Neu im Kino/Filmkritik: Deutsche Genreversuche: Unhöfliche Erpresserwarnung: „Steig. Nicht. Aus!“

April 12, 2018

Als Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) an seinem 15. Hochzeitstag – um die Ehe steht es nicht zum Besten – ihre beiden Kinder zur Schule fährt, erhält er einen Anruf. Der unbekannte Anrufer behauptet, er habe eine Bombe im Auto deponiert. Er fordert von Brendt etwas über eine halbe Million Euro. Der größte Teil soll von Brendts Firmenkonto und ein kleiner Teil von seinem Privatkonto kommen. Wenn Brendt um Hilfe ruft oder das Auto verlässt oder die Kinder das Auto verlassen lässt, wird die Bombe explodieren. Brendt hat keine Ahnung, ob der Anrufer die Wahrheit sagt oder sich einen Scherz erlaubt. Verzweifelt versucht er das Geld zusammen zu bekommen. Er muss seine Mitgesellschafter in der Baufirma und seine Frau überzeugen, das Geld auf ein Offshore-Konto zu überweisen.

Gleichzeitig überlegt er, wie er aus dieser Situation wieder herauskommen kann. Dass der Anrufer nicht scherzt, begreift Brendt, als er beobachtet, wie die in dem Autos seines Geschäftspartners Omar Cicek eingebaute Bombe explodiert. Ciceks Frau, die auf dem Beifahrersitz saß, glaubte dem Erpresser nicht und löste beim Aussteigen die Bombe aus. Brendts Sohn wird bei der Explosion durch einen lebensgefährlich Splitter verletzt. Trotzdem will der Erpresser ihn, jedenfalls zunächst, nicht zu einem Krankenhaus fahren lasse.

Nach einer Verfolgungsjagd durch die Polizei, endet Brendts Fahrt durch Berlin auf dem Gendarmenmarkt. Die Polizei sperrt den Platz ab und versucht mit Brendt zu verhandeln. Kommissar Fritz Drache (Aleksandar Jovanovic) hält ihn für gefährlich und will ihn dazu zu bewegen, seine Kinder gehen zu lassen und aufzugeben. Notfalls mit Waffengewalt.

LKA-Sprengstoffexpertin Pia Zach (Hannah Herzsprung) zweifelt allerdings schnell an der Version des durchgeknallten Ehemannes, der seine Kinder entführte.

Christian Alvart dürfte nicht beleidigt sein, wenn man ihn Genre-Regisseur nennt. Zuletzt drehte er die actionlastigen Tschiller-“Tatorte“. Davor inszenierte er für das Kino Thriller wie „Antikörper“, „Pandorum“ und „Banklady“. Auch sein neuester Film „Steig. Nicht. Aus!“ ist ein Thriller, der den Vergleich mit ausländischen Genrefilmen nicht scheuen muss. Er ist ein Remake des spanischen Thrillers „Anrufer unbekannt“ (El Desconocido, 2015), den ich nicht kenne. Aber Alvarts Remake ist ein spannender Thriller, der nie die Sehnsucht weckt, unbedingt das Original sehen zu wollen. Und das kann nicht über jedes Remake gesagt werden.

Vor allem die erste Hälfte, in der Brendt verzweifelt versucht, die Forderung des Erpresser zu erfüllen, indem er seine Geschäftspartner und seine Frau versucht zu überzeugen, das Geld möglichst schnell auf ein Offshore-Konto zu überweisen und, gleichzeitig, nach einem Ausweg aus seiner misslichen Situation sucht, ist richtig gelungen.

In der zweiten Hälfte, wenn Brendt auf dem Gendarmenmarkt von der Polizei umzingelt wird und sie den vermeintlichen Entführer mit all dem, was die Polizei an Material im Lager hat, zur Aufgabe bewegen will, erlebt man erstaunlich unprofessionelle Verhandlungen. Aber auch in diesen Minuten bleibt es dank des hohen Erzähltempos und der überraschenden Wendungen und der Konflikte innerhalb der Polizei spannend.

Erst am Ende verschenkt der Thriller viel von seinem Potential. Das Motiv des bis dahin unbekannten Täters erscheint willkürlich aus der aktuellen Tageszeitung gegriffen. Der Plan des Täters ist in Moment nicht mehr der perfekte Plan, als der er bis dahin erschien. Stattdessen ist ein auf absurden Annahmen und Zufällen aufgebautes Luftschloss.

In dem Moment wünschte ich mir einen Bösewicht wie Howard Payne, den von Dennis Hopper in „Speed“ gespielten Bösewicht zurück. Der wollte einfach nur Geld erpressen, das er als sein Geld ansah. Durch die Planung und Ausführung seines verbrecherischen Plans hatte er ja schwer dafür gearbeitet. Und, seien wir ehrlich, für einen Thriller, der während einer kurzen Zeitspanne spielt und in dem es letztendlich nur auf die Konfrontation von Held und Bösewicht ankommt, ist das für den Bösewicht ein vollkommen ausreichendes Motiv. Das von Alvart angebotene und erst am Ende enthüllte Motiv des Bösewichts greift dann, zu seinem Nachteil, eine aktuelle großstädtische Diskussion auf und man beginnt sich Gedanken über Ziel, Zweck und Ausführung des Plans zu machen.

Dabei ist „Steig. Nicht. Aus!“ vor allem ein spannender Thriller über einen ganz gewöhnlichen Mann, der auf einer Bombe sitzt und versucht, seine Kinder zu retten, während sein wohlgeordnetes bürgerliches Leben langsam zerfällt. Sogar die Polizei hält ihn auf dem Gendarmenmarkt für einen Wahnsinnigen, den sie bei der ersten falschen Bewegung gerne erschießen würde.

Steig. Nicht. Aus! (Deutschland 2018)

Regie: Christian Alvart

Drehbuch: Christian Alvart (nach dem Drehbuch von Alberto Marini)

mit Wotan Wilke Möhring, Hannah Herzsprung, Christiane Paul, Aleksandar Jovanovic, Emily Kusche, Carlo Thoma, Marc Hosemann, Fahri Yardim, Mavie Hörbiger

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Steig. Nicht. Aus!“

Moviepilot über „Steig. Nicht. Aus!“

Wikipedia über „Steig. Nicht. Aus!“

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Banklady“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Halbe Brüder“ (Deutschland 2015)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Lommbock“ ist „Lammbock II“

März 23, 2017

2001 war Christian Züberts Debütfilm „Lammbock“ mit über 900.000 Zuschauern ein Überraschungserfolg. Moritz Bleibtreu und Lucas Gregorowicz kifften sich durch den Tag, redeten, redeten und verkauften etwas Gras. Als Tarnung hatten sie einem Pizza-Lieferservice, den es so nur in Filmen gibt.

Jetzt kehrt Zübert mit „Lommbock“ in diese Welt zurück. Die Jungs und Mädels aus dem ersten Film sind wieder dabei. Die Pizza mit Drogen-Spezialbelag ebenso. Auch wenn Kai (Moritz Bleibtreu) aus dem damaligen Pizza-Lieferservice „Lammbock“ den Asia-Lieferservice „Lommbock“ machte, indem er das Schild austauschte. Er hat eine feste Freundin und versucht ihren pubertierenden Sohn zu erziehen.

Stefan (Lucas Gregorowicz) steht in Dubai kurz vor seiner Hochzeit mit der Tochter eines schwerreichen Scheichs und der Eröffnung einer von der Familie der Braut finanzierten urigen Karibik-Strandbar; – auf dem Dach eines Hochhauses und in Übereinstimmung mit den dortigen Gepflogenheiten und Gesetzen. Vor der Hochzeit muss er, nach fünfzehn Jahren, schnell zurück in die alte Heimat, um sich dort auf dem Amt seine amtlich beglaubigte Geburtsurkunde ausstellen zu lassen.

Nach der Ankunft in Würzburg geht dann alles schief und „Lommbock“ wird endgültig zu einer Wiederholung von „Lammbock“ mit kleinsten Variationen, die „Lommbock“ zu einem etwas besseren Film machen. Denn jetzt hängen die Charaktere nicht mehr vollkommen im luftleeren Raum. Sie haben wenigstens einen Hauch von Biographie und sozialer Erdung. Sie haben sich in den vergangenen Jahren auch etwas verändert. Die einzelnen Szenen und Witze sind etwas pointierter; wobei Moritz Bleibtreus endlose pseudotiefsinnigen, absurd-abstrusen Weltbetrachtungen immer noch grandios sind. Im Rahmen des Kifferhumors, der mal wieder Programm ist und der immer noch deutlich von Kevin Smiths „Clerks“ und seinen entsprechenden Folgefilmen inspiriert ist.

