TV-Tipp für den 2. Juli: American Ultra

Juli 1, 2020

Vox, 22.15

American Ultra (American Ultra, USA 2015)

Regie: Nima Nourizadeh

Drehbuch: Max Landis

Mike lebt dauerbekifft und wunschlos glücklich mit seiner Freundin Phoebe in einer Kleinstadt. Das friedliche Leben endet, als eine Frau wirres Zeug zu ihm sagt und zwei Männer an seinem Auto herumfummeln. Mit der Hilfe von einem Kaffeebecher und einem Plastiklöffel bringt er sie um. Kurz darauf wimmelt es in der Kleinstadt von schießwütigen CIA-Agenten, die Mike aufgrund seiner Vergangenheit als gemeingefährliche Killermaschine umbringen wollen. Aber Mike hat nichts verlernt und einiges neues gelernt.

Herrlich abgefahrene, brutal durchgeknallte Kiffer-Actionkomödie.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jesse Eisenberg, Kristen Stewart, Topher Grace, Connie Britton, Walton Goggins, John Leguizamo, Bill Pullman, Tony Hale, Stuart Greer

Hinweise
Moviepilot über „American Ultra“
Metacritic über „American Ultra“
Rotten Tomatoes über „American Ultra“
Wikipedia über „American Ultra“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nima Nourizadeh „American Ultra“ (American Ultra, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Die „3 Engel für Charlie“ versuchen es wieder. Mit neuen Gesichtern

Januar 3, 2020

Beginnen wir mit dem größten Unterschied des neuesten „3 Engel für Charlie“-Films zu den vorherigen Versionen, die aus einer legendären TV-Serie, einer kurzlebigen TV-Serie und zwei Spielfilmen bestehen. Denn er erschließt sich nur bei einem Blick auf die Credits: dieses Mal ist alles in weiblicher Hand. Neben den natürlich weiblichen Engeln vor der Kamera, führte dieses Mal erstmals eine Frau Regie. Das Drehbuch wurde von der Regisseurin geschrieben und unter den Producer sind zahlreiche Frauennamen. Ein feministischer Film ist trotzdem nicht entstanden. Denn die Macher*innen wollten das Ausgangsmaterial nicht radikal neu interpretieren.

Dieses ist von 1976. Damals startete die von Aaron Spelling für ABC produzierte TV-Serie „3 Engel für Charlie“ (Charlie’s Angels), über drei Absolventinnen der Polizeiakademie, die in Los Angeles als Privatdetektivinnen für die Charles Townsend Agency und ihren nur telefonisch erreichbaren Chef arbeiten. Die fünf Jahre laufende Serie war ein weltweiter Hit. Die Ur-Engel Farrah Fawcett-Majors, Kate Jackson und Jaclyn Smith waren danach Stars – und Sexsymbole. Und so bahnbrechend damals aus einer Gender-Perspektive eine Serie mit schlagkräftigen und intelligenten Frauen im US-Serien-TV war, so konventionell waren dann die Fälle und die Inszenierung, die der züchtige Ersatz für eine „Playboy“-Bildstrecke war. Das sprach natürlich junge Männer an, die die Zeit bis zum nächsten „James Bond“-Film überbrücken mussten und den „Playboy“ noch nicht kaufen durften. Bei älteren Männern war es ähnlich.

Seitdem veränderte sich auch im notorisch prüden US-Fernsehen einiges. Gerade testet Cobie Smulders als Dex Parios beim US-TV-Sender ABC in der witzigen Hardboiled-Privatdetektiv-Serie „Stumptown“ die Grenzen der Toleranz aus. Ihre Fälle sind konventionell, aber sie darf in der Serie als Frau all das machen, was man aus Privatdetektiv-Serien sonst nur von Männern kennt, und noch etwas mehr. So trinkt sie nicht nur beachtliche Mengen Alkohol (normalerweise Bier), verjubelt Geld beim Glücksspiel und kloppt sich mit den Bösewichtern, sondern sie hat auch Sex mit wechselnden Partnern. Weil Dex bisexuell ist, küsst und schläft sie mit Männern und Frauen.

Dagegen konserviert Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Elizabeth Banks („Pitch Perfect“-Filme) in ihrem „3 Engel für Charlie“-Film die TV-Serie mit gut aufgelegten Stars, zahlreichen Schauplatzwechseln, Action und einer ebenso hirnrissigen, wie vergessenswerten Geschichte.

Inzwischen ist die Charles Townsend Agency eine weltweit agierende Sicherheitsfirma. Es gibt mehr, immer noch „Playboy“-taugliche Engel und mehr Bosleys. Das ist der austauschbare Name des Leiters der verschiedenen Agentur-Niederlassungen und, immer noch, die Verbindung zwischen den Engeln und dem geheimnisumwitterten Charlie, der immer noch nur als Stimme aus dem Telefon existiert.

Dieses Mal müssen die Engel Sabina Wilson (Kristen Stewart) und Jane Kano (Ella Balinska) die brillante Wissenschaftlerin Elena Houghlin (Naomi Scott) beschützen. Sie hat die ökologische Energiequelle Calisto erfunden. Falsch angewendet kann Calisto allerdings zu einer tödlichen Waffe werden und genau das will ihr Chef, zusammen mit einigen Bösewichtern, tun.

Nachdem der erste Einsatz der Engel aus dem Ruder läuft, ist globetrottende Schadensbegrenzung angesagt und, weil ihre Aktionen alle schief gehen, vermuten Sabina und Jane einen Verräter in den eigenen Reihen.

Der chaotische Film tut so, als ob bei der Fortführung einer über vierzig Jahre alten TV-Serie nichts geändert werden müsse. Aber das, was damals als neu und revolutionär verkauft werden konnte, ist es heute nicht mehr. Entsprechend anachronistisch wirkt das Frauenbild, in dem junge, gut aussehende und sehr fröhliche Frauen wie ein Haufen kichernder Küken Charlie am Telefon grüßen und sie willig die Dominanz von Männern als Vorgesetzte akzeptieren. Denn bis auf einen von Elizabeth Banks gespielten Bosley und der wenig überraschenden Enthüllung, dass sich inzwischen hinter Charlies sehr männlicher Stimme eine Frau verbirgt, ist hier alles noch wie in den Siebzigern.

Dagegen wurde, um eine andere langlebige Figur zu nennen, bei James Bond seit seinem ersten Auftreten in Buch und Film vieles geändert. Schon 1995 in „Goldeneye“ wurde sein Chef M eine Frau. Inzwischen wird darüber diskutiert, ob Bond, der Inbegriff von Männlichkeit, von einer Frau gespielt werden könnte. Auch sonst passten die James-Bond-Filme sich immer an den Zeitgeist an und entwickelten so die Figur und seine Welt weiter.

Bei „3 Engel für Charlie“ (2019) ist davon nichts zu spüren. Der neue Film ist ein bunter, in jeder Beziehung aus der Zeit gefallener, bestenfalls mittelprächtiger Actionfilm aus einer Fantasiewelt, die sich nie darum bemüht glaubhaft zu sein. Die kaum vorhandene wirre Geschichte bildet dabei nur den Rahmen für eine Reihe Actionszenen, in denen die Engel fröhlich vor sich hin improvisierend dilettieren, und Szenen, die witzig gemeint sind. Diese Engel sind ein nervender Anachronismus.

3 Engel für Charlie (Charlie’s Angels, USA 2019)

Regie: Elizabeth Banks

Drehbuch: Elizabeth Banks (nach einer Geschichte von Evan Spiliotopoulos und David Auburn)

mit Kristen Stewart, Naomi Scott, Ella Balinska, Elizabeth Banks, Patrick Stewart, Djimon Hounsou, Sam Claflin, Jonathan Tucker, Nat Faxon, Marie-Lou Sellem, Dennenesch Zoudé, Jaclyn Smith, Hailee Steinfeld (teils nur Cameos)

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „3 Engel für Charlie“

Metacritic über „3 Engel für Charlie“

Rotten Tomatoes über „3 Engel für Charlie“

Wikipedia über „3 Engel für Charlie“

Meine Besprechung von Elizabeth Banks‘ „Movie 43“ (Movie 43, USA 2013) (sie inszenierte nur eine Episode und niemand will mehr etwas mit dem Ding zu tun haben)


TV-Tipp für den 22. Mai: Personal Shopper

Mai 22, 2019

Arte, 20.15

Personal Shopper (Personal Shopper, Frankreich/Deutschland 2016)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas

Maureen ist die persönliche Einkäuferin für die ständig durch die Welt jettende Kyra. Neben diesem Brotjob wartet sie auf ein Zeichen von ihrem verstorbenen Zwillingsbruder und vertreibt Geister aus Häusern.

Olivier Assayas‘ Version eines Geisterfilms: sehr europäisch, sehr träumerisch und mit zahlreichen Anspielungen. Sehr sehenswert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kristen Stewart, Lars Eidinger, Sigrid Bouaziz, Anders Danielsen Lie, Nora von Waldstätten, Benjamin Biolay

Hinweise

Moviepilot über „Personal Shopper“

Metacritic über „Personal Shopper“

Rotten Tomatoes über „Personal Shopper“

Wikipedia über „Personal Shopper“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen) und der DVD

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Personal Shopper“ (Personal Shopper, Frankreich/Deutschland 2016)

Bonushinweis

Am 6. Juni läuft sein neuer Film „Zwischen den Zeilen“ (Doubles vies, u. a. mit Juliette Binoche und Guillaume Canet) bei uns an (und dann gibt es die Besprechung). Seine dialoglastige Bestandsaufnahme der Gegenwart ist wie ein Eric-Rohmer-Film, der die Gespräche über Liebe und Beziehungen durch Gespräche über die Literatur, das Internet, und die Befindlichkeiten der Bourgeoisie ersetzt.


TV-Tipp für den 13. April: Panic Room

April 12, 2019

Super RTL, 20.15

Panic Room (Panic Room, USA 2002)

Regie: David Fincher

Drehbuch: David Koepp

Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.

Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.

David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.

Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)

Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Panic Room“

Wikipedia über David Fincher (deutsch, englisch) und „Panic Room“ (deutsch, englisch)

Die Welt: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Süddeutsche Zeitung: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Drehbuch „Panic Room“ von David Koepp

The Works and Genius of David Fincher (Fan-Blog – mit einem „Panic Room“-Special)

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 9. Juni: Panic Room

Juni 8, 2018

RTL II, 23.05

Panic Room (Panic Room, USA 2002)

Regie: David Fincher

Drehbuch: David Koepp

Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.

Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.

David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.

Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)

Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Panic Room“

Wikipedia über David Fincher (deutsch, englisch) und „Panic Room“ (deutsch, englisch)

Die Welt: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Süddeutsche Zeitung: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Drehbuch „Panic Room“ von David Koepp

The Works and Genius of David Fincher (Fan-Blog – mit einem „Panic Room“-Special)

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. März: American Ultra

März 23, 2018

RTL II, 22.50

American Ultra (American Ultra, USA 2015)

Regie: Nima Nourizadeh

Drehbuch: Max Landis

Mike lebt dauerbekifft und wunschlos glücklich mit seiner Freundin Phoebe in einer Kleinstadt. Das friedliche Leben endet, als eine Frau wirres Zeug zu ihm sagt und zwei Männer an seinem Auto herumfummeln. Mit der Hilfe von einem Kaffeebecher und einem Plastiklöffel bringt er sie um. Kurz darauf wimmelt es in der Kleinstadt von schießwütigen CIA-Agenten, die Mike aufgrund seiner Vergangenheit als gemeingefährliche Killermaschine umbringen wollen. Aber Mike hat nichts verlernt und einiges neues gelernt.

Herrlich abgefahrene, brutal durchgeknallte Kiffer-Actionkomödie.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jesse Eisenberg, Kristen Stewart, Topher Grace, Connie Britton, Walton Goggins, John Leguizamo, Bill Pullman, Tony Hale, Stuart Greer

Wiederholung: Samstag, 24. März, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
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Film-Zeit über „American Ultra“
Moviepilot über „American Ultra“
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Rotten Tomatoes über „American Ultra“
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Meine Besprechung von Nima Nourizadeh „American Ultra“ (American Ultra, USA 2015)


TV-Tipp für den 24. Mai: Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Mai 23, 2017

ZDF, 20.15

Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (Still Alice, USA 2014)

Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland

Drehbuch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland

LV: Lisa Genova: Still Alice, 2009 (Mein Leben ohne Gestern)

Alice hat Alzheimer. Alice ist fünfzig Jahre und Sprachwissenschaftler. Sie und ihre Familie versuchen damit umzugehen.

Berührendes Drama.

