Neu im Kino/Filmkritik: „The Founder“ Ray Kroc und die Anfänge von „McDonald’s“

April 21, 2017

Anfang der fünfziger Jahre war Ray Kroc ein bestenfalls mäßig erfolgreicher, aber hartnäckiger Handelsvertreter.

Als er am 14. Januar 1984 starb, war er der Gründer von McDonald’s. Ja, genau der Franchise-Kette, die das Synonym für Fastfood, aka Junkfood, ist. Auch wenn es dort inzwischen Salate gibt.

In seinem Film „The Founder“ erzählt John Lee Hancock („Saving Mr. Banks“), nach einem Drehbuch von Robert D. Siegel („The Wrestler“), die Geschichte der ersten Jahre von „McDonald’s“ nach – und das ist eine ebenso vergnügliche, wie interessante Firmengeschichtsstunde, die mindestens so lehrreich wie Danny Boyles „Steve Jobs“, sein Biopic über den Apple-Chef, oder David Finchers „The Social Network“ über die Anfänge von Facebook und die erbitterte Feindschaft zwischen Mark Zuckerberg und den Winklevoss-Zwillingen, ist. Aaron Sorkin schrieb für beide Filme die Drehbüchern.

Michael Keaton spielt Ray Kroc und es ist eine weitere Glanzrolle für ihn.

Mit Anfang Fünfzig tingelt Ray Kroc durch die Provinz und verkauft für Prince Castle Multimixer für Milchshakes an Restaurantbesitzer, die gar nicht glauben wollen, dass sie ein Gerät brauchen, mit dem gleichzeitig mehrere Milchshakes hergestellt werden können. Deshalb schleppt er am Ende des Verkaufsgesprächs den schweren Multimixer meistens wieder zurück zu seinem Auto. Und er ärgert sich über die schlechte Bedienung und das schlechte Essen in den Schnellimbissen, denen er im Mittleren Westen seine Multimixer verkaufen will. Damals fuhr man mit seinem Auto auf den Parkplatz, wartete, bis die Bedienung kam, bestellte, wartete und, mit viel Glück, erhielt man irgendwann, was man bestellt hatte. Manchmal auch etwas anderes. Manchmal schon kalt. Und die Qualität war wechselnd.

Als Richard ‚Dick‘ (Nick Offerman) und Maurice ‚Mac‘ McDonald (John Carroll Lynch) sechs Multimixer bestellen, ist er neugierig. Denn niemand braucht so viele Multimixer.

Kroc fährt also nach San Bernardino zu seinen Großbestellern und er ist zuerst erstaunt, dann begeistert. Die Brüder McDonald haben ihr Burger-Restaurant vollkommen anders aufgebaut als die anderen Schnellrestaurantbetreiber: nicht die Bedienung kommt zum Kunden, sondern der Kunde geht zur Theke. Er erhält in Sekunden das Essen in einer Verpackung, die er danach wegwerfen kann. Das Essen ist warm und von gleichbleibender Qualität. Und essen kann er es, wo er will. Heute kennen wir das Konzept allzugut. Aber damals war es neu – und wie Kroc, staunend wie ein kleines Kind, zum ersten Mal von den McDonalds bedient wird, ist einer der vielen wunderschön inszenierten Momente des Films. Dem viele weitere folgen. Wie die Szene, in der die McDonald-Brüdern, sich wie ein altes Ehepaar ergänzend, Kroc die Geschichte ihres Unternehmens erzählen und wie sie die Abläufe perfektionierten, damit die Kunden möglichst schnell ihr Essen erhalten, das immer die gleiche hohe Qualität hat. Dieses Speedee Zubereitungssystem probten sie mit ihren Mitarbeitern auf einem Tennisplatz, auf dem sie den Grundriss der Küche gezeichnet hatten, bis die Choreographie perfekt war. Am Ende bewegten sich die Burger-Brater wie Ballett-Tänzer.

Kroc hat die Vision einer Kette von Fast-Food-Restaurants, die ein fester Bestandteil des amerikanischen Lebens und der Kultur sind. Wie der sonntägliche Gottesdienst. Mühsam kann er sie überzeugen, dass er im ganzen Land Filialen von ihrem Geschäft eröffnen darf. Diese Expansion des von dem McDonald-Brüdern erfundenen Systems ist dann gar nicht so einfach. Es müssen Franchise-Nehmer gefunden werden. Die Qualität muss eingehalten werden. Das Geld muss fließen. Und dann gibt es ständig Konflikte zwischen Kroc, der ungehemmt expandieren will (und muss) und den McDonald-Brüdern, die penibel auf die Qualität achten. Vor allem Dick achtet unerbittlich auf jedes Detail. Im Zweifelsfall betreiben sie lieber ein Restaurant richtig als viele Restaurants mittelmäßig.

Hancock erzählt diese Geschichte über die ersten Jahre von „McDonald’s“ mit viel Zeitkolorit, pointiert, informativ, vielschichtig, ohne eindeutig Partei zu ergreifen (was auch an der gewählten Erzählstruktur, in der die Geschichte primär von Kroc erzählt wird, liegt) und mit satirischen Spitzen, bis zu dem Moment, in dem Kroc die beiden Brüder bei einer Vertragsverhandlung in den frühen Sechzigern endgültig ausbootet.

Über viele Jahre waren sie und ihre Leistung, vor allem wegen des von Kroc gepflegten Firmenimage, fast unbekannt. Er hatte nicht nur ihre Ideen übernommen und sie zuerst in den USA, später weltweit, verbreitet, sondern er hat sich, als guter Verkäufer, auch immer so ins Rampenlicht gesetzt, dass am Ende alle glaubten, dass er der Gründer der Firma und des Schnellimbiss-Konzeptes sei. Schließlich stand auf seiner „Mc Donald’s“-Visitenkarte auch „Founder“ (Gründer). 1999 wurde Ray Kroc in die Liste der hundert einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts des Time-Magazine aufgenommen.

The Founder“ erzählt eine Firmengeschichte, die wie im Flug vergeht, ziemlich nah an den historisch verbürgten Fakten ist und in der Ray Kroc ein sympathischer Widerling ist, der mit Mitte Fünfzig seinen großen Durchbruch hatte, in dem er die heute immer noch erfolgreichste, weltweit bekannte Fastfood-Kette „McDonald’s“ schuf und die Essenskultur revolutionierte.

The Founder (The Founder, USA 2016)

Regie: John Lee Hancock

Drehbuch: Robert D. Siegel

mit Michael Keaton, Laura Dern, John Carroll Lynch, Nick Offerman, Patrick Wilson, Linda Cardellini, B. J. Novak, Katie Kneeland, Andrew Benator

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Founder“

Metacritic über „The Founder“

Rotten Tomatoes über „The Founder“

Wikipedia über „The Founder“

History vs. Hollywood über „The Founder“

Meine Besprechung von John Lee Hancocks „Saving Mr. Banks“ (Saving Mr. Banks, USA/Großbritannien/Australien 2013)

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Neu im Kino/Filmkritik: Kelly Reichardt erzählt über „Certain Women“

März 3, 2017

Es passiert, abgesehen von einer Geiselnahme, nichts wirklich dramatisches in „Certain Women“, dem neuesten Film von Kelly Reichardt. Zuletzt inszenierte sie den Anti-Western „Meek’s Cutoff“ und den Anti-Thriller „Night Moves“. Und wer diese und ihre vorherigen Filme kennt, weiß, dass die Geiselnahme in „Certain Women“ keine der hyperenergetischen, schnell geschnittenen Geiselnahmen ist, die wir aus zahllosen Thrillern kennen.

Die Independent-Regisseurin erzählt in ihrem neuesten Film drei in sich abgeschlossenen Geschichten von vier Frauen, die in und um Livingston in Montana leben. Die Anwältin Laura (Laura Dern) versucht seit Monaten ihren Mandanten Fuller (Jared Harris) zu überzeugen, dass seine Arbeitsrechtklage erfolglos sein wird. Als er in seiner Verzweiflung in einem Bürogebäude eine Geisel nimmt, soll sie ihn zur Aufgabe bewegen. Kelly Reichardt inszeniert diese Geiselnahme, wie den gesamten Film, konsequent entschleunigt und betont undramatisch. So als sei auch eine Geiselnahme Alltag und das Gespräch mit dem bewaffnetem Geiselnehmer nur ein weiteres Mandantengespräch.

