, ist eine eindeutige Warnung.

Er ist wieder da - Plakat

Er ist wieder da (Deutschland 2015)
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Mizzi Meyer
LV: Timur Vermes: Er ist wieder da, 2012
mit Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Marria Herbst, Katja Riemann, Franziska Wulf, Lars Rudolph, Michael Kessler, Michael Ostrowski, Gudrun Ritter, Christoph Zrenner, Frank Plasberg, Jörg Thadeusz, Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Er ist wieder da“
Film-Zeit über „Er ist wieder da“
Moviepilot über „Er ist wieder da“
Wikipedia über „Er ist wieder da“
Perlentaucher über „Er ist wieder da“
Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (Deutschland 2012)
Meine Besprechung von David Wnendts „Feuchtgebiete“ (Deutschland 2013)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Freiland“ ist Murks

August 6, 2014

Der Film zur Lage der Nation“ (Plakat) und eine „bitterböse Anarcho-Satire“ (Presseheft) ist „Freiland“ nicht.

Dafür zeigt „Freiland“ fast schon exemplarisch, wie man eine Satire (falls er das jemals sein sollte) und auch einen Film nicht machen sollte. Denn Autor und Regisseur Moritz Laube gelingt es in seinem ersten Spielfilm niemals, auch nur irgendeine Haltung zu seinem Thema (soweit es überhaupt erkennbar ist) zu entwickeln. „Freiland“ ist bestenfalls eine chronologisch erzählte Materialsammlung. Wahrscheinlich dachte Laube, dass es reicht die Unzufriedenheit der Bevölkerung über den Staat und die Wirtschaft (damals Occupy, heute wohl eher die Montagsdemonstrationen), die Idee einen eigenen Staat zu gründen (was in Ostdeutschland ja von einigen durchgeknallten Reichsdeutschen gemacht wird) und das Leben in einer Landkommune (was die 68er ja mehr oder weniger herrschaftsfrei gemacht haben) zusammenzuklatschen und schon hat man einen Film, der noch dadurch, dass die Schauspieler improvisieren durften, an Bedeutung gewinnt.

Stimmt nicht. Man sollte sich vorher auch Gedanken darüber machen, was man sagen will. Also was die Botschaft ist oder was man analysieren möchte. Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ ist ein exzellentes Beispiel für dieses Kino mit einer politischen Botschaft. Schon der Titel ist eine Kampfansage. Der Film ebenso und er wurde anschließend vor allem politisch diskutiert. Für die deutsche Schwulenbewegung ist der Film einer der wichtigen Eckpunkte. Auch Marcus Mittermeiers „Muxmäuschenstill“ hat eine klare politsche Botschaft und es ist eine äußerst gelungene Satire auf den deutschen Spießbürger, der als selbsternannter Gesetzeshüter kleinste Ordnungswidrigkeiten drakonisch bestraft.

Eine solche Haltung fehlt „Freiland“. Sogar die Idee einer Haltung oder politischen Agenda fehlt „Freiland“. Das könnte als Spiegel der Occupy-Bewegung, die gerade an dieser Haltungslosigkeit scheiterte, natürlich die Filmgeschichte vorantreiben.

Aber nachdem Lehrer Niels Deboos (Aljoscha Stadelmann) in den ersten Minuten versuchte, seine Schüler zum Engagement zu begeistern und mit ihnen eine Occupy-Demonstration vor dem Reichstag besuchte, die dann mit schlagenden Polizisten zu einer „Stuttgart 21“-Travestie wird und er Christian Darré (Matthias Bundschuh), den Autor eines Buches über das autonome Leben abseits des dem Untergang geweihten Kapitalismus, auf das öde ostdeutsche Land entführt, wird Occupy links liegen gelassen.

Dort will er die Ideen von Darrés Buch Wirklichkeit werden lassen und weil ein deutscher Lehrer immer einen Lehrer braucht, soll ihm der Visionär Darré helfen. Die Beiden gründen in einem verlassenem Herrschaftshaus ihren Staat. Einige Freiwillige, die dort irgendeine diffuse Utopie verwirklichen wollen, kommen zu ihnen – und jetzt könnte man verschiedene Utopien und Vorstellungen des Zusammenlebens ansprechen. Auch warum die herrschaftsfreien Landkommunen in der Vergangenheit so schnell scheiterten.

Aber es gibt absolut keine Analyse der Machstrukturen und der Dynamik innerhalb von Gruppen. Sowieso bleiben die Mitbewohner von Deboos und Darré austauschbare Staffage. Wir wisen nichts über sie. Sie interessieren uns nicht und als irgendwann ein Bewohner die Kommune verlässt, wissen wir nicht, warum er sie verlässt.

Die Utopie des Zusammenlebens außerhalb der kapitalistischen Bundesrepublik erschöpft sich sowieso in einem blinden Nachahmen der bekannten Strukturen auf dem Niveau eines Operettenstaates, inclusive verordnetem Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern (wegen der Kinder für den Staat) und Propaganda über eine drohende Invasion von verarmten Deutschen nach Freiland, die von den Freiland-Bewohnern auch blind geglaubt wird. Immerhin campieren Deutsche vor den Toren von Freiland.

Über die beiden Staatsgründer erfahren wir auch nichts. Vor allem nicht, welche Gesellschaftsutopie sie haben. Deshalb wissen wir auch nicht, welche Utopie scheitert. Meistens kümmern sie sich um die normale Versorgung der Bewohner mit Lebensmitteln; also den reinen Kampf ums Überleben, der halt im nächsten Kaufhaus entschieden wird. Denn Landwirtschaft, was ja zu einem autarken Leben führen könnte, wird nicht betrieben. Auch keine ökologisch verträgliche Energieversorgung. Warum Darré sein gesamtes Vermögen investiert, obwohl er doch jederzeit abhauen könnte, bleibt auch unklar. Immerhin war die Staatsgründung nicht seine Idee.

Freiland“ ist ein pseudo-politischer Film von einem vollkommen unpolitischen Filmemacher. Wahrscheinlich sagte sich der 1979 geborene Laube: „Ich will irgendetwas relevantes machen.“ und damit trifft „Freiland“ erschreckend genau den Zeitgeist der Jugend: sie haben keine Utopie, keine Vorstellung von einer Gesellschaft und anstatt die Gesellschaft zu verändern, reden sie, mit einem schlecht verdautem Uni-Seminar im Hinterkopf, vermeintlich herrschaftsfrei darüber. Das war bei der Occupy-Bewegung so. Das ist bei der Piratenpartei so. Das ist bei den jungen Politikern so, bei denen man oft erst aus dem Kleingedruckten erfährt, in welcher Partei sie sind.

Und mit „Freiland“ gibt es jetzt einen sich politisch gebenden unpolitischen Film, den die Welt nicht braucht.

Freiland - Plakat

 

Freiland (Deutschland 2013)

Regie: Moritz Laube

Drehbuch: Moritz Laube

mit Aljoscha Stadelmann, Mattthias Bundschuh, Stephan Grossmann, Henrike von Kuick, Bruno Cathomas, Klaas Heufer-Umlauf

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Freiland“

Film-Zeit über „Freiland“

Moviepilot über „Freiland“

Freitag/Achtung Berlin: Interview mit Moritz Laube zum Film


Neu im Kino/Filmkritik: „GrossStadtKlein“ umschifft alle Konflikte

August 15, 2013

Beginnen wir mit dem Positiven: ich war während des gesamten Films amüsiert, weil die meisten Szenen in sich gelungen waren und die Schauspieler allesamt sympathisch sind.

Dummerweise ergibt das keinen Film, sondern eine Ansammlung von Szenen und, mit zunehmender Laufzeit, einem Gefühl von großer, fast schon unendlicher Leere. Denn in „GrossStadtKlein“ kämpfen Menschen bestenfalls mit Scheinkonflikten und ausgedachten Problemchen in einem ortlosen Nirgendwo. Dabei brauchen wir für eine kraftvolle Geschichte echte, nachvollziehbare, schwer lösbare Konflikte (also genau das, was wir in unserem normalen Leben nicht mögen) und wir brauchen einen Protagonisten, der ein für ihn schwer zu erreichendes Ziel unbedingt erreichen möchte und es auf dem Weg dorthin große Hindernisse, zahlreiche Konflikte und schwierige Entscheidungen gibt.

Aber in „GrossStadtKlein“ gibt es nur nette Menschen und die heile Welt. In der Kleinstadt und in der Großstadt, die einerseits als gegensätzliche Lebenswelten dargestellt werden könnten, aber schon im Titel in einem Wortspiel zusammengefügt werden.

Unser Held Ole lebt im nordöstlichsten Zipfel von Mecklenburg-Vorpommern und er ist glücklich. Keine Ahnung, was er macht; außer mit seinem Moped und seinen beiden Kumpels durch die Wälder an der Ostsee zu düsen und alles super zu finden. Er versteht sich prächtig mit seinen Eltern und den Großeltern, mit denen er zusammen wohnt. Das ist auch schon das einzig ungewöhnliche an dem Film: Der Dorfjunge will das Dorf nicht verlassen. Er will nicht in die Großstadt, keine Frau fürs Leben finden und, gut das hatten wir zuletzt öfters, nicht erwachsen werden.

Natürlich muss er dann doch in die gefährliche Großstadt. Es ist Berlin, könnte aber genausogut jede andere Großstadt oder größere Stadt sein; also alles, was mehr als eine Haupt- und eine Nebenstraße hat. Dort hat er ein von seinem todkranken Großvater organisiertes Praktikum bei einem Kalenderverlag bekommen. Seine Skizzen, Zeichnungen von rammelnden Wildtieren, die in einem Kalender erscheinen sollen, werden wohlwollend von dem Chef und seinem schwulen Sohn (also SCHWUL in der verklemmten bürgerlich-konservativen Variante. Nicht die lässig liebenswerte Almodovar-Variante) aufgenommen.

Ebenfalls freundlich wird Ole von seinem Cousin Rokko, bei dem er übernachten soll und den er seit Kindesbeinen nicht mehr gesehen hat, aufgenommen. Dabei soll Rokko eigentlich ziemlich böse sein; vor allem weil ihre Väter seit Ewigkeiten miteinander zerstritten sind und das dann natürlich auch für deren Kinder gelten muss. Aber er ist ziemlich nett, lässig und hat immer ein Lächeln im Gesicht. Nett und auch sehr unverklemmt ist Fritzi, die sich ohne Scham vor Ole anzieht. Für Rokko ist sie mehr die kleine Schwester und, weil er sie kennt, empfiehlt er Ole, sich nicht mit ihr einzulassen.

Selbstverständlich verliebt Ole sich sofort in sie. Und er stürzt sich in das Großstadtleben mit Hinterhofabrissbudentechnodisco (weil szenig und Berlin), etwas Gesetzesübertretung (Fritzi, ganz das schamlose Stadtluder, will ihn gleich am ersten Abend in einem Auto, das sie aufbricht, vögeln) und Berlin-Postkartenbildern, damit wir nie vergessen, dass der Film in Berlin spielt.

Aber dann stirbt Oles Opa und Fritzi, Rokko und sein Vater machen sich auf den Weg zur Trauerfeier – und wir erfahren mehr von dem so komplizierten Familienstreit, als wir jemals erfahren wollten. Letztendlich geht es einfach um zwei Dickköpfe, die nicht miteinander reden wollen.

GrossStadtKlein“ spielt, wie so viele deutsche Filme, in einer künstlichen Patchwork-Welt, in der nichts zusammenpasst, strotzt vor Stereotypen und Klischees (einmal dürft ihr raten, wo die Jungs zur Problembewältigung hingehen), er vermeidet Konflikte wie der Teufel das Weihwasser und ertränkt alles in biederer Harmonie. Das ist einfach langweilig und, wenn man überlegt, was man mit einem besseren Drehbuch hätte machen könne, auch ärgerlich.

GrossStadtKlein - Plakat

GrossStadtKlein (Deutschland 2013)

Regie: Tobias Wiemann

Drehbuch: Tobias Wiemann

mit Jacob Matschenz, Jytte-Merle Böhrnsen, Klaas Heufer-Umlauf, Kostja Ullman, Pit Bukowski, Tobias Moretti, Ulrike Krumbiegel

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „GrossStadtKlein“


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