Julianne Moore erhielt für ihre Darstellung der Alice unter anderem den Oscar, den Golden Globe, den Bafta und den Screen Actors Guild Award.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin, Kate Bosworth, Hunter Parrish, Shane McRae, Stephen Kunken

Wiederholung: Donnerstag, 25. Mai, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
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Film-Zeit über „Still Alice“
Moviepilot über „Still Alice“
Metacritic über „Still Alice“
Rotten Tomatoes über „Still Alice“
Wikipedia über „Still Alice“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Richard Glatzer/Wash Westmorelands „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ (Still Alice, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Kelly Reichardt erzählt über „Certain Women“

März 3, 2017

Es passiert, abgesehen von einer Geiselnahme, nichts wirklich dramatisches in „Certain Women“, dem neuesten Film von Kelly Reichardt. Zuletzt inszenierte sie den Anti-Western „Meek’s Cutoff“ und den Anti-Thriller „Night Moves“. Und wer diese und ihre vorherigen Filme kennt, weiß, dass die Geiselnahme in „Certain Women“ keine der hyperenergetischen, schnell geschnittenen Geiselnahmen ist, die wir aus zahllosen Thrillern kennen.

Die Independent-Regisseurin erzählt in ihrem neuesten Film drei in sich abgeschlossenen Geschichten von vier Frauen, die in und um Livingston in Montana leben. Die Anwältin Laura (Laura Dern) versucht seit Monaten ihren Mandanten Fuller (Jared Harris) zu überzeugen, dass seine Arbeitsrechtklage erfolglos sein wird. Als er in seiner Verzweiflung in einem Bürogebäude eine Geisel nimmt, soll sie ihn zur Aufgabe bewegen. Kelly Reichardt inszeniert diese Geiselnahme, wie den gesamten Film, konsequent entschleunigt und betont undramatisch. So als sei auch eine Geiselnahme Alltag und das Gespräch mit dem bewaffnetem Geiselnehmer nur ein weiteres Mandantengespräch.

Noch alltäglicher sind die beiden anderen Geschichten des Films. In der zweiten Geschichte wollen Gina (Michelle Williams) und ihr Mann Ryan (James Le Gros) für den Bau eines Hauses Natursteine von ihrem allein lebenden, zunehmend dement werdenden Nachbarn Albert (Rene Auberjonois) haben. Für ihn sind sie mit Erinnerungen verbunden. Für Gina sind sie ein schönes Deko-Element des geplanten Hauses, das sich in die malerische Landschaft einfügen soll.

In der dritten Geschichte setzt sich die Pferdepflegerin Jamie (Lily Gladstone) in einen Fortbildungskurs für Lehrer. Beth (Kristen Stewart) leitet den Kurs. Sie hat gerade ihr Jurastudium beendet. Für den Kurs muss sie an zwei Abenden in der Woche vom vier Stunden entfernten Livingston herkommen. Nach dem Kurs reden Beth (mehr) und Jamie (weniger) in einem Diner über ihr Leben und ihre Zukunft.

Als Beth eines Tages nicht mehr zum Kurs erscheint, weil ihr die Fahrt zu lang ist, macht sich die in sie verliebte Jamie sich auf den Weg nach Livingston.

Als Vorlage für diese Geschichten dienten Kelly Reichardt die in dem Sammelband „Both ways ist he only way I want it“ enthaltenen Kurzgeschichten „Travis B.“, „Native Sandstone“ und „Tome“ der hochgelobten Autorin Maile Meloy. Kelly Reichardt behält in ihrem Film das skizzenhafte der Kurzgeschichten bei. Es sind kleine Episoden aus dem Leben der Frauen, in denen wir viel über sie erfahren, aber auch vieles noch nicht einmal angesprochen wird. Dafür beobachtet Kelly Reichardt ausdauernd Laura, Gina, Jamie und Beth in alltäglichen Situationen und das ist überhaupt nicht langweilig. Denn es sind vier sehr verschiedene Frauen.

Ihr Episodendrama verlangt allerdings, wie immer bei Kelly Reichardt, einen geduldigen Zuschauer, der sich auf den langsamen Erzählrhythmus einlässt und der nicht nach der üblichen Hollywood-Dramaturgie und Konfliktlösung giert. Auch ihre Charaktere passen nicht in die gängigen Hollywood-Klischees. Dafür ähneln sie zu sehr ganz normalen Menschen mit ganz normalen Problemen.

Certain Women“ ist wie das Leben: weitgehend undramatisch in den bekannten Bahnen, in denen Veränderungen langsam geschehen, aber nicht unspannend. Das liegt auch daran, dass in jeder Episode große Themen und Fragen auf eine leise, intime Art angesprochen werden.

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Certain Women (Certain Women, USA 2016)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Kelly Reichardt

LV: Maile Meloy: Both ways is the only way I want it: Stories, 2009

mit Laura Dern, Kristen Stewart, Michelle Williams, Lily Gladstone, James Le Gros, Jared Harris, Rene Auberjonois, John Getz

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Certain Women“

Metacritic über „Certain Women“

Rotten Tomatoes über „Certain Women“

Wikipedia über „Certain Women“

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)

Beim NYFF reden Kelly Reichardt, Kristen Stewart, Laura Dern und Lily Gladstone über den Film

Kelly Reichardt redet über ihren Film


Neu im Kino/Filmkritik: „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ist gar nicht so irre

Februar 7, 2017

Die irre Heldentour des Billy Lynn“ dauert in Ang Lees Verfilmung des gleichnamigen Buches von Ben Fountain nur einen Tag, ein Football-Spiel mit Vorspiel und unvermittelten Erinnerungen von Billy Lynn an seine Heldentat, die uns zeigt, dass er ein gewaltiges psychisches Problem hat.

Billy Lynn (Joe Alwyn), ein 19-jähriger Private, versuchte 2004 in einem Feuergefecht im Irak seinen Vorgesetzten, Sergeant Shroom (Vin Diesel), zu retten. Shroom starb. Der gesamte Einsatz war von der ersten bis zur letzten Minute ein Desaster. Aber Lynns Rettungsaktion wurde gefilmt. Danach wird er als Held gefeiert.

Jetzt soll er, begleitet von seinen Kameraden, auf einer zweiwöchigen Heldentour in seiner Heimat von seiner Heldentat erzählen. Vor dem Spiel bei einer Pressekonferenz. Während des Spiels sollen er und seine Einheit als Showeinlage in der Halftime Show (siehe Originaltitel) fungieren. Ebenfalls während des Spiels verhandelt ein Agent (Chris Tucker) über den Verkauf ihrer Geschichte nach Hollywood. Und der Besitzer des Texas Football Teams (Steve Martin) würde das Geld für eine Verfilmung von Billy Lynns Heldentat geben. Mit Billy Lynn als Helden, aber ohne seine Einheit als Co-Helden.

