Neu im Kino/Filmkritik: „Die Schöne und das Biest“ im CGI-Märchenwald

April 30, 2014

Die Geschichte, also das Märchen von der Schönheit, die von einem Monster auf einem Schloss gefangen gehalten wird, die wahren, inneren Werte des Biestes erkennt und sich in das feingeistig Wesen verliebt, dürfte bekannt sein. Entweder das Märchen oder eine seiner zahlreichen Variationen in verschiedenen Medien. Unter Cineasten erfährt dabei die Version von Jean Cocteau, der die Geschichte 1946 mit Jean Marais als dem Biest verfilmte, die größte Wertschätzung. Auch Christophe Gans‘ „Die Schöne und das Biest“ orientiert sich an Cocteaus Film „Die Schöne und das Tier“, ist aber dennoch eigenständig als buntes, CGI-gesättigtes Märchenspektakel, das sich am Anfang viel Zeit nimmt, um Belle (Léa Seydoux) im Kreis ihrer Familie zu zeigen. Sie ist die Tochter eines vermögenden Kaufmanns (André Dussolier), der, nachdem seine mit Fracht gefüllten Schiffe untergehen, alles verliert und verarmt mit seinen sechs Kindern aufs Land ziehen muss. Während für Belles statusbedachten Schwestern das die ultimative Schmach ist, gefällt es Belle auf dem Land in der freien Natur, abseits der gesellschaftlichen Verpflichtungen.
Eines Tages bricht ihr Vater auf, um in der Stadt einen ihrer Brüder zu finden. Auf dem Rückweg verirrt er sich im winterlichen Wald und entdeckt ein Schloss. Er bedient sich an der reichhaltig gedeckten Tafel und bricht für Belle eine Rose ab. Dafür verurteilt ihn der Hausherr, das titelgebende Biest (Vincent Cassel), zum Tod. Der Kaufmann darf vorher noch einmal seine Familie sehen.
Seine Tochter Belle, die sich, weil sie sich als Reisemitbringsel eine Rose wünschte, für das Schicksal ihrer Familie verantwortlich fühlt, bricht auf zu dem Schloss in den sicheren Tod.
Aber der Schlossherr tötet sie nicht. Er ist eine verfluchte Seele, die erst erlöst werden kann, wenn er eine Frau findet, die ihn wirklich liebt.
Wer diese Frau ist, ist natürlich schon vor der ersten Begegnung zwischen Belle und dem Biest, das sich lange vor ihr versteckt, offensichtlich. Dennoch verliebt Belle sich in Christophe Gans Interpretation des schon mehrmals verfilmten Märchen viel zu schnell in das Biest; fast so, als würde sie nur eine Fluchtmöglichkeit aus ihrer Familie suchen und sich dafür in den ersten Mann verlieben, der ihr dabei helfen kann. Auch wenn ihre Flucht in einem goldenem Käfig endet. Deshalb ist diese fast schon nebenbei behandelte Liebesgeschichte als Geschichte einer großen, reinen, sich langsam entwickelden Liebe auch unglaubwürdig.
Belles Familie, vor allem natürlich die Geschichte ihrer rapiden Verarmung und die Dynamik innerhalb der Familie, nimmt im Vergleich zum titelgebenden Liebespaar viel Zeit in Anspruch, weshalb es auch fast bis zur Filmmitte dauert, bis Belle und das Biest sich zum ersten Mal treffen.
Noch länger dauert es, bis wir endlich Vincent Cassels Gesicht sehen. Die meiste Zeit ist er unter der computergenerierten, ziemlich künstlich aussehenden und wenig beeindruckenden Biest-Maske nicht erkennbar, außer an seinen Bewegungen und seiner Stimme, die in der Synchronisation auch wegfällt. In den Rückblenden, in denen erzählt wird, wie der Prinz, der ein begeisterter Jäger war und eine goldene Hirschkuh töten wollte, wegen seiner Jagdtrophäe zum Biest wurde, ist Cassel in seiner ganzen Pracht zu sehen.
Gedreht wurde „Die Schöne und das Biest“ in den Babelsberg Studios. Die prächtige Kulisse stammt aus dem Computer, was dem Film einen märchenhaft irrationalen Look verschafft, der irgendwo zwischen CGI, Gemälde und alten Studiokulissen ist.
Doch so schön die Ausstattung auch ist, so störend sind die Effekte im Finale, das dann die Märchenwelt zugunsten einem konventionellen CGI-Aktionfinale verlässt. Das hat man schon tausendmal gesehen.
Lächerlich und vollkommen unpassend sind die computergenerierten Tadums, kleine Hunde-ähnliche Tiere mit großen Augen und überlangen Schlappohren, die einfach nur lächerliche und vollkommen überflüssige Trickfiguren aus einem anderen Film sind.
Aber trotz aller Kritik hat mir „Die Schöne und das Biest“ deutlich besser als erwartet gefallen und gerade Kindern dürfte der Film, der als Bilderbuch beginnt und endet, gefallen. Für Erwachsene ist dann doch alles zu märchenhaft-eindeutig. Die Guten sind zu gut, die Bösen zu böse, die Prinzessin und Belle zu schön und Belles Schwestern zu zickig-schnöselig.
Peter Uehling nannte den Film in seiner „Berlinale“-Kritik durchaus treffend „eine große Buttercremetorte mit Sahne und einem quietschsüßem Vanilla Latte“. So etwas muss man, wie einen Mädchen-Kindergeburtstag einfach mögen – oder die Flucht ergreifen.

