Neu im Kino/Filmkritik: „Fast & Furious 7“ – die Abschiedsvorstellung von Paul Walker

April 2, 2015

Als Paul Walker am 30. November 2013 tödlich verunglückte, gab es viele Gerüchte und Meldungen über „Fast & Furious 7“ und wie sein Tod die Dreharbeiten, die Filmgeschichte und damit auch den Film beeinflusste. Denn es waren noch nicht alle Szenen mit ihm gedreht. Seine Brüder Caleb und Cody würden und wurden als Doubles eingesetzt. Es sollte auch mit CGI gearbeitet werden. Es wurde über Veränderungen am Drehbuch gesprochen und gesagt, dass dieser Film, der sein letzter Film ist, ein würdiger Abschied von ihm sein solle. Immerhin wurde er mit der „The Fast and the Furious“-Serie zum Star.
Jetzt, wo der Film in den Kinos anläuft, kann man nachvollziehen, wie groß die nötigen Umarbeiten waren und, ohne jetzt etwas über die Handlung zu verraten, Paul Walker hat etliche beeindruckende Actionszenen, die an Spannung gewinnen, weil er dieses Mal jederzeit sterben kann.
Die Story von „Fast & Furious 7“ knüpft unmittelbar an den vorherigen Film an: Deckard Shaw (Jason Statham) will seinen schwer verletzt im Krankenhaus liegenden Bruder Owen rächen. Als großer Bruder will er sich die Männer vorknöpfen, die seinen Bruder umbringen wollten. Als ersten bringt er in Tokio Han (Sung Kang) um. Zur gleichen Zeit platziert er vor Dominic Torettos Haus eine Bombe. In letzter Sekunde können sich Dominic ‚Dom‘ Toretto (Vin Diesel), sein bester Freund Brian O’Conner (Paul Walker), Brians Frau und sein Sohn retten.
Durch ihren FBI-Freund Luke Hobbs (Dwayne Johnson), der nach einer Begegnung mit Shaw mit einigen gebrochenen Knochen im Krankenhaus liegt, erfährt Dom, wer sie jagt – und die Jagd über den halben Globus ist eröffnet.
Überraschende Hilfe erhält die Toretto-Verbrecherbande mit einem Faible für schnelle Autos, die inzwischen fast im Staatsdienst ist (naja, ihr kennt ja die vorherigen Filme), von Mr. Nobody (Kurt Russell), einem Geheimagenten der sehr geheimen Sorte. Sozusagen Nick Fury von S. H. I. E. L. D., aber ohne dessen Avengers-Superheldenteam. Deshalb bittet Mr. Nobody Dom und seine verbrecherischen Freunde um Hilfe bei bei der Jagd nach dem Computergenie Ramsey. Ramsey hat einen Supercode entwickelt, mit dem man alle Computer auf der Welt gleichzeitig ansteuern kann. Neben dem guten Mr. Nobody will auch der skrupellose Terrorist Jakande (Djimon Hounsou, der nur sein Gesicht präsentieren durfte) den Code haben.
Und viel mehr muss man über die Story nicht wissen. Denn sie ist erschreckend vernachlässigbar, absolut unlogisch und wird mit jedem Nachdenken noch abstruser. Aber James Wan erzählt dieses Best-of von Action- und Agentenfilmtopoi ziemlich flott über alle Unwahrscheinlichkeiten hinweg mit einem Blick auf das, was die Ticketkäufer wollen: eine leinwandsprengende Version von „Alarm für Cobra 11“.
Es gibt spärlich bekleidete Schönheiten, getunte Autos, atemberaubende Autostunts, Faustkämpfe, Explosionen, einige Witzeleien, viel Kameradie in der Familie Toretto und fotogene Schauplätze. Angeordnet wurden die Elemente, die den Erfolg der „Fast & Furious“-Serie ausmachen, dann in einer Comic-Manier, in der es nur auf das nächste Panel, das nächste Episödchen in einer scheinbar furchtbar komplexen Mythologie (die Toretto-Familie, ihre Beziehungen, die früheren Filme), ankommt.
Am Ende von „Fast & Furious 7“ sind dann erstaunlich wenige Menschen gestorben. Also von den Helden und den Hauptbösewichtern. Kollateralschäden gibt es dann einige. Wenn irgendwo im aserbaidschanischen Gebirge ein Militärkonvoi überfallen wird, in Abu Dhabi ein teurer Flitzer von einem Hochhaus zum nächsten fliegen darf und in Los Angeles die halbe Innenstadt zerstört wird, dann sterben etliche größtenteils gesichtslose Bösewichter und es gehen etliche Autos zu Bruch, während auch nach den längsten Faustkämpfen Dominics weißes Langarm-Shirt immer noch blütenweiß ist und Hobbs‘ überdimensionale Muskeln auch nach einem Krankenhausaufenthalt jungfräulich glänzen.
Allerdings ist die Action unglaublich konfus geschnitten. Damit steht Horrorfilm-Regisseur James Wan in der neuen Actionfilm-Tradition, in der die Abläufe der Kämpfe und Stunts kaum noch erahnbar sind. Viel zu oft wird geschnitten. Die Kamera ist zu nah. Wan wählt auch oft so ungewöhnliche Perspektiven, dass die Orientierung schwerfällt, sie aber wie Comic-Panels aussehen. Er setzt die Zeitlupe immer wieder falsch ein und immer wieder, zum Beispiel bei den zahlreichen Explosionen, verschenkt er potentielle Schauwerte. Sowieso hinterlässt kein Action-Set-Pieces bleibenden Eindruck und die besten Momente sind, wie das Umsteigen von einem Auto zum anderen Auto bei voller Fahrt und die legendär-unmöglichen Sprüngen, fast immer Reminiszensen an frühere „Fast & Furious“-Filme. Am Ende des über zweistündigen Comic-Films ist man geschüttelt, aber nicht gerührt.