Auf eine tragfähige Geschichte wurde, wie schon bei „Lammbock“, zugunsten einer vor sich hinplätschernden Nummernrevue verzichtet. Auch der Humor bewegt sich durchgehend auf dem unwitzigen, peinlich bemühten „Lammbock“-Niveau. Nur dass es dieses Mal auch um Salafisten, YouPorn, Kindererziehung und drogenfreie Urinproben geht.

Insofern funktioniert „Lommbock“ vor allem als rundherum ambitionsloser Fan-Service.

Lommbock (Deutschland 2017

Regie: Christian Zübert

Drehbuch: Christian Zübert

mit Lucas Gregorowicz, Moritz Bleibtreu, Louis Hofmann, Mavie Hörbiger, Alexandra Neldel, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot Jr., Melanie Winiger, Dar Salim

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Lommbock“

Moviepilot über „Lommbock“

Wikipedia über „Lommbock“

Meine Besprechung von Christian Züberts „Ein Atem“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Halbe Brüder“ machen keinen ganzen Film

April 10, 2015

Es hätte so gut werden können. Immerhin ist Christian Alvart seit „Antikörper“ bekannt für gut inszenierte Genreware, die ihm auch die Hollywood-Produktionen „Fall 39“ und „Pandorum“ ermöglichten. Er inszenierte die Till-Schweiger-“Tatorte“ und sein vorheriger Kinofilm „Banklady“, eine auf Tatsachen basierende in Norddeutschland in den Sechzigern spielende Bonnie-und-Clyde-Variante, ist ein insgesamt überzeugender Gangsterthriller.
Da hätte aus der Idee, dass drei ethnisch unterschiedliche Männer beim Notar erfahren, dass sie Halbbrüder sind und die sich kurz darauf gemeinsam auf die Suche nach der Erbschaft machen, etwas werden können. Aber „Halbe Brüder“ ist eine ziemliche Enttäuschung. Nicht nur, weil der Film als Update der Sechziger-Jahre-Schlagerkomödien eine banale Klamauk-Komödie mit HipHop-Beigabe ist, sondern weil im Film immer wieder die verschenkten Themen und Möglichkeiten gestreift werden. „Halbe Brüder“ hätte das Road-Movie über die Bundesrepublik und ihre Befindlichkeiten in den letzten vierzig Jahren, über gewandelte Familienbilder, verlorene und gewonnene Utopien werden können. Es hätte zeigen können, wie die Ideen der 68er Deutschland veränderten. Aber immer wenn Alvart, der es besser kann, und Drehbuchautor Doron Wisotzky („What a Man“, „Schlussmacher“) etwas Tiefe wittern, überlassen sie den drei blödelnden Hauptdarstellern Sido, Teddy und Fahri Yardim das Feld.
Die drei titelgebenden halben Brüder sind Julian (Paul ‚Sido‘ Würdig), ein verheirateter Vertreter mit Spielschulden bei einem Gangster, Yasin (Fahri Yardim), ein unterwürfiger türkischstämmiger Unternehmersohn, und Addi (Tedros ‚Teddy‘ Teclabrhan), ein schwarzafrikanischer Möchtegernrapper auf Hartz-IV-Niveau mit schwangerer Freundin. Die Waisenkinder treffen sich erstmals in ihrer Heimatstadt Berlin bei einem Notar, der ihnen eröffnet, dass sie von ihrer Mutter, einer sexuellen Abenteuern nicht abgeneigten Nonne, ein Vermögen geerbt haben. Als Hinweis auf das Versteck des Schatzes gibt es nur eine Postkarte aus den Sechzigern, auf der ein Leuchtturm abgebildet ist.
Die drei Jungs, die aus unterschiedlichen Gründen unbedingt das Geld brauchen (vor allem Julian und Addi) und die ihre Brüder kennen lernen wollen (vor allem Yasin), machen sich gemeinsam auf den Weg von Berlin nach Frankfurt/Main, Köln und Fehmarn. Diese Suche nach dem Geld, bei der sich die drei Jungs kennen und lieben lernen, ist auch, aufgehängt an den Begegnungen mit ihren „Vätern“ und Liebhabern ihrer Mutter, eine Reise in die bundesdeutsche Vergangenheit, die bei dem Love-and-Peace-Festival, das im September 1970 auf Fehmarn stattfand, endet. Jimi Hendrix trat dort auf und er hat dann auch eine wichtige Rolle in der Filmgeschichte.
