Neu im Kino/Filmkritik: „Der Trafikant“ bedient Sigmund Freud und verliebt sich

November 2, 2018

Der siebzehnjährige Franz Huchel ist glücklich am Attersee. Aber seine Mutter schickt ihn 1937 nach Wien. Dort soll er bei Otto Trsnjek, einem ihrer früheren Liebhaber, eine Lehre als Trafikant beginnen. Ein Trafikant ist ein Verkäufer in einem Tabak-, Schreibwaren- und Zeitungsgeschäft. Neben seiner Lehre bei dem nur auf den ersten Blick unzugänglichen Kriegsinvaliden Trsnjek, lernt Franz die Kundschaft des Trafik kennen, wozu Sigmund Freud gehört, und er verliebt sich in die etwas ältere und sehr lebenserfahrene Böhmin Anezka. Aber erwidert sie seine Gefühle? In dieser und einigen anderen Fragen kann ihm Dr. Freud helfen, der die Gespräche mit dem jungen Mann genießt.

Und so plätschert in Nikolaus Leytners Coming-of-Age-Drama „Der Trafikant“ die Geschichte vor sich hin, ohne als Verfilmung von Robert Seethalers Bestseller eigene Akzente zu setzen. Episoden und Beobachtungen reihen sich aneinander, bis die Nazis aktiv in das Geschehen eingreifen und Franz zu einer ebenso zufälligen, wie wirkungslosen Widerstandshandlung provozieren. Das mag im Roman alles funktionieren, aber besonders filmisch ist das nicht.

Der Trafikant“ ist einer dieser Middle-of-the-Road-Filme, die für eine 20.15-Uhr-Ausstrahlung im TV konzipiert werden: Inszenierung, Schauspieler und Ausstattung sind gut, und immer wird der kleinste gemeinsame Nenner anvisiert. Anstelle eines irgendwie originären Zugriffs auf das Material und eigener Akzentsetzungen, wird einem nur die bebilderte Readers-Digest-Version des Romans präsentiert.

Der Trafikant (Österreich/Deutschland 2018)

Regie: Nikolaus Leytner

Drehbuch: Klaus Richter, Nikolaus Leytner

LV: Robert Seethaler: Der Trafikant, 2012

mit Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch, Emma Drogunova, Regina Fritsch, Karoline Eichhorn, Michael Fitz

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Trafikant“

Moviepilot über „Der Trafikant“

Wikipedia über „Der Trafikant“


TV-Tipp für den 27. Februar: Tatort: Gegenspieler

Februar 27, 2016

HR, 21.40
Tatort: Gegenspieler (Deutschland 1987, Regie: Reinhard Schwabenitzky)
Drehbuch: Ulf Miehe, Klaus Richter
Der vorbestrafte Jürgen Koch gibt den Überfall auf eine Tankstelle zu. Aber mit der späteren Fahrerflucht will er nichts zu tun haben. Kommissar Lenz sucht den Mörder.
Der letzte Auftritt von Helmut Fischer als Kommissar Lenz ist eine ironisch erzählte Geschichte über einen kleinen Gauner, Gaunereien, einen Mord, Zufälle, Schicksal und einer seiner besten Fälle.
Das Team Schwabenitzky/Miehe/Richter ist auch für den ebenso gelungenen, vorletzten Lenz-Tatort „Die Macht des Schicksals“ verantwortlich.
Mit Helmut Fischer, Georg Einerdinger, Henner Quest, Rolf Castell, Uschi Wolff, Karl Michael Vogler, Johanna von Koczian, Max Tidof

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Lenz

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Lilli Berlin“

Ulf Miehe in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über Markus Imbodens Romanverfilmung „Am Hang“

November 28, 2013

Markus Imboden ist vor allem für seine gelungenen TV-Arbeiten, meistens im Krimibereich, bekannt. Er drehte mehrere „Bella Block“- und „Ein starkes Team“-Filme, „Mörderische Jagd“ und den Zweiteiler „Das Konto“. Auch sein neuer Kinofilm „Am Hang“, nach dem Bestseller von Markus Werner, hat etwas von einem Krimi. Denn Felix (Henry Hübchen) ertrinkt im Selbstmitleid, ist verzweifelt, latent suizidgefährdet und extrem wütend. Nach fünfzehn Jahren hat ihn seine Frau Valerie (Martina Gedeck) endgültig und für immer verlassen. Wegen eines anderen Mannes. Am liebsten würde der Orchestermusiker den Liebhaber umbringen. Wenn er denn wüsste, wer er ist.

In einem Hotelrestaurant trifft er auf Thomas (Max Simonischek) und sie beginnen sich zu unterhalten. Für den deutlich jüngeren Anwalt Thomas gibt es die große Liebe nicht. Es gibt nur One-Night-Stands und flüchtige Abenteuer und er erzählt dem seltsamen Fremden von Bettina, die ihn verlassen hat.

Weil Imboden die Erzählungen der beiden Männer mit Rückblenden illustriert, wissen wir lange vor Felix, dass Bettina und Valerie die gleiche Frau sind. Und während Martina Gedeck als somnambule Schönheit mit psychischen Problemen, weshalb sie auch in einer Klinik war, die Felix von seinem Hotelzimmer aus beobachten kann, im Romy-Schneider-Gedächtnismodus eher schweigsam als Projektionsfläche der beiden Männer durch den Film wandelt, dürfen wir viel Zeit mit Felix und Thomas verbringen, die sich beide erfolgreich bemühen, möglichst unsympathisch zu sein. Der eine ist eine manisch depressive Nervensäge, die erfolgreich anderen die letzten Nerven raubt und seine, wie er sagt, verstorbene Frau verklärt. Der andere ist ein erfolgreicher Anwalt und Schnösel, der im wirklichen Leben wahrscheinlich keine zwei Minuten mit Felix (außer natürlich er würde dafür bezahlt) verbringen würde. Im Film müssen wir allerdings glauben, dass Thomas sich, nachdem er an einem Bahnübergang schon eine sehr unglücklich verlaufene Begegnung mit Felix hatte, sich freiwillig zu ihm setzt und mit diesem Stinkstiefel plaudert und plaudert und plaudert. Nicht nur einmal, sondern mehrmals. Und das in gestelzten Theaterdialogen über die Frage, ob es die einzig wahre, ewige Liebe gibt.

Jedenfalls solange, bis wir aus heiterem Himmel erfahren, dass der selbstmitleidige Felix Valeries Liebhaber umbringen möchte – und das ist noch nicht die letzte vollkommen aus der Luft gegriffene überraschende Wendung.

Während schon das Gespräch und die Beziehung zwischen Felix und Thomas extrem künstlich ist, werden die Zufälle, die es in „Am Hang“ im Übermaß gibt, gegen Filmende noch abstruser, was auch daran liegt, dass hier nur Thesenträger aufeinanderprallen und es deshalb auch egal ist, ob und wie die Handlungen der Charaktere motiviert sind.

Am Ende fragt man sich, was einem Markus Imboden erzählen wollte. Denn die nur durch Zufälle zusammengehaltene Geschichte mit unsympathischen Menschen, die emotioanl nie berühren und deren Handlungen wir nie wirklich nachvollziehen können, bleibt immer nur ausgedachtes Thesenkino ohne eine tragende These.

Vielleicht funktioniert die Geschichte besser als Roman oder als Theaterstück. Als Film funktioniert „Am Hang“ nicht.

Am Hang - Plakat

Am Hang (Schweiz/Deutschland 2013)

Regie: Markus Imboden

Drehbuch: Klaus Richter, Martin Gypkens, Markus Imboden (Drehfassung)

LV: Markus Werner: Am Hang, 2004

mit Henry Hübchen, Martina Gedeck, Max Simonischek, Sophie Hutter, Ernst C. Sigrist

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Am Hang“

Moviepilot über „Am Hang“

Wikipedia über „Am Hang“

Perlentaucher über „Am Hang“


TV-Tipp für den 29. Mai: Tatort: Die Macht des Schicksals

Mai 29, 2013

 

WDR, 23.05

Tatort: Die Macht des Schicksals (D 1987, R.: Reinhard Schwabenitzky)

Drehbuch: Ulf Miehe, Klaus Richter

Ein falscher Polizist nimmt gutgläubige Rentner aus. Als es dabei Tote gibt, muss der echte Polizist Lenz ermitteln.

Hübsche kleine, pointiert erzählte Geschichte.

Mit Helmut Fischer, Georg Einerdinger, Henner Quest, Rolf Castell, Gunnar Möller, Hans Clarin, Sebastian Koch

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Lenz

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“

Ulf Miehe in der Kriminalakte


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