Die „Morduntersuchungskommission“ erhält den Crime Cologne Award 2020

September 7, 2020

Der „Crime Cologne Award 2020“ ging an „Morduntersuchungskommission – Der Fall Teo Macamo“ von Max Annas.

Die Jury begründet ihre Wahl so: „Krimis waren in der DDR sehr beliebt und obwohl sie bei den Offiziellen ein ungeliebtes Genre waren, ließ man ihre Veröffentlichung zu. Verbrechen wurden dem Kapitalismus zugeschrieben und kamen im Sozialismus nicht.

Da in den offiziellen Statistiken der DDR kaum Morde verzeichnet wurden, sollten auch die Autoren möglichst auf Morde in den Romanen verzichten, bzw. den Schauplatz notfalls in den Westen verlegen.

Max Annas ‚Morduntersuchungskommission – Der Fall Teo Macamo‘ schließt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung eine Lücke, indem er seinen Roman im letzten Jahrzehnt der DDR ansiedelt. Durch seinen fast protokollarischen Stil unterstreicht er in einer fast objektiv wirkenden Art und Weise, wie die Lebensverhältnisse in der DDR waren und wie die Menschen sich dort auf diese Lebensverhältnisse einstellten. Gewalt gegen Andere scheint hier beinahe die logische Konsequenz.

Mit dem Ermittler Otto Castorp hat er eine Figur geschaffen, deren Welt langsam in sich zusammenfällt, deren baldiges Ende aber noch nicht spürbar ist. Immer wieder muss sich der Leser innerhalb der Geschichte selbst positionieren. Wie hätte man sich selber in dem System verhalten?

Annas bedient sich bei dem historischen und bis heute nicht geklärten Mord an dem Mozambikaner Manuel Diogo, dem der Roman auch gewidmet ist. Er verdeutlicht, dass rassische Verbrechen in der DDR kein Einzelfall waren, aber eben auch kein DDR-Phänomen sind. Vielmehr stellt sich beim Lesen die Frage, wie wir heute mit „Anderen“ umgehen. Damit verleiht Max Annas dem Roman und der Thematik eine enorme Aktualität.“


Hammett vernimmt in einer öffentlichen Anhörung Max Annas zu seinem Verbrechen „Finsterwalde“

August 20, 2018

Mit zwei in Südafrika spielenden Romanen wurde Max Annas unter Krimifans zu einem Namen, den man sich merken muss. Sein dritter Roman spielte dann in Berlin und sein vor einigen Tagen erschienener vierter Roman spielt in Berlin und Brandenburg. In einer nahen Zukunft, in der Afrodeutsche in Lager eingesperrt sind. Es ist ein Deutschland, das der feuchte Traum der AfD ist. In dem geräumten Dorf Finsterwalde sind Tausende Afrodeutsche kaserniert. Eine von ihnen, die zweifache Mutter Marie, bricht aus dem streng bewachten Dorf aus und geht nach Berlin. Dort sollen noch drei schwarze Kinder leben und ohne ihre Hilfe sterben sie.

In seinem vorherigen Roman „Illegal“, der ungefähr jetzt als Taschenbuch erscheint, steht der seit Jahren illegal in Berlin lebende Kodjo im Mittelpunkt. Eines Tages beobachtet er einen Mord. Er versteckt sich, aber die Mörder haben ihn gesehen und verfolgen ihn. Und die Polizei sucht einen jungen schwarzen Mann, den sie für den Mörder hält.

Das ist Hardboiled-Literatur, die nichts mit den heimeligen deutschen Regiokrimis zu tun hat.

Am Donnerstag, den 23. August, stellt er auf Einladung der Krimibuchhandlung Hammett, um 20.00 Uhr im DTK-Wasserturm (Kopischstraße 7, 10965 Berlin) seinen neuen Thriller „Finsterwalde“ vor.

Karten können bei Hammett reserviert werden.

Max Annas: Finsterwalde

Rowohlt, 2018

400 Seiten

22 Euro

Max Annas: Illegal

Rowohlt, 2017

240 Seiten

19,95 Euro (Hardcover)

10 Euro (Taschenbuch, erscheint am 21. August)

Hinweise

Rowohlt über Max Annas

Krimi-Couch über Max Annas

Perlentaucher über Max Annas

Wikipedia über Max Annas

Meine Besprechung von Max Annas „Die Farm“ (2014)

Meine Besprechung von Max Annas‘ „Die Mauer“ (2016)

 


Kurzkritik: Max Annas: Die Mauer

August 31, 2016

Annas - Die Mauer

Mit 224 Seiten ist auch der zweite Thriller von Max Annas sympathisch kurz geraten. Wie schon seit Debüt „Die Farm“ spielt auch „Die Mauer“ in Südafrika.

An einem heißen Nachmittag verreckt das Auto des jungen Schwarzen Moses in der Nähe der Gated Community „The Pines“. Dort war der Student einmal bei einem Studienkollegen und jetzt hofft er, dass dieser ihm hilft. Allerdings findet Moses, weil alle Häuser gleich aussehen, das Haus nicht. Stattdessen wird er vom Sicherheitsdienst entdeckt. Moses, der keine Lust auf eine Tracht Prügel hat (wenn er Glück hat), flüchtet.

Zur gleichen Zeit brechen, ebenfalls in „The Pines“, Nozipho und Thembi in ein leeres Haus ein. Das schwarze Einbrecherpärchen entdeckt in einer Schublade einen Haufen Geld und in der Tiefkühltruhe die noch warme Leiche der Hausherrin. Gerne würden sie mit ihrer Beute möglichst schnell die Gated Community verlassen. Dummerweise stehen inzwischen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes vor dem Haus. Von dort koordinieren sie ihre Suche nach dem flüchtigen Moses.