Diese Geschichte hätte locker die Grundlage für einen Film über die Veränderungen in Deutschland in den vergangenen 45 Jahren werden können. Es hätte ein Bogen gespannt werden können vom Muff der Nachkriegszeit, den Utopien der 68er und den damaligen Szenen (die ja auch durch die unterschiedlichen Väter von Julian, Yasin und Addi damals und heute symbolisiert werden) bis zur Gegenwart. Es hätte über Selbst- und Fremdbilder damals und heute, die Befreiung der Frau von konservativen Konventionen, echten und falschen Vätern, unterschiedlichen Familienmodellen, den Unsicherheiten von Vierzigjährigen über ihre Stellung in der Gesellschaft, ihren verschiedenen Lebensentwürfen und dem Zusammenleben verschiedener Ethnien erzählt werden können.
Ähem, also für mich waren die drei Brüder im Film so ungefähr Vierzig. Damit wären sie alle in den Siebzigern geboren worden, als ihre Mutter noch in ihrer wilden Hippie-Phase war. Nach dem Presseheft sind sie deutlich jünger: Julian ist 33 Jahre, Yasin 31 Jahre und Addi 26 Jahre. Aber das erscheint mir für die Filmgeschichte nicht ganz stimmig zu sein.
Jedenfalls entschlossen die Macher sich für den leichten Weg, indem sie sich an den aktuellen Hollywood-Komödien orientieren, in denen Vierzigjährige nicht erwachsen werden wollen, sich durchgehend kindisch benehmen, den Genuß von Alkohol für wahnsinnig witzig halten (den Gag lassen die „Halbe Brüder“-Macher links liegen), Geblödel mit sorgfältig ausformulierten und getimten Witzen verwechseln, und das ganze mit einer HipHop-Sauce überziehen, weil der eine Rapper sein möchte und der andere als Gangster-Rapper bekannt wurde.
Die Story ist eine episodische Ansammlung von Klischees, die alle aus einer Parallelwelt kommen, die aus US-amerikanischen Ghetto-Klischees, Gangsterfilmklischees und Freie-Liebe-Anekdoten besteht. Detlev Buck hat einen Auftritt, in dem versucht wird, das Love-and-Peace-Festival mit der Gegenwart zu verbinden. Und wenn man an sein Road-Movie „Wir können auch anders“ denkt, wird die Fallhöhe zwischen einem gelungenem und einem misslungenem Road-Movie schmerzhaft deutlich.
Diese Diskrepanz zwischen dem was möglich gewesen wäre und dem was gemacht wurde, zieht sich durch die gesamte Klamotte, dessen Gags zwischen platt, peinlich und nervig schwanken.
Und dann ist auch noch CSU-Ehrenmitglied Robert Blanco als Vater von dem Rapper Addi dabei. Blanco, der für die Schlagerkultur steht, gegen die früher die Jugendlichen auf die Straße gingen und der in jeder Beziehung das Gegenteil von Jimi Hendrix ist. Aber in „Halbe Brüder“ sollen wir glauben, dass eine heiße Hippie-Braut, die nichts anbrennen läßt, mit einem Schlagerfuzzi ins Bett geht.
Diese Vatergeschchte illustriert überdeutlich die den gesamten Film durchziehende Scheißegal-Haltung zu kulturellen Codes, die jede Gruppe nach innen festigt, und zur Sitten- und Kulturgeschichte. Stattdessen wird einfach genommen, was gerade gefällt.
Von Christian Alvart hätte ich, nach seinem stilbewussten Sechziger-Jahre-Sittengemälde „Banklady“, einen besserer Film erwartet. In „Halbe Brüder“ verkauft er sich weit unter seinem Niveau.

Halbe Brüder - Plakat

Halbe Brüder (Deutschland 2015)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Doron Wisotzky, Michael Ostrowski (Mitarbeit)
mit Paul ‚Sido‘ Würdig, Fahri Yardim, Tedros ‚Teddy‘ Teclebrhan, Mavie Hörbiger, Violetta Schurawlow, Detlev Buck, Erdal Yildiz, Robert Blanco, Charly Hübner, Samuel Finzi, Ralf Richter
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Halbe Brüder“
Film-Zeit über „Halbe Brüder“
Moviepilot über „Halbe Brüder“
Meine Besprechung von Christian Alvarts „Banklady“ (Deutschland 2013)


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