Fast and Furious 7 - Plakat

Fast & Furious 7 (Furious 7, USA 2015)
Regie: James Wan
Drehbuch: Chris Morgan
mit Vin Diesel, Paul Walker, Dwayne Johnson, Michelle Rodriguez, Djimon Hounsou, Kurt Russell, Jason Statham, Jordana Brewster, Tyrese Gibson, Ludacris, Kurt Russell, Nathalie Emmanuel, Elsa Pataky, Gal Gadot, John Brotherton, Lucas Black, Luke Evans, Sung Kang, Ronda Rousey
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Fast & Furios 7“
Moviepilot über „Fast & Furios 7“
Metacritic über „Fast & Furios 7“
Rotten Tomatoes über „Fast & Furios 7“
Wikipedia über „Fast & Furious 7“ (deutsch, englisch) – Achtung: Das Ende wird verraten!

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furious Five“ (Fast Five, USA 2011)

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furios 6“ (Furios Six; Fast & Furious Six, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring“ (The Conjuring, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „Insidious: Chapter 2 (Insidious: Chapter 2, USA 2013)

Kurz nachgesehen: zwei Teile aus der legendären Safe-Szene aus „Fast & Furious Five“, die auch eine gute Action-Szene ist:

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „42“ – Brian Helgelands sehenswertes Biopic über die Baseball-Legende Jackie Robinson

August 9, 2013

 

Einerseits ist „42“ ein Sportlerbiopic, das ungefähr so kritisch wie Hofberichterstattung ist.

Andererseits ist „42“ politisches Kino, das einen ungeschönten Blick in eine rassistische Gesellschaft wirft: nämlich die Vereinigten Staaten von Amerika nach dem zweiten Weltkrieg, als Branch Rickey, der Geschäftsführer der Brooklyn Dodgers, Jackie Robinson als Spieler verpflichtete und damit gegen die Regeln der Major League Baseball verstieß. Denn Robinson war Afroamerikaner und in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft hatten Afroamerikaner nichts in der Profiliga zu suchen. Aber Rickey, der damals Mitte Sechzig war, wollte die Brooklyn Dodgers zum Sieg führen und Robinson war dafür, aufgrund seiner Leistungen, der beste Mann.

Harrison Ford, der Branch Rickey schön grummelig spielt und unter der Maske kaum zu erkennen ist, aber so dem echten Rickey erstaunlich ähnelt, sagt über ihn: „Rickey ist ein Geschäftsmann, der begreift, dass Dollars nicht schwarz oder weiß, sondern grün sind. Aber er ist auch Moralist und Patriot, der es für unvertretbar hält, dass in den USA begabten Leuten aufgrund ihrer Hautfarbe Chancen verweigert werden. Es geht um Fairness – auch und gerade in einem Spiel, das untrennbar mit dem amerikanischen Geist verwoben ist.“

Deshalb verlangt er von Jackie Robinson (Chadwick Boseman), dass er gut spielt und den Mut und die Kraft hat, nicht auf die zahlreichen Beleidigungen, die er erleiden muss, zu reagieren. Er glaubt, dass Robinson durch sein Spiel die Fans überzeugen kann.

