DVD-Kritik: Nordisch mordend: „Modus – Der Mörder in uns“ und „Kommissar Beck“

Januar 3, 2017

Der skandinavische Krimi, und da ist der Unterschied zwischen Buch und Film nicht so weltbewegend, ist wie Ikea: immer gleich, vertraut depressiv und nie eine bestimmte Qualität unterschreitend, egal ob es um Serienmorde oder Morde in Serie geht. Das gilt auch für den zweiten Teil der fünften Staffel von „Kommissar Beck“, in dem vier Fälle des Ermittlers geschildert werden, und die Miniserie „Modus – Der Mörder in uns“, nach einem Roman von Anne Holt.

Kommissar Beck“ ist inzwischen die älteste und langlebigste Serie, die aus dem hohen Norden zu uns kommt. 1997 ermittelten Martin Beck (Peter Haber), Gunvald Larsson (Mikael Persbrandt) und ihr Team erstmals. Erfunden wurden sie von Maj Sjöwall und Per Wahlöö bereits 1965. Sie schrieben zehn Kriminalromane, die zunehmend politischer wurden und die Veränderungen der schwedischen Gesellschaft reflektierten. Die Krimis waren und sind ein weltweiter Erfolg. Sie beeinflussten zahlreiche Autoren und ihr Einfluss auf den skandinavischen Kriminalroman kann nicht überschätzt werden (daran ändert auch Henning Mankells ebenfalls überaus einflussreicher Kommissar Wallander nichts). Es gab auch einige Verfilmungen. Am bekanntesten ist der spannende US-Thriller „Massenmord in San Francisco“ (1973), nach dem Roman „Endstation für neun“, mit Walter Matthau als Martin Beck. Aber erst ab 1997 gab es, teils mit längeren Pausen, eine kontinuierliche Serie, in der die einzelnen Fälle schon lange nichts mehr mit den Romanen zu tun haben.

Inzwischen ist „Kommissar Beck – Staffel 5, Episoden 5 – 8“ erhältlich. Die Box enthält auf 2 DVDs (ohne Bonusmaterial) die neuesten vier spielfilmlangen Folgen, die manchmal auch als sechste Staffel gezählt werden und sich kaum von den vorherigen „Kommissar Beck“-Krimis unterscheidet.

Mikael Persbrandt, der seit der ersten Folge Martin Becks oft die Gesetze dehnenden, manchmal überschreitenden Kollegen und Freund Gunvald Larsson spielt, sagte, dass er nach dieser Staffel aus der Serie „Kommissar Beck“ aussteigen werde – und wer nicht wissen möchte, wie das geschieht, der sollte jetzt mit dem Lesen aufhören.

Im ersten Fall „Schüsse auf Gunvald“ (also Episode 5) wird während eines Routineeinsatzes auf Gunvald Larsson geschossen. Danach liegt er im Koma und stirbt am Ende der Episode. Er wollte eine Nachbarin des ermordeten investigativen Journalisten Wivel befragen. Dabei traf er auf Wivels Mörder.

Kommissar Beck und sein Team wollen jetzt herausfinden, wer die titelgebenden „Schüsse auf Gunvald“ abfeuerte und den Journalisten ermordete und was der notorische Verbrecher Risto Kangas damit zu tun hat.

In „Der Neue“ begrüßt Becks Team Steinar Hovland (Kristofer Hivju aus und mit „Game of Thrones“-Frisur), der erkennbar als Gegenentwurf zu Gunvald Larsson angelegt ist und der in der ersten Episode in fast jedem Gespräch von sich und seiner Familie erzählt. Darauf wurde, zum Glück, in den nächsten beiden Episoden verzichtet. Gunvald Larsson wird auch nicht mehr erwähnt. Nur Martin Beck wird noch trauriger und introvertierter.

Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wer warum in einem Campingwagen ermordet und verbrannt wurde. Dabei sind die sozial schwachen Bewohner des Campingplatzes, der von Nachbarn, die auch eine Bürgerwehr gegen die Drogenhöhle gegründet haben, keine große Hilfe.

