Neu im Kino/Filmkritik: „High Society“, Plattenbau und zwei vertauschte Kinder

September 15, 2017

Die Prämisse von „High Society – Gegensätze ziehen sich an“ ist altbekannt und, auch wenn Regisseurin Anika Decker im Presseheft sagt, sie sei vor zweieinhalb Jahren durch die Lektüre eines Zeitungsartikels über vertauschte Babys in Frankreich darauf gekommen, schon in zahlreichen Spielfilmen durchgespielt worden. Denn sie ist ein wundervolles „was wäre wenn“-Gedankenexperiment: Was wäre, wenn du nach deiner Geburt vertauscht worden wärst? Üblicherweise sind die Familien vollkommen gegensätzlich. Üblicherweise ist eine Familie sehr arm und die andere sehr reich. Die Fragen und Konflikte ergeben sich aus dieser Prämisse fast von selbst: Was ist Erziehung? Was Vererbung? Wer sind deine Eltern? Die biologischen oder die, die dich erzogen haben? Soll der Tausch wieder rückgängig gemacht werden? Oder wäre das ein noch größeres Unrecht? Undsoweiter, undsofort. Eigentlich ist es kaum möglich, eine solche Verwechslungsgeschichte zu vergeigen.

Anika Decker gelingt das in ihrem neuen Film „High Society“, den sie eine Familien- und Gesellschaftskomödie nennt, mit einer fast schon beeindruckenden Konsequenz.

In „High Society“ werden Anabel und Aura in der Geburtsklinik vertauscht. 25 Jahre später wird der Tausch entdeckt und, schwuppdiwupp, ist die reiche Anabel (Emilia Schüle) in der Familie von Carmen Schlonz (Katja Riemann) im Plattenbau (mit importiertem Ghetto-Feeling) und die arme Aura (Caro Cult) in der Familie von Trixie von Schlacht (Iris Berben) in der noblen Industrieellenvilla, in der Menschen mit offensichtlichen Geschmacksverirrungen leben dürfen. Wie im Plattenbau am anderen Ende von Berlin.

Beginnen wir mit dem Positiven: Iris Berben und Katja Riemann werfen sich mit einer Verve in ihre Rollen, dass man sich schnell fragt, warum sie das tun. Vielleicht wollten sie einfach ihren Spaß haben. Denn, und schon sind wir beim Negativen, das Drehbuch ist eine willkürliche Aneinanderreihung von Szenen, die höchstens für einen unlustigen Sketchabend taugen. Die gezeigten Milieus und Konflikte stammen dann auch aus genau dieser wirklichkeitsfernen TV-Soap- und Sketch-Welt mit ihren billigen Kulissen und unglaubwürdigen Charakteren. Stringenz in der Geschichte und Figurenzeichnung sind hier Fremdworte. Der Film ist ein einziger Kladderadatsch, der wirkt, als habe man einfach Szenen aus verschiedenen Drehbüchern zusammengeworfen und danach nicht einmal geprüft, ob das irgendwie auch nur halbwegs stimmig ist. Dass keine einzige Pointe zündet, verwundert in dieser kopflosen Fremdschäm-Veranstaltung, nicht. Wegen des Timings, wegen der Qualität der Pointen und wegen der Abwesenheit irgendeiner Idee, wie das Material sinnvoll angeordnet werden kann.

Dass es Anika Decker nicht gelingt, aus der Prämisse eine Geschichte zu entwickeln, verwundert dann doch. Denn bei der Prämisse schreibt sich die Geschichte wie von selbst. Wenn man denn ein Thema hat.

Anika Decker schrieb die Drehbücher für „Keinohrhasen“, „Zweiohrhasen“, „Rubbeldiekatz“ und „Traumfrauen“, ihrem Regiedebüt.

High Society – Gegensätze ziehen sich an (Deutschland 2017)

Regie: Anika Decker

Drehbuch: Anika Decker

mit Emilia Schüle, Jannis Niewöhner, Iris Berben, Katja Riemann, Caro Cult,Jannik Schümann, Manuel Rubey, Marc Benjamin, Rick Kavanian

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „High Society“

Moviepilot über „High Society“

 


