Neu im Kino/Filmkritik: Der deutsche Horrorfilm „Lost Place“

September 19, 2013

Ein Horrorfilm aus Deutschland? Warum eigentlich nicht? Auch wenn die Story von „Lost Place“ keinen Innovationspreis gewinnt und die Macher ihr Werk lieber Mystery-Thriller nennen: Vier Jugendliche – Intelligenzbestie Daniel, sein rappender Kumpel Thomas, Daniels Internetbekanntschaft Elli und ihre Freundin Jessi – wollen bei einer Geocache-Schatzsuche mitmachen. Der Schatz ist in einem See in einem im Pfälzer Wald gelegenem militärischen Sperrgebiet versteckt. Sie betreten das Sperrgebiet, entdecken einen verlassenen Campingplatz, fühlen sich seltsam, Jessi hat nach dem Genuss von Keksen einen epileptischen Anfall und ein Mann in einem Schutzanzug taucht auf. Er sagt, er müsse sie vor den Strahlen retten. Deshalb bringt er sie in einen der Wohnwagen, der als Faradayscher Käfig die elektromagnetischen Strahlungen ablenkt und erzählt ihnen etwas von geheimen US-Militärexperimenten. Trotz der unsichtbaren Gefahr verlassen sie immer wieder den sicheren Wohnwagen. Dabei sterben ihr Retter und Thomas, weil in dem Auto, mit dem er flüchten wollte, die Bremsen versagen. Elektronikfehler. Dass das verbliebene Pärchen jetzt nicht, wie jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat, schneller als ein 100-Meter-Sprinter in Richtung rettende Stadt läuft, sondern ohne irgendeine Schutzmaßnahme (Merke: Alufolie auf dem Kopf hilft gegen gehirnzersetzende Strahlen!) zur geheimen, die tödlichen Signale aussendenden Militärstation geht, ist nur auf den Willen der Drehbuchautoren zurückzuführen und kann auch nicht mit Genrekonventionen entschuldigt werden.

Die Story folgt nämlich, auf den ersten Blick, dem üblichen Zehn-kleine-Negerlein-Spiel, das wir aus zahlreichen Horrorfilmen, in denen eine Gruppe Jugendlicher der Reihe nach ermordet wird, kennen. „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Freitag, der 13.“ für die älteren, „Hostel“ für die jüngeren Semester. Die „Scream“-Filme oder eine x-beliebige Variante oder Parodie für alle weiteren Fragen; – wobei in diesen Filmen die Teenager immer einen klar erkennbaren Gegner haben, der sie schlachten will und am Ende höchstens eine überlebt.

In „Lost Place“ wird diese Geschichte mit dem Ost-West-Konflikt verbunden. Denn während des Kalten Krieges gab und gibt es in mehr oder weniger abgelegenen Gebieten zahlreiche militärische Sperrgebiete und Anlagen, die auf keiner Karte verzeichnet waren (wegen des Angriffes aus dem Osten) und bei denen auch die Anwohner nicht wussten, was sich in ihnen abspielte. Es gab auch – in der Prä-Handy-Zeit – die Angst vor Funkstrahlen, die auch für das Sterben von Pflanzen und Bäumen verantwortlich waren und unsere Psyche beeinflussen sollten. Depression und so. In dem Film wird jetzt behauptet, dass die Amerikaner während des Kalten Krieges in dem Sperrgebiet, das von unseren jugendlichen Helden betreten wird, ein geheimes Forschungsprojekt zur Wetter- und Gedankenbeeinflussung betrieben wurde, um so den Feind unblutig zu besiegen – und irgendetwas davon scheint in der Gegenwart sein Unwesen zu treiben.

Das ist, wie gesagt, nicht neu, aber gut erprobt und funktioniert auch immer wieder. Zuletzt beispielsweise in Brad Parkers „Chernobyl Diaries“ (USA 2012).

Aber schon während des Ansehens von „Lost Place“, dem ersten deutschen Film in 3D (muss nicht sein, vor allem weil große Teile des Films in geschlossenen Räumen spielen, viel geredet und der 3D-Effekt meistens nervig eingesetzt wird) und Dolby Atmos TM (halt noch mehr Lautsprecher als in einem normalen Kino), werden dann wieder alle Vorurteile, die man über deutsche Genrefilme hat, bestätigt. Die Geschichte ist unlogisch und schlecht konstruiert, die Dialoge sind gruselig, der Spannungsaufbau misslungen, die Schockeffekte vorhersehbar und die Charaktere verhalten sich idiotisch.

Dabei waren die diversen Vorbilder oft auch nicht besonders logisch, die Schauspieler nicht besonders gut und die Dialoge bestenfalls storydienlich. Aber der Spannungsaufbau, jedenfalls bei den Filmen, die wir heute noch kennen, stimmt und die Macher verwendeten viel Mühe in das Schaffen einer unheimlichen und furchteinflößenden Atmosphäre.

In „Lost Place“ stimmt nichts davon: viel zu spät erfahren wir die Hintergrundgeschichte (sie wäre besser gleich am Anfang erzählt worden), es gibt riesige Logiklöcher, wie einen Campingplatz in einem militärischem Sperrgebiet oder dass wir einerseits glauben sollen, dass in den vergangenen Jahren viele Menschen in dem Sperrgebiet verschwanden, aber niemand nach ihnen suchte und wenn die Charaktere, anstatt von der Gefahrenquelle wegzulaufen, auf sie zugehen, dann verhalten sie sich idiotisch in einem Maß, das jegliche Sympathie mit ihnen beendet. Dass die vier Jugendlichen auch keinen Gegner, sondern nur elektromagnetische Wellen haben, macht den Weg zum Finale zur zunehmend zähen Geduldprobe und das große Finale zur Lachnummer, die in einem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Horrorfilm eleganter gelöst wurde. Auch die rudimentäre Erklärung, wer warum mit den Strahlen experimentiert, ist idiotisch.

Das Scheitern der Macher wird beim Lesen des Presseheftes überdeutlich. Denn sie wollen „Lost Place“ nicht an dem üblichen Slasher-Filmen messen.

Regisseur und Drehbuchautor Thorsten Klein nennt Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ als Inspiration für den Film. Seine Co-Autorin Lena Vurma sagt: „Für mich war auch die Fernsehserie ‚Lost‘ eine Inspiration, diese fremdartige Welt, in der irgendetwas vor sich geht, das Spannung erzeugt, aber nie ganz aufgelöst wird. (…) das ist nicht einfach nur die Kopie eines amerikanischen Horrorfilms, sondern eine Geschichte, die ihre Wurzeln wirklich in Deutschland hat, dabei aber eher in Richtung Mystery und Suspense geht als zum Slasher-Film wird.“

Ein Slasher-Film ist „Lost Place“ wirklich nicht. Immerhin ist er „frei ab 12 Jahre“ und hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich auf eine entsprechende Sterbensrate und Bestialität bei den Todesfällen einstellen können. „Lost“ und „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ sind doch ganz andere Spielklassen und Genres. Und wenn man bewährte Regeln ignoriert, sollte man einen guten Grund dafür haben.

Insofern zeigt „Lost Place“ mit seinem verqueren „Ich bin kreativ. Ich mache alles anders als die Hollywood-Idioten.“-Innovationsgestus wieder einmal, warum deutsche Genrefilme meistens so schlecht sind.

Lost Place - Plakat

Lost Place (Deutschland 2013)

Regie: Thorsten Klein

Drehbuch: Thorsten Klein, Lena Vurma

mit Francois Goeske, Jytte-Merle Böhrnsen, Josefine Preuß, Pit Bukowski, Anatole Taubman

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Lost Place“

Moviepilot über „Lost Place“


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