Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“

November 18, 2016

Hans Falladas nach dem Kriegsende geschriebene Fiktionalisierung der Taten des Ehepaares Otto und Elise Hampel ist einer der Klassiker der deutschen Literatur. Das Ehepaar lebte in der Amsterdamer Straße 10 (Berlin-Wedding). Nach dem Tod ihres Bruders an der Westfront wurden die Hampels zu Regimegegner. Zwischen September 1940 und September 1942 verfassten sie über zweihundert Karten, in denen sie zum Widerstand und zur Sabotage aufriefen. Die Karten hinterlegten sie in Treppenhäusern. Am 8. April 1943 wurden sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Nach dem Kriegsende erhielt Hans Fallada vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ die Prozessakten. Im Oktober/November 1945 schrieb er in vier Wochen den Roman, der in der ersten Fassung 866 Typoskriptseiten umfasste, die vor der Veröffentlichung von Lektor Paul Wiegler überarbeitet wurden. 1947, kurz nach dem Tod von Hans Fallada, erschien im neugegründeten Aufbau-Verlag die Erstauflage von „Jeder stirbt für sich allein“, die seitdem unzählige Neuauflage erlebte. Übersetzungen gab es auch. Als der Roman 2009 in einer gekürzten Fassung erstmals ins Englische übersetzt wurde, wurde er sogar ein weltweiter Bestseller. In Deutschland erschien 2011 im Aufbau-Verlag eine ungekürzte Neuausgabe, die ebenfalls ein Bestseller wurde.

In dem Moment wollten Regisseur Vincent Pérez und der X-Filme-Produzent Stefan Arndt bereits den Roman wieder verfilmen. Es gibt bereits mehrere Verfilmungen, wobei die bekannteste die 1975er-Verfilmung von Alfred Vohrer ist. Arndt wollte das Buch als deutsche Produktion mit deutschen Schauspielern verfilmen. Aber er fand keine Geldgeber. Was angesichts der jetzt in den Kinos angelaufenen Verfilmung nicht nachvollziehbar ist. Als die damals erschienene englische Übersetzung sich zu einem Bestseller entwickelte, war die Idee geboren, den Film in Englisch für ein weltweites Publikum zu drehen. Und das taten sie dann auch.

Im Film stehen Anna (Emma Thompson) und Otto Quangel (Brendan Gleeson) im Mittelpunkt. Nach dem Tod ihres Sohnes im Krieg entschließen sie sich zum stillen Protest, indem sie in Berlin Postkarten auslegen. Ihnen auf der Spur ist Kommissar Escherich (Daniel Brühl).

Ergänzt wird dieser Krimiplot um zahlreiche Episoden aus dem Haus, die so ein Bild des Lebens in der Nazi-Diktatur entwerfen.

Man muss den gut siebenhundertseitigen Roman nicht kennen, um zu wissen, dass für den Film, der mit knapp hundert Minuten (ohne Abspann) eher kurz geraten ist, vieles aus dem Roman gestrichen wurde. Der Roman entfaltet ein breites Panorama der damaligen Zeit und der Bewohner des Mietshauses, in dem das Ehepaar Quangel lebt. Der Film erzählt dagegen vor allem eine Geschichte aus dem Haus. Außerdem endet der Film letztendlich mit der Verhaftung der Quangels, die im Roman in der aktuellen Ausgabe schon auf den Seiten 480 (er) und 491 (sie) ist. Der Roman endet in dieser Ausgabe auf Seite 668. Die Kürzungen fallen allerdings, solange man die Vorlage nicht kennt, nicht auf und allein schon das spricht für den Film und die Arbeit der Macher die eine Geschichte des stillen und gewaltlosen Widerstandes von zwei ganz normalen Leuten erzählen wollten.

Und das gelingt Pérez. Auch weil er sich auf Brendan Gleeson und Emma Thompson als Hauptdarsteller verlassen kann. Filmisch folgt „Jeder stirbt für sich allein“ dabei den Konventionen einer Romanverfilmung ohne eine wirklich eigene Handschrift. Es ist halt gediegenes Unterhaltungskino mit Anspruch und einer begrüßenswerten Botschaft.

Damit reiht sich „Jeder stirbt für sich allein“ in die von Fred Breinersdorfer geschriebene Widerstand-Trilogie ein, in der er mit „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, „Elser – Er hätte die Welt verändert“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ drei Schicksale junger Menschen aus der Nazi-Diktatur nah an der historischen Wahrheit erzählte (die von verschiedenen Regisseuren verfilmt wurden). Die Quangels sind dagegen schon älter. Alles ist deutlich gesetzter.

Weil die Verfilmung mit internationaler Besetzung für den internationalen Markt gemacht wurde, wird in der Originalfassung englisch gesprochen. Das führt, wie bei der le-Carré-Verfilmung „Marionetten“ (A most wanted man) für uns Deutsche zu der eher seltenen Situation, dass man die synchronisierte Version, in der auch etwas berlinert wird, bevorzugen sollte.

Falladas Roman kann man dann ja während der Weihnachtstage lesen.

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Jeder stirbt für sich allein (Deutschland/Frankreich/Schweiz/Großbritannien 2016)

Regie: Vincent Pérez

Drehbuch: Achim von Borries, Vincent Pérez (in Zusammenarbeit mit Bettine von Borries)

LV: Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, 1947

mit Emma Thompson, Brendan Gleeson, Daniel Brühl, Mikael Persbrandt, Katrin Pollitt, Lars Rudolph, Uwe Preuss

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (mit Filmumschlag)

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Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

(Ungekürzte Neuausgabe)

Aufbau Taschenbuch, 2016 (12. Auflage)

704 Seiten

12,99 Euro

Die ungekürzte Neuausgabe erschien erstmals 2011.

Die Erstausgabe erschien 1947 um Aufbau-Verlag.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Jeder stirbt für sich allein“

Moviepilot über „Jeder stirbt für sich allein“

Rotten Tomatoes über „Jeder stirbt für sich allein“

Wikipedia über „Jeder stirbt für sich allein“ (deutsch, englisch) und Hans Fallada

Perlentaucher über „Jeder stirbt für sich allein“

Die Zeit: Johannes Groschupf über das Ehepaar Hampel und die historischen Hintergründe des Romans

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Neu im Kino/Filmkritik: Deutscher Humor: „Frauen“ „Schrotten“

Mai 9, 2016

Deutsche Komödien – – – – nach dem Genuss einiger US-Komödien, deren Humor verklemmt unter der Gürtellinie bleibt und der ungefähr so witzig wie eine Gürtelrose ist, erscheinen deutschsprachige Komödien nicht mehr so schlimm. Gut sind sie trotzdem nicht, wie „Frauen“ und „Schrotten“ zeigen.

In „Frauen“ steigt K. O. Schott (Heiner Lauterbach) in die falsche Miet-Limousine. Er muss zu einem wichtigen Termin nach Bad Honnersheim. Viel später erfahren wir, dass er ein Millionär ist und zu seinem jüngsten Scheidungstermin gefahren werden will.

Sein Fahrer Rüdiger Kneppke (Martin Brambach) ist, egal welchen Standard man ansetzt, kein guter Chauffeur. Schlecht gekleidet, latent desorientiert, dumm wie Brot und nur am Quatschen, solange er nicht sein Blödel-Lieblingslied singt.

Kurz darauf springt Liz Tucha (Blerim Destani) in ihre Limousine. Der junge Mazedonier ist, wie wir erst viel später erfahren, ein Bräutigam auf der Flucht. Die betrogene Hochzeitsgemeinschaft verfolgt ihn und dass die Brüder der sitzengelassenen Braut Polizisten sind, verschlimmert die Situation von Tucha, Schott und Kneppke.

Ab jetzt ist das Trio, zusammengehalten durch den Willen des Drehbuchautors, auf einer ziemlich planlosen Reise durch Deutschland. Immer wieder unterhalten sie sich über Frauen, welche Probleme sie verursachen und warum Männer nicht von ihnen lassen können.

Aber öfter geht es um andere Dinge, krude Verwicklungen und, angesichts des Alters der beiden Hauptverantwortlichen, Regisseur Nikolai Müllerschön und Hauptdarsteller Heiner Lauterbach, die beide, wie schon bei dem letztendlich misslungenem Gangsterfilm „Harms“ auch zu den Produzenten gehören, einen Altherren- und Kneipenhumor, der selten amüsiert. Auch weil alle Charaktere mindestens grenzdebil sind.

Immerhin ist Tucha der Intelligenteste des Trios.

In „Schrotten“ wird Mirko Talhammer (Lucas Gregorowicz), ein halbseidener Versicherungsvertreter, der von seiner Familie, einer Schrotthändler-Dynastie, nichts mehr wissen will, von ebendiesen Familienmitgliedern bei seiner Arbeit besucht und zusammen geschlagen. Nur so können sie Mirko zur Beerdigung seines Vaters bringen und ihm seinen letzten großen Plan präsentieren: den Diebstahl eines mit wertvollem Schrott gefüllten Zuges. Dafür wollen sie in den Wald ein zweites Gleis legen.

Nach kurzem Zögern beschließt Mirko seinem Bruder Letscho (Frederick Lau) bei dem Diebstahl zu helfen. Denn Letscho beschwört zwar lautstark den Schrotthändler-Ethos, aber mit ihm als Kopf der Bande wird der Plan in einem Desaster enden.

Gleichzeitig verhandelt Mirko, der hoch verschuldet ist, hinter dem Rücken seiner Familie (Ganovenehre ist ja so etwas von 20. Jahrhundert) mit dem gegnerischen Schrotthändler Kercher (Jan-Gregor Kremp) über einen Verkauf des Thalheimerschen Erbe.

Das ist ähnlich ausgedacht wie die Drei-Männer-im-Auto-Idee von „Frauen“ und der geniale Plan in „Schrotten“ ist so bescheuert, dass es einen sprachlos macht.

Aber immerhin sind die Talhammers und ihr Clan ganz sympathisch in ihrem Zusammenhalt und Max Zähle rückt in seinem Spielfilmdebüt, nach seinem Oscar-nominiertem Kurzfilm „Raju“, ein Milieu in den Mittelpunkt, das vor einigen Jahrzehnten noch fest zum Landschaftsbild gehörte. Heute, seitdem Schrott Wertstoff ist, sind Schrotthändler ja eine aussterbende Spezies.

Der Humor ist beide Male eher grob. Die Zahl der Lacher beide Male überschaubar. Die Story beide Male unglaubwürdig.

Immerhin wurde beide Male versucht, keine typisch deutsche Schweiger/Schweighöfer-Familienkomödie abzuliefern.

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Frauen (Deutschland 2016)

Regie: Nikolai Müllerschön

Drehbuch: Nikolai Müllerschön

mit Heiner Lauterbach, Blerim Destani, Martin Brambach, Victoria Mirovaya, Mark Keller, André Hennicke

Länge: 87 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Frauen“

Moviepilot über „Frauen“

Meine Besprechung von Nikolai Müllerschöns „Harms“ (Deutschland 2013)

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Schrotten (Deutschland 2016)

Regie: Max Zähle

Drehbuch: Max Zähle, Johanna Pfaff, Oliver Keidel

mit Lucas Gregorowicz, Frederick Lau, Anna Bederke, Lars Rudolph, Heiko Pinkowski, Jan-Gregor Kremp, Rainer Bock, Alexander Scheer

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Schrotten“

Moviepilot über „Schrotten“

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Er ist wieder da“ und die Massen jubeln

Oktober 8, 2015

Der Adolf ist wieder da. Also, für alle, die ihm begegnen, ist er nicht der echte Adolf Hitler. Denn der ist ja seit 1945 tot. Heute, 2015, kann es sich daher nur um einen Spinner oder einen Komiker, der Method Acting auf die Spitze treibt, handeln. Allerdings, und das ist die ziemlich grandiose (wenn auch nicht neue) Prämisse von Timur Vermes‘ Bestseller und jetzt David Wnendts freier Verfilmung des Buches, ist dieser Adolf Hitler der echte Adolf Hitler, der plötzlich aus dem Nichts in Berlin auftaucht, sich über die Gegenwart wundert und, nachdem ein notleidender TV-Reporter ihn durch ganz Deutschland begleitete und filmte, schnell als Komiker durch die Sender gereicht wird. Ein großer Teil des Humors entsteht aus dem Aufeinandertreffen von Hitler, seinen Ansichten und der deutschen Gegenwart, die ganz anders ist als das Deutschland, das er kannte.
Dazu gibt es eine ziemlich gelungene Mediensatire über die Kämpfe in einem Sender und die Reaktionen auf der Straße und in TV-Shows auf Adolf Hitler. Seinen ersten Auftritt vor einem großen Publikum hat er mit einer improvisierten Rede über das Fernsehen in der fiktiven Privatsender-Show „Krass Alter“ mit Michael Kessler als Moderator. Danach tritt Hitler bei Frank Plasberg, Jörg Thadeusz und im Circus HalliGalli, im lockeren Gespräch mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, auf.
Und dann gibt es noch, während des gesamten Films, viele Begegnungen von Adolf Hitler auf der Straße mit ganz normalen Menschen. Sie wollen vor dem Brandenburger Tor ein Selfie mit ihm machen. Sie reagieren, wenn er seine Wäsche in einer Wäscherei abgibt, überhaupt nicht; – was auch an dem typischen Berliner Leben-und-leben-lassen-Einstellung liegt. Und sie stimmen Hitlers Ansichten zu. Teilweise ungefragt; – was aber niemand, der schon einmal mit ganz normalen Menschen sprach oder an einem Wahlkampfstand den Tiraden der Wähler lauschte, erstaunt. Diese dokumentarischen Teile, in denen Hitler-Darsteller Oliver Masucci in seiner Rolle improvisieren musste, verleihen der Satire dann auch eine realistische Grundierung, die auf den gesamten Film abfärbt. Denn auch in den anderen Teilen wirken die Dialoge immer natürlich und die Schauspieler stolpern nicht steif durch das Bild oder versuchen krampfhaft witzig zu sein. Am Ende ist kaum noch zu erkennen, was im Drehbuch stand und was improvisiert ist und dann radikal zusammengeschnitten wurde. So hatte Wnendt nachdem er im Sommer 2014 mit Masucci als Hitler und einem kleinen Team durch Deutschland gefahren war, 380 Stunden Filmmaterial, das für den Film auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurde.
Allerdings erzählt „Er ist wieder da“ auch nichts, was man nicht schon in anderen Satiren oder Mockumentaries, wie „Borat“ oder „Muxmäuschenstill“, gesehen hat. In der kleinen Independent-Produktion „Muxmäuschenstill“ brauchten Regisseur Markus Mittermaier und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg vor elf Jahren für ihre Bestandsaufnahme der deutschen Wirklichkeit keinen Hitler-Wiedergänger, sondern nur einen biederen jungen Mann im Anzug, der als selbsternannter Blockwart für Ideale und Verantwortungsbewusstsein auf die Straße ging und die Massen begeisterte.
Insgesamt ist „Er ist wieder da“, angesichts der vielen Fallen des Themas, ein überraschend gelungener Film, der allerdings mit zwei Stunden für eine satirische Mockumentary zu lang geraten ist. Zu oft plätschert Wnendts Film ziellos vor sich hin, indem er einfach die Ereignisse chronologisch und ohne dramaturgischen Fokus erfasst. Da hätte ich mir eine stärkere Zuspitzung gewünscht. Immerhin gibt Katja Riemann eine beängstigend glaubwürdige Mischung aus Eva Braun und Leni Riefenstahl ab und das Ende, wenn Hitler über seine Zukunft sinniert, während wir Bilder aus aktuellen Nachrichtensendungen sehen, ist eine eindeutige Warnung.

Er ist wieder da - Plakat

Er ist wieder da (Deutschland 2015)
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Mizzi Meyer
LV: Timur Vermes: Er ist wieder da, 2012
mit Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Marria Herbst, Katja Riemann, Franziska Wulf, Lars Rudolph, Michael Kessler, Michael Ostrowski, Gudrun Ritter, Christoph Zrenner, Frank Plasberg, Jörg Thadeusz, Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Er ist wieder da“
Film-Zeit über „Er ist wieder da“
Moviepilot über „Er ist wieder da“
Wikipedia über „Er ist wieder da“
Perlentaucher über „Er ist wieder da“
Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (Deutschland 2012)
Meine Besprechung von David Wnendts „Feuchtgebiete“ (Deutschland 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Therapie für einen Vampir“, bei Dr. Freud höchstpersönlich

September 11, 2015

Der Vampir fühlt sich unwohl.
Der Vampir geht zum Therapeuten und erzählt ihm, dass er lebensüberdrüssig sei (was ja nach einigen Jahrhunderten vorkommen kann), dass er sich nicht mehr im Spiegel ansehen könne (bekannte Vampirkrankheit) und er Probleme mit seiner Frau habe, was in den besten Familien vorkommt.
Der Therapeut bemerkt nicht, wer sein Patient ist. Auch die ungewöhnlichen Therapiestunden irritieren ihn nicht. Denn die Leute kommen ja zu ihm, weil sie Probleme haben. Da ist der Wunsch nach Treffen nach Sonnenuntergang nicht weiter schlimm.
Der Therapeut ist Dr. Sigmund Freud und „Therapie für einen Vampir“ spielt folgerichtig im Wien der frühen dreißiger Jahre und natürlich ist David Ruehms Film ein herrlicher Wiener Schmäh, bei dem niemand über irgendetwas erstaunt ist, während der Filmfan sich in den Anspielungen suhlen kann. Vor allem nachdem der Vampir, ein Graf, sich in die Freundin von einem Mitarbeiter Sigmund Freuds verliebt. Lucy ist das Ebenbild seiner schon vor Jahrhunderten verstorbenen großen Liebe. Deren Freund ist ein Maler, in den sich die Gräfin auf einem ihrer nächtliche Streifzüge verliebt. Was sie nicht davon abhält, eifersüchtig zu sein.
Neben dem todernst präsentiertem Beziehungsgerangel (das dadurch natürlich noch witziger wird) punktet der Film mit seinen pointierten Einzeilern und Dialogen und seiner Ausstattung. Gedreht wurde im Studio am Wiener Rosenhügel, das auch immer als Studio erkennbar bleibt, weil die Horrorfilme der dreißiger Jahre auch im Studio gedreht wurden. Die Computertricks versuchen das überhaupt nicht zu verschleiern, sondern sie verstärken das wohlige Retro-Gefühl dieser bissfreudigen Liebeskomödie.

Therapie für einen Vampir - Plakat - 4

Therapie für einen Vampir (Der Vampir auf der Couch, Österreich/Schweiz 2014)
Regie: David Ruehm
Drehbuch: David Ruehm
mit Tobias Moretti, Jeanette Hain, Cornelia Ivancan, Dominic Oley, David Bennent, Karl Fischer, Ernie Mangold, Lars Rudolph, Anatole Taubman, Julia Jelinek
Länge: 87 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Therapie für einen Vampir“
Moviepilot über „Therapie für einen Vampir“


TV-Tipp für den 10. Juni: Gold

Juni 10, 2015

Arte, 20.15
Gold (Deutschland/Kanada 2013, Regie: Thomas Arslan)
Drehbuch: Thomas Arslan
Wilder Westen, 1898: eine Gruppe deutschstämmiger Siedler will am Klondike River Gold suchen. Aber der Weg dorthin ist beschwerlich, kräftezehrend und gefährlich.
Berliner Schule goes Wilder Westen – und die Kritiker sind begeistert.
mit Nina Hoss, Marko Mandic, Lars Rudolph, Uwe Bohm, Peter Kurth, Rosa Enskat
Wiederholung: Donnerstag, 11. Juni, 13.45 Uhr
Hinweise
Filmportal über „Gold“
Film-Zeit über „Gold“
Moviepilot über „Gold“
Wikipedia über „Gold“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Frau des Polizisten“, ihr Mann, ihr Kind und ein stummer alter Mann

März 22, 2014

Leichte Kost ist „Die Frau des Polizisten“ nicht. Über fast drei Stunden schildert Philip Gröning in oft quälend langen Einstellungen die Beziehung von Christine (Alexandra Finder) und Uwe (David Zimmerschied). Er ist in einer Kleinstadt Polizist, um die Dreißig. Sie ist anscheinend nur Hausfrau und Mutter. Jedenfalls sehen wir sie nie arbeiten. Wir sehen sie auch nie im Gespräch mit anderen Menschen. Uwe wird immerhin zwei-, dreimal mit Kollegen bei der Arbeit gezeigt. Aber insgesamt sind Christine, Uwe und ihre kleine Tochter Clara (die Zwillinge Pia und Chiara Kleemann) allein in ihrem Reihenhaus. Diese hochgradig künstliche Isolation dieser Familie von der restlichen Welt – denn Clara geht nicht in den Kindergarten und Eltern, Verwandte, Freunde oder Nachbarn haben Christine und Uwe nicht – ist zwar als Kunstgriff, um, je nachdem, wie man den Film interpretiert, die Isolation oder auch die übergroße Nähe der Beiden zueinander zu zeigen, gerechtfertigt. Aber weil sie während des gesamten Films in dieser Isolation leben, ist sie auch statisch. Es gibt keine Entwicklung in ihrer Beziehung zur Umwelt.

In einem Interview sagt Gröning: „Das ist eine Geschichte über Nähe, Liebe, Abhängigkeit und Angst.“ In einem Publikumsgespräch sagte er, dass es in dem Film um Nähe und nicht um häusliche Gewalt gehe.

Aber die Macher recherchierten vorher viel zum Thema „häusliche Gewalt“, sie bedanken sich im Abspann bei zahlreichen Frauenhäusern und Beraterinnen, die Werbung konzentriert sich vor allem auf dieses Thema und die Produzenten Bavaria Film, Philip Gröning Filmproduktion und 3L Filmproduktion spenden in der Startwoche von allen Vorstellungen einen Euro pro Kinokarte an die Frauenhäuser der jeweiligen Stadt.

Diese Isolation könnte daher auch die Isolation von Christine reflektieren. Denn die Opfer von häuslicher Gewalt fühlen sich oft einsam. Sie glauben, dass sie mit niemand reden können. Gröning zeigt dabei auch verschiedene Facetten einer Beziehung und die Macht- und Abhängigkeitsstrukturen. Wobei die Frau des Polizisten die traditionelle Geschlechterrolle mit Kind und Küche vollkommen übernimmt, während er der ängstliche, anscheinend von seiner Arbeit frustierte Polizist ist, der sie schlägt. Und er wechselt immer wieder, ansatzlos, zwischen wenigen Szenen, in denen er Gewalt ausübt, vielen, in denen wir die Auswirkungen von Gewalt sehen können, und Szenen reinen Glücks.

Dieses sehr offene Beziehungsdrama, das vieles nur andeutet, nichts erklärt oder analysiert, auch kaum Informationen über die Charaktere anbietet, keine Lösung und ein sehr offenes Ende anbietet, wird von Gröning in eine fast schon meditative Struktur von 59 Kapiteln, die manchmal nur wenige Sekunden lang sind, gepresst. Wahrscheinlich ergibt sich sogar, wenn man sich die Inhalte der einzelnen Kapitel genau ansieht, eine wunderschöne, von der Minimal-Musik inspirierte Struktur. Weil jede Szene mit Schwarzblenden und Zwischentiteln an- und abgekündigt wird, beansprucht allein die Bekanntgabe der Kapitel gute zwanzig Minuten. Dann gibt es noch zusammenhanglose Landschaftsaufnahmen und einen alten Mann, der so etwas wie der griechische Chor ist, allerdings kommentiert er nicht die Geschichte, sondern er bleibt stumm. Wer oder was der Mann ist, wird im Film nicht beantwortet. Auch Gröning kann – oder will – ihn nicht erklären.

Stattdessen liefert er nur ein dreistündiges, fast stummes und fast geräuschloses Diskursangebot, in das vieles, viel zu vieles hineininterpretiert werden kann und das letztendlich eine Übung im Stilwillen bleibt.

Die Frau des Polizisten - Plakat

Die Frau des Polizisten (Deutschland 2013)

Regie: Philip Gröning

Drehbuch: Philip Gröning

mit Alexandra Finder, David Zimmerschied, Pia Kleemann, Chiara Kleemann, Horst Rehberg, Katharina Susewind, Lars Rudolph

Länge: 179 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Frau des Polizisten“

Moviepilot über „Die Frau des Polizisten“

Rotten Tomatoes über „Die Frau des Polizisten“

Wikipedia über „Die Frau des Polizisten“ (deutsch, englisch)

Die sehr italienische Pressekonferenz zum Film während des Filmfestivals Venedig


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