Außerdem versucht Lynns ältere Schwester (Kristen Stewart) ihn von einer Rückkehr in den Irak abzuhalten. Sie weiß, dass ihr Bruder an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet und dringend in Behandlung müsste. Ein Arzt würde ihm bei seinem Antrag auf vorzeitige Entlassung helfen.

Und das ist noch nicht alles: Lynn trifft einen Cheerleader (Makenzie Leigh), die er für die große Liebe seines Lebens hält

Das ist viel Stoff für einen zweistündigen Film, der dann doch erstaunlich dröge ist. Denn trotz des satirischen Potentials ist „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ keine Satire und auch keine Anklage gegen die US-Gesellschaft und das Militär. Das wurde in zahlreichen anderen Filmen schon besser gemacht. Auch die heroischen Heldenshows, die durch die Provinz tingeln und fernab jeder Realität von den tapferen Taten der Soldaten erzählen, wurden schon thematisiert. Von Clint Eastwood in „Flags of our Fathers“ (USA 2006) oder, in einigen Szenen, in Joe Johnstons „Captain America: The First Avenger“ (USA 2011).

Ang Lees Film ist eher eine Charakterstudie eines jungen Mannes, der vom Militär einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, die dazu führt, dass ihm seine Kameraden wichtiger als alles andere sind. Über Ziel und Zweck des Krieges, hier des Irakkrieges, wird nicht gesprochen. Das entspricht dem gerne benutzten Selbstbild des Militärs als gut funktionierende, uneigennützige und von keinen Interessen geleiteten Organisation. Das ist natürlich ein Trugbild. Und es ist nicht egal, warum Jugendliche als Kanonenfutter in einen Krieg geschickt werden. Man kann auch nicht über Kriegseinsätze reden, ohne auch über die Ziele des Krieges zu reden und wie diese, in Verbindung mit patriotischen Gedanken, benutzt werden, um junge Menschen in den Krieg (und Tod) zu schicken. Lees Film hat allerdings keine Haltung zum Krieg.

Wobei Billy Lynn nicht aus Patriotismus, sondern weil er eine Haftstrafe vermeiden wollte, in den Irakkrieg zog. Was aber nur angesprochen wird, um die Verbindung zwischen Lynn und seiner Schwester zu erklären.

Diese militärische Gehirnwäsche und die Versuche des Neunzehnjährigen mit den Kriegserlebnissen zurechtzukommen werden in dem Film immer wieder gezeigt, wenn Lynn plötzlich von seinen Erinnerungen überwältigt wird, die Grenzen zwischen Erinnerung und Gegenwart und Fantasie, wenn der verstorbene Shroom mit ihm kluge Ratschläge gibt, verschwimmen. Teilweise innerhalb eines Bildes. Im ersten Moment ist der bruchlose Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit als ein Blick in Lynns Kopf eine gelungene Visualisierung von PTBS faszinierend. Schnell wird das Stilmittel allerdings zu einem Gimmick.

Kathryn Bigelow in „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (USA 2008) und Clint Eastwood in „American Sniper“ (USA 2014) zeigten, um zwei Filme zu nennen, die im Kriegsgebiet und den USA spielen, eindrücklicher als Ang Lee die Probleme eines Soldaten bei der Rückkehr in das Zivilleben. Beide Male kehrten die Protagonisten immer wieder, auch nachdem sie ihren Dienst absolviert hatten, zurück in den Krieg.

Diese Filme hatten auch eine Haltung zum Krieg und zum Militär, über die gestritten werden kann. Eine solche Haltung ist in „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ nicht zu finden. Auch weil der Film es bei einer reinen schön anzusehenden Bebilderung belässt, die ein Gefecht mit einer Halbzeitshow gleichsetzt und jede Zuspitzung vermissen lässt.

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Die irre Heldentour des Billy Lynn (Billy Lynn’s long Halftime Walk, USA/Volksrepublik China/Großbritannien 2016)

Regie: Ang Lee

Drehbuch: Jean-Christophe Castelli

LV: Ben Fountain: Billy Lynn’s long Halftime Walk, 2012 (Die irre Heldentour des Billy Lynn)

mit Joe Alwyn, Kristen Stewart, Steve Martin, Vin Diesel, Chris Tucker, Garrett Hedlund, Makenzie Leigh, Ben Platt

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Die irre Heldentour des Billy Lynn“

Metacritic über „Die irre Heldentour des Billy Lynn“

Rotten Tomatoes über „Die irre Heldentour des Billy Lynn“

Wikipedia über „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Personal Shopper“ Kristen Stewart auf Geistersuche

Januar 20, 2017

Mit seinem neuen Film „Personal Shopper“ hat Olivier Assayas seine 2016 in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnete Version eines Geisterfilms gedreht. Die Hauptrolle übernahm Kristen Stewart, die bereits in seinem vorherigen Film „Die Wolken von Sils Maria“ eine der Hauptrollen hatte. In seinem neuesten Film spielt sie Maureen, ein Medium, das in Paris auf ein Zeichen von ihrem vor drei Monaten verstorbenem Zwillingsbruder Lewis wartet.

Das erste Mal – und Assayas etabliert in diesen ersten Filmminuten die traumwandlerische Stimmung des Films – begegnen wir ihr in der Abenddämmerung. Wir wissen in dem Moment nichts über sie und auch nicht, warum sie die Nacht allein in der großen, etwas abgelegen liegenden, leerstehenden Villa verbringen will.

Am nächsten Tag sagt die Amerikanerin den Kaufinteressenten, dass sie in der Villa eine starke Entität gespürt habe. Ob freundlich oder unfreundlich könne sie noch nicht sagen. Dass ihr Bruder Lewis vorher in dem Haus wohnte und sie in Paris ist, weil sie auf ein Zeichen von ihm wartet, verrät sie nicht.

Tagsüber geistert sie durch die Boutiquen der Stadt. Für Kyra (Nora von Waldstätten), eine ständig herumreisende Prominente mit unklarem Beruf, besorgt sie Kleider, Schuhe und Schmuck. Mit ihr kommuniziert sie fast nur schriftlich. Und als Kyra doch einmal in ihrem Apartment ist, telefoniert sie endlos, während Maureen sich mit Kyras Freund Ingo (Lars Eidinger), einem verheiratetem Journalisten, unterhält und ihm dabei erzählt, warum sie in Paris ist.

Ihren Freund sieht sie nur über Skype. Denn er arbeitet gerade im Nahen Osten an einem Softwareprojekt, dessen Abschluss unklar ist.

