TV-Tipp für den 11. März: Der amerikanische Freund

März 10, 2016

3sat, 22.35

Der amerikanische Freund (Deutschland/Frankreich 1976, Regie: Wim Wenders)

Drehbuch: Wim Wenders

LV: Patricia Highsmith: Ripley´s Game, 1974 (Ripley´s Game oder Regel ohne Ausnahme, Ripley´s Game oder Ein amerikanischer Freund)

Restaurator Jonathan hat Leukämie. Ripley bietet ihm einen gut bezahlten Mordauftrag an. Jonathan nimmt an und sein Leben gerät aus den Fugen.

Die freie Verfilmung des dritten Ripley-Romans ist eine der besten Highsmith-Verfilmungen. Wenders zu den Veränderungen: „Ich möchte, dass meine Filme von der Zeit handeln, in der sie entstehen, von den Städten, den Landschaften, den Gegenständen, von allen, die mitarbeiten, von mir. Diesen Spielraum hat mir Ripley´s Game gelassen. Weil er in der Arbeitsweise der Highsmith auch schon enthalten ist. Deshalb glaube ich, dass ich dem Buch doch nahe geblieben bin, so sehr ich mich auch davon entfernt habe. Es gibt nicht ´die Verfilmung´. Es gibt zwei grundverschiedene Sachen: Bücher und Filme. In ihnen kann eine gleiche ´Einstellung´ zu den Dingen vorhanden sein, aber nicht die gleichen Dinge.“

Stellvertretend für die vielen euphorischen Kritiken Hans C. Blumenberg: „Wenders zeigt den urbanen Alptraum, wie man ihn noch nie in einem europäischen Film gesehen hat: halb als uraltes, verkommenes Abbruchviertel, halb als futuristische Schreckenslandschaft…Die große Faszination dieses Films hat direkt mit seiner Vielschichtigkeit zu tun. Man kann ihn als pessimistischen Kommentar zur nachrevolutionären Bewußtseinskrise der späten siebziger Jahre verstehen, aber auch als brillanten Kriminalfilm, man kann ihn als urbanen Alptraum von der Zerstörung der Städte bewundern, aber man kann ihn auch als poetische Ballade einer Freundschaft lieben. Sein Reichtum, der nicht ohne Gefahren ist, erlaubt bei jedem Sehen neue Abenteuer, neue Entdeckungen.“ Außerdem entwarf er eine Gleichung: „Hitchcock + Ray + Scorsese = Wenders“ (die Gültigkeit dieser Gleichung für andere Wenders-Filme darf bezweifelt werden.)

Mit Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Nicholas Ray, Samuel Fuller, Peter Lilienthal, Daniel Schmid, Lou Castel

Hinweise

Wikipedia über Patricia Highsmith (deutsch, englisch)

Times: The 50 Greatest Crime Writers No 1: Patricia Highsmith

Kaliber .38 über Patricia Highsmith (Bibliographie)

Krimi-Couch über Patricia Highsmith

Kirjasto über Patricia Highsmith

Wired for Books: Don Swain redet mit Patricia Highsmith (1987)

Gerald Peary redet mit Patricia Highsmith (Sight and Sound – Frühling 1988 )

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Wim Wenders in der Kriminalakte

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TV-Tipp für den 29. Juli: Der amerikanische Freund

Juli 29, 2015

Weil Wim Wenders am 14. August einen runden Geburtstag feiert, zeigt Arte einige seiner schönsten Filme. Heute läuft um 20.15 Uhr „Paris, Texas“, um 22.35 Uhr „Der amerikanische Freund“ und um 00.40 Uhr sein selten gezeigtes Doku-Essay „Tokyo-Ga“.

Arte, 22.35

Der amerikanische Freund (Deutschland/Frankreich 1976, Regie: Wim Wenders)

Drehbuch: Wim Wenders

LV: Patricia Highsmith: Ripley´s Game, 1974 (Ripley´s Game oder Regel ohne Ausnahme, Ripley´s Game oder Ein amerikanischer Freund)

Restaurator Jonathan hat Leukämie. Ripley bietet ihm einen gut bezahlten Mordauftrag an. Jonathan nimmt an und sein Leben gerät aus den Fugen.

Die freie Verfilmung des dritten Ripley-Romans ist eine der besten Highsmith-Verfilmungen. Wenders zu den Veränderungen: „Ich möchte, dass meine Filme von der Zeit handeln, in der sie entstehen, von den Städten, den Landschaften, den Gegenständen, von allen, die mitarbeiten, von mir. Diesen Spielraum hat mir Ripley´s Game gelassen. Weil er in der Arbeitsweise der Highsmith auch schon enthalten ist. Deshalb glaube ich, dass ich dem Buch doch nahe geblieben bin, so sehr ich mich auch davon entfernt habe. Es gibt nicht ´die Verfilmung´. Es gibt zwei grundverschiedene Sachen: Bücher und Filme. In ihnen kann eine gleiche ´Einstellung´ zu den Dingen vorhanden sein, aber nicht die gleichen Dinge.“

Stellvertretend für die vielen euphorischen Kritiken Hans C. Blumenberg: „Wenders zeigt den urbanen Alptraum, wie man ihn noch nie in einem europäischen Film gesehen hat: halb als uraltes, verkommenes Abbruchviertel, halb als futuristische Schreckenslandschaft…Die große Faszination dieses Films hat direkt mit seiner Vielschichtigkeit zu tun. Man kann ihn als pessimistischen Kommentar zur nachrevolutionären Bewußtseinskrise der späten siebziger Jahre verstehen, aber auch als brillanten Kriminalfilm, man kann ihn als urbanen Alptraum von der Zerstörung der Städte bewundern, aber man kann ihn auch als poetische Ballade einer Freundschaft lieben. Sein Reichtum, der nicht ohne Gefahren ist, erlaubt bei jedem Sehen neue Abenteuer, neue Entdeckungen.“ Außerdem entwarf er eine Gleichung: „Hitchcock + Ray + Scorsese = Wenders“ (die Gültigkeit dieser Gleichung für andere Wenders-Filme darf bezweifelt werden.)

Mit Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Nicholas Ray, Samuel Fuller, Peter Lilienthal, Daniel Schmid, Lou Castel

Hinweise

Wikipedia über Patricia Highsmith (deutsch, englisch)

Times: The 50 Greatest Crime Writers No 1: Patricia Highsmith

Kaliber .38 über Patricia Highsmith (Bibliographie)

Krimi-Couch über Patricia Highsmith

Kirjasto über Patricia Highsmith

Wired for Books: Don Swain redet mit Patricia Highsmith (1987)

Gerald Peary redet mit Patricia Highsmith (Sight and Sound – Frühling 1988 )

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados „Das Salz der Erde“ (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Wim Wenders in der Kriminalakte

 


DVD-Kritik: Damiano Damianis Italo-Western „Töte Amigo“

Dezember 1, 2014

Später, in den Siebzigern und Achtzigern, war Damiano Damiani einer der führenden und genreprägenden Vertreter des italienischen Polit-Thrillers. Er inszenierte „Der Tag der Eule“ (der ja öfters im TV läuft), „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ (der nie im TV läuft), „Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?“/“Der Terror führt Regie“ und die TV-Serie „Allein gegen die Mafia“, die damals ein weltweiter Erfolg war.

Der Italo-Western „Töte Amigo“ ist eines seiner Frühwerke, in dem die Revolution in Mexiko der Hintergrund für eine explosions- und bleihaltige Geschichte ist. Wobei Geschichte fast schon übertrieben ist. Im Mittelpunkt stehen die Kämpfe, die durch eine Geschichte, die inzwischen archetypisch für den Italo-Western ist, zusammengehalten werden. Denn es geht um die Freundschaft zwischen El Gringo Bill Tate (Lou Castel) und dem Banditenanführer El Chuncho (Gian Maria Volonté), der Waffen für General Elias, den sich in den Bergen versteckt haltenden Anführer der Revolution, sammelt und dafür Züge, die Waffen transportieren, überfällt. Weil der Gringo sich mit einer Lüge in Chunchos Bande einschleicht, wissen wir, dass er mindestens ein doppeltes Spiel treibt (was ja typisch für einen Italo-Western ist) und er etwas von General Elias will (was im US-Titel und US-Trailer verraten wird). Und dass in einer von Gier und Dummheit beherrschten Welt Freundschaften und Koalitionen schnell wechseln, gehört zum festen Inventar eines Italo-Western. Ebenso der interessante Spagat zwischen Verklärung der Revolution, dem Kampf gegen die korrupten Herrscher und einem, spätestens am Ende, illusionslosen Blick auf den Menschen als von Gier getriebenem Wesen.

Töte Amigo“ ist kraftvoll, kurzweilig, mit burlesken Übertreibungen, sehr unterhaltsam und brutal. Wobei die „ab 18 Jahre“-Freigabe aus heutiger Sicht doch etwas übertrieben ist. Dass die Geschichte eher grob gestrickt ist, stört dabei kaum.

Koch Media veröffentlichte den Film jetzt erstmals in einer vollständig synchronisierten Fassung auf DVD und Blu-ray. Im Kino lief er in einer um zwanzig Minuten gekürzten Fassung; was aber damals, in den Sechzigern und Siebzigern nicht ungewöhnlich war. Denn damals veränderte der Verleih in der Synchronisation öfters die Handlung und Stimmung des Films und kürzte auch gerne wild herum.

In der IMDB und dem „Western-Lexikon“ von Joe Hembus wird eine Originallänge von 135 Minuten genannt. Eine solche Fassung scheint allerdings nirgends zu existieren.

Töte Amigo - DVD-Cover

 

Töte Amigo (Quien Sabe, Italien 1966)

Regie: Damiano Damiani

Drehbuch: Salvatore Laurani, Franco Solinas

mit Gian Maria Volonté, Lou Castel, Klaus Kinski, Martine Beswick, Jaime Fernadez, Andrea Checchi

DVD

Koch Media

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (alte und neue Synchronisation), Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interview mit Regisseur Damiano Damiani, Interview mit Darsteller Lou Castel, 3 Kinotrailer, Bildergalerie

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Töte Amigo“

Wikipedia über „Töte Amigo“ (deutsch, englisch)

Damiano Damiani in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Nonne“ hadert mit dem Klosterleben

November 1, 2013

Denis Diderots posthum erschienener Roman „Die Nonne“ gehört zu den Klassikern der französischen Aufklärung und das Thema ist heute immer noch aktuell.

Die Geschichte beginnt 1765 in Frankreich, als die junge, bürgerliche Suzanne Simonin (Pauline Ètienne) auf Wunsch ihrer Eltern eine Nonne werden soll. Das Geld für eine standesgemäße Heirat ist, nachdem ihre Geschwister verheiratet wurden, nicht mehr vorhanden und als sie sich zunächst weigert, das Gelübde abzulegen, weil sie Gott nicht belügen will, sagt ihr ihre Mutter, dass sie ein uneheliches Kind ist und das beste was sie vom Leben erwarten könne, ein Leben im Kloster sei. Schweren Herzens legt sie doch das Gelübde ab und, obwohl die Oberin des ersten Klosters, in dem sie lebt, eine verständnisvolle Frau ist, die sie mit Engelsgeduld zu einem Leben im Einklang mit der Kirche (und Gott) überreden will, beginnt ihr Leidensweg. Denn Suzannes Freiheitsdrang, ihr unabhängiges Denken und ihre reine Beziehung zu Gott stehen im ständigen Konflikt mit der Amtskirche und den klösterlichen Strukturen, die von der einen Oberin mit drakonisch-sadistischer Strenge, von der anderen mit obsessiv ausgelebten lesbischen Gelüsten unter dem schützenden Dach der unangefochtenen Kirche ausgelebt werden.

Regisseur Guillaume Nicloux hätte daraus ein süffiges Historiendrama über den Kampf einer unbeugsamen Frau für ihre Freiheit, für Gedankenfreiheit und Selbstverwirklichung, und ein flammendes Plädoyer gegen totalitäre Institutionen und Bigotterie machen können. Eine richtige David-gegen-Goliath-Geschichte vor historischer Kulisse, aber mit gedanklichen Brückenschlägen zur Gegenwart.

Das tat er aber nicht. Er übernimmt die Struktur des Briefromans, indem er in einer eher überflüssigen Rahmengeschichte einen jungen Mann in einer Nacht, in der er sich auch um seinen kranken Vater kümmert, die Briefe von Suzanne lesen lässt und diese Briefe möglichst undramatisch bebildert. Teils indem wichtige Ereignisse und Konflikte mit ein, zwei Sätzen abgehandelt werden, teils indem die Kamera das Geschehen und damit Suzannes Weg durch die Höllenkreise des Klosterlebens bis zum unpassenden Ende teilnahmslos beobachtet.

Auch als Zuschauer wird man durch diese Inszenierung und die klare und strenge Struktur des Films nicht emotional, sondern nur intellektuell angesprochen, was dann für eine Film doch etwas karg ist.

P. S.: Jacques Rivette verfilmte Diderots Roman bereits 1966 mit Anna Karina und Liselotte Pulver. Anscheinend ziemlich gelungen, aber weil diese Version von „Die Nonne“ bei uns fast nie im Fernsehen läuft (die OFDB nennt eine TV-Ausstrahlung) und auch nicht auf DVD erschienen ist, kann ich sie nicht mit der Neuinterpretation vergleichen.

Die Nonne - Plakat

Die Nonne (La Religieuse, Frankreich/Deutschland 2012)

Regie: Guillaume Nicloux

Drehbuch: Guillaume Nicloux, Jérôme Beaujour

LV: Denis Diderot: La Religieuse, 1796 (Die Nonne)

mit Pauline Ètienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Louise Bourgoin, Francoise Lebrun, Lou Castel

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Nonne“

Moviepilot über „Die Nonne“

Rotten Tomatoes über „Die Nonne“

Wikipedia über „Die Nonne“ (englisch, französisch), Denis Diderot und die Vorlage

Denis Diderot: Die Nonne (als E-Book)

Berlinale: Pressekonferenz zum Film


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