Die Schöne und das Biest - Plakat 1

Die Schöne und das Biest (La belle et la bête, Frankreich 2013)
Regie: Christophe Gans
Drehbuch: Christophe Gans, Sandra Vo-Anh
LV: Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve: La belle et la bête, 1740 (Die schöne und das Biest, Märchen)
mit Vincent Cassel, Léa Seydoux, André Dussollier, Eduardo Noriega, Myriam Sharleins, Audrey Lamy, Sara Giraudeau, Yvonne Catterfeld
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Französische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Schöne und das Biest“
Moviepilot über „Die Schöne und das Biest“
Metacritic über „Die Schöne und das Biest“
Rotten Tomatoes über „Die Schöne und das Biest“
Wikipedia über „Die Schöne und das Biest“ (englisch, französisch)
Berlinale über „Die Schöne und das Biest“ (inclusive der Pressekonferenz)

Weitere Filmplakate

Die Schöne und das Biest - Plakat 2

Die Schöne und das Biest - Plakat 3

Die Schöne und das Biest - Teaserplakat

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Neu im Kino/Filmkritik: Besuchen Sie „The Grand Budapest Hotel“!

März 6, 2014

Oft schreibe ich in meinen Besprechungen ja, welcher Schauspieler welche Rolle spielt. Bei Wes Andersons neuem Film „The Grand Budapest Hotel“ mache ich das nicht. Denn ein Teil des Spaßes beim Ansehen der Komödie ist es, Ralph Fiennes, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Saoirse Ronan, Jason Schwartzman, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Tom Wilkinson, Owen Wilson, Florian Lukas und Bob Balaban, in ihren teils cameohaften Auftritten, teils gut geschminkt oder mit Bart, zu erkennen. Außerdem steht das ja alles auf dem stylischen Plakat.

Ein weiterer Teil des Spaßes, jedenfalls für Filmfans, ist es, all die Anspielungen, Zitate und Reminiszenzen zu entdecken. In dem sicheren Gefühl, in dieser Sekunde gerade zwei verpasst zu haben. Denn „The Grand Budapest Hotel“ ist ein großartiger Spaß, in dem 1968 im nur noch schwach von seiner früheren Größe zehrendem Grand Budapest Hotel der seltsame Hotelbesitzer Zero Moustafa einem jungen Autor erzählt, wie er der Besitzer des mondänen Hotels wurde.