Eines Nachts hört Maureen in der Villa Klopfzeichen, die ein Zeichen von ihrem Bruder sein könnten, und sieht einen Geist. Das könnten die erhofften Signale aus dem Jenseits sein.

Aber sie hätte gerne ein deutlicheres Signal von Lewis. Vielleicht sogar ein Gespräch.

Kurz darauf meldet sich auf ihrem Smartphone ein unbekannter Anrufer mit einer Textnachricht. Sie beginnt sich mit dem Geist zu unterhalten, der sie zu Grenzüberschreitungen animiert.

Personal Shopper“ besticht vor allem durch seine Atmosphäre, die ein ständiges Schweben zwischen Realität und Scheinwelten ist. Entsprechend irrlichternd und tastend entwickelt sich der Film, der Genres, Stile und Stimmungen bruchlos wechselt. Er interresiert sich mehr für Maureen, die auf ein Zeichen wartet, ihre Gefühle und Stimmungen als für eine stringent erzählte Horrorgeschichte. Sowieso ignoriert Assayas die Konventionen des Horrorfilms ziemlich vollständig. Bei ihm gibt es Geister, aber keinen übernatürlichen Horror.

In langen, oft stummen Einstellungen, verfolgt Assayas Kristen Stewart, wenn sie sich durch die Villa, durch Paris, durch Kyras Apartment und einmal nach London bewegt. Auch die teils langen Gespräche mit ihrem Unbekannten Anrufer sind stumm. Wer also (in der OmU-Fassung) nicht lesen kann, ist eindeutig benachteiligt bei diesem sehr europäischen Selbstfindungstrip mit Hinweisen auf Victor Hugo und Hilma af Klint, die im Film erklärt werden.

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Personal Shopper (Personal Shopper, Frankreich/Deutschland 2016)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas

mit Kristen Stewart, Lars Eidinger, Sigrid Bouaziz, Anders Danielsen Lie, Nora von Waldstätten, Benjamin Biolay

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Personal Shopper“

Metacritic über „Personal Shopper“

Rotten Tomatoes über „Personal Shopper“

Wikipedia über „Personal Shopper“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen) und der DVD

In Cannes reden Olivier Assayas und Kristen Stewart über den Film (die englische Fassung)

Die Cannes-Pressekonferenz (in der englischen Fassung)

Olivier Assayas und Kristen Stewart beim NYFF

 

 


TV-Tipp für den 21. Dezember: Die Wolken von Sils Maria

Dezember 21, 2016

Arte, 20.15

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas

Eine alternde Schauspielerin probt eine Rolle in einem Stück ein, mit dem sie vor Jahren ihren Durchbruch hatte und Olivier Assayas nutzt diesen Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfasernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Nach der TV-Premiere von „Die Wolken von Sils Maria“ zeigt Arte, um 22.15 Uhr, „Irma Vep“; ein weiterer Film von Assayas, in dem er, äußerst kurzweilig, von den Problemen bei den Dreharbeiten für ein Remake des Stimmfilms „Die Vampire“ mit Maggie Cheung in der Hauptrolle erzählt.

mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann

Wiederholungen

Donnerstag, 29. Dezember, 23.10 Uhr

Samstag, 7. Januar, 00.55 Uhr (VPS 01.20)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Wolken von Sils Maria“
Moviepilot über „Die Wolken von Sils Maria“
Metacritic über „Die Wolken von Sils Maria“
Rotten Tomatoes über „Die Wolken von Sils Maria“
Allociné über „Die Wolken von Sils Maria“
Wikipedia über „Die Wolken von Sils Maria“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: Besuchen Sie mit Woody Allen das „Café Society“

November 10, 2016

Der jährliche Woody-Allen-Film entführt uns wieder einmal in die Dreißiger Jahre an die Ost- und Westküste, nach Hollywood und in einen New Yorker Nachtclub, in dem sich die bessere Gesellschaft trifft.

Aber zuerst muss Bobby Dorfman (Jesse Eisenberg als Woody Allen) nach Los Angeles. Der jüdische Junge will nicht im Geschäft seines Vaters arbeiten. Weil die Dorfmans mit Phil Stern (Steve Carell) einen erfolgreichen Hollywood-Agenten in der Familie haben, gibt es auch gleich familiäre Beziehungen, die ausgenutzt werden können. Onkel Phil soll sich um Bobby kümmern. Und wie das so ist mit lästigen Verwandten, hat der großkotzige Agent keine Zeit für das entfernte Familienmitglied. Also lässt er ihn von seiner Sekretärin Vonnie (Kristen Stewart) durch Hollywood kutschieren. Dabei verlieben sich die beiden.

Dummerweise ist Vonnie auch mit Onkel Phil liiert und dieser überlegt jetzt ernsthaft, seine Frau für die Geliebte zu verlassen.

Dieses Liebesgeschichte steht zwar einerseits so halbwegs im Zentrum von „Café Society“, andererseits erzählt der Film, den Woody Allen nach eigenem Bekunden wie einen Roman strukturierte, vor allem ein Jahr aus dem Leben von Bobby, ergänzt um zahlreiche Episoden aus dem Leben seiner Familienmitglieder. Diese Episoden sind durchaus vergnüglich. Oft als Gags. Aber sie bringen den Hauptplot nicht voran. Und auch der Hauptplot ist eher eine Nebensache.

In der Filmmitte beginnt eine vollkommen neue Geschichte, die im Gegensatz zur Hollywood-Filmhälfte lustlos, ziellos und unkonzentriert heruntergespult wird. Bobby zieht zurück nach New York. Er betreibt, was für Ärger sorgen wird, zusammen mit seinem Verbrecher-Bruder einen Nachtclub, verliebt sich in eine andere Frau (Blake Lively) und heiratet sie. Erst als Phil mit seiner neuen Frau im Nachtclub wieder auftaucht, trifft Bobby seine erste Liebe wieder. Beide haben wir, während wir uns fragte, wie die Geschichte enden soll, nicht wirklich vermisst. Aber dann ist Silvester und das Jahr und der Film sind um, ohne dass wir klüger sind. Auch wenn die letzten Bilder eine bestimmte Interpretation nahe legen, hat das abrupte Ende von „Café Society“ nicht die Eleganz des Endes von „Match Point“. Und auch nie dessen erzählerische Stringenz und Eleganz.

