Neu im Kino/Filmkritik: „Vergiftete Wahrheit“ – ein Thriller über einen biederen Anwalt, der für DuPont zum Alptraum wurde

Oktober 9, 2020

Die Teflonpfanne – wer keine hat, kennt sie wenigstens vom Namen. Es handelt sich um eine beschichtete Pfanne, mit der man sehr gut kochen kann.

Wenn es da nicht das kleine Problem mit der Beschichtung gäbe, das DuPont lange verschwieg. Bei der Herstellung von Teflon verwendete der Chemiekonzern DuPont Perfluoroctansäure (PFOA). Diese Säure kann unter anderem Krebs verursachen. Sie sollte daher nicht in Kontakt mit Lebensmitteln geraten.

Wie groß die Probleme sind und was sie für die Betroffenen bedeuten, zeigt Todd Haynes in seinem neuesten Film „Vergiftete Wahrheit“. Ursprünglich sollte das packende und absolut sehenswerte Drama bereits im Frühjahr anlaufen. Jetzt läuft das Thrillerdrama einige Monate später an. Aktuell und wichtig ist es immer noch.

Im Mittelpunkt des Films steht der von Mark Ruffalo überzeugend gespielte Anwalt Robert ‚Rob‘ Bilott. Er hat den Aufstieg in die oberen Etagen der renommierten in Cincinnati, Ohio, residierenden Kanzlei Taft Stettinius & Hollister geschafft. Dort ist das Spezialgebiet des Wirtschaftsanwalts die Umweltgesetzgebung. Zu den Mandanten der Kanzlei gehören große Chemiefirmen, wie DuPont.

Die Sommer, die er als Kind und Jugendlicher auf der Farm seiner Großmutter in Parkersburg, West Virginia, verbrachte, sind nur noch eine ferne Erinnerung. Über diesen Teil seines Lebens redet er nicht. Nicht weil er sich dafür schämt (obwohl er als gesellschaftlicher Aufsteiger in dieser Hinsicht einen Minderwertigkeitskomplex hat), sondern weil diese Welt mit der Welt der Kanzlei nichts zu tun hat.

Eines Tages steht im Eingangsbereich der Kanzlei ein Mann, der schon durch seine Kleidung signalisiert, dass er nicht zu den normalen Kunden der Kanzlei gehört. Wilbur Tennant ist ein Farmer aus Parkersburg. Er behauptet, dass DuPont giftige Chemikalien ins Wasser leite und damit seine Kühe vergifte. Er hofft, dass Bilott sich des Falls annimmt. Auf Bilott ist er gekommen, weil bei ihnen in der Provinz sich kein Anwalt mit DuPont anlegen will, Bilott Umweltanwalt ist und er früher öfter auf dem Nachbarhof war. Er also die Gegend und die Menschen kennt und damit vertrauenswürdig ist.

Aus Pflichtgefühl gegenüber seiner Großmutter kehrt Bilott in seine alte Heimat zurück. Eigentlich will er sich nur kurz die Kühe auf dem Hof der Brüder Wilbur und Jim Tennant ansehen und ihnen dann erklären, dass Wilbur Tennants Vermutung, dass seine Kühe von DuPont vergiftet werden, falsch ist.

Damit hätte er schnell seine Pflichten gegenüber seiner Familie erledigt und er könnte wieder in sein Leben zurückkehren.

Aber er sieht bei einem seiner ersten Besuche, wie Tennant einen wild gewordenen Stier erschießen muss. Außerdem hat Tennant auf Video degenerierte und krepierende Kühe aufgenommen. Es sind Bilder, die gut in einen Horrorfilm passen würden. Auch die Landschaft und die Menschen sehen nicht gesund aus.

Diese Beobachtungen beunruhigen ihn. Er will mehr wissen und er kann seinen Chef Tom Terp überzeugen, dass sie den Fall als einen Pro-Bono-Fall übernehmen. Solche Fälle werden von Kanzleien immer wieder übernommen, um ihr soziales Image aufzupolieren.

