DVD-Kritik: „3 Tage in Quiberon“ mit Romy Schneider

September 29, 2018

Beim diesjährigen Deutschen Filmpreis war Emily Alefs „3 Tage in Quiberon“ der große Abräumer. Zuerst mit rekordverdächtigen zehn Nominierungen und dann mit sieben Auszeichnungen. Und zwar in den Kategorien Bester Film, Regie, Hauptdarstellerin (Marie Bäumer), Nebendarstellerin (Birgit Minichmayr), Nebendarsteller (Robert Gwisdek [Warum nicht Hauptdarsteller?]), Kamera (Thomas W. Kiennast) und Filmmusik (Christoph M. Kaiser und Julian Maas).

Und dennoch ist es schon vor dem Ansehen ein zwiespältiger Film, der zu den Biopics gehört, die die Porträtierte nicht beim Aufstieg, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere oder vor einer schweren, ihr Leben bestimmenden Entscheidung zeigt, sondern sie an einem Tiefpunkt, kurz vor ihrem Tod, zeigt, Das war zuletzt bei „Nico, 1988“ so. Und ist auch bei „3 Tage in Quiberon“ so. Alef zeigt Romy Schneider 1981 während einer längeren Auszeit in Quiberon. Sie versucht in dem französischen Kurort von den Drogen, – Alkohol und Tabletten -, wegzukommen und gesund zu leben. Erfolglos. Emotional ist sie ein Wrack.

Trotzdem hat sie zugestimmt, ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs zu führen. Der Film zeigt diese sich über drei Tage erstreckende Begegnung zwischen ihnen in der bretonischen Hafenstadt Quiberon.

Am 29. Mai 1982 starb Romy Schneider in Paris unter mehr oder weniger ungeklärten Umständen. Offiziell starb sie an Herzversagen.

3 Tage in Quiberon“ ist als Trip in eine gequälte, zwischen den verschiedenen Anforderungen zerrissene Seele vor allem Marie Bäumers Film. Sie spielt die Hauptrolle und jede Emotion zeigt sich auf ihrem Gesicht.

Robert Gwisdek als Stern-Reporter Michael Jürgs kann neben ihr bestehen als eine Art verhinderter Mini-Stromberg mit furchtbarer Frisur (Perücke?). Er ist das Abbild eines schmierigen Boulevard-Journalisten, dem man nicht über den Weg trauen kann.

Birgit Minichmayer als Romy Schneiders Freundin Hilde Fritsch und Charly Hübner als der mit Schneider befreundete Fotograf Robert Lebeck verblassen dagegen. Fritsch besucht Schneider auf ihren Wunsch und versucht erfolglos, die schlimmsten Selbstentblößungen ihrer Freundin zu verhindern. Lebeck ist dagegen eher der stille Beobachter, der große Bruder, der sich tröstend zu seiner Schwester ins Bett legt und nie eingreift.

Weil man das von Jürgs nach dem Interview publizierte und von Romy Schneider abgesegnete Porträt nicht lesen kann (es erscheint jetzt als Reprint im Bonusmaterial der DVD- und Blu-ray-Ausgabe des Films), kann man auch nicht überprüfen, wie sehr sich die publizierte Fassung von dem Gespräch, wie es im Film gezeigt wird, unterschied. Weil der Film keinen Anhaltspunkt gibt, wie sehr sich Jürgs Porträt von seiner Begegnung mit Romy Schneider unterschied, ist es auch unmöglich zu sagen, wie sehr die im Film gezeigten Szenen irgendeiner Form von Wahrheit entsprechen. Das hinterlässt ein unangenehmes Gefühl und auch eine Leere beim Beurteilen des Wahrheitsgehalts des Films. Sehen wir im Film das wahre Interview oder das publizierte Interview oder eine mehr oder weniger erfundene Fassung des Interviews? Es kann nicht gesagt werden.

So hat man am Ende weniger den Eindruck, etwas über Romy Schneider erfahren zu haben, als einen Spielfilm über eine berühmte, todunglückliche, drogenabhängige Schauspielerin und einen schmierigen Journalisten gesehen zu haben, bei dem unklar ist, wer jetzt wen mehr ausnutzt.

Die von Lebecks SW-Fotografien inspirierten SW-Bilder des Films sehen zwar gut aus, aber es entsteht nie das Gefühl, den Film im Kino sehen zu müssen. Ästhetisch ist es, trotz der heute unüblichen SW-Fotografie, ein Fernsehfilm. Es ist auch ein Film, bei dem ich mich fragte, wie die Bilder in Farbe aussähen und ob man damit Akzente hätte setzen können, die hier im Schwarz-Weiß fehlen. Und das sage ich als SW-Fan.

3 Tage in Quiberon“ sieht nämlich wie ein Farbfilm aus, den man zufälligerweise auf einem SW-Fernseher sieht.

Das auf den ersten Blick umfangreiche Bonusmaterial enttäuscht dann. So gibt es im „Making-of“ und dem Featurette „Hinter den Kulissen“, mal in SW, mal in Farbe, nur musikalisch unterlegte Bilder von den Dreharbeiten.