Denn „Café Society“ ist ein Desaster. Da helfen auch nicht die stilbewusste Ausstattung, die schönen Hollywood-Locations, fein fotografiert von Vittorio Storaro, der beschwingte Jazz-Soundtrack, und die sympathischen, engagiert spielenden Schauspieler; auch wenn Steve Carell einfach nur wieder den bösen Kapitalisten spielt. Es hilft nicht, weil das Drehbuch einfach nur, zusammengehalten durch einen Erzähler (im Original von Woody Allen gesprochen), Episoden aneinanderreiht. Oft mit dem bekannten Allen-Witz, aber auch vollkommen beliebig austauschbar. Man hätte auch locker die Hälfte der Szenen durch andere Szenen ersetzen können, ohne dass man es bemerken würde. Eisenberg als Woody-Allen-Imitator wird von Szene zu Szene geschoben, ohne dass jemals klar wird, was er den will. Naja, eigentlich will er nichts. Weder in Hollywood, noch in New York. Dabei wiederholt Allen seine vertrauten Themen, die er in früheren Filmen deutlich besser behandelte als in dieser redundanten Abfilmung seiner Notizzettel.

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Café Society (Café Society, USA 2016)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

mit Jesse Eisenberg, Jeannie Berlin, Steve Carell, Blake Lively, Parker Posey, Kristen Stewart, Corey Stoll, Ken Stott

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Café Society“

Metacritic über „Café Society“

Rotten Tomatoes über „Café Society“

Wikipedia über „Café Society“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens “Irrational Man” (Irrational Man, USA 2015)

Woody Allen in der Kriminalakte  


Neu im Kino/Filmkritik: „American Ultra“ – Kiffer, Killer, Chaos

Oktober 16, 2015

Mike Howell hängt dauerbekifft mit seiner Freundin Phoebe in West Virginia in dem Kuhdorf Liman ab. Ob er sich wegen seinem Drogenkonsum oder aus anderen Gründen an nichts erinnern kann, ist da eigentlich egal. Er kann und will auch nicht weg aus Liman. Schon an der Stadtgrenze kriegt er die ersten Panikattacken, die erst wenn er von dem Dorfpolizisten freundlich begrüßt wird, abnehmen. Mit ihm, der sein Vater sein könnte, ist er schon lange per Du. Immerhin sitzt er oft genug wegen des Besitzes und Konsums illegaler Substanzen im Gefängnis. Dazwischen jobt er in der Friedhofsschicht im Supermarkt. Während er so tut, als warte er auf die nicht vorhandene Kundschaft, zeichnet er die Abenteuer des Affen „Apollo Ape“.
Eines Nachts kommt eine Frau an seine Supermarktkasse und redet wirres Zeug. Dass sie von der CIA ist und ihre Worte etwas in ihm auslösen sollen, ahnt er nicht. Auch nicht, als er kurz darauf auf dem Supermarkt-Parkplatz zwei Männer mit den Dingen, die ein Slacker so bei sich hat, wie Plastiklöffel und Pappbecher, innerhalb von Sekunden tötet. Auch nicht, als Sekunden später sein Schrottauto in die Luft fliegt. Er erklärt nur fassungslos seiner Freundin, was er getan hat, ehe schon die nächsten Anschläge auf sein Leben durchgeführt werden.
Denn er steht wegen seiner Fähigkeiten (von denen er nichts ahnt) im Fadenkreuz zweier verfeindeter CIA-Agenten, die sehr gegensätzliche Ansichten über sein weiteres Leben haben.
Ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Liman wenige Stunden später ein von der restlichen Welt abgeschiedenes Schlachtfeld ist und Mike immer wieder Dinge tut, die seine Gegner dem eiskalten Killer niemals zutrauen, weil Kifferlogik der natürliche Feind jeglicher rational-militärischen Logik ist.
Kurz gesagt ist „American Ultra“ die durchgeknallte und gewalttätige Slacker-Version von „Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“ und genau wie bei den Coen-Brüder, geraten bei Regisseur Nima Nourizadeh („Project X“) und Drehbuchautor Max Landis („Chronicle“, demnächst „Victor Frankenstein“, und der Sohn von „Blues Brothers“ John Landis) schnell die Dinge außer Kontrolle, weil alle kompromisslos ihre eigenen Interessen verfolgen, während Mike nur einen ruhigen Ort zum Entspannen sucht.
„American Ultra“ hat keine Scheu vor abstrusen Wendungen (wobei wir einige Wendungen schon aus anderen Büchern, Comics, Filmen und TV-Serien mehr oder weniger kennen) und Jesse Eisenberg und Kristen Stewart als Paar mit Geheimnissen sind natürlich die halbe Miete bei dieser durchgeknallten Action-Komödie, die durchaus Kultpotential bei den Unter-Dreißigjährigen hat. Obwohl man so etwas ja immer erst mit einigem zeitlichen Abstand sagen kann.

American Ultra - Plakat

American Ultra (American Ultra, USA 2015)
Regie: Nima Nourizadeh
Drehbuch: Max Landis
mit Jesse Eisenberg, Kristen Stewart, Topher Grace, Connie Britton, Walton Goggins, John Leguizamo, Bill Pullman, Tony Hale, Stuart Greer
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
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Auch schön: das Teaserplakat

American Ultra - Teaser


DVD-Kritik: Wunderschön, „Die Wolken von Sils Maria“

August 31, 2015

Zum Kinostart kurz vor Weihnachten schrieb ich schamlos begeistert über Olivier Assayas‘ neuen Film „Die Wolken von Sils Maria“:

Der Film erzählt von einer Schauspielerin, die eine Theaterrolle annimmt, die Rolle einstudiert und schließlich die Premiere feiert.
Das klingt jetzt nicht furchtbar spannend, aber „Die Wolken von Sils Maria“ ist von Olivier Assayas inszeniert, der zuletzt mit „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ überzeugte, und mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen und Chloë Grace Moretz in einer wichtigen Nebenrolle ist der Film auch namhaft besetzt. Und Assayas nutzt den Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film zwar anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfassernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.
Im Mittelpunkt stehen die Textproben der von Juliette Binoche gespielten Maria Enders. Sie hatte vor zwanzig Jahren, im Theater, ihren Durchbruch als verführerische junge Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in Gefühlswirren stürzt und in den Selbstmord treibt.
Wilhelm Melchior, der Autor des Stückes, wurde während der Proben und danach in jeder Hinsicht ihr Mentor.
Kurz vor einer Ehrung für sein Lebenswerk, bei der sie eine Rede halten sollte, erfährt sie, dass er gestorben ist. Gleichzeitig wird ihr die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des Stückes angeboten. Der junge, von der Kritik abgefeierte Regisseur will sie unbedingt haben. Aber jetzt soll sie nicht Sigrid, mit der sie sich identifizierte, sondern Helena, ihre Antagonistin, die Böse, spielen.
Zögernd nimmt sie die Rolle an, quartiert sich in der Berghütte von Melchior in Sils Maria ein und beginnt mit ihrer persönlichen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) die Rolle zu proben. Dabei übernimmt Valentine die Rolle der Jüngeren – und bei den Proben ist oft nicht erkennbar, wann der Text des Stückes übergeht in persönliche Bekenntnisse und wann persönliche Bekenntnisse von dem Stück überlagert werden.
Später lernt Enders auch Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) kennen, die Sigrid spielen soll. Sie ist ein junger Hollywoodstar, die mit einer Rolle in einem Superheldenfilm berühmt wurde, jetzt souverän mit ihren Skandalen auf der Klaviatur der Facebook- und Twitter-Öffentlichkeit spielt und mit einer prestigeträchtigen Theaterrolle den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen würde.
Dieses Spiel zwischen Rolle und Schauspielerpersönlichkeit gewinnt durch die Besetzung natürlich zusätzliche Facetten und wird dadurch ein schönes Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Selbsterkenntnissen, Einblicken in die Welt der Schauspielerinnen und schönen Lügen, die wahrer als das wahre Leben sind. Immerhin trifft hier ein europäischer Altstar auf zwei Hollywood-Jungstars, die auch in Superheldenfilmen mitspielen – und wenn es keine Theaterrolle gibt, ist natürlich eine Rolle in einem europäischen Kunstfilm auch nicht zu verachten.
Ein Punkt störte mich allerdings bei „Die Wolken von Sils Maria“. Olivier Assayas verjüngte Juliette Binoche um mindestens zehn Jahre. Denn als sie, im Film, vor zwanzig Jahren ihren Durchbruch hatte, war sie eine Achtzehnjährige; was sie im Film zu einer knapp Vierzigjährigen machen würde, während ich mich immer wieder fragte, warum sie keine Fünfzigjährige spielen darf. Das hätte ihren inneren Konflikt noch glaubwürdiger gemacht.
Das ändert aber nichts daran, dass „Die Wolken von Sils Maria“ die europäische Version des ebenfalls grandiosen „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der am 29. Januar bei uns anläuft, ist. Man sollte sich unbedingt beide Filme ansehen. Vielleicht sogar hintereinander und dann vergleichen.

Seitdem hat „Birdman“ den Oscar als bester Film bekommen und Kristin Stewart trat neben Julianne Moore (die für ihre Rolle den Oscar erhielt) in dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ auf.
Stewart und Juliette Binoche erhielten für ihr Spiel in „Die Wolken von Sils Maria“ jeweils einen César. Ein dritter César ging an Oliver Assayas‘ Drehbuch.
Stewart soll auch in Assayas‘ nächstem Film „Personal Chopper“ auftreten, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll.
Das Bonusmaterial besteht nur aus einem zwölfminütigem Interview mit Olivier Assayas, das aber gewohnt informativ ausgefallen ist.

Die Wolken von Sils Maria - DVD-Cover

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann

DVD
NFP marketing & distribution/EuroVideo
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Originalfassung (Englisch mit Passagen in Deutsch und Französisch)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit Olivier Assayas, Trailer, Hörfilmfassung
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
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Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen)


DVD-Kritik: „Still Alice“ – Julianne Moores Oscar-Performance

August 5, 2015

Dass Julianne Moore zu den besten Schauspielerinnen ihrern Generation gehört, ist kein Geheimnis. Und dass sie in einigen Klassikern mitspielte, ist ebenfalls kein Geheimnis. Immerhin haben wir „The Big Lebowski“, „Short Cuts“, „Cookie’s Fortune – Aufruhr in Holly Springs“, „Boogie Nights“, „Magnolia“, und, letztes Jahr, „Maps to the Stars“ gesehen. Manchmal mehrmals. Aber erst für ihr Spiel in „Still Alice“ erhielt sie, nachdem sie bereits viermal für einen Oscar nominiert war, den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Verdient.
In dem von Richard Glatzer und seinem Lebenspartner Wash Westmoreland inszeniertem Drama spielt Moore Alice Howland, eine anerkannte, an der Columbia University lehrende Sprachforscherin, die gerade ihren fünfzigsten Geburtstag im Kreis ihrer Familie feierte. Kurz darauf bemerkt die Linguistin, dass irgendetwas mit ihrem Gedächtnis nicht stimmt: ihr fällt ein Wort nicht ein, beim Joggen auf einer vertrauten Strecke verliert sie die Orientierung und sie vergisst Kleinigkeiten. Sie geht zu einem Arzt und der diagnostiziert bei ihr Alzheimer. Normalerweise ist Alzheimer eine Alte-Leute-Krankheit, aber manchmal erkranken auch Jüngere daran und „Still Alice“ zeigt genau den Krankheitsverlauf und was er für den Erkrankten (nämlich den langsamen Verlust von seinem Gedächtnis und damit seinem Leben) und seine Umgebung bedeutet. Weil Alice eine Wissenschaftlerin ist, versucht sie auch analytisch mit der Krankheit umzugehen und weil Alice noch eine junge Frau ist, stellen sich für ihren Ehemann und ihre drei Kinder die mit der Krankheit einhergehenden Probleme etwas anders als bei einer Achtzigjährigen. Und das ist auch der Verdienst von diesem klug inszeniertem und gut gespieltem Drama mit einem absehbarem Ende (Hey, wir kennen alle den groben Verlauf von Alzheimer). Er holt die Krankheit von einer Krankheit alter Menschen in die Mitte der Gesellschaft zurück.
Dass Regisseur Richard Glatzer selbst ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) hatte, verleiht dem Film noch eine zusätzliche dramatische und persönliche Note. Im Gegensatz zu Alzheimer zerstört ALS das motorische Nervensystem; kurz gesagt: man kann sich immer schlechter und weniger bewegen. Bei Glatzer wurde es 2011 diagnostiziert. Während der Dreharbeiten konnte er sich kaum noch bewegen und nur mit einem Sprachcomputer mit dem Team reden. Am 10. März 2015, wenige Tage nach dem Oscar-Gewinn von Julianne Moore, starb er an der Krankheit.
Sicher auch aufgrund dieser eigenen Betroffenheit inszenierten er und Wash Westmoreland das Schicksal von Alice nüchtern, unsentimental und einem präzisen Blick auf ein zunehmend eingeschränktes Leben, garniert mit einigen Informationen über die Krankheit.
Davon abgesehen ist „Still Alice“ allein schon wegen dem grandiosen Spiel von Julianne Moore sehenswert. Sie erhielt fast alle der über fünfzig Nominierungen und Preise für den Film.
Das Bonusmaterial ist ziemlich überschaubaur. Es gibt drei B-Rolls (von denen die dritte etwas interessanter ist) und Interviews mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin und Richard Glatzer und Wash Westmoreland. Gerade die Interviews mit Moore, Glatzer und Westmoreland sind interessant. Die beiden anderen erschöpfen sich, auch aufgrund der Fragen, auch wenn es glaubwürdig klingt, in der üblichen Lobhuddelei.

