Neu im Kino/Filmkritik: „Prélude“ scheitert am Drehbuch

August 29, 2019

Prélude“ ist der Debütfilm von Sabrina Sarabi, für den sie auch das Drehbuch schrieb. Sie erzählt die Geschichte des neunzehnjährigen David, der als talentierter Pianist aus der Provinz in die Großstadt kommt. Er hat einen Platz am Konservatorium erhalten. Er strebt nach einer Karriere als Konzertpianist. An der Schule verliebt er sich in die Gesangsstudentin Marie und befreundet sich mit ihrem Freund Walter. Im Gegensatz zu ihm ist Walter ein talentierter Musiker, der scheinbar mühelos alles erreicht.

Und er leidet zunehmend unter dem Leistungsdruck, der teils aus seinen eigenen Ansprüchen, teils aus den Ansprüchen der Schule, besteht.

Am meisten leidet allerdings der Zuschauer.

Das liegt vor allem am Drehbuch. In einer Geschichte sollten Informationen so vermittelt werden, dass wir Zuschauer die wichtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt erhalten und emotional involviert sind. „Prélude“ versagt da schon in den ersten Minuten. Anstatt uns schnell die wichtigsten Informationen über David zu geben, sehen wir einen jungen Mann in einem Zug. Später bezieht er ein anonymes Zimmer, das notdürftig mit Bett, Schrank und Tisch möbliert ist. Er läuft durch ein ebenso anonymes Gebäude, das zwischen Schule und Verwaltungsgebäude alles sein kann. Er trifft eine in schwarz gekleidete Frau, die seine Klavierlehrerin ist. Ob er Dr. Matussek bewundert oder ob sie für einfach nur eine Lehrerin ist, wissen wir in diesem Moment noch nicht. Und erfahren es auch später nicht. Jedenfalls ist sie seine Ansprechpartnerin in allen studentischen Belangen. Entsprechend abhängig ist er von ihrem Urteil und ihren Noten.

Bis zur ersten Begegnung von David und Matussek ist schon einige Filmzeit vergangen, die Damien Chazelle in „Whiplash“ wesentlich besser investierte. Sein Musikdrama ist der deutlich gelungenere Film zu diesem Thema.

In „Whiplash“ erfahren wir schon in den ersten Minuten, dass der ebenfalls 19-jährige Andrew Neiman ein begeisterter Schlagzeuger ist, dass Terence Fletcher sein großes Idol ist, bei dem er unbedingt spielen will, und dass Fletcher ein bekannter Dozent ist, der extrem hohe Ansprüche stellt. In dem Moment kennen wir den Protagonisten, den Antagonisten und den Grundkonflikt des Films. In den folgen neunzig Minuten kann Chazelle dann erzählen, wie ein Lehrer seine Macht ausnutzt und Psychoterror betreibt. Und wie ein Schüler damit umgeht.

In „Prélude“ kennen wir den zentralen Konflikt der Geschichte nicht. Wir wissen auch nicht, was Davids genaues Ziel ist. Stattdessen werden Szenen aneinandergereiht, die wirken, als habe man einfach die Post-It-Zettel von einer Tafel abgenommen und gesagt „Das ist unsere Geschichte.“. Aber eine Geschichte entsteht erst, wenn eine Handlung notgedrungen die nächste Handlung ergibt; wenn auf jede Tat eine Reaktion erfolgt, auf die dann wieder eine Reaktion erfolgt. Über Sarabis Geschichte kann das nicht gesagt werden.

So erwähnt David gegenüber seiner Lehrerin einmal, dass er sich gerne für ein Stipendium an der Juilliard-Schule bewerben würde. Dafür braucht er ihre Unterschrift. Dieses Ziel, das die Filmgeschichte vorantreiben könnte, wird kurz darauf fallengelassen. Irgendwann später ist das Stipendium für David wieder besonders wichtig, kurz darauf wieder unwichtig, dann wieder wichtig und als David erfährt, ob er das Stipendium erhält, ist die Entscheidung der Schule für ihn ungefähr so wichtig wie ein ungefragt erhaltener Werbebrief.

Irgendwann im Film streitet David sich mit Walter an einem See. Die Szene ist so inszeniert, dass man danach vermutet, David habe Walter erschlagen. Auf die darauf folgenden Szenen hat diese Tat keinen Einfluss. Und wenn Walter später wieder auftaucht, verhalten sich die beiden Jungs, als sei nichts geschehen.

Sogar wenn wir annehmen, dass wenigstens einige Filmszenen nur Davids Einbildung existieren und David zunehmend den Kontakt zur Realität verliert, lösen sie das Problem des Films nicht. Auch Vorstellungen, von Drogenhalluzinationen bis hin zu Wahnvorstellungen, haben einen Einfluss auf die Filmgeschichte. D. h.: selbst wenn David nur glaubt, dass er Walter erschlagen hat, müsste er bei der nächsten Begegnung mit Walter irritiert sein, weil der Mensch, den er erst vor kurzem erschlagen hat, noch quicklebendig ist und anscheinend nichts von dem Streit weiß.

So reiht Sarabi, ohne dass wirklich ein Thema und ein damit zusammenhängender Konflikt erkennbar werden, beliebige Szenen aneinander, die dann, mit vielen Auslassungen, die Geschichte eines jungen Mannes ergeben, der an seinen eigenen Ansprüchen scheitert.

Prélude (Deutschland 2019)

Regie: Sabrina Sarabi

Drehbuch: Sabrina Sarabi

mit Louis Hofmann, Liv Lisa Fries, Johannes Nussbaum, Ursina Lardi, Jenny Schily, Saskia Rosendahl, David Kosel, Arno Frisch

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Filmportal über „Prélude“

Moviepilot über „Prélude“

Wikipedia über „Prélude 

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TV-Tipp für den 12. April: Freistatt

April 12, 2017

ARD, 20.15

Freistatt (Deutschland 2014)

Regie: Marc Brummund

Drehbuch: Marc Brummund, Nicole Armbruster

Sommer 1968: der Stiefvater schiebt den 14-jährigen Wolfgang nach Freistatt ab, eine hochangesehene evangelische Erziehungsanstalt für Schwererziehbare. Dort erlebt er ein drakonisches Regiment.

Trotz seiner Mängel ein sehenswerter, auf Tatsachen basierender Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung..

Im Anschluss, um 21.45 Uhr (Nachtwiederholung um 01.35 Uhr), läuft die Doku „Endstation Freistatt – Das Erziehungslager im Moor“ von Sascha Schmidt.

mit Louis Hofmann, Alexander Held, Max Riemelt, Katharina Lorenz, Stephan Grossmann, Uwe Bohm

Wiederholung: Donnerstag, 13. April, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
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Filmportal über „Freistatt“
Film-Zeit über „Freistatt“
Moviepilot über „Freistatt“
Wikipedia über „Freistatt“ und Freistatt

Meine Besprechung von Marc Brummunds „Freistatt“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Lommbock“ ist „Lammbock II“

März 23, 2017

2001 war Christian Züberts Debütfilm „Lammbock“ mit über 900.000 Zuschauern ein Überraschungserfolg. Moritz Bleibtreu und Lucas Gregorowicz kifften sich durch den Tag, redeten, redeten und verkauften etwas Gras. Als Tarnung hatten sie einem Pizza-Lieferservice, den es so nur in Filmen gibt.

Jetzt kehrt Zübert mit „Lommbock“ in diese Welt zurück. Die Jungs und Mädels aus dem ersten Film sind wieder dabei. Die Pizza mit Drogen-Spezialbelag ebenso. Auch wenn Kai (Moritz Bleibtreu) aus dem damaligen Pizza-Lieferservice „Lammbock“ den Asia-Lieferservice „Lommbock“ machte, indem er das Schild austauschte. Er hat eine feste Freundin und versucht ihren pubertierenden Sohn zu erziehen.

Stefan (Lucas Gregorowicz) steht in Dubai kurz vor seiner Hochzeit mit der Tochter eines schwerreichen Scheichs und der Eröffnung einer von der Familie der Braut finanzierten urigen Karibik-Strandbar; – auf dem Dach eines Hochhauses und in Übereinstimmung mit den dortigen Gepflogenheiten und Gesetzen. Vor der Hochzeit muss er, nach fünfzehn Jahren, schnell zurück in die alte Heimat, um sich dort auf dem Amt seine amtlich beglaubigte Geburtsurkunde ausstellen zu lassen.

Nach der Ankunft in Würzburg geht dann alles schief und „Lommbock“ wird endgültig zu einer Wiederholung von „Lammbock“ mit kleinsten Variationen, die „Lommbock“ zu einem etwas besseren Film machen. Denn jetzt hängen die Charaktere nicht mehr vollkommen im luftleeren Raum. Sie haben wenigstens einen Hauch von Biographie und sozialer Erdung. Sie haben sich in den vergangenen Jahren auch etwas verändert. Die einzelnen Szenen und Witze sind etwas pointierter; wobei Moritz Bleibtreus endlose pseudotiefsinnigen, absurd-abstrusen Weltbetrachtungen immer noch grandios sind. Im Rahmen des Kifferhumors, der mal wieder Programm ist und der immer noch deutlich von Kevin Smiths „Clerks“ und seinen entsprechenden Folgefilmen inspiriert ist.

Auf eine tragfähige Geschichte wurde, wie schon bei „Lammbock“, zugunsten einer vor sich hinplätschernden Nummernrevue verzichtet. Auch der Humor bewegt sich durchgehend auf dem unwitzigen, peinlich bemühten „Lammbock“-Niveau. Nur dass es dieses Mal auch um Salafisten, YouPorn, Kindererziehung und drogenfreie Urinproben geht.

Insofern funktioniert „Lommbock“ vor allem als rundherum ambitionsloser Fan-Service.

Lommbock (Deutschland 2017

Regie: Christian Zübert

Drehbuch: Christian Zübert

mit Lucas Gregorowicz, Moritz Bleibtreu, Louis Hofmann, Mavie Hörbiger, Alexandra Neldel, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot Jr., Melanie Winiger, Dar Salim

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Filmportal über „Lommbock“

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Wikipedia über „Lommbock“

Meine Besprechung von Christian Züberts „Ein Atem“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit“ nach der Minenräumung

April 8, 2016

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs befürchteten Adolf Hitler und die Oberste Heeresleitung, dass die Invasion der Alliierten über die dänische Westküste erfolgen würde. Deshalb ließen sie dort ungefähr 2,2 Millionen Landminen vergraben.

Nach dem Ende des Krieges mussten sie ausgegraben werden.

Die britischen Besatzungstruppen schlugen vor, sie von deutschen Kriegsgefangen ausgraben zu lassen. Die meisten deutschen Gefangenen gehörten zum „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot der Nazis. Zu ihm gehörten auch Jugendliche, die keinerlei Kampfausbildung und -erfahrung hatten und jetzt die Minen entschärfen sollten. Denn, so ein dänischer Hauptmann in Martin Zandvliets „Unter dem Sand“: „Wer alt genug ist, in den Krieg zu ziehen, ist auch alt genug, danach aufzuräumen.“

Mit seinem Film rückt Zandvliet ein vergessenes Kapitel der dänischen Geschichte in den Mittelpunkt, das für uns zuerst etwas gewöhnungsbedürftig ist, weil die bekannte Konstellation von bösen Nazis und guten Einheimischen hier spiegelverkehrt ist. Die Jugendlichen, Deutsche zwar, aber zu jung, um im Nazi-Regime eine aktive Rolle gespielt zu haben, sind die fast unschuldigen Opfer. Kriegsgefangen eben, die letztendlich zu tödlichen Zwangsarbeiten verpflichtet werden. Die Dänen, die jahrelang unter der deutschen Besatzung litten, sind jetzt die Täter, die sich an den ehemaligen Unterdrückern rächen können.

Auch Unteroffizier Carl Rasmussen (Roland Møller) will das tun. Er befehligt eine Gruppe von zehn deutschen Jungs zwischen 15 und 19 Jahren, die innerhalb von drei Monaten einen abgelegenen Strandabschnitt von 45.000 Tretminen säubern sollen. Zuerst hält er das Selbstmordkommando für die gerechte Strafe. Aber dann sieht er, wie jung und unerfahren seine Schützlinge sind. Und er sieht, wie sie beim Entschärfen der Minen, wenn sie einen Fehler machen oder Unaufmerksam sind, sterben.

Aus dieser Situation zieht Zandvliet eine beträchtliche Spannung. Auf weitere Dramatisierungen, wie Gefangenenrevolten und Fluchtversuche, verzichtet er. Die Jugendlichen erfüllen, wie Schafe, ihren Auftrag, während sie hoffen, ihn zu Überleben und nach Deutschland zurückgeschickt zu werden. Deshalb funktioniert „Unter dem Sand“ vor allem als Beschreibung einer Situation und des Gesinnungswandels seines Protagonisten Carl Rasmussen.

Durch die Konzentration auf eine Minenräumgruppe wird auch das größere Bild ignoriert. Es geht nicht um die Vorgeschichte. Die wird als allgemein bekannt vorausgesetzt. Über die Charaktere erfahren wir nicht mehr, als unbedingt nötig ist. Was sie vor und während des Krieges taten, gehört nicht dazu. Die juristischen Implikationen werden ignoriert. Das wäre auch ein anderer Film. So ist „Unter dem Sand“ ein entsprechend düster geratenes, humanistisch geprägtes Drama das in Dänemark einen verdrängten Teil der eigenen Geschichte auf die Tagesordnung bringt und international als leidlich spannendes, emotional bedrückendes Drama funktioniert.

Zandvliet meint im Presseheft zu seinem Film: „Mir ist es wichtig zu sagen, dass dieser Film keine Verteidigung der Deutschen darstellen soll, überhaupt nicht. Es kann gut sein, dass diese Jungen schreckliche Dinge getan haben, bevor sie zum Minenräumen abkommandiert wurden. Und wir wissen natürlich, dass Deutschland Gräueltaten begangen hat, die nicht mit denen, die an der dänischen Nordsee passiert sind, verglichen werden können. Der springende Punkt ist, dass diese ‚Auge um Auge‘-Mentalität uns alle zu Verlierern macht.“

Zwischen dem 11. Mai 1945 und dem 4. Oktober 1945 entfernten die Räumkommandos 1.402.000 Minen. 2013 wurde Dänemark für minenfrei erklärt. Unmittelbar vor den Dreharbeiten fanden sie beim Errichten des Sets eine weitere Mine aus dem Zweiten Weltkrieg am Strand.

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Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit (Under sandet, Deutschland/Dänemark 2015)

Regie: Martin Zandvliet

Drehbuch: Martin Zandvliet

mit Roland Møller, Mikkel Boe Følsgaard, Laura Bro, Louis Hofmann, Joel Basman, Oskar Bökelmann, Emil Belton, Oskar Belton, Leon Seidel, Karl Alexander Seidel, Maximilian Beck

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Rotten Tomatoes über „Unter dem Sand“

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Freistatt“ – vorbildliche Erziehung vor fünfundvierzig Jahren

Juni 26, 2015

„Freistatt“ hat ein wichtiges Thema: die Erziehung von Kindern und Jugendlichen in Heimen in den Nachkriegsjahren bis weit in die siebziger Jahre in Westdeutschland. Erst durch die von den 68er angestoßene Diskussion über Erziehungsmethoden und die Frage von Gewalt in der Erziehung wurden die Vorgänge in den Heimen, in die Waisen und schwer erziehbare Kinder geschickt wurden, zu einem in der Gesellschaft diskutierten Thema. Heime wurden aufgelöst. Die Erziehung reformiert.
Aber auch nach einem Runden Tisch Heimerziehung, der 2010 seinen Abschlussbericht vorlegte, und eine Entschädigung versprochen wurde, warten immer noch viele ehemalige Zöglinge auf diese Entschädigung und eine Anerkennung ihres Leids. Denn die Erziehung in den Heimen bestand darin, die Jugendlichen in ein System von Befehl und Gehorsam einzufügen. Sie zu gefügigen Untertanen zu machen. Eine der härtesten Einrichtungen war Freistatt, gelegen im Landkreis Diepholz in Niedersachsen, betrieben von der Diakonie Bethel, geführt als Wirtschaftsbetrieb mit den Zöglingen als kostenlosen Arbeitskräften, die Torf stechen mussten.
Das ist der heute wohl ziemlich unbekannte historische Hintergrund von Marc Brummunds Film „Freistatt“, in dem er die Geschichte von Wolfgang (Louis Hofmann) erzählt. 1968 wird der Vierzehnjährige von seinem Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) und seiner Mutter Ingrid (Katharina Lorenz) nach Freistatt geschickt. Dort sollen dem aufsässigem Bengel Manieren beigebracht werden.
Geleitet wird das Heim von Hausvater Brockmann (Alexander Held), der mit öliger Freundlichkeit und harter Hand die Zöglinge zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft machen will. Das geschieht nicht mit Schulunterricht, sondern mit harter Arbeit, Drohungen, Gewalt und Psychofolter.
Aus diesem Thema hätte man viel machen können. Aber Regisseur Marc Brummund und seine Co-Drehbuchautorin Nicole Armbruster haben nur die Faszination und das Erschrecken über die nur etwas über vierzig Jahre zurückliegende, uns heute vollkommen fremd erscheinende Erziehung und danach nichts mehr. Denn anstatt anhand der Geschichte von Wolfgang eine klare Position zu beziehen, liefern sie nur einen Reigen des Schreckens, den wir schon besser gesehen haben; in zahlreichen Gefängnisfilmen, aber auch in Erziehungs- und Schuldramen wie „Der junge Törless“ und „King of Devil’s island“, um zwei gelungenere Filme zu nennen, in denen das Unterdrückungssystem im Rahmen einer packenden Geschichte genau analysiert wird.
In „Freistatt“ präsentiert Brummund die auch aus anderen Filmen bekannten Szenen von Unterdrückung und Freiheitsdrang des Einzelnen, ohne dass sie hier jemals wirklich packen. Dafür ist Wolfgangs Freiheitsdrang und seine Revolte gegen das System zu diffus. Und die Szenen sind zu beliebig angeordnet. Es gibt fast nie eine direkte Verbindung von Ursache und Wirkung, von unbotmäßigem Verhalten und Strafe. Von einer folgerichtigen Eskalation der Strafen im Rahmen der Erziehung. So gibt es gerade am Anfang, wenn Wolfgang nach Freistatt kommt und die dortige, archaische Gesellschaft, die mehr mit einem Gefängnis, das mit Hilfe der Inhaftierten geführt wird, als mit einer Erziehungsanstalt zu tun hat, starke Szenen. Obwohl die einzelnen Charaktere blass und austauschbar bleiben. Später gibt es mehrere Szenen, die wohl als Metapher gedacht waren, aber im Rahmen eines realistischen Dramas abstrus wirken. Zum Beispiel wenn Wolfgang mit einem anderen Zögling in das Moor flüchtet und sie im Kreis laufen, ohne es zu bemerken.
Es gibt auch keine Verknüpfung von der damaligen Erziehung, der sich ändernden Gesellschaft, der Jugendrevolte (die sich in den Großstädten austobte, während das platte Land noch im Tiefschlaf lag) und der Gegenwart (in der wieder über geschlossene Heime für schwer erziehbare Jugendliche gesprochen wird).
„Freistatt“ ist auch ein Reigen, der trotz der genauen Datierung von Ort und Zeit seltsam aus der Zeit gefallen ist. Denn ohne den Hinweis, dass die Geschichte 1968 spielt, könnte sie auch Jahrzehnte früher spielen. Brummund sagt zwar, sie habe die Gleichzeitigkeit zwischen Studetenrevolte und der Fortschreibung eines institutionalisierten Missbrauchs in Heimen und Institutionen fasziniert, aber Faszination allein ergibt keinen guten Film. Sie muss in eine packende Geschichte übersetzt werden.
Das Ende des Films zeigt eindrücklich, dass Brummund nicht wusste, was er erzählen wollte. Ein Film sollte genau dann enden, wenn die Geschichte erzählt ist. Er sollte mit der Botschaft des Films enden. Keine Sekunde früher, aber auch keine Sekunde später. Brummund bietet drei Enden an, von denen nur das erste Ende überzeugt und zum Nachdenken anregt. Es zeigt Wolfgang am Ende seiner aus Sicht der Heimleitung erfolgreichen Erziehung: jetzt darf er am Tisch über die Neuankömmlinge bestimmen, wie einige Monate früher über ihn bestimmt wurde. Er ist ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft. Ein Untertan. Nach diesem Ende kommen dann noch zwei weitere Szenen, die ebenfalls die Geschichte von Wolfgang beenden, aber das vorherige Ende und auch die Filmgeschichte verraten; – wenn sie denn eine eindeutige Position gehabt hätten.
Und es ist keine gute Idee, einen Film komplett überbelichtet zu präsentieren.

Freistatt - Plakat - 4

Freistatt (Deutschland 2014)
Regie: Marc Brummund
Drehbuch: Marc Brummund, Nicole Armbruster
mit Louis Hofmann, Alexander Held, Max Riemelt, Katharina Lorenz, Stephan Grossmann, Uwe Bohm
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Freistatt“
Film-Zeit über „Freistatt“
Moviepilot über „Freistatt“
Wikipedia über „Freistatt“ und Freistatt


Neu im Kino/Filmkritik: Benno Fürmann ist „Der fast perfekte Mann“

Oktober 24, 2013

 

Ulf (Benno Fürmann) ist ein bindungsscheuer Single, Starmoderator bei Hanse TV, einem Sender, der TV Berlin in einem wirklich hellem Licht strahlen lässt, und ziemlich glücklich. Auch wenn die letzte Live-Sendung nicht gut lief, weil ein Gast eine Giftschlange dabei hatte und diese vor laufender Kamera entkommen konnte, und seine Freundin Anni (Jördis Triebel) ihn nach drei Jahren verlässt, weil in seiner Wohnung nichts von ihr ist. Dass sie auch schwanger ist, erfahren wir erst später.

In diesem Moment liefert eine Mitarbeiterin vom Jugendamt seinen Neffen Aaron (Louis Hofmann, 1997 geboren) bei ihm ab. Er hat Aaron seit dessen Geburt einmal vor einer Ewigkeit gesehen und Aarons Mutter, seine Halbschwester, hat er ebenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Aber der dickköpfig-renitente Aaron will, weil es so im Drehbuch steht, unbedingt bei seinem Onkel bleiben.

Und wir können uns jetzt die weitere Geschichte denken. Sie verläuft, weitgehend humorfrei und vollkommen überraschungsfrei als schmalziges Melodrama in den bekannten Bahnen.

Von Regisseurin Vanessa Jopp hätte man, nach „Vergiss Amerika“ und „Engel & Joe“ mehr als eine 08/15-Beziehungskomödie mit durchaus fein beobachteten Szenen und einem Kind, das zwischen nervig und autistisch schwankt, erwarten können.

Für Drehbuchautorin Jane Ainscough liegt „Der fast perfekte Mann“ nach „Wo ist Fred?“, „Hanni & Nanni“, Hanni & Nanni 2“ und, demnächst „Eltern“ vollkommen ihm Rahmen ihres bisherigen Schaffens: Filme, die harmloser als harmlos sind und mit aktuellen Problemen, der Realität, nichts zu tun haben.

Und so ist „Der fast perfekte Mann“ einfach nur das Update einer Fünfziger-Jahre-Schmonzette mit einer ähnlich biederen, das traute Familienleben verklärenden Moral.

Verzichtbar.

Der fast perfekte Mann - Plakat

Der fast perfekte Mann (Deutschland 2013)

Regie: Vanessa Jopp

Drehbuch: Jane Ainscough

mit Benno Fürmann, Louis Hofmann, Jördis Triebel, Maria Happel, Ross Antony, Harald Schrott, Uwe Bohm

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Film-Zeit über „Der fast perfekte Mann“

Moviepilot über „Der fast perfekte Mann“

 

 


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