Aber Robinson muss auch seine Mannschaftskameraden überzeugen.

Brian Helgeland („L. A. Confidential“, „Payback – Zahltag“, „Blood Work“, „Mystic River“, „Green Zone“) konzentrierte sich in seinem sehr faktentreuem Biopic auf zwei Jahre in Robinsons Leben, nämlich die Jahre von 1945 bis 1947, die für die Geschichte des Baseball entscheidend waren und die Robinson an dem Punkt zeigen, an dem sich sein weiteres Leben entschied. Später war er auch einer der Unterstützer der Bürgerrechtsbewegung.

Heute hat Jackie Robinson in Baseball-Kreisen eine für uns kaum vorstellbare Bedeutung. Denn seine Nummer, die 42, wird seit 1997 als einzige Spielernummer nicht mehr vergeben. Nur am 15. April, dem Jackie Robinson Day, wird sie seit 2005 von allen Baseballspielern getragen. Am 15. April 1947 hatte Robinson sein erstes Spiel als Brooklyn Dodger.

Drehbuchautor und Regisseur Helgeland sagt zur Botschaft des Films: „Ich glaube fest an die grundsätzliche Gesinnung in unserem Land, die die herrschenden Zustände ständig verbessern möchte. Und Jackie Robinsons Aufnahme ins Team der Dodgers war 1947 eine Art Brückenkopf in diesem Kampf und in der Bürgerrechtsbewegung. Die Tatsache, dass er die Rassentrennung im Baseball aufhob, heißt ja nicht, dass das Problem damit gelöst war. Aber dieser Moment war ein Fundament, von dem aus die Schlacht siegreich entschieden werden kann. Dank Jackie und jenen, die nach ihm kamen, sind wir gewaltige Schritte vorangekommen. Aber gewonnen ist diese Schlacht noch nicht.“

42“ erzählt, ohne modernen Schnickschnack, im Stil klassischer Hollywoodfilme eine Heldengeschichte, in dem ein Mann die Welt verändern kann. Er hatte aber auch Hilfe von seiner Frau Rachel (Nicole Beharie), die ihm immer zur Seite stand, nach seinem Tod die Jackie Robinson Foundation gründete und die Filmemacher beriet, den schon erwähnten Branch Rickey und Wendell Smith (Andre Holland), dem ersten afroamerikanischem Reporter der in die Baseball Writers Association aufgenommen wurde (wobei dieser Punkt derzeit auf Wikipedia, aber ohne Nachweis, bestritten wird und ich ihn jetzt, auf die Schnelle nicht klären kann). In dem Film sitzt Smith mit seiner klobigen Schreibmaschine auf der Zuschauertribüne, weil er nicht in den Pressebereich darf.

Pee Wee Reese, der Shortstop der Dodgers, sagte: „Es gibt viele Gründe, einen Menschen zu hassen. Aber die Hautfarbe gehört nicht dazu.“

42“ unterstreicht das – und deshalb ist das erzählerisch konservative, oft kitschige, aber immer kraftvolle Biopic auch bei uns sehenswert. Auch wenn wir von Baseball nicht mehr verstehen, als dass erwachsene Männer auf irgendwelche Bälle schlagen und herumlaufen.

Ach ja: Clint Eastwood erzählte in „Invictus“ eine ähnliche Geschichte, die Jahrzehnte später, nach dem Ende der Apartheid, in Südafrika spielt. Aber er erzählte sie aus der Perspektive eines Weißen.

Helgeland erzählt sie aus der Perspektive eines Afroamerikaners und das macht einen entscheidenden Unterschied.

P. S.: Der Trailer die Stimmung des Films ziemlich falsch wieder und wirkt eher als Anti-Werbung.

42 - Plakat

42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende (42, USA 2013)

Regie: Brian Helgeland

Drehbuch: Brian Helgeland

mit Chadwick Boseman, Harrison Ford, Nicole Beharie, Andre Holland, Lucas Black, Hamisch Linklater, Ryan Merriman, Christopher Meloni, John C. McGinley

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „42“

Metacritic über „42“

Rotten Tomatoes über „42“

Wikipedia über „42“ (deutsch, englisch) und Jackie Robinson

Chasing the Frog vergleicht die Fakten mit dem Film

 

 


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