In „Tödliche Sackgasse“ werden ein Ex-Polizist und seine Familie in seinem Haus ermordet. Bei ihren Ermittlungen stellen Beck und sein Team fest, dass der Ermordete keine weiße Weste hatte. Sie fragen sich, was an den Vorwürfen dran ist (viel) und ob das der Grund für den Mord war (na, selbstverständlich!).

In „Zahltag“ bringt ein Mann, der zu schnell fuhr, eine Polizistin um. Während der anschließenden, betont unspektakulär geschilderten Jagd nach dem Polizistenmörder begeht dieser weitere Verbrechen, die anscheinend Teil eines größeren Plans sind.

Der Mörder wird von Simon J. Berger gespielt, der in „Modus – Der Mörder in uns“ den leicht schusseligen Ex-Mann von Inger Johanne Vik spielt.

Das ist, wie gesagt, mit dem vertrauten Personal unspektakulär im gewohnten Rahmen.

 

Modus – Der Mörder unter uns“ ist eine aus vier spielfilmlangen Episoden bestehende Miniserie (bzw. im Original acht 45-minütige Episoden), die durchaus fortgesetzt werden kann. Immerhin schrieb die Norwegerin Anne Holt bislang fünf Vik/Stubø-Romane.

Für den Film wurde „Gotteszahl“, der vierte Roman der Serie, gewählt und teilweise verändert.

Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) ist eine Wissenschaftlerin, die für die Polizei als Profilerin arbeitete und sich jetzt auf ihre beiden Kinder und die Wissenschaft konzentrieren will. Sie wird von Kommissar Ingvar Nyman (Henrik Norlén, im Roman Yngvar Stubø) gebeten, ihr bei einem Fall zu helfen. Nach anfänglichem Zögern erklärt sie sich bereit und beide versuchen herauszufinden, warum ein Mörder mehrere bekannte Personen kurz vor Weihnachten so umbringt, dass sie sofort als Mordfälle auffallen.

Als Zuschauer kennen wir zwar von der ersten Minute das Gesicht des Mörders und wir wissen auch, dass er über sechs verschiedene Smartphones (was uns dann auch schnell vermuten lässt, dass er sechs Menschen umbringen will) Informationen über seine Opfer erhält. Warum er allerdings die Morde ausführt, bleibt sehr lange vollkommen im Dunkeln.

Das lässt sich über die vier Folgen flott wegsehen. Allerdings streckt der Vierteiler die sehr überschaubare Krimihandlung mit etlichen privaten Plots bis zum Gehtnichtmehr. Während wir viel über das Privatleben der Haupt- und Nebenfiguren erfahren und Nebenfiguren, die später nicht mehr auftauchen und einen nur marginalen Input auf die Ermittlungen haben, viel Bildschirmzeit bekommen, bewegen sich die Ermittlungen von Vik und Nyman im Schneckentempo voran. Immerhin schlägt unser in einem Wohnwagen im Wald lebender Serienmörder immer wieder, so alle 45 Minuten, zu.

Insofern hat das Ansehen von „Modus – Der Mörder in uns“ schon etwas Meditatives. Wenn man sich nicht gerade damit beschäftigt, aus dem sechsstündigem Epos einen zweistündigen Thriller herauszudestillieren. Das wäre problemlos möglich gewesen. So ist „Modus“ ein TV-Krimi, der das liefert, was die Fans von skandinavischen Krimis erwarten. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

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Kommissar Beck – Staffel 5: Episoden 5 – 8 (Beck, Schweden/Deutschland 2016)

LV: Charaktere von Maj Sjowall und Per Wahlöö

mit Peter Haber (Martin Beck), Mikael Perbrandt (Gunvald Larsson), Kristofer Hivju (Steinar Hovland), Ingvar Hirdwall (Nachbar), Rebecka Hamse (Inger Beck), Måns Nathanaelson (Oswald Bergman), Anna Asp (Jenny Bodén), Elmira Arikan (Ayda Cetin), Jonas Karlsson (Klas Fredén), Åsa Karlin (Andrea Bergström)