Bilott beginnt zu recherchieren. Er lässt sich Akten von DuPont bringen. Er klagt auf die Herausgabe von Akten. Er entdeckt eine riesige Gesetzeslücke, die auf den ersten Blick nicht besteht. Die US-Umweltschutzbehörde EPA konzentriert sich bei ihren Genehmigungen und Vorschriften auf neue Chemikalien und unter welchen Bedingungen sie wie zugelassen werden können. Mit älteren Chemikalien, wie der Perfluoroctansäure (PFOA), die seit 1951 eingesetzt wird, wird sich nicht weiter beschäftigt.

Bei seinem Aktenstudium bemerkt Bilott, dass DuPont schon länger von den von PFOA ausgehenden Gefahren wusste. Unklar ist allerdings zunächst, seit wann DuPont von den Gefahren wusste, ob sie danach weiter den mit PFOA angereicherten Schlamm auf einer Deponie lagerte, von der aus die Chemikalien in das Trinkwasser des Ortes gelangten, oder ob sie damit aufhörten.

Im Sommer 1999, ungefähr ein Jahr nach seiner ersten Begegnung mit Tennant, hat Bilott genug Material zusammen, für eine Klage gegen DuPont.

Aber damit ist Bilotts Kampf noch lange nicht vorbei. Eigentlich beginnt er erst jetzt. Denn DuPont hat, wie alle Konzerne, viel Geld und Zeit, um gegen unbequeme Kläger vorzugehen. Vor allem wenn es um hohe Forderungen geht und die Klagenden todkrank sind.

Vergiftete Wahrheit“ gehört in die ehrwürdige Reihe aufklärerischer Dramen wie Michael Manns „Insider“ (wo es um die von der Tabakindustrie geleugnete Gefährlichkeit von Nikotin geht), Steven Soderberghs „Erin Brockovich“ (wo es ebenfalls um verseuchtes Wasser geht), Alan J. Pakulas Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (über die Pentagon-Papiere und was vor Watergate geschah) und, ebenfalls mit Mark Ruffalo, Tom McCarthys „Spotlight“ (über sexuellen Missbrauch von Kindern in der römisch-katholischen Kirche in Boston).

Auch Todd Haynes und den Drehbuchautoren Mario Correa und Matthew Michael Carnahan gelingt es, einen komplexen, sich über einen längeren Zeitraum erstreckenden Fall gekonnt zu verdichten und die verschiedenen Aspekte des Falls verständlich zu präsentieren. Die traditionelle Erzählweise, die sich auf die Geschichte, die Dialoge und die Schauspieler verlässt, hilft dabei.

Für Mark Ruffalo ist der von ihm gespielte Robert Bilott, ein Mann der ohne Anzug nicht leben kann, ein weiteres Highlight seiner Schauspielerkarriere.

2017 erhielt Bilott von der schwedischen Right Livelihood Foundation den Alternativen Nobelpreis. Sein Kampf ist noch lange nicht vorbei.

Vergiftete Wahrheit (Dark Waters, USA 2019)

Regie: Todd Haynes

Drehbuch: Mario Correa, Matthew Michael Carnahan

LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)

mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp, Victor Garber, Bill Pullman, Mare Winningham, William Jackson Harper

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Eine Expertendiskussion in Hamburg während der Deutschlandpremiere des sehenswerten (Habe ich das schon einmal gesagt?) Justizthrillers

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Vergiftete Wahrheit“

Metacritic über „Vergiftete Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Vergiftete Wahrheit“

Wikipedia über „Vergiftete Wahrheit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Todd Haynes‘ Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“ (Carol, USA/Großbritannien/Frankreich 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Geostorm“ – ein Katastrophenthriller von Roland-Emmerich-Kumpel Dean Devlin

Oktober 20, 2017

Weil es durch die menschengemachte Erderwärmung zu immer mehr Wetterkatastrophen kommt, installiert die Menschheit in der Erdumlaufbahn ein gigantisches Satellitensystem, das solche Katastrophen verhindern soll. Das von Jake Lawson bis zur letzten Schraube geplante und beim Bau beaufsichtige System kontrolliert inzwischen das Erdklima und das tägliche Wetter und alles ist perfekt…Wenn es in letzter Zeit nicht einige merkwürdige Vorfälle gegeben hätte. In Afghanistan gab es eine Temperaturanomalie, die dazu führte, dass alle Einwohner zu Eisstatuen erstarrten. Auf der Weltraumstation wurde bei einer Fehlfunktion ein Astronaut ins All geschleudert.

Der US-Präsident, der in wenigen Tagen das System der Weltgemeinschaft übergeben möchte, ordnet eine vollständige Untersuchung der Vorfälle an. Am besten für die Aufgabe ist Jake geeignet, der nach seinem Rauswurf aus dem Projekt (er war öfter arg undiplomatisch) in Florida das einsiedlerische Leben eines rauen, aber letztendlich soften Naturburschen mit Bastlerqualitäten lebt.

Er fliegt auf die riesige Raumstation und beginnt den oder die Saboteure zu suchen. Die Spur führt in die höchsten Etagen Washingtons. Und da ist es gut, dass Jakes jüngerer, sich an die Vorschriften haltender Bruder Max, der im Moment auch sein Vorgesetzter ist, mit der Secret-Service-Agentin Sarah Wilson, die den Präsidenten beschützt, liiert ist.

Geostorm“ ist das mehrfach verschobene Regiedebüt von Dean Devlin. Die Dreharbeiten waren von Oktober 2014 bis Februar 2015. Im Dezember 2016 gab es, nach Test Screenings, einen Nachdreh, der 15 Millionen US-Dollar kostete. Weil Devlin keine Zeit hatte, übernahm Danny Cannon („C. S. I.“-Franchise, „Gotham“) die Regie. Als Grund für die hohen Kosten wurden vor allem die hohen Gagen der Schauspieler genannt und die Besetzung ist mit Gerald Butler (als Jake), Jim Sturgess (als Max), Abbie Cornish (als Sarah Wilson), Andy Garcia (als US-Präsident) und Ed Harris (als US-Außenminister) durchaus prominent geraten. Für uns Deutsche gibt es Alexandra Maria Lara als Ute Fassbinder, Leiterin der internationalen Weltraumstation.

Dean Devlin ist ein langjähriger Partner von Roland Emmerich. In Emmerichs „Moon 44“ hatte Devlin eine Nebenrolle. Für Emmerichs nächsten Film „Universal Soldier“ schrieb er das Drehbuch und fungierte als Produzent. Bei „Stargate“, „Independence Day“ und „Godzilla“ behielten sie diese Aufgabenteilung bei und auch bei Emmerichs nächsten Filmen hielt die kommerziell sehr erfolgreiche Partnerschaft an. Zuletzt bei „Independence Day: Wiederkehr“. Daneben stieg Devlin erfolgreich ins TV-Geschäft ein. Die unterhaltsamen Serien „Leverage“ und „The Quest – Die Serie“ (The Librarians) gehen auf sein Konto.

Devlins Co-Autor Paul Guyot war ebenfalls als Produzent und Autor in diese beiden Serien und in die TV-Serie „Für alle Fälle Amy“ involviert.

Salopp könnte man „Geostorm“ daher als Mega-Mash-Up zwischen diesen beiden Welten bezeichnen. Die Katastrophen, die die Saboteure auslösen und die den titelgebenden Geostorm (eine sich rasch steigernde Serie von die Erde zerstörenden Umweltkatastrophen) verursachen sollen, kennt man aus den verschiedenen Emmerich-Katastrophenfilmen. Die Idee, das Wetter aus einem Raumschiff zu beeinflussen, kennen wir von Roland Emmerichs Debütfilm „Das Arche Noah Prinzip“.

Die Tricks schwanken auf der großen Leinwand zwischen überwältigend und solala.

Die Story, die Erzählweise, die Konflikte und auch der leicht humoristische Tonfall stammt dagegen aus der Welt der TV-Serien. Devlin erzählt in „Geostorm“ keine eine dieser typischen Katastrophenfilm-Geschichten, in denen Menschen im Angesicht der Katastrophe ihr wahres Gesicht zeigen, sondern primär einen Verschwörungsthriller, bei dem es um die Frage geht, wer Dutch Boy sabotieren will. Und, ja, ein Blick auf die Besetzungsliste gibt auch einen guten Hinweis auf die Identität des Bösewichts, die erst am Ende enthüllt wird. Wie man es von einem Rätselkrimi kennt.