1932 begann er als Zero (und das war er damals) unter der strengen Fuchtel von Monsieur Gustave H., der als Chefconcierge gerade bei den älteren Damen sehr beliebt war, als Lobbyboy. Nach dem plötzlichen Tod der 84-jährigen Madame Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis (kurz Madame D.), fahren sie zur Trauerfeier, haben ein unschönes Erlebnis an der Grenze, erfahren, dass Madame D. Monsieur Gustave ein wertvolles Gemälde vermachte und dass die aasigen Erben ihnen das Bild nicht gönnen. Monsieur Gustave und Zero stehlen es, flüchten zurück in das Grand Budapest Hotel und spätestens hier beginnt eine herrlich verwirrende Geschichte um Lug und Betrug, Mord, falsche Verdächtigungen und, wir ahnen es, Liebe, die so flott und so vergnüglich erzählt wird, dass man kaum zum Nachdenken kommt und auch überhaupt nicht über die Geschichte nachdenken will, denn eine wichtige Inspiration für die Filmgeschichte sind die Screwballkomödien und Serials der frühen dreißiger Jahre, in denen der Held von einer tödlichen Gefahr in die nächste stolpert. Erzählt wird das äußerst geschmackvoll und stilbewusst mit mehr als einem Hauch Billy Wilder und Ernst Lubitsch und einer Danksagung an Stefan Zweig, dessen Memoiren Anderson zu diesem Film inspirierten.

The Grand Budapest Hotel“ ist ein sehr kurzweiliger, temporeicher Spaß voller Zitate, Witze und Überraschungen. Eine wahre cineastische Wundertüte, die man auch einfach als spritzige Komödie genießen kann.

The Grand Budapest Hotel - Plakat

The Grand Budapest Hotel (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson und Hugo Guiness)

mit Ralph Fiennes, Tony Revolori, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Saoirse Ronan, Jason Schwartzman, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Tom Wilkinson, Owen Wilson, Florian Lukas, Bob Balaban, Lisa Kreuzer

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Homepage der Akademie Zubrowka

Film-Zeit über „The Grand Budapest Hotel“

Moviepilot über „The Grand Budapest Hotel“

Metacritic über „The Grand Budapest Hotel“

Rotten Tomatoes über „The Grand Budapest Hotel“

Wikipedia über „The Grand Budapest Hotel“ (deutsch, englisch)

Einige Ausschnitte aus der Berlinale-Pressekonferenz (hier in ganzer Länge von gut 53 Minuten)

Und noch mehr Ausschnitte aus dem Film (für die ganz Ungeduldigen, die auch gerne auf einige Überraschungen verzichten)


TV-Tipp für den 22. Dezember: Mission: Impossible – Phantom Protokoll

Dezember 22, 2013

Pro 7, 20.15

Mission: Impossible – Phantom Protokoll (USA 2011, R.: Brad Bird)

Drehbuch: André Nemec, Josh Appelbaum

Ethan Hunt jettet um die Welt um die Welt zu retten – und hat dabei noch weniger Unterstützung von den USA als bei seinen normalen „Mission: Impossible“-Missionen.

Durchaus unterhaltsamer, aber vollkommen sinnfreier Actionfilm mit viel Action und null Story.

Tom Cruise plant einen fünften „Mission: Impossible“-Film und einen zweiten „Jack Reacher“-Film.

mit Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Paula Paton, Michael Nyqvist, Wladimir Maschkow, Josh Holloway, Anil Kapoor, Léa Seydoux, Tom Wilkinson, Ving Rhames

Wiederholung: Montag, 23. Dezember, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“

Rotten Tomatoes über „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“

Wikipedia über “Mission: Impossible – Phantom Protokoll” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Ghost Protocol, USA 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Liebesfilm „Blau ist eine warme Farbe“

Dezember 19, 2013

 

Als „Blau ist eine warme Farbe“ dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme erhielt, war es eine kleine Situation. Die von Steven Spielberg geleitete Jury zeichnete nicht nur Regisseur Abdellatif Kechiche, sondern – erstmals, die Regeln galant ignorierend – auch die beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux aus. Denn so Spielberg über die „großartige und wunderschöne Liebesgeschichte“ und die Juryentscheidung: „Ohne sie hätte der Regisseur seine genauen und sensiblen Beobachtungen nicht umsetzen können.“

In seinem dreistündigem Film erzählt Kechiche die Liebesgeschichte zwischen Adèle (Adèle Exarchopoulos) und Emma (Léa Seydoux [Mission: Impossible – Phantom Protokoll, Midnight in Paris, Inglourious Basterds]) von ihrer ersten Begegnung bis zu ihrem Ende.

Als wir Adèle zum ersten Mal treffen, ist sie eine siebzehnjährige, literaturbegeisterte Schülerin, die Lehrerin werden möchte. Und wie ihre Klassenkameradinnen sucht sie einen Freund. Aber der Schwarm der Mädchen ist dann doch nicht ihr Traumprinz. Im Gegensatz zu der etwas älteren Frau mit den struppigen blauen Haaren, die sie, Arm in Arm mit einer anderen Frau, auf dem Marktplatz sieht und von der sie sofort fasziniert ist. Später treffen sie sich mitten in der Nacht in einer Lesbenbar, in die Adèle ging, nachdem sie von ihren Klassenkameradinnen gelangweilt war. Der Funke springt über und die Liebesgeschichte zwischen Adèle und der bekennend lesbischen Kunststudentin Emma beginnt. Dass sie aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen kommen, dass das handfeste Arbeitermilieu und das Künstlermilieu zwei verschiedene Welten mit sehr verschiedenen Lebensentwürfen ist, stört sie anfangs nicht.

Später, nachdem sie zusammen gezogen sind und der Alltag ist in ihre Beziehung einkehrt, fallen diese Unterschiede auf. Während Adèle als Lehrerin arbeitet, hat Emma erste Erfolge als Malerin.

Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) erzählt diese Geschichte fast ausschließlich in Nahaufnahmen und längeren Szenen, die quasi-dokumentarisch wirken. Und, was auch ungefähr in jeder Besprechung erwähnt wird, mit einigen längeren expliziten Sexszenen, die mich, weil sie Teil der Geschichte sind, nicht störten. Denn sie verraten auch einiges über die Beziehung der beiden Frauen zueinander.

Auch wenn die einzelnen Szenen, dank des sehr improvisierten Drehs, betont ungekünstelt wirken, hat Kechiche die Adoleszenz-Geschichte beim Schnitt präzise komponiert, indem es auch um verschiedene Lebensentwürfe (Adèle arbeitet nach ihrer Schulabschluss mit Kindern), die Liebe zur Kunst (es wird schier endlos mit nimmermüder Begeisterung über die Literatur und die Malerei gesprochen), Machtstrukturen und Vorurteile (besonders deutlich in der Schule, wenn Adèle von ihren Freundinnen als Lesbe beschimpft wird, aber auch wenn sie Emma ihren Eltern als Freundin vorstellt, während Emmas Eltern von ihrer lesbischen Beziehung wissen) und dem sexuellen Erwachen, das hier halt mit einer anderen Frau stattfindet, die Adèle gleichzeitig in die Welt der Kunst und der Boheme entführt.

Im Original heißt „Blau ist eine warme Farbe“ „La vie d’Adèle, chapitres 1 & 2“ und, auch wenn sich Kechiche in den ersten beiden Kapitel auf die Liebesgeschichte und damit auf Adèle und Emma konzentriert, gibt es mit dem halb offenem Ende und den, eher spärlichen, Hinweisen auf ihr Leben, genug Möglichkeiten für weitere Kapitel, die Kechiche in den nächsten Jahren mit Adèle Exarchopoulos erzählen möchte, wenn es nicht gerade zwischen ihm, seinen beiden Hauptdarstellerinnen und der Autorin der Vorlage, die er sehr frei interpretierte, Streit gäbe.

Blau ist eine warme Farbe - Plakat

Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle, chapitres 1 & 2, Frankreich 2013)

Regie: Abdellatif Kechiche

Drehbuch: Abdellatif Kechiche, Ghalya Lacroix

LV: Julie Maroh: Le bleu est une couleur chaude, 2010 (Blau ist eine warme Farbe)

mit Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos, Salim Kechiouche, Mona Walravens, Jérémie Laheurte, Alma Jodorowsky

Länge: 179 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Französische Facebook-Seite zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Blau ist eine warme Farbe“

Moviepilot über „Blau ist eine warme Farbe“

Metacritic über „Blau ist eine warme Farbe“

Rotten Tomatoes über „Blau ist eine warme Farbe“

Wikipedia über „Blau ist eine warme Farbe“ (deutsch, englisch, französisch)

 

 


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