DVD-Kritik: „The Team“ jagt einen Menschenhändler

Mai 18, 2015

Vor der TV-Ausstrahlung rührte das ZDF eifrig die Werbetrommel. Denn „The Team“ ist nicht nur, wie viele andere Krimiserien, eine Co-Produktion, sondern sie hat auch drei aus verschiedenen Ländern stammende Ermittler und die Ermittlungen finden in mehreren Ländern statt. Das Budget betrug zehn Millionen Euro, die Dreharbeiten dauerten acht Monate und gedreht wurde in einem halben Dutzend Länder. „The Team“ ist also eine große Produktion. Aber ist es auch eine gute Produktion?
Der achtstündige Krimi, der im TV in vier jeweils zweistündigen Folgen gezeigt wurde und auf DVD als Achtteiler geschnitten ist, beginnt flott. Gleich in den ersten Minuten werden in Berlin, Antwerpen und Kopenhagen Prostituierte ermordet. Aufgrund des Tathergangs (Schuss ins linke Auge, Finger abgetrennt) stellt Europol ein staatenübergreifendes Ermittlerteam zusammen. Denn es wird vermutet, dass es sich um den gleichen Täter handelt. Sein Motiv ist unklar. Ebenso, ob er weitere Morde begeht. In der Vergangenheit hat er allerdings schon mindestens einmal gemordet.
Harald Bjørn (Lars Mikkelsen), Hauptkommissar im Morddezernat Kopenhagen, Jackie Mueller (Jasmin Gerat), Hauptkommissarin im BKA Berlin, und Alicia Verbeek (Veerle Baetens), Kommissarin im Morddezernat in Antwerpen, sollen ihn überführen.
Auch die Ermittlungen laufen zügig an. Schnell haben sie einen Verdächtigen: Jean Louis Poquelin (Carlos Leal), der dann doch nicht der Täter ist. Er schreibt an einem Enthüllungsbuch über Marius Loukauskis (Nicholas Ofczarek), ein Verbrecher, der überall seine Finger drin hat.
Als Loukauskis von den Morden erfährt, fragt er sich, wer ihn anschwärzen will. Das ist am Ende der zweiten Episode (von acht). Ungefähr in diesem Moment haben die Autoren ihr Figurenensemble aufgefächert und wir dürfen ab jetzt mehreren parallel verlaufenden Handlungen (wobei ich immer wieder den Eindruck hatte, dass eine Gleichzeitigkeit suggeriert wurde, die nicht stimmte) folgen, die immer mehr in private Subplots abgleiten. Bjørn wird Vater. Verbeek kümmert sich um ihre Mutter, eine Alkoholikerin, und ihre Schwester, eine Prostituierte. Mueller um ihre beiden Kinder und ihren fremdgehenden Ehemann, über den wir – zum Glück – nichts Wesentliches erfahren. Eine ständig alkoholisierte Jazzsängerin, deren beste Tage schon lange vorüber sind und die eine Beziehung zu Loukauskis hat, torkelt immer wieder durch den Film, während die Ermittler viel telefonieren (der Einsatz der modernen Kommunikationsmittel ist angenehm unaufgeregt, wird aber auch zunehmend penetrant) und zwischen Berlin, Antwerpen, Kopenhagen und den Alpen hin und her pendeln, während der Fall sich über mehrere Episoden höchstens im Schneckentempo voranbewegt bis zum plötzlichen Ende, bei dem man fast übersieht, wer der Täter ist und sich zusammenpuzzeln muss, wie das jetzt alles zusammen hängt und was genau das Motiv war.
Trotz der bombastischen Werbung reiht „The Team“ sich unaufgeregt in die typisch skandinavischen Krimis ein: einige gruselige Morde, etwas Sozialkritik (hier gegen Menschenhändler, Zwangsprostitution und Ausbeutung), viele zeitraubende Privatgeschichten und eine lieblose Lösung, über die man nicht genauer nachdenken sollte. Bei „The Team“ gibt es außerdem etliche groß eingeführte Charaktere und Subplots, die plötzlich fallengelassen werden. Nein, wirklich begeistern kann das „Team“ nicht.
Auf der DVD ist die Originalfassung und die deutsche Fassung enthalten. Für die deutsche Fassung wurde alles konsequent eingedeutsch. Damit wurde die Serie gerade um ihren besonderen Aspekt beraubt. Deshalb sollte man die Originalfassung ansehen. In ihr reden die Ermittler, wie in der Realität, untereinander englisch und, wenn sie mit Kollegen, ihren Partnern und Verdächtigen reden, in ihrer Landessprache.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzehnminütiges „Making of“ und Kurzbiographien der drei Ermittler und des Bösewichts, die man sich in sechs Minuten ansehen kann. Das Bonusmaterial ist, nett, begrenzt informativ (das Booklet ist informativer) und gänzlich spoilerfrei.

The Team - DVD-Cover 4

The Team (The Team, Dänemark/Deutschland/Österreich/Schweiz/Belgien 2015)
Regie: Katherine Windfeld, Kasper Gaardsøe
Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe
mit Lars Mikkelsen, Jasmin Gerat, Veerle Baetens, Carlos Leal, Miriam Stein, Hilde Van Mieghem, Alexandra Rapaport, Andreas Pietschmann, Leo Gregory, Marc Benjamin, Filip Peeters, Sunnyi Melles, André Hennicke, Peter Benedict, Nadeshda Brennick

DVD
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, mehrsprachige Originalfassung (Dänisch, Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Kurzclips über die Hauptfiguren, 16-seitiges Booklet
Länge: 486 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
ZDF über „The Team“
Moviepilot über „The Team“
Wikipedia über „The Team“


%d Bloggern gefällt das: