Neu im Kino/Filmkritik: Mein „Beautiful Boy“ ist süchtig

Januar 25, 2019

Nic (Timothée Chamalet) ist drogensüchtig. Und weil sein Vater David Sheff (Steve Carell) ein in den USA renommierter Journalist ist, tut er das, was er für seine Reportagen für „Rolling Stone“, „The New York Times Magazine“, „Playboy“ und „Esquire“ und seine Sachbücher, wie „Nintendo – ‚Game Boy’“, tut. Er recherchiert über das Thema. Damit hat Regisseur Felix van Groeningen bei seinem US-Debüt einen guten Erzählfaden gefunden. Mit David Sheff erfahren wir, was Sucht ist, wie Angehörige mit Süchtigen umgehen sollten und wie groß das Drogenproblem in den USA ist. Denn inzwischen ist, wie vor einigen Tagen Peter Hedges in seinem ebenfalls sehenswertem Drogendrama „Ben is back“ (mit Lucas Hedges und Julia Roberts) zeigte, das Drogenproblem in den noblen WASP-Vorstädten angekommen und der Einstieg in eine Drogenkarriere erfolgt über verschreibungspflichtige Medikamente. Zunehmend auch das Ende. Eine Überdosis ist bei den Unter-Fünfzigjährigen die häufigste Todesursache. In den vergangenen zwanzig Jahren, vor allem in den letzten Jahren, stieg die Zahl der Drogentote rasant. 2017 gab es in den USA 72.000 Drogentote, 49.000 davon durch Opioide, vulgo Schmerzmittel.

Die Sheffs sind auf den ersten und zweiten Blick eine vorbildliche, stinknormale, linksliberale, gesellschaftlich aufgeschlossene, in der Nähe von San Francisco lebende Familie. David Sheff ist in zweiter Ehe mit der Künstlerin Karen Barbour (Maura Tierney) verheiratet. Sein Verhältnis zu seiner ersten Frau Vicki Sheff (Amy Ryan) ist gut. Ihr Sohn Nic ist kein von Dämonen getriebenes Scheidungskind. David Sheff versteht sich sehr gut mit seinem begabtem und kulturell interessiertem Sohn. Auch Karen versteht sich gut mit Nic.

Nic selbst ist ein guter Schüler. Es gibt für ihn keinen Grund Drogen zu nehmen, außer dass er sie nehmen will. Denn Nics Einstieg in seine Drogenkarriere erfolgt ganz klassisch mit Marihuana. Da ist er Zwölf. Danach probiert er verschiedene Drogen aus und stößt irgendwann auf Meth.

Beautiful Boy“ zeigt jetzt, wie David Sheff versucht seinem Sohn zu helfen und wie Nic Sheff versucht, seine Sucht zu bekämpfen. Denn – ist das jetzt ein Spoiler? – auch Nic schrieb über seine Drogenkarriere ein Buch, das parallel zu dem Buch seines Vaters erschien. So konnten van Groeningen und sein Co-Autor Luke Davies (u. a. „Candy“) gleich auf zwei biographische Bücher zurückgreifen, die das Geschehen aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven schildert. Einmal David Sheffs „Beautiful Boy“, das seinen Ursprung in seiner „New York Times Magazine“-Reportage „My addicted Son“ (2005) hatte. Einmal Nic Sheffs „Tweak“.

Trotzdem konzentriert der Film sich vor allem auf David Sheffs Perspektive. Es ist die Perspektive eines Elternteils, das helfen möchte, aber letztendlich weitgehend zur Passivität verdammt ist, während Nic immer wieder versucht, clean zu werden. Bis zum nächsten Rückfall. Dabei verwandelt Nic das Leben seiner Eltern und jüngeren Geschwister in ein Katastrophengebiet. Trotzdem versucht sein Vater ihm immer wieder zu helfen.

Felix van Groeningen erzählt das sehr feinfühlig und auch konventionell auf dem Niveau eines guten Fernsehfilms, der sich, allein schon durch die Erzählperspektive, vor allem an Eltern richtet. Er gibt ihnen Ratschläge und auch Hoffnung.

Für sich genommen ist das Drogendrama ein gut gemachter und sehenswerter Mainstream-Film, der allein schon wegen seines Themas und seiner Geschichte ein großes Publikum verdient hat und durch seine Machart erreichen will.

Ihm fehlt allerdings das, was van Groeningens ältere Filme so ungewöhnlich macht. In ihnen, wie zuletzt „The Broken Circle“ und „Café Belgica“, erzählt er, tief in das Milieu eintauchend, mit großer Sympathie und großer emotionaler Wucht von dem Leben von Außenseitern und Freigeistern, die ihr Leben leben. Jedenfalls soweit das in Flandern möglich ist. Dagegen ist sein US-Debüt „Beautiful Boy“ sehr brav ausgefallen.

Beautiful Boy (Beautiful Boy, USA 2018

Regie: Felix van Groeningen

Drehbuch: Luke Davies, Felix van Groeningen

LV: David Sheff: Beautiful Boy, 2008; Nic Sheff: Tweak, 2008

mit Steve Carell, Timothée Chamalet, Maura Tierney, Amy Ryan, Kaitlyn Dever, Timothy Hutton, Andre Royo

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Beautiful Boy“

Metacritic über „Beautiful Boy“

Rotten Tomatoes über „Beautiful Boy“

Wikipedia über „Beautiful Boy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Felix van Groeningens „The Broken Circle“ (The Broken Circle Breakdown, Belgien/Niederlande 2012)

Meine Besprechung von Felix van Groeningens „Café Belgica (Belgica, Belgien/Frankreich/Niederlande 2016)

Q&A nach der Weltpremiere beim TIFF

Build Series: Ein Gespräch mit Felix van Groeningen, Steve Carell und Timothée Chamalet

DP/30 unterhält sich mti Felix van Groeningen

Amazon Studios: Featurette „Everything“

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „Life“ – einige Photographien von James Dean

September 24, 2015

Das ikonischen Bild von James Dean auf dem Times Square in New York, das als Plakat in vielen Wohnungen hing, ist bekannt.
Aber den Fotografen dürfte niemand kennen; was sich mit „Life“ ändern könnte. In dem Spielfilm erzählt Anton Corbijn die Geschichte hinter diesem und einigen anderen bekannten James-Dean-Bildern. Corbijn schoss, was sein Interesse an dieser Geschichte erklärt, selbst jahrelang ikonische Bilder von Stars, wie Herbert Grönemeyer, Depeche Mode und U2.
James Dean (8. Februar 1931 – 30. September 1955) war damals, nach einigen kleinen TV-Arbeiten und dem Dreh von Elia Kazans „Jenseits von Eden“, in den Augen des 26-jährigen Magnum-Fotograf Dennis Stock ein aufstrebender Star. Weil Stock (Robert Pattinson) dringend einen großen Auftrag brauchte, der seiner Karriere einen entscheidenden Schub verpassen sollte, überzeugte er seinen Chef, ihm bei dem legendären Life Magazine Platz für eine Bildstrecke über James Dean (Dane DeHaan) zu besorgen. Weil Dean sehr sprunghaft war, gestalteten sich die Fotografien schwierig. Sie wurden teils in New York und in Fairmount, Indiana, auf dem Bauernhof von Deans Onkel, wo er aufwuchs, gemacht.
Innerhalb von zwei Wochen schoss Stock einige Bilder, die im Life Magazine am Tag vor der Times-Square-Premiere von „Jenseits von Eden“ veröffentlicht wurden.
Trotz der gewohnt gut gestalteten Bilder, den guten Schauspieler, der guten Ausstattung und dem, als Nebenschauplatz, interessanten Porträt des Starkults und wie ein Schauspieler von Hollywood zu einem Star aufgebaut wird, ist „Life“ letztendlich ein banaler Film. Denn er erzählt einfach nur die Geschichte eines Foto-Auftrages, der sich, abgesehen von Deans schwieriger Persönlichkeit, nicht weiter von irgendeiner anderen journalistischen Auftragsarbeit unterscheidet. Schließlich war Stock kein Groupie, sondern ein Fotograf, der einige Bilder machen wollte, die er verkaufen konnte. Und Dean, der sich der Medienmaschine entziehen wollte, war intelligent genug, um zu wissen, dass er am Anfang einer großen Karriere stand. Das hatte ihm Jack Warner (Ben Kingsley) klar gemacht. Er konnte als Chef von Warner Bros. über seine künftigen Rollen und damit seine Karriere in Hollywood bestimmen.
Doch als Stock Dean fotografierte, ahnte niemand, dass er einige Monate später bei einem Autounfall sterben sollte. Auch in den USA waren die Premiere von „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ erst nach seinem Tod.
Wie eigentlich immer bei Corbijn gerät die sehr sehenswerte Oberfläche überzeugender als der Inhalt. Denn dieser ist in seiner Nachstellung der damaligen Ereignisse, einer kleinen Episode, letztendlich nicht so wahnsinnig interessant.

Life - Plakat

Life (Life, Kanada/Deutschland/Österreich 2015)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Luke Davies
mit Robert Pattinson, Dane DeHaan, Joel Edgerton, Alessandra Mastronardi, Stella Schnabel, Ben Kingsley
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Englische Fanseite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Life“
Moviepilot über „Life“
Metacritic über „Life“
Rotten Tomatoes über „Life“
Wikipedia über „Life“
Berlinale über „Life“
Meine Besprechung von Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) (DVD-Kritik)

Die Berlinale-Pressekonferenz


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