3 Tage in Quiberon (Deutschland 2018)

Regie: Emily Atef

Drehbuch: Emily Atef

mit Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, Denis Lavant, Yann Grouhel, Christopher Buchholz, Vicky Krieps

DVD im Schuber

Prokino Home Entertainment

Bild: 2,40:1

Ton: Deutsch (Deutsch 5.1 Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Bonusmaterial (auf Extra-DVD, 113 Minuten, angekündigt): Zusätzliche unveröffentlichte Szenen, kommentiert von der Regisseurin Emily Atef, Verleihung des Deutschen Filmpreis 2018, Making-of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Marie Bäumer, Emily Atef, Robert Gwisdek und Charly Hübner, Audiokommentar von Emily Atef und dem Produzenten Karsten Stöter, Trailer

Blu-ray im Schuber

Prokino Home Entertainment

Bild: HD1080 (2,40:1)

Ton: Deutsch (5.1 DTS-HD Master Audio)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Bonusmaterial (116 Minuten, angekündigt): Zusätzliche unveröffentlichte Szenen, kommentiert von der Regisseurin Emily Atef, Verleihung des Deutschen Filmpreis 2018, Making-of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Marie Bäumer, Emily Atef, Robert Gwisdek und Charly Hübner, Audiokommentar von Emily Atef und dem Produzenten Karsten Stöter, Trailer

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „3 Tage in Quiberon“

Moviepilot über „3 Tage in Quiberon“

Rotten Tomatoes über „3 Tage in Quiberon“

Wikipedia über „3 Tage in Quiberon“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „3 Tage in Quiberon“


Neu im Kino/Filmkritik: „Irre sind männlich“ und Frauen sind bekloppt

April 24, 2014

Beginnen wir mit dem Positiven. Das Apartment von Daniel sieht wirklich wie eine Wohnung aus, in der jemand lebt.
Aber der Rest ist mit „eine deutsche Komödie“ nur unzureichend beschrieben. Denn „Irre sind männlich“ ist ein unwitziger Kladderadatsch, der sich auch irgendwie an Wochenendpsychotherapien abarbeiten will, aber nur sattsam bekannte Klischees ohne weiteren Erkenntniswert reproduziert, als hätte es nie Edward Nortons Gang durch die Selbsthilfegruppen in David Finchers grandioser Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Fight Club“ gegeben.
Aber Regisseur Anno Saul („Kebab Connection“, „Wo ist Fred?“) und die Drehbuchautoren Philip Voges und Ilja Haller wollten mit „Irre sind männlich“ keine bitterböse Satire, sondern eine deutsche RomCom abliefern.
Denn eigentlich ist Daniel Lukas (Fahri Yardim) ein Traummann, wenn er nicht so furchtbar anhänglich wäre. Deshalb verlässt ihn seine Freundin Mia (Josefine Preuß). Sein Freund Thomas Vierzig (Milan Peschel), gleichzeitig Geschäftspartner in ihrer Computerspielefirma, überredet ihn, mit ihm während verschiedener Wochenendtherapien möglichst viele Frauen flach zu legen. Dafür melden sie sich mit falschen Namen und erfundenen Lebensläufen bei den Therapien an.
Bei einem Therapiewochenende trifft Thomas wieder auf Sylvie (Marie Bäumer), die er bei einem früheren Therapiewochenende versetzte, weil die gleichaltrige Wuchtbrumme nach seiner Berechnung viel zu alt für ihn ist. Sie, die die Wochenenden ebenfalls für folgenlose Bettgeschichten benutzt, will sich jetzt an Thomas rächen und erpresst ihn zum Geschlechtsverkehr.
Gleichzeitig trifft Daniel wieder auf Bernadette (Peri Baumeister), eine bekannte Schauspielerin – und die beiden Kontrollfreaks verlieben sich ineinander.
Uups, habe ich jetzt etwas verraten?
Die interessantere Liebesgeschichte in dem Film ist die zwischen Thomas und Sylvie, zwei vergnügungssüchtigen Menschen, die Bindungen wie der Teufel das Weihwasser fürchten.
Aber im Rahmen einer erfolgreichen Konfliktvermeidungsstrategie wird sich auf das langweilige Paar konzentriert, es gibt einige Witzeleien über die Psychotherapie und etwas RomCom-Sauce, wobei die Konflikte, die von Anno Saul, Philip Voges und Ilja Haller aufgebaut werden, noch nicht einmal als Scheinkonflikte taugen.
„Irre sind männlich“ ist ein deprimierender, in einem Paralleluniversum spielender Film, in dem schon andere furchtbare deutsche Filme entstanden, die heute niemand gesehen haben will.

Irre sind männlich - Plakat

Irre sind männlich (Deutschland 2014)
Regie: Anno Saul
Drehbuch: Philip Voges, Ilja Haller
mit Fahri Yardim, Milan Peschel, Marie Bäumer, Peri Baumeister, Josefine Preuß, Tom Beck, Carolin Kebekus, Herbert Knaup, Gitta Schweighöfer
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Irre sind männlich“
Moviepilot über „Irre sind männlich“


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