Neu im Kino/Filmkritik: „Spider-Man: A new Universe“ – schon wieder?

Dezember 13, 2018

Wer in den vergangenen Jahren zwischen all den filmischen Inkarnationen von Spider-Man, mal als Neustart, mal als Reboot oder Remake oder Weitererzählung oder irgendetwas dazwischen, den Überblick verloren hat und sich gerade fragt, wer den aktuellen Spider-Man spielt (Tom Holland), wird an dem neuen Spider-Man-Film „Spider-Man: A new Universe“ verzweifeln. Denn dieses Mal gehen die Macher nach dem Prinzip ‚im Dutzend billiger‘ vor.

Nach dem Tod von Spider-Man Peter Parker übernimmt der junge Afroamerikaner/Puertoricaner Miles Morales die Rolle von Spider-Man. Zunächst reichlich unbedarft, weil der in Brooklyn lebende Teenager von einer radioaktiven Spinne gebissen werden muss und er danach seine Spider-Man-Fähigkeiten noch nicht mühelos einsetzen kann. Dank der vielen Spider-Man-Comics, in denen Peter Parker alles wichtige über sich, seine Fähigkeiten und seine Gefühle erzählt, kann er das fehlende Wissen schnell nachholen. Trainieren muss er dann schon selbst. Und das passende Kostüm verkauft ihm, mit klugen Ratschlägen, Merchandising-Verkäufer Stan Lee.

Ermordet wurde Peter Parker von dem Kingpin. Der Verbrecher will mit einem Teilchenbeschleuniger mehrere Dimensionen miteinander verbinden. Der erste Test des Teilchenbeschleunigers endet mit der Ankunft mehrerer Spider-Men aus verschiedenen Universen in New York. Es sind ein älterer, selbstmitleidiger, leicht übergewichtiger Peter Parker, Spider-Gwen, eine weibliche Kick-Ass-Ausgabe von Spider-Man, Spider-Man Noir (selbstverständlich im Vierziger-Jahre-Film-Noir-SW), Peni Parker, eine Anime-Spidey aus der Zukunft, die in dem Roboter SP//dr: lebt und Spider-Ham, der als Schwein aus einem Vierziger-Jahre-Cartoon stammen könnte. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen den Kingpin auf, der seine weltenzerstörende Waffe noch einmal ausprobieren will.

Dabei kämpfen sie auch um ihr eigenes Überleben. Denn wenn sie in der falschen Welt sind, lösen sich ihre Körper auf.

Allein schon die vielen Spider-Men, die in „Spider-Man: A new Universe“ verleihen dem Film eine besondere Note. Gleichzeitig ist er auch der erste Kino-Animationsfilm mit Spider-Man.

Der von Bob Persichetti, Peter Ramsey und Rodney Rothman nach einem Drehbuch von Rodney Rothman und Phil Lord (auch Produzent, „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“, „The Lego Movie“) ist ein sehr unterhaltsamer Film, der von seiner Tonalität an die aktuelle Spider-Man-Inkarnation im Marvel-Universum als freundlicher Superheld von nebenan anknüpft.

Optisch knüpft der Film an die Comics an. So weit wie es in einem Film möglich ist, wird der Stil und auch die Optik der Comichefte übernommen. Dann teilt sich die Leinwand in mehrere Panels, Buchstaben springen durch das Bild, Farben sind keine Flächen, sondern Punkte und, weil früher der Druck nicht so perfekt wie heute war, sind einige Striche doppelt gezeichnet oder Farben überschreiten die geplanten Flächen. Im schlechtesten Fall sieht das wie ein 3D-Film aus, den man ohne 3D-Brille sieht, im besten Fall wie ein altes Comicheft.

Die Hauptgeschichte des Films erzählt letztendlich die Origin-Story von Miles Morales. Also wie aus Miles Spider-Man wird und wie er seinen ersten großen Gegner besiegt. Diese Geschichte eröffnet auch die Möglichkeit, viele bekannte Elemente aus der Welt von Peter Parker und den älteren Spider-Man-Geschichten neu und aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten. Und mit den Spider-Men aus den verschiedenen Universen gibt es schnell eine große Gruppe neuer und doch bekannter Charaktere. Jeder von ihnen ist Spider-Man. Aber jeder von ihnen ist ein gänzlich anderer Spider-Man.

Das gleiche gilt für den Film, der unverhohlen für die Spider-Man-Comics wirbt. „Spider-Man: A new Universe“ ist ein waschechter Spider-Man-Film, der alles hat, was man von einem Spider-Man-Film erwartet. Trotzdem ist der für sich allein stehende Superheldenfilm ein gänzlich anderer Spider-Man-Film.

Spider-Man: A new Universe (Spider-Man: Into the Spider-Verse, USA 2018

Regie: Bob Persichetti, Peter Ramsey, Rodney Rothman

Drehbuch: Phil Lord, Rodney Rothman (nach einer Geschichte von Phil Lord)

mit (im Orignal den Stimmen von) Shameik Moore, Jake Johnson, Hailee Steinfeld, Mahershala Ali, Brian Tyree Henry, Luna Lauren Velez, Lily Tomlin, Nicolas Cage, Kimiko Glenn, John Mulaney, Liev Schreiber

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Spider-Man: A new Universe“

Metacritic über „Spider-Man: A new Universe“

Rotten Tomatoes über „Spider-Man: A new Universe“ (aktuell mit 98 % Frische doch etwas überbewertet)

Wikipedia über „Spider-Man: A new Universe“ (deutsch, englisch)

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TV-Tipp für den 29. Juli: Spotlight

Juli 28, 2018

Pro7, 20.15

Spotlight (Spotlight, USA 2015)

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Hochspannender Thriller über die Recherchen des „Boston Globe“ über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die ebenso lange Vertuschung durch die Erzdiözese.

2003 erhielt das „Spotlight“-Team den Pulitzer-Preis für seine Arbeit.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian D’Arcy James, Stanley Tucci, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Elena Wohl, Gene Amoroso, Neal Huff, Paul Guilfoyle, Len Cariou

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Spotlight“
Metacritic über „Spotlight“
Rotten Tomatoes über „Spotlight“
Wikipedia über „Spotlight“ (deutsch, englisch) und sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche
History vs. Hollywood über „Spotlight“
Bishop Accountability (äußerst umfassende Seite, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche behandelt)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Win Win“ (Win Win, USA 2011)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Spotlight“ (Spotlight, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Wes Anderson besucht die „Isle of Dogs – Ataris Reise“ wird erzählt

Mai 11, 2018

Beginnen wir gleich mit dem größten Problem von „Isle of Dogs – Ataris Reise“: die Synchronisation. Im Original verleihen Hollywoodstars Hunden und Menschen ihre Stimme. Bei uns sind es dann deutlich unbekanntere Synchronsprecher.

Die meisten Zuschauer werden sich, im Gegensatz zu den Cineasten und „ich will jeden Film von xyz sehen“-Fans, daran nicht stören. Sie kennen eh nur die Synchronstimmen von Scarlett Johansson und Greta Gerwig. Und die Fans von Originalfassungen, zu denen ich gehöre, sind eine überschaubare Minderheit. Sogar im CineStar im Berliner Sony Center, das nur Originalfassungen zeigt, wird man an der Kasse immer gefragt, ob man die Originalfassung sehen möchte.

Damit ist, ehrlich betrachtet, die Synchronisation und das damit verbundene Verschwinden der Starpower, etwas zwischen Schein- und Luxusproblem. Der Reiz der Bilder bleibt in dem witzigen Stop-Motion-Film in jeder Fassung erhalten.

Stop-Motion ist eine altbewährte Filmtechnik, die auch sehr aufwendig ist. Zuerst werden dreidimensionale Objekte, in diesem Fall Hunde und Menschen, gefertigt. Diese werden für jede Aufnahme minimal bewegt. Erst wenn man die so entstandenen Aufnahmen schnell zeigt, entsteht der Eindruck von Bewegung. Weil „Isle of Dogs“-Regisseur Wes Anderson statt der normalen 24 Bilder pro Sekunde eine Vorliebe für 12 Einzelbilder pro Sekunde hat, mussten für den Film nur 130.000 handgefertigte Standbilder angefertigt werden. Die Bewegungen erscheinen so etwas abgehackter als normal. Am Arbeitstempo änderte sich dadurch wenig. Täglich konnten nur wenige Sekunden Film entstehen. Insgesamt dauerte die Produktion des Films fast zwei Jahre. Und davor wurde das Drehbuch geschrieben und in einem Storyboard die einzelnen Einstellungen festgelegt. „Isle of Dogs“ ist daher kein Film, in dem mal schnell etwas improvisiert wurde.

Stop-Motion-Szenen hat jeder schon gesehen. Meistens in Science-Fiction- und Fantasy-Filmen. In „King Kong und die weiße Frau“ und den „Krieg der Sterne“-Filmen wurde die Technik für einige Szenen verwandt. Ray Harryhausen war ein Meister dieser Technik. Seine Arbeit kann in „Sindbads 7. Reise“, „Jason und die Argonauten“, „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ und „Kampf der Titanen“ bewundert werden. In den letzten Jahren inszenierten Tim Burton („Nightmare before Christmas“ [Regie: Henry Selick], „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“ und „Frankenweenie“) und, für Erwachsene, Charlie Kaufman („Anomalisa“) Stop-Motion-Kinofilme. Mit „Der fantastische Mr. Fox“ inszenierte Wes Anderson bereits einen Stop-Motion-Animationsfilm.

In seinem neunten Spielfilm „Isle of Dogs – Ataris Reise“ erzählt Anderson die Geschichte von Atari Kobayashi (Koyu Rankin). Er ist der zwölfjährige Pflegesohn des autoritären Bürgermeisters von Megasaki City. Aufgrund einer grassierenden Hundegrippe werden alle Hunde aus der Stadt nach Trash Island verbannt. Die Insel, eigentlich eine Müllkippe, liegt in Sichtweite von Megasaki City.

Eines Tages wird Spots, der Wachhund von Atari, nach Trash Island deportiert.

Atari will seinen Freund retten. Er klaut ein Flugzeug, legt auf der Insel eine ordentliche Bruchlandung hin und will auf der riesigen Insel seinen besten Freund finden. Das ist eine ziemlich hoffnungslose Aufgabe, bis eine kleine Hundegruppe – bestehend aus Rex (Edward Norton), Boss (Bill Murray), King (Bob Balaban), Duke (Jeff Goldblum) und Chief (Bryan Cranston) – beschließt, dem Jungen zu helfen. Immerhin ist es das, was Hunde tun.

In diesem Moment sind wir schon mitten drin in einem Abenteuer, das Kindern und Erwachsenen gefallen dürfte. Für Kinder gibt es eine Geschichte über die Suche nach einem Hund, Freundschaft und den Kampf gegen einen Bösewicht. Denn die Hundegrippe wurde von Menschen verursacht. Genauso wie die Ausgrenzung und Deportation der einstmals geliebten Haustiere in den sicheren Tod. Denn auf Trash Island gibt es keine Nahrung. Anderson erzählt die Abenteuer von Atari und seinen Hundefreunden, mit vielen sehr vergnüglichen Um- und Abwegen, detailfreudig, voller Humor, Slapstick und Situationskomik.

Erwachsene und Cineasten werden in diesen Momenten auch etliche lässig eingestreute Anspielungen und Zitate erkennen. Stilistisch ist „Isle of Dogs“ unverkennbar inspiriert vom japanischen Film, vor allem von Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“), und der japanische Kultur. Im Film wird auch ziemlich viel japanisch gesprochen. Anderson erzählt die Geschichte aus der Sicht der Hunde, die sich natürlich untereinander blendend verstehen. Sie sprechen daher, im Original, englisch. Japanisch verstehen die Hunde nicht. Deshalb gibt es, wenn Menschen japanisch sprechen, auch keine Untertitel. Wenn es wirklich wichtig ist, übersetzt eine Dolmetscherin (Frances McDormand im Original) ins Englische. Das ist nötig, weil eine junge US-Austauschstudentin, Hundefreundin und Journalistin eine gewaltige Verschwörung gegen die Hunde wittert.

Diese Verschwörung gegen die Hunde, ihre Ausgrenzung und die Pläne für ihre Vernichtung können mühelos als warnender Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen gelesen werden. Dabei hat Wes Anderson den Film schon 2015 ankündigt und die Produktion begann 2016. Seine Premiere hatte er auf der diesjährigen Berlinale. Dort erhielt Anderson den Silbernen Bären als bester Regisseur.

Isle of Dogs – Ataris Reise (Isle of Dogs, USA 2018)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzmann und Kunichi Nomura)

mit (im Original den Stimmen von) Liev Schreiber, Edward Norton, Bill Murray, Bob Balaban, Jeff Goldblum, Bryan Cranston, Scarlett Johansson, F. Murray Abraham, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Ken Watanabe, Koyu Rankin, Kunichi Nomura, Akira Takayama, Greta Gerwig, Akaira Ito, Yoko Ono, Frances McDormand, Nijiro Murakami, Mari Natsuki, Yojiro Nada, Frank Wood, Courtney B. Vance (Wuff, ein All-Star-Voice-Film)

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Isle of Dogs“

Metacritic über „Isle of Dogs“

Rotten Tomatoes über „Isle of Dogs“

Wikipedia über „Isle of Dogs“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Isle of Dogs“

Meine Besprechung von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Q&A bei der Film Society of Lincoln Center

 


TV-Tipp für den 10. Oktober: Plötzlich Gigolo

Oktober 10, 2017

ZDF, 00.20

Plötzlich Gigolo (Fading Gigolo, USA 2013)

Regie: John Turturro

Drehbuch: John Turturro

Der alleinstehende Florist Fiorante (John Turturro) ist mit seinem Leben zufrieden. Da schlägt ihm sein Freund Murray (Woody Allen), ein Buchhändler, der nachdem er sein Geschäft schließen musste, viel Zeit und viele Ideen hat, ein wundervolles Geschäft vor. Fiorante soll mit seiner Hautärztin und deren Freundin ins Bett gehen. Für Geld. Aus der einmaligen Sache entwickelt sich schnell mehr, viel mehr als Fiorante und Murray sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt haben.

TV-Premiere einer wundervollen New-York-Liebeskomödie zu einer unmöglichen Uhrzeit.

Obwohl Woody Allen nur mitspielt, John Turturro die Hauptrolle hat, das Drehbuch schrieb und die Regie übernahm, ist „Plötzlich Gigolo“ eine waschechte Woody-Allen-Komödie mit dem vertrauten Woody-Allen-New-York-Flair.

Den Grund erfahrt ihr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit John Turturro, Woody Allen, Vanessa Paradis, Liev Schreiber, Sharon Stone, Sofia Vergara, Bob Balaban, M’Barka Ben Taleb, Tonya Pinkins

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Plötzlich Gigolo“
Moviepilot über „Plötzlich Gigolo“
Metacritic über „Plötzlich Gigolo“
Rotten Tomatoes über „Plötzlich Gigolo“
Wikipedia über „Plötzlich Gigolo“

Meine Besprechung von John Turturros „Plötzlich Gigolo“ (Fading Gigolo, USA 2013)


TV-Tipp für den 2. April: Sphere – Die Macht aus dem All

April 1, 2017

Pro7 Maxx, 20.15

Sphere – Die Macht aus dem All (USA 1998, Regie: Barry Levinson)

Drehbuch: Stephen Hauser, Paul Attanasio, Kurz Wimmer (Adaption)

LV: Michael Crichton: Sphere, 1987 (Sphere – Die Gedanken des Bösen)

Als auf dem Meeresgrund ein Raumschiff entdeckt, wird, soll eine Gruppe Wissenschaftler es erforschen – und wird schnell mit seltsamen Ereignissen konfrontiert.

Science-Fiction-Film, der das Genre nicht neu erfindet und zu lang geraten ist (134 Minuten!), aber mit einer guten Besetzung punktet.

„befriedigendem Film“ (Fischer Film Almanach 1999)

mit Dustin Hoffman, Sharon Stone, Samuel L. Jackson, Peter Coyote, Liev Schreiber, Queen Latifah, Huey Lewis

Wiederholung: Montag, 3. April, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sphere“

Wikipedia über „Sphere“ (deutsch, englisch)

Mein Nachruf auf Michael Crichton

Meine Besprechung von Barry Levinsons „The Bay – Nach Angst kommt Panik“ (The Bay, USA 2012)

Meine Besprechung von Barry Levinsons „Rock the Kasbah“ (Rock the Kasbah, USA 2015)


DVD-Kritik: „Bauernopfer – Spiel der Könige“ zwischen Bobby Fisher und Boris Spassky

September 18, 2016

Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert unter der Überschrift „’Bauernopfer – Spiel der Könige‘, Kampf der Systeme 1972 in Island“, die ich deshalb jetzt nicht wieder verwenden konnte:

Schach im Fernsehen? Heute gibt es so etwas vielleicht in irgendeinem Sportkanal, der halt sein Programm füllen muss. Früher war Schach auch nicht das Material für die samstägliche Sportschau. Aber 1972 gab es das Schachduell zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky, das auch im Fernsehen übertragen wurde und eine weltweite Schachbegeisterung auslöste.

Bauernopfer – Spiel der Könige“ von Edward Zwick („Blood Diamond“), nach einem straffen Drehbuch von Steven Knight („Eastern Promises“, „Madama Mallory und der Duft von Curry“), erzählt jetzt, nah an den Fakten, die Geschichte von diesem Schachduell, das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, auch ein Kampf der Systeme war. Und es ist ein Biopic über Bobby Fischer (1943 – 2008), das sich auf die 1972er Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik, Island, und die Jahre davor konzentriert. Das spätere Leben von Bobby Fischer, das, höflich formuliert, nicht unproblematisch war, wird dann in einigen Texttafeln abgehandelt, während wir Bobby Fischer auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn verlassen.

Bis dahin erleben wir einen spannenden Film über einen hochintelligenten Menschen, der schon früh ein erfolgreicher Schachspieler war und der sein ganzes Leben auf das Spiel konzentrierte, weshalb er auch gegen jede Ablenkung, egal ob echt oder nur gefühlt, harsch vorging. Schon in den Sechzigern war er in den USA als Schachgenie bekannt. Seine Anti-Establishment-Haltung half. Er wird, nachdem seine Mutter als Teil der jüdisch-kommunistischen Gemeinschaft in Brooklyn in den Fünfzigern vom FBI überwacht wurde, zunehmend paranoid. Er fühlt sich ständig beobachtet. Er fühlt sich von Kameras, die damals lauter als heute waren, und dem Publikum in seiner Konzentration gestört und er setzte bei den Turnieren seine Wünsche nach Ruhe und einer entsprechenden Gestaltung der Räume gnadenlos durch.

Gleichzeitig wird das Spiel und die 1972er Schach-Weltmeister zu einem Duell der Systeme hochgejazzt. So als könnte der Kalte Krieg am Schachbrett besiegt werden (Sylvester Stallone tat es einige Jahre später in „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ im Boxring). Damals war Fischer gut genug, um die jahrzehntelange Dominanz der Sowjetunion im Schach brechen zu können. Außerdem waren, nach einem erzürnten Artikel von Fischer, die Regeln, die von der Sowjetunion zu ihrem Vorteil ausgelegt wurden, geändert worden. Jetzt hatte Fischer eine Chance, den Titel zu gewinnen.

Edward Zwick inszenierte diese Geschichte als Schauspielerkino, das sich auf das Drehbuch und sein Ensemble verlässt. „Spider Man“ Tobey Maguire überzeugt als zunehmend paranoides Schachgenie Bobby Fischer. Liev Schreiber als von der Sowjetunion geförderter Schachspieler Boris Spassky, der am Schachbrett die Überlegenheit des Kommunismus demonstrieren soll, ist ein ebenbürtiger Gegner, der fast während des gesamten Film nichts sagt. Gerade dadurch wirkt er noch bedrohlicher.

Am Ende der faszinierenden Charakterstudie hat man zwar nichts gelernt, was einem beim nächsten Schachspiel hilft (soweit man überhaupt die Bedeutung der Schachfiguren kennt), aber man hat einen ebenso spannenden, wie lehrreichen Ausflug in die Vergangenheit gemacht, als jeder wusste, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Die DVD-Ausgabe enthält, wie die Blu-ray, als Bonusmaterial lediglich ein dreiminütiges 08/15-Werbebeaturette. Für ein Biopic ist das arg wenig. Denn neben dem normalen Making-of zum Film hätte sich natürlich auch eine Doku zu den wahren Hintergründen angeboten.

Bauernopfer – Spiel der Könige“ ist ein Topfilm.

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Bauernopfer – Spiel der Könige (Pawn Sacrifice, USA 2014)

Regie: Edward Zwick

Drehbuch: Steven Knight

mit Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Edward Zinoviev, Alexandre Gorchkov, Lily Rabe, Robin Weigert, Seamus Davey-Fitzpatrick, Aiden Lovekamp, Sophie Nelisse

DVD

Studiocanal

Technische Angaben

Bild: 2,40:1 anamorph

Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Featurette: Bobby Fischer: Der Kalte Krieg und das Schachspiel des Jahrhunderts, Wendecover

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Bauernopfer“

Metacritic über „Bauernopfer“

Rotten Tomatoes über „Bauernopfer“

Wikipedia über „Bauernopfer“ (englisch)

History vs. Hollywood über „Bauernopfer“ (der Faktencheck)

Meine Besprechung von Edward Zwicks „Bauernopfer – Spiel der Könige“ (Pawn Sacrifice, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Bauernopfer – Spiel der Könige“, Kampf der Systeme 1972 in Island

April 29, 2016

Schach im Fernsehen? Heute gibt es so etwas vielleicht in irgendeinem Sportkanal, der halt sein Programm füllen muss. Früher war Schach auch nicht das Material für die samstägliche Sportschau. Aber 1972 gab es das Schachduell zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky, das auch im Fernsehen übertragen wurde und eine weltweite Schachbegeisterung auslöste.

Bauernopfer – Spiel der Könige“ von Edward Zwick („Blood Diamond“), nach einem straffen Drehbuch von Steven Knight („Eastern Promises“, „Madama Mallory und der Duft von Curry“), erzählt jetzt, nah an den Fakten, die Geschichte von diesem Schachduell, das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, auch ein Kampf der Systeme war. Und es ist ein Biopic über Bobby Fischer (1943 – 2008), das sich auf die 1972er Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik, Island, und die Jahre davor konzentriert. Das spätere Leben von Bobby Fischer, das, höflich formuliert, nicht unproblematisch war, wird dann in einigen Texttafeln abgehandelt, während wir Bobby Fischer auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn verlassen.

Bis dahin erleben wir einen spannenden Film über einen hochintelligenten Menschen, der schon früh ein erfolgreicher Schachspieler war und der sein ganzes Leben auf das Spiel konzentrierte, weshalb er auch gegen jede Ablenkung, egal ob echt oder nur gefühlt, harsch vorging. Schon in den Sechzigern war er in den USA als Schachgenie bekannt. Seine Anti-Establishment-Haltung half. Er wird, nachdem seine Mutter als Teil der jüdisch-kommunistischen Gemeinschaft in Brooklyn in den Fünfzigern vom FBI überwacht wurde, zunehmend paranoid. Er fühlt sich ständig beobachtet. Er fühlt sich von Kameras, die damals lauter als heute waren, und dem Publikum in seiner Konzentration gestört und er setzte bei den Turnieren seine Wünsche nach Ruhe und einer entsprechenden Gestaltung der Räume gnadenlos durch.

Gleichzeitig wird das Spiel und die 1972er Schach-Weltmeister zu einem Duell der Systeme hochgejazzt. So als könnte der Kalte Krieg am Schachbrett besiegt werden (Sylvester Stallone tat es einige Jahre später in „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ im Boxring). Damals war Fischer gut genug, um die jahrzehntelange Dominanz der Sowjetunion im Schach brechen zu können. Außerdem waren, nach einem erzürnten Artikel von Fischer, die Regeln, die von der Sowjetunion zu ihrem Vorteil ausgelegt wurden, geändert worden. Jetzt hatte Fischer eine Chance, den Titel zu gewinnen.

Edward Zwick inszenierte diese Geschichte als Schauspielerkino, das sich auf das Drehbuch und sein Ensemble verlässt. „Spider Man“ Tobey Maguire überzeugt als zunehmend paranoides Schachgenie Bobby Fischer. Liev Schreiber als von der Sowjetunion geförderter Schachspieler Boris Spassky, der am Schachbrett die Überlegenheit des Kommunismus demonstrieren soll, ist ein ebenbürtiger Gegner, der fast während des gesamten Film nichts sagt. Gerade dadurch wirkt er noch bedrohlicher.

Am Ende der faszinierenden Charakterstudie hat man zwar nichts gelernt, was einem beim nächsten Schachspiel hilft (soweit man überhaupt die Bedeutung der Schachfiguren kennt), aber man hat einen ebenso spannenden, wie lehrreichen Ausflug in die Vergangenheit gemacht, als jeder wusste, wer die Guten und wer die Bösen sind.

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Bauernopfer – Spiel der Könige (Pawn Sacrifice, USA 2014)

Regie: Edward Zwick

Drehbuch: Steven Knight

mit Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Edward Zinoviev, Alexandre Gorchkov, Lily Rabe, Robin Weigert, Seamus Davey-Fitzpatrick, Aiden Lovekamp, Sophie Nelisse

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Rotten Tomatoes über „Bauernopfer“

Wikipedia über „Bauernopfer“ (englisch)

History vs. Hollywood über „Bauernopfer“ (der Faktencheck)


Die ersten 73 Minuten der 93-minütigen Doku „Zug um Zug in den Wahnsinn“ (The World against Bobby Fischer, 2011) von Liz Garbus über Bobby Fischer


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