DVD

edel:motion

Bild: 1,78:1 (16:9 PAL)

Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: –

Länge: 354 Minuten (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die 5.2-Fälle

Schüsse auf Gunvald (Gunvald, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Mårten Klingberg

Drehbuch: Mikael Syrén

Der Neue (Steinar, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Mårten Klingberg

Drehbuch: Josefin Johansson, Mårten Klingberg (Adaptation), Stefan Thunberg (Adaptation), Mikael Syrén (Adaptation)

Tödliche Sackgasse (Vägs Ände, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Jörgen Bergmark

Drehbuch: Stefan Thunberg

Zahltag (Sista dagen, Schweden/Deutschland 2016)

Regie: Jörgen Bergmark

Drehbuch: Antonia Pyk

Hinweise

ZDF über „Kommissar Beck“

Wikipedia über „Kommissar Beck“, Maj Sjöwall, Per Wahlöö und ihre Romane

Meine Besprechung von „Kommisar Beck – Staffel 5: Episoden 1 – 4“

 

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Modus – Der Mörder in uns (Modus, Schweden/Deutschland 2015)

Regie: Lisa Siwe, Mani Maserrat Agah

Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe

LV: Anne Holt: Pengemannen, 2009 (Gotteszahl)

mit Melinda Kinnaman (Inger Johanne Vik), Henrik Norlén (Ingvar Nyman), Marek Oravec (Richard Forrester), Simon J. Berger (Isak Aronson), Esmeralda Struwe (Stina Vik), Magnus Roosmann (Marcus Ståhl), Peter Jöback (Rolf Ljungberg), Johan Widerberg (Lukas Lindgren), Lily Wahlsteen (Linnea Vik), Krister Henriksson (Erik Lindgren), Liv Mjönes (Patricia Green), Cecilia Nilsson (Elisabeth Lindgren), Josefine Tengblad (Sophie Dahlberg)

Blu-ray

edel:motion

Bild: 1080/50i HD 16:9

Ton: Deutsch, Schwedisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Mini-Featurette, 8-seitiges Booklet

Länge: 364 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

ZDF über „Modus – Der Mörder in uns“

Wikipedia über „Modus – Der Mörder in uns“ und Anne Holt (deutsch, englisch, norwegisch)

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DVD-Kritik: „The Team“ jagt einen Menschenhändler

Mai 18, 2015

Vor der TV-Ausstrahlung rührte das ZDF eifrig die Werbetrommel. Denn „The Team“ ist nicht nur, wie viele andere Krimiserien, eine Co-Produktion, sondern sie hat auch drei aus verschiedenen Ländern stammende Ermittler und die Ermittlungen finden in mehreren Ländern statt. Das Budget betrug zehn Millionen Euro, die Dreharbeiten dauerten acht Monate und gedreht wurde in einem halben Dutzend Länder. „The Team“ ist also eine große Produktion. Aber ist es auch eine gute Produktion?
Der achtstündige Krimi, der im TV in vier jeweils zweistündigen Folgen gezeigt wurde und auf DVD als Achtteiler geschnitten ist, beginnt flott. Gleich in den ersten Minuten werden in Berlin, Antwerpen und Kopenhagen Prostituierte ermordet. Aufgrund des Tathergangs (Schuss ins linke Auge, Finger abgetrennt) stellt Europol ein staatenübergreifendes Ermittlerteam zusammen. Denn es wird vermutet, dass es sich um den gleichen Täter handelt. Sein Motiv ist unklar. Ebenso, ob er weitere Morde begeht. In der Vergangenheit hat er allerdings schon mindestens einmal gemordet.
Harald Bjørn (Lars Mikkelsen), Hauptkommissar im Morddezernat Kopenhagen, Jackie Mueller (Jasmin Gerat), Hauptkommissarin im BKA Berlin, und Alicia Verbeek (Veerle Baetens), Kommissarin im Morddezernat in Antwerpen, sollen ihn überführen.
Auch die Ermittlungen laufen zügig an. Schnell haben sie einen Verdächtigen: Jean Louis Poquelin (Carlos Leal), der dann doch nicht der Täter ist. Er schreibt an einem Enthüllungsbuch über Marius Loukauskis (Nicholas Ofczarek), ein Verbrecher, der überall seine Finger drin hat.
Als Loukauskis von den Morden erfährt, fragt er sich, wer ihn anschwärzen will. Das ist am Ende der zweiten Episode (von acht). Ungefähr in diesem Moment haben die Autoren ihr Figurenensemble aufgefächert und wir dürfen ab jetzt mehreren parallel verlaufenden Handlungen (wobei ich immer wieder den Eindruck hatte, dass eine Gleichzeitigkeit suggeriert wurde, die nicht stimmte) folgen, die immer mehr in private Subplots abgleiten. Bjørn wird Vater. Verbeek kümmert sich um ihre Mutter, eine Alkoholikerin, und ihre Schwester, eine Prostituierte. Mueller um ihre beiden Kinder und ihren fremdgehenden Ehemann, über den wir – zum Glück – nichts Wesentliches erfahren. Eine ständig alkoholisierte Jazzsängerin, deren beste Tage schon lange vorüber sind und die eine Beziehung zu Loukauskis hat, torkelt immer wieder durch den Film, während die Ermittler viel telefonieren (der Einsatz der modernen Kommunikationsmittel ist angenehm unaufgeregt, wird aber auch zunehmend penetrant) und zwischen Berlin, Antwerpen, Kopenhagen und den Alpen hin und her pendeln, während der Fall sich über mehrere Episoden höchstens im Schneckentempo voranbewegt bis zum plötzlichen Ende, bei dem man fast übersieht, wer der Täter ist und sich zusammenpuzzeln muss, wie das jetzt alles zusammen hängt und was genau das Motiv war.
Trotz der bombastischen Werbung reiht „The Team“ sich unaufgeregt in die typisch skandinavischen Krimis ein: einige gruselige Morde, etwas Sozialkritik (hier gegen Menschenhändler, Zwangsprostitution und Ausbeutung), viele zeitraubende Privatgeschichten und eine lieblose Lösung, über die man nicht genauer nachdenken sollte. Bei „The Team“ gibt es außerdem etliche groß eingeführte Charaktere und Subplots, die plötzlich fallengelassen werden. Nein, wirklich begeistern kann das „Team“ nicht.
Auf der DVD ist die Originalfassung und die deutsche Fassung enthalten. Für die deutsche Fassung wurde alles konsequent eingedeutsch. Damit wurde die Serie gerade um ihren besonderen Aspekt beraubt. Deshalb sollte man die Originalfassung ansehen. In ihr reden die Ermittler, wie in der Realität, untereinander englisch und, wenn sie mit Kollegen, ihren Partnern und Verdächtigen reden, in ihrer Landessprache.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzehnminütiges „Making of“ und Kurzbiographien der drei Ermittler und des Bösewichts, die man sich in sechs Minuten ansehen kann. Das Bonusmaterial ist, nett, begrenzt informativ (das Booklet ist informativer) und gänzlich spoilerfrei.

The Team - DVD-Cover 4

The Team (The Team, Dänemark/Deutschland/Österreich/Schweiz/Belgien 2015)
Regie: Katherine Windfeld, Kasper Gaardsøe
Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe
mit Lars Mikkelsen, Jasmin Gerat, Veerle Baetens, Carlos Leal, Miriam Stein, Hilde Van Mieghem, Alexandra Rapaport, Andreas Pietschmann, Leo Gregory, Marc Benjamin, Filip Peeters, Sunnyi Melles, André Hennicke, Peter Benedict, Nadeshda Brennick

DVD
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, mehrsprachige Originalfassung (Dänisch, Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Kurzclips über die Hauptfiguren, 16-seitiges Booklet
Länge: 486 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
ZDF über „The Team“
Moviepilot über „The Team“
Wikipedia über „The Team“


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