Geostorm“ ist deshalb, trotz seines Budgets von 120 Millionen Dollar, ein nicht unsympathischer, letztendlich unspektakulärer kleiner Thriller, der seine Katastrophen in schönster Emmerich-Manier über den gesamten Globus verteilt und auf den Emmerich-typischen Patriotismus verzichtet.

Geostorm (Geostorm, USA 2017)

Regie: Dean Devlin

Drehbuch: Dean Devlin, Paul Guyot

mit Gerald Butler, Jim Sturgess, Abbie Cornish, Alexandra Maria Lara, Daniel Wu, Eugenio Derbez, Ed Harris, Andy Garcia, Amr Waked, Adepero Oduye, Talitha Bateman, Richard Schiff, Mare Winningham

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Geostorm“

Metacritic über „Geostorm“

Rotten Tomatoes über „Geostorm“

Wikipedia über „Geostorm“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 26. September: Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn

September 26, 2017

Weil am Donnerstag sein neuer Film „Victoria & Abdul“ (ebenfalls mit Judi Dench, aber nicht so gut wie „Philomena“)  anläuft

ARD, 22.45

Philomena (Philomena, Großbritannien 2013)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope

LV: Martin Sixsmith: The Lost Child of Philomena Lee, 2009 (Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn)

1952 wurde die Irin Philomena Lee als Jugendliche ungewollt schwanger. Sie ging zur Besserung in ein Kloster. Ihr Kind wurde, ohne sie zu fragen, von den barmherzigen Schwestern fortgegeben. Jetzt, fünfzig Jahre später, möchte sie ihren Sohn wiedersehen. Aber die katholische Kirche mauert. Nur der Journalist Martin Sixsmith hilft ihr.

Feines, auf einer wahren Geschichte basierendes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood, Peter Hermann, Mare Winningham, Michelle Fairley

Wiederholung: Mittwoch, 27. September, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Philomena“

Moviepilot über „Philomena“

Metacritic über „Philomena“

Rotten Tomatoes über „Philomena“

Wikipedia über „Philomena“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)


TV-Tipp für den 6. Dezember: Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn

Dezember 6, 2016

WDR, 22.10

Philomena (Philomena, Großbritannien 2013)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope

LV: Martin Sixsmith: The Lost Child of Philomena Lee, 2009 (Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn)

1952 wurde die Irin Philomena Lee als Jugendliche ungewollt schwanger. Sie ging zur Besserung in ein Kloster. Ihr Kind wurde, ohne sie zu fragen, von den barmherzigen Schwestern fortgegeben. Jetzt, fünfzig Jahre später, möchte sie ihren Sohn wiedersehen. Aber die katholische Kirche mauert. Nur der Journalist Martin Sixsmith hilft ihr.

Feines, auf einer wahren Geschichte basierendes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung – und dann ab ins Kino in den neuen Frears-Film „Florence Foster Jenkins“.

mit Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood, Peter Hermann, Mare Winningham, Michelle Fairley

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Philomena“

Moviepilot über „Philomena“

Metacritic über „Philomena“

Rotten Tomatoes über „Philomena“

Wikipedia über „Philomena“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Katholikin „Philomena“ sucht ihr Kind

Februar 28, 2014

 

Nachdem Stephen Frears mit seinem vorherigen Film „Lady Vegas“ (Lay the Favorite) so richtig daneben griff, kehrt er mit „Philomena“ wieder zur alten Stärke zurück, indem er, genau beobachtend und vielschichtig, eine einfache Geschichte erzählt, die von den Schauspielern und den pointierten Dialogen getragen wird. Außerdem handelt es sich um eine wahre Geschichte, die Martin Sixsmith zu einem Sachbuch verarbeitete, das die Vorlage für „Philomena“ ist. Dabei war Martin Sixsmith zuerst überhaupt nicht begeistert von der Geschichte. Aber nachdem der große BBC-Polit-Journalist nach einer spitzen Bemerkung als Berater der Tony-Blair-Regierung entlassen wurde, benötigte er das Geld und er nahm die Human-Interest-Geschichte – ein journalistisches Genre, das er für den Bodensatz des Bodensatzes hält – nur widerwillig an. Eigentlich überlegte er nur, wie er den Auftrag möglichst schnell erledigen könnte. Aber das war, bevor er Philomena Lee kennen lernte und er merkte, dass die katholische Kirche jede Hilfe verweigert.

Vor etwas über fünfzig Jahren, 1952, wurde Philomena im streng katholischen Irland als junges, unverheiratetes, katholisches Mädchen schwanger. Eine Sünde, für die sie von ihren Eltern in das Kloster in Roscrea abgeschoben wird. Dort, in der Sean Ross Abtei, muss sie, wie viele andere Sünderinnen in der Wäscherei schuften. Ihre Kinder wurden zur Adoption freigegeben; – eigentlich in die USA verkauft, während die Mütter nicht gefragt wurden, Frondienste leisteten und von den Schwestern wie Sklavinnen gehalten wurden. Nach außen inszenierten die Schwestern sich, wie auch die Kirche, als Wohltäterinnen. 1955 wurde Philomenas Kind verkauft.

Jetzt fragt sie sich, was aus ihrem Sohn wurde. Zusammen mit Martin Sixsmith besucht sie die Sean Ross Abtei, aber die Schwestern sagen ihnen nichts.

Im Dorfpub erfährt Sixsmith von den Verkäufen der Bastarde an reiche US-Amerikaner. Gemeinsam mit Philomena verfolgt er die vielversprechende Spur in die USA – und wer die Geschichte von Philomena Lee aus den Medien kennt, dürfte jetzt keine großen Überraschungen erleben. Jedenfalls nicht bei der Identität von ihrem Sohn.

Dafür schreibt hier das echte Leben eine viel bittere Geschichte. Denn ihr Sohn ist tot und seine letzten Wünsche wurden von der katholischen Kirche ignoriert.

Bis dahin lernen sich der arrogante, weltgewandte Upper-Class-Journalist Sixsmith und die Working-Class-Frau, die immer noch eine gläubige Katholikin ist, begeistert Kitschromane liest und nie ihr Land verlassen hat, besser kennen und, dank des pointierten Drehbuchs von Steve Coogan und Jeff Pope, der gewohnt souveränen Regie von Stephen Frears („Die Queen“, „The Snapper“, „Grifters“, „Gefährliche Liebschaften“, „Mein wunderbarer Waschsalon“) und dem grandiosen Spiel von Steve Coogan und Judi Dench werden die offensichtlichen Fallen der Geschichte souverän umschifft.

Philomena“ ist eine zu Herzen gehende Geschichte über die Suche nach dem verlorenen Sohn, eine kühle, die Fakten sprechende Anklage gegen die katholische Kirche, die witzige Geschichte eines seltsamen Paares und auch ein Moralstück. Denn wie soll man mit Unrecht umgehen?

Am Ende des Films verlässt man, trotz der düsteren Geschichte, beschwingt das Kino. „Philomena“ ist ein feiner, kleiner Film, der letztes Jahr beim Filmfestival in Venedig seine Premiere feierte, Publikumsliebling war und neun Preise erhielt. Seitdem erhielt das Drama etliche weitere Preise und wurde für vier Oscars, unter anderem als Bester Film, nominiert.

Philomena - Plakat

Philomena (Philomena, Großbritannien 2013)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope

LV: Martin Sixsmith: The Lost Child of Philomena Lee, 2009 (Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn)

mit Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood, Peter Hermann, Mare Winningham, Michelle Fairley

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Philomena“

Moviepilot über „Philomena“

Metacritic über „Philomena“

Rotten Tomatoes über „Philomena“

Wikipedia über „Philomena“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Und noch einige Interviews

mit Philomena Lee und ihrer Tochter Jane

mit Stephen Frears (Regie) und Steve Coogan (Produktion, Drehbuch, Hauptrolle)


%d Bloggern gefällt das: