Neu im Kino/Filmkritik: „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“, mitten im miserablen Leben zeichnend

April 20, 2019

Vincent van Gogh (geboren am 30. März 1853 in Groot-Zundert, gestorben am 29. Juli 1890 in Auvers-sur-Oise) ist ein weltbekannter niederländischer Maler und Zeichner, der sich sein linkes Ohr abschnitt. Als einer der Begründer der modernen Malerei wird er zu den Post-Impressionisten gezählt. Zu Lebzeiten wurden seine Werke kaum verkauft. Inzwischen erzielen sie bei Auktionen astronomische Preise.

Sein heute bekanntes Werk besteht aus über 860 Gemälden und über 1000 Zeichnungen, die alle zwischen 1880 und 1890 entstanden.

Sein Leben wurde in mehreren Spielfilmen erzählt. Zu den bekanntesten gehören Vincente Minnellis „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft (Lust for Life, 1956, mit Kirk Douglas als Van Gogh), Robert Altmans „Vincent und Theo“ (Vincent and Theo, 1990, mit Tim Roth als Van Gogh), Maurice Pialats „Van Gogh“ (1991, mit Jacques Dutronc als Van Gogh) und, zuletzt, 2017, Dorota Kobiela und Hugh Welchmans animierter Spielfilm „Loving Vincent“.

Angesichts dieser Menge bekannter Regisseure und Schauspieler, die den Maler in den letzten Jahrzehnten bereits spielten, stellt sich natürlich die Frage, ob wir unbedingt einen weiteren Film über den Maler brauchen. Und der dann auch noch von Willem Dafoe gespielt wird. Denn er dürfte der älteste Schauspieler sein, der bis jetzt Vincent van Gogh spielte. Um nicht missverstanden zu werden: Dafoe ist unbestritten ein grandioser Schauspieler. Aber ist er mit 63 Jahren nicht etwas zu alt, um einen Mittdreißiger zu spielen?

Diese auf den ersten Blick berechtigte Frage wird schnell Makulatur. Abgesehen von den bekannten Selbstporträts und einigen unbekannteren Fotos, auf denen er deutlich älter aussieht als er zum Zeitpunkt der Aufnahme war, gibt es keine Bilder von van Gogh. Insofern fällt es leicht, Dafoe als ausgemergelten, vom Leben gezeichneten van Gogh zu akzeptieren. Und wenn er manisch durch das Bild stolpert oder in einem Zimmer hastig ein Bild malt, dann ist er van Gogh.

Für sein Spiel wurde Dafoe unter anderem als bester Schauspieler für den Oscar und den Golden Globe nominiert. In Venedig, wo der Film letztes Jahr seine Premiere hatte, gab es ebenfalls Preise für Dafoe und Julian Schnabel, den Regisseur von „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“.

Schnabel ist selbst ein bekannter Maler, der erst relativ spät mit der Filmregie begann. Sein Debüt war „Basquiat“ (1996, über den Graffiti-Künstler). Danach folgten „Before Night Falls“ (2000), „Schmetterling und Taucherglocke“ (Le scaphandre et le papillon, 2007) „Lou Reed’s Berlin (2007) und „Miral“ (2010).

In seinem neuesten Spielfilm hat er kein Interesse an einem typischen Biopic. Selbstverständlich bemüht er sich, historisch möglichst genau zu sein. Soweit das bei teilweise widersprechenden Geschichten über bestimmte Ereignisse und fehlender Dokumente überhaupt möglich ist. Es muss also immer wieder spekuliert werden und es kann philosophische Gespräche und Begegnungen geben, die so vielleicht niemals stattgefunden haben.

Aber während andere Filme von außen auf den Künstler blicken, nimmt Schabel van Goghs Perspektive ein und erzählt alles aus van Goghs Perspektive. Wir sind in van Goghs Kopf. Wir sehen die Welt durch seine Augen. Wir erfahren unmittelbar, wie er sich zwischen Genie und Wahnsinn fühlte. Schließlich hatte er zeitlebens psychische Probleme und war immer wieder in psychiatrischer Behandlung. Er kämpfte mit Vorwürfen gegen seinen Malstil und immer wieder steigerte er sich in einen wahren Schaffensrausch hinein.

Schnabel konzentriert sich auf die letzten Lebensjahre von Vincent van Gogh. Es sind die Jahren, in denen er sich als Künstler verwirklichte. Nachdem van Gogh in Paris andere Künstler kennen lernt und erfolglos seine Bilder ausstellt, zieht er nach Arles, einem Dorf in Südfrankreich, verbringt einige Zeit in der Nervenheilanstalt Saint-Remy und seine letzten Tage in Auvers. Immer wieder malt er wie im Rausch Bilder von der Landschaft und von Dorfbewohnern. Schnabel zeigt auch die für Vincent von Gogh wichtigen Beziehungen zu seinem Bruder Theo (Rupert Friend), der ihn zeitlebens förderte, und zu seinem Malerkollegen Paul Gauguin (Oscar Isaac), die verschiedene Malstile hatten und darüber diskutierten.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ ist ein beeindruckendes und originäres Porträt eines innerlich zerrissenen Künstlers, der heute als Genie gefeiert wird.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit (At Eternity’s Gate, USA/Frankreich 2018)

Regie: Julian Schnabel

Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel, Louise Kugelberg

mit Willem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen, Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Niels Arestrup, Anne Consigny, Amira Casar, Vincent Perez

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 6 Jahre (ich würde ihn allerdings nicht mit Kindern besuchen)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Van Gogh“

Metacritic über „Van Gogh“

Rotten Tomatoes über „Van Gogh“

Wikipedia über „Van Gogh“ (deutsch, englisch)


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