Still Alice - DVD-Cover

Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (Still Alice, USA 2014)
Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
Drehbuch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
LV: Lisa Genova: Still Alice, 2009 (Mein Leben ohne Gestern)
mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin, Kate Bosworth, Hunter Parrish, Shane McRae, Stephen Kunken

DVD
Polyband
Bild: 16×9 anamorph (1,85:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews, B-Roll, Hörfilm-Fassung
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
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Neu im Kino/Filmkritik: Taffe Frauen: Juliette Binoche und Kristen Stewart suchen „Die Wolken von Sils Maria“

Dezember 18, 2014

Der Film erzählt von einer Schauspielerin, die eine Theaterrolle annimmt, die Rolle einstudiert und schließlich die Premiere feiert.
Das klingt jetzt nicht furchtbar spannend, aber „Die Wolken von Sils Maria“ ist von Olivier Assayas inszeniert, der zuletzt mit „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ überzeugte, und mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen und Chloë Grace Moretz in einer wichtigen Nebenrolle ist der Film auch namhaft besetzt. Und Assayas nutzt den Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film zwar anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfassernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.
Im Mittelpunkt stehen die Textproben der von Juliette Binoche gespielten Maria Enders. Sie hatte vor zwanzig Jahren, im Theater, ihren Durchbruch als verführerische junge Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in Gefühlswirren stürzt und in den Selbstmord treibt.
Wilhelm Melchior, der Autor des Stückes, wurde während der Proben und danach in jeder Hinsicht ihr Mentor.
Kurz vor einer Ehrung für sein Lebenswerk, bei der sie eine Rede halten sollte, erfährt sie, dass er gestorben ist. Gleichzeitig wird ihr die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des Stückes angeboten. Der junge, von der Kritik abgefeierte Regisseur will sie unbedingt haben. Aber jetzt soll sie nicht Sigrid, mit der sie sich identifizierte, sondern Helena, ihre Antagonistin, die Böse, spielen.
Zögernd nimmt sie die Rolle an, quartiert sich in der Berghütte von Melchior in Sils Maria ein und beginnt mit ihrer persönlichen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) die Rolle zu proben. Dabei übernimmt Valentine die Rolle der Jüngeren – und bei den Proben ist oft nicht erkennbar, wann der Text des Stückes übergeht in persönliche Bekenntnisse und wann persönliche Bekenntnisse von dem Stück überlagert werden.
Später lernt Enders auch Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) kennen, die Sigrid spielen soll. Sie ist ein junger Hollywoodstar, die mit einer Rolle in einem Superheldenfilm berühmt wurde, jetzt souverän mit ihren Skandalen auf der Klaviatur der Facebook- und Twitter-Öffentlichkeit spielt und mit einer prestigeträchtigen Theaterrolle den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen würde.
Dieses Spiel zwischen Rolle und Schauspielerpersönlichkeit gewinnt durch die Besetzung natürlich zusätzliche Facetten und wird dadurch ein schönes Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Selbsterkenntnissen, Einblicken in die Welt der Schauspielerinnen und schönen Lügen, die wahrer als das wahre Leben sind. Immerhin trifft hier ein europäischer Altstar auf zwei Hollywood-Jungstars, die auch in Superheldenfilmen mitspielen – und wenn es keine Theaterrolle gibt, ist natürlich eine Rolle in einem europäischen Kunstfilm auch nicht zu verachten.
Ein Punkt störte mich allerdings bei „Die Wolken von Sils Maria“. Olivier Assayas verjüngte Juliette Binoche um mindestens zehn Jahre. Denn als sie, im Film, vor zwanzig Jahren ihren Durchbruch hatte, war sie eine Achtzehnjährige; was sie im Film zu einer knapp Vierzigjährigen machen würde, während ich mich immer wieder fragte, warum sie keine Fünfzigjährige spielen darf. Das hätte ihren inneren Konflikt noch glaubwürdiger gemacht.
Das ändert aber nichts daran, dass „Die Wolken von Sils Maria“ die europäische Version des ebenfalls grandiosen „Birdman (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der am 29. Januar bei uns anläuft, ist. Man sollte sich unbedingt beide Filme ansehen. Vielleicht sogar hintereinander und dann vergleichen.

Die Wolken von Sils Maria - Plakat

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann
Länge: 124 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Wolken von Sils Maria“
Moviepilot über „Die Wolken von Sils Maria“
Metacritic über „Die Wolken von Sils Maria“
Rotten Tomatoes über „Die Wolken von Sils Maria“
Allociné über „Die Wolken von Sils Maria“
Wikipedia über „Die Wolken von Sils Maria“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Die Pressekonferenz in Cannes

(französisch)

(englisch)

Und beim NYFF52

 


TV-Tipp für den 4. September: Panic Room

September 4, 2013

Kabel 1, 20.15 (wahrscheinlich gekürzt, weil FSK 16)

Panic Room (USA 2002, R.: David Fincher)

Drehbuch: David Koepp

Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.

Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.

David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.

Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)

Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)

Wiederholung: Freitag, 6. September, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über David Fincher (deutsch, englisch) und „Panic Room“ (deutsch, englisch)

Die Welt: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Süddeutsche Zeitung: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Drehbuch „Panic Room“ von David Koepp

The Works and Genius of David Fincher (Fan-Blog – mit einem „Panic Room“-Special)

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

David Fincher in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 24. April: Panic Room

April 24, 2013

Sat.1, 22.45

Panic Room (USA 2002, R.: David Fincher)

Drehbuch: David Koepp

Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.

Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.

David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.

Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)

Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)

Wiederholung: Donnerstag, 25. April, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über David Fincher (deutsch, englisch) und „Panic Room“ (deutsch, englisch)

Die Welt: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Süddeutsche Zeitung: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Drehbuch „Panic Room“ von David Koepp

The Works and Genius of David Fincher (Fan-Blog – mit einem „Panic Room“-Special)

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

David Fincher in der Kriminalakte


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