Neu Kino/Buch- und Filmkritik: Bäh, „Feuchtgebiete“ gibt es jetzt auch im Kino

August 22, 2013

Als „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche vor fünf Jahren erschien, sich wie geschnitten Brot verkaufte und im Feuilleton eifrig diskutiert wurde, interessierte es mich weniger als der sprichwörtlich in China umfallende Sack Reis. Ein Skandalbuch über eine junge Frau, Masturbation und ihrem Verhältnis zu Flüssigkeiten und Ausscheidungen, garniert mit Spekulationen darüber, wie sehr die Ich-Erzählerin im Roman identisch mit der Autorin ist.

Gähn!

2,5 Millionen im deutschsprachigen Raum verkaufte Exemplare später ist jetzt die Verfilmung dieses Frauenbuches im Kino und beim Studieren der Credits fällt die starke männliche Beteiligung auf. Scheint also auch etwas für Männer zu sein. Peter Rommel produzierte. Er produzierte auch „Wolke 9“, „Sommer vorm Balkon“ und „Nachtgestalten“. Gute Filme. Claus Falkenberg und David Wnendt schrieben das Drehbuch. David Wnendt übernahm auch die Regie und, wie schon in seinem überschätzten Debüt „Kriegerin“, steht wieder eine Frau im Mittelpunkt. Vom Buch wurde das grobe Handlungsgerüst übernommen, etliche Szenen wurden stark erweitert oder innerhalb der Geschichte verschoben und es gibt auch viele neue Szenen. Weil in Roches Roman die Erzählerin, die 18-jährige Helen, nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus liegt und sich wild durch ihr Leben fantasiert und ihre banalen Ansichten über Gott, die Welt, ihre Hämorrhoiden und ihre Muschi assoziativ ausbreitet, ist das nicht schlimm und das Buch und der Film haben ihre Stärken und Schwächen.

Wobei die Schwächen beide Male eindeutig überwiegen. So ist „Feuchtgebiete“ bestenfalls funktional in einem lockeren Plauderton irgendwo zwischen naseweis und nervig geschrieben. Erotisch oder lustvoll ist da nichts. Skandalös auch nicht. Tabubrechend – naja. Und warum dieses langweilige Buch – außer der Banalbegründung „Sex sells“ – ein Bestseller wurde, ist mir schleierhaft.

Aber immerhin ist eine Story – Scheidungskind Helen möchte, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen und versucht das mit einem möglichst langen Krankenhausaufenthalt zu erreichen – erkennbar und wenn sie dann am Ende, ziemlich überraschend, mit ihrem Krankenpfleger Robin zusammen zieht, kann sogar ein Entwicklungsroman erkannt werden. Immerhin emanzipierte Helen sich im Krankenhaus, als sie über ihr bisheriges Leben nachdachte, von ihren Eltern. Aber das ist vielleicht auch eine Überinterpretation und Helen will einfach nur etwas Sex haben.

Im Film wird dagegen explizit mit dem Skandal gespielt. David Wnendt geht dabei – der Film ist freigegeben ab 16 Jahre – immer an die Grenzen des auch noch für Jugendliche zeigbaren und er bleibt immer geschmackvoll. Und David Wnendt hat viele Szenen dazu erfunden oder erweitert, die im Buch nur einige Zeilen lang sind. Wir erfahren, unter anderem, mehr über ihre Eltern, die beide vollkommen unfähig sind, Kinder zu erziehen, es gibt einen langen Drogentrip von Helen und ihrer Freundin Corinna, nachdem ihr Dealer eine Dose mit Drogen bei ihnen vergisst, es gibt die längere Version von Helens vulgärer Pizzageschichte und, ganz am Anfang als „Trainspotting“-Hommage, einen Besuch von Helen auf Berlins schmutzigster Toilette.

Aber die Episoden bleiben eine Ansammlung von Szenen, bei denen meistens unklar ist, ob sie wahr oder erfunden oder von Helen in ihrer Fantasie überspitzt wurden. Das schon in der Vorlage rudimentäre Handlungsgerüst wurde noch weiter entkernt. Die Versuche, ihre Eltern zusammenzuführen sind kaum vorhanden und dass sie das unbedingt will, wird im Film nicht erkennbar. Sowieso: warum wollen Scheidungskinder unbedingt, dass ihre Eltern wieder zusammen sind und, obwohl sie sich nicht mehr lieben, auf heile Familie machen? Die Liebesgeschichte zwischen Helen und ihrem Pfleger ist höchstens als Schwärmerei eines Teenagers erahnbar, aber meistens geht es einfach um Helen, die ihren Spaß haben will und daher auch Robin ab und zu etwas neckt. Er scheint sowieso der einzige Pfleger auf dieser ziemlich menschenleeren Station zu sein. So kommt dann das gemeinsame Ende mit ihm vollkommen überraschend. Aber vielleicht fährt er sie, als er sie allein vor dem Krankenhaus im Regen stehen sieht, nur zur nächsten U-Bahn-Station.

Sogar die große Enthüllung am Ende des Films (sie hat als Achtjährige gesehen, wie ihre Mutter sich und ihren jüngeren Bruder vergasen wollte), die in einem konventionell erzähltem Film dazu dienen würde, ihre ach so verkorkste Psyche zu erklären und sie geläutert in eine bessere Zukunft entlassen würde, bleibt folgenlos. Im Buch wird dieses große Familiengeheimnis bereits auf Seite 61 (also am Anfang des zweiten Romanviertels) nebenbei enthüllt.

Zusammengehalten werden diese Episoden von der Erzählerin Helen, die fast während des gesamten Films erzählt, was wir gerade sehen oder auch nicht sehen können, weil sie gerade über – Na, Sie wissen schon – sinniert.

Aber die Szenen und das Voice-Over fügen sich nicht zu einem kohärentem Ganzen zusammen. Im Gegenteil. Sie widersprechen sich ständig gegenseitig. So sollen wir, zum Beispiel, glauben, dass Helen freiwillig bei ihrer Mutter bleibt, die sie sadistisch quält (so lässt sie sie auf den Betonboden fallen oder schneidet ihr im Schlaf die Wimpern ab), von einem Guru zum nächsten läuft und anscheinend als hygieneversessene Hausfrau und zweifache Mutter ziemlich sorgenfrei lebt. Helens Vater, der einerseits ein durchaus liebevoller, vermögender Vater mit unklarem Beruf, aber viel Freizeit und wechselnden Freundinnen ist, ist andererseits grotesk geistesabwesend. So schlägt er die Kofferraumtür seines Autos zu, klemmt dabei Helens Hand ein und reagiert überhaupt nicht auf ihre Schreie. Oder er cremt sie am Strand so nachlässig ein, dass sie danach den Sonnenbrand ihres Lebens hat. Sandburgbauen ist halt wichtiger. Billige Lacher ebenso.

Karikaturen sind diese Eltern, wie eigentlich alle Charaktere in „Feuchtgebiete“, sowieso, wobei man sich darüber unterhalten kann, ob sie Karikaturen aus Helens Sicht oder der Filmemacher sind und so kommen wir zu einem großen Problem des Films, der die Vorlage nicht blind-bieder bebildert: er hat keine erkennbare Haltung zur Geschichte. Er ordnet sein Material beliebig an und weil die einzelnen Erlebnisse und Fantasien von Helen folgenlos bleiben, könnten sie auch in irgendeiner anderen Reihenfolge als assoziativer Bilderbogen erzählt werden.

Das ist dann für einen zweistündigen Film, trotz großartiger Schauspieler und guter Inszenierung, zu wenig.

Feuchtgebiete - Plakat 4

Feuchtgebiete (Deutschland 2013)

Regie: David Wnendt

Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wnendt

LV: Charlotte Roche: Feuchtgebiete, 2008

mit Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse, Peri Baumeister, Edgar Selge, Harry Baer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (in der schönen Filmausgabe mit 27 Bildern und einem 22-seitigen Interview mit Charlotte Roche, David Wnendt und Peter Rommel)

Roche - Feuchtgebiete

Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Dumont, 2013

240 Seiten

12 Euro

Erstausgabe

Dumont, 2008

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Feuchtgebiete“

Moviepilot über „Feuchtgebiete“

Wikipedia über „Feuchtgebiete“ (Roman, Film)

Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (D 2011)

Perlentaucher über „Feuchtgebiete“

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