Noch alltäglicher sind die beiden anderen Geschichten des Films. In der zweiten Geschichte wollen Gina (Michelle Williams) und ihr Mann Ryan (James Le Gros) für den Bau eines Hauses Natursteine von ihrem allein lebenden, zunehmend dement werdenden Nachbarn Albert (Rene Auberjonois) haben. Für ihn sind sie mit Erinnerungen verbunden. Für Gina sind sie ein schönes Deko-Element des geplanten Hauses, das sich in die malerische Landschaft einfügen soll.

In der dritten Geschichte setzt sich die Pferdepflegerin Jamie (Lily Gladstone) in einen Fortbildungskurs für Lehrer. Beth (Kristen Stewart) leitet den Kurs. Sie hat gerade ihr Jurastudium beendet. Für den Kurs muss sie an zwei Abenden in der Woche vom vier Stunden entfernten Livingston herkommen. Nach dem Kurs reden Beth (mehr) und Jamie (weniger) in einem Diner über ihr Leben und ihre Zukunft.

Als Beth eines Tages nicht mehr zum Kurs erscheint, weil ihr die Fahrt zu lang ist, macht sich die in sie verliebte Jamie sich auf den Weg nach Livingston.

Als Vorlage für diese Geschichten dienten Kelly Reichardt die in dem Sammelband „Both ways ist he only way I want it“ enthaltenen Kurzgeschichten „Travis B.“, „Native Sandstone“ und „Tome“ der hochgelobten Autorin Maile Meloy. Kelly Reichardt behält in ihrem Film das skizzenhafte der Kurzgeschichten bei. Es sind kleine Episoden aus dem Leben der Frauen, in denen wir viel über sie erfahren, aber auch vieles noch nicht einmal angesprochen wird. Dafür beobachtet Kelly Reichardt ausdauernd Laura, Gina, Jamie und Beth in alltäglichen Situationen und das ist überhaupt nicht langweilig. Denn es sind vier sehr verschiedene Frauen.

Ihr Episodendrama verlangt allerdings, wie immer bei Kelly Reichardt, einen geduldigen Zuschauer, der sich auf den langsamen Erzählrhythmus einlässt und der nicht nach der üblichen Hollywood-Dramaturgie und Konfliktlösung giert. Auch ihre Charaktere passen nicht in die gängigen Hollywood-Klischees. Dafür ähneln sie zu sehr ganz normalen Menschen mit ganz normalen Problemen.

Certain Women“ ist wie das Leben: weitgehend undramatisch in den bekannten Bahnen, in denen Veränderungen langsam geschehen, aber nicht unspannend. Das liegt auch daran, dass in jeder Episode große Themen und Fragen auf eine leise, intime Art angesprochen werden.

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Certain Women (Certain Women, USA 2016)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Kelly Reichardt

LV: Maile Meloy: Both ways is the only way I want it: Stories, 2009

mit Laura Dern, Kristen Stewart, Michelle Williams, Lily Gladstone, James Le Gros, Jared Harris, Rene Auberjonois, John Getz

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Certain Women“

Metacritic über „Certain Women“

Rotten Tomatoes über „Certain Women“

Wikipedia über „Certain Women“

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)

Beim NYFF reden Kelly Reichardt, Kristen Stewart, Laura Dern und Lily Gladstone über den Film

Kelly Reichardt redet über ihren Film


TV-Tipp für den 17. Februar: Dr. T and the Women

Februar 17, 2015

Servus TV, 20.15
Dr. T. and the Women (USA 2000, Regie: Robert Altman)
Drehbuch: Anne Rapp
Dallas, Texas: Dr. T (eigentlich Sullivan Travis) ist der Frauenarzt der Schönen und Reichen. Er liebt die Frauen – und Frauen lieben ihn. Dummerweise ist er verheiratet.
„Intelligente Gesellschaftskomödie, die ein genüssliches Kinoerlebnis ermöglicht.“ (Multimedia)
„Mit Leichtigkeit bringt er seine Zuschauer zu der Einsicht, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.“ (Markus Tschiedert, AZ)
Einer von Altmans letzten Filmen, der, nach den für Altman-Fans dürftigen achtziger Jahren ab „The Player“ (1992) mit einer Reihe grandioser Ensemblefilme verzückte.
Am Donnerstag läuft die Doku „Altman“ über den Regisseur in einigen Kinos an.
mit Richard Gere, Helen Hunt, Farrah Fawcett, Laura Dern, Shelly Long, Tara Reid, Kate Hudson, Liv Taylor, Robert Hays, Lee Grant
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Dr. T. and the Women“
Wikipedia über „Dr. T. and the Women“ (deutsch, englisch)
Robert Altman in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Der große Trip – Wild“ – Selbsterfahrung, the American Way

Januar 17, 2015

Besonders groß sind die Sympathien mit Cheryl Strayed am Anfang von „Der große Trip – Wild“ nicht. Denn die 26-jährige will, ohne ein Jota Wandererfahrung, aber mit einer anscheinend aus dem Alles-was-Sie-für-eine-lange-Wanderung-brauchen-Katalog zusammengekauften Ausrüstung, die sie kaum tragen kann, den über viertausend Kilometer (bzw. 2663 Meilen) langen Pacific Crest Trail, einen Wanderweg an der US-Westküste, der sich von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze erstreckt, abwandern.
Diese Wanderung soll, wie man aus den assoziativ eingefügten Rückblenden erfährt, ihr Weg zu einer inneren Läuterung und einem besseren Leben sein. Vor der Wanderung war ihr Leben ein einziges Chaos aus Sex, Drogen, gescheiterten Beziehungen und ohne Perspektive.
Drei Monate wandert sie durch die Wüste, den Schnee und unberührte Wälder bis sie nach 1100 Meilen an ihrem Ziel ist. Später schrieb Strayed über Selbstfindung beim Wandern das Buch „Wild: From Lost to Found on the Pacific Crest Trail“ (Der große Trip). Schon vor der Veröffentlichung kaufte Reese Witherspoon das Buch, das ein Bestseller wurde. Sie übernahm auch die Hauptrolle und jetzt wurde sie dafür, nach zahlreichen anderen Nominierungen (wie Bafta und Golden Globe), auch für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert. Laura Dern, die ihre Mutter spielt, wurde als beste Nebendarstellerin nominiert.
Und Witherspoons Leistung bei diesem Wanderfilm ist auch beeindruckend.
Allerdings funktioniert bei dem von „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée inszeniertem Film die Struktur von Strayeds Bericht im Film nur bedingt. Strayed wandert. Sie muss gegen ihren inneren Schweinehund und ihre Unerfahrenheit ankämpfen. Das gelingt ihr mit der manischen Energie einer Süchtigen, die sich jetzt ein Ziel gesetzt hat, das sie unbedingt erreichen möchte. Sie trifft andere Wanderer und Anwohner des Wanderweges. Diese Menschen sind – wie es in der Realität nun einmal ist – normalerweise nett und hilfsbereit. Sie erinnert sich an ihre Vergangenheit.
Das alles funktioniert in einem Erlebnisbericht, bei dem sich viel im Kopf des Erzählers abspielt, besser als in einem Film. Denn gerade diese Innensicht, diese Selbstgespräche und Erinnerungen (die immerhin in Rückblenden illustriert werden können), sind nicht filmisch. Außerdem fehlt Strayeds Wanderung, im Gegensatz zu, beispielsweise, „All is Lost“ (mit Robert Redford) oder „Spuren“ (mit Mia Wasikowska), die lebensbedrohliche Dimension. Strayed muss in „Der große Trip – Wild“ nicht um ihr Leben, sondern gegen ihren inneren Schweinehund kämpfen. Mit von Anfang an bekanntem Ergebnis.
So überzeugt „Der große Trip – Wild“ vor allem als Leistungsschau einer Schauspielerin, garniert mit schönen Landschaftsaufnahmen.

Der große Trip - Wild - Plakat

Der große Trip – Wild (Wild, USA 2014)
Regie: Jean-Marc Vallée
Drehbuch: Nick Hornby
LV: Cheryl Strayed: Wild, 2012 (Der große Trip)
mit Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski, Michiel Huisman, Gaby Hoffmann, Kevin Rankin, W. Earl Brown, Mo McRae, Keene McRae
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der große Trip – Wild“
Moviepilot über „Der große Trip – Wild“
Metacritic über „Der große Trip – Wild“
Rotten Tomatoes über „Der große Trip – Wild“
Wikipedia über „Der große Trip – Wild“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Der große Trip – Wild“
Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Dallas Buyers Club“ (Dallas Buyers Club, USA 2013)
Homepage von Nick Hornby
Homepage von Cheryl Strayed


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