Und dann kommen die Mörder der Hausherrin zurück.

Mit seinen vielen Szenenwechseln – das Buch hat 115 Kapitel – , der kargen Sprache und der kaum vorhandenen Psychologisierung der Charaktere (wir wissen eigentlich nur, was sie gerade tun) liest sich „Die Mauer“ wie ein „Roman zum Film“, bei dem der Autor ein Drehbuch mit wenigen ausschmückenden Sätzen zu einem Roman umformulierte. Das hat unbestritten Pageturner-Qualitäten. Denn die an einem Ort spielende Geschichte entwickelt sich, je nach Lesegeschwindigkeit, in Echtzeit.

Allerdings simulieren die vielen Szenenwechsel eine Dynamik, die in der Geschichte, wenn Moses über die nächste Mauer springt und wieder entdeckt wird, wenn Nozipho und Thembi sich im Schrank verstecken, nicht wirklich vorhanden ist. Insofern ist es auch etwas rätselhaft, warum „Die Mauer“ zweimal hintereinander auf dem ersten Platz der KrimiZeit-Bestenliste stand und in der mir im Moment noch unbekannten September-Liste wieder auf einem der vorderen Plätze stehen wird.

Max Annas gehört zu den wenigen deutschen Autoren, die längere Auslandserfahrung haben und diese literarisch verarbeiten. Der gebürtige Kölner lebt inzwischen in Berlin. Davor lebte er länger in Südafrika und er arbeitet immer noch an einem Forschungsprojekt der University of Fort Hare über die südafrikanische Jazzmusik. Da lernt man, auch wenn es in „Die Farm“ und „Die Mauer“ keine Anspielungen auf den Cape Jazz gibt, Land und Leute kennen.

Max Annas: Die Mauer

rororo, 2016

224 Seiten

12 Euro

Hinweise

Rowohlt über Max Annas

Krimi-Couch über Max Annas

Perlentaucher über Max Annas

Wikipedia über Max Annas

Meine Besprechung von Max Annas „Die Farm“ (2014)

Lesung

Max Annas liest am Freitag, den 9. September, um 20.00 Uhr, im Cafe Brel (Savignyplatz 1, Berlin) aus seinem Roman „Die Mauer“.

Die Lesung findet im Rahmen der „Crime Time“-Veranstaltungsreihe statt.


Das „Mountain Home“ und „Die Farm“ sind unter Beschuss

Dezember 27, 2014

MacLeod - Mountain HomeAnnas - Die Farm

Zwei Debüts, zwei kurze Thriller und zweimal die gleiche Prämisse: in einem Haus kämpfen mehrere Menschen gegen einen Schützen, der sie umbringen will. Einmal ist es ein Restaurant in den Bergen von Idaho, einmal eine Farm in Südafrika. Und beide Male verschwendet der Autor nicht viel Zeit mit Vorgeplänkel.
Abgesehen davon sind die beiden Romane sehr unterschiedlich geraten. Bracken MacLeods Geschichte „Mountain Home“ spielt in einem einsam gelegenem Diner in den Wäldern von Idaho, das vor allem damit wirbt, dass man im „Mountain Home Kitchen“ sein Essen ungestört von Handy-Telefonaten führen kann, weil es hier keinen Empfang gibt. Das Restaurant liegt an einem Abhang und versperrt Joanie Myer, einer Ex-Soldatin (12 Jahre United States Air Force, mit Kampfeinsätzen) und Scharfschützin, die Sicht auf die wunderschönen, unberührten Berge und Wälder. In dem Diner, gegen das sie erfolglos klagte, wird sie von dem aasigen Chef nicht bedient. Immerhin hat sie ein Hausverbot. Nur Lyn Lowry, eine junge Bedienung, die eigentlich Zeichnerin werden will, bedient sie. Joanie findet Lyn daher auch ganz sympathisch und eigentlich hoffte sie, dass Lyn bereits auf dem Heimweg ist, wenn sie ihren Racheplan in die Tat umsetzt und alle Menschen, die im „Mountain Home Kitchen“ sind, umbringt. Mit ihren ersten Schüssen tötet sie zwei geizige Gäste. Danach beginnen die Menschen im Diner um ihr Überleben zu kämpfen und Lyn wird ihre mal mehr, mal weniger akzeptierte Anführerin.
Schnell wissen die Eingeschlossenen, dass Joanie sie alle töten will. Sie will eine Botschaft senden. Erst später entdecken sie eine Bombe am neben dem Restaurant stehendem Gastank. Außerdem gibt es, um das Gebäude herum, Sprengfallen, die eine Flucht aus dem Haus in den Wald verhindern sollen.
„Mountain Home“ ist ein echter Pageturner, bei dem die Charaktere zwar sparsam, aber mehr als ausreichend charakterisiert sind, es einige überraschende Wendungen gibt und auch die Kriegseinsätze des US-Militärs und die Zusammenarbeit mit privaten Sicherheitsfirmen werden angesprochen. Das etwas über zweihundersteige Buch ist ein beeindruckendes Debüt, das neugierig auf die nächsten Bücher von Bracken MacLeod macht und sich vorzüglich für eine Verfilmung eignet.
„Die Farm“ von Max Annas liest sich schon wie ein Drehbuch, das mit dem ersten Schuss beginnt. Unbekannte schießen auf Franz Muller und Kobus Prins. Prins wird erschossen. Muller und alle anderen, die sich in dem Moment vor dem Farmhaus aufhalten, flüchten vor den Kugeln in das einsam gelegene Haus und beginnen sich zu wehren. Denn Waffen haben sie mehr als genug im Haus. Schnell gibt es auf beiden Seiten Leichen, die uns alle egal sind, weil wir oft nur ihren Namen kennen.
Denn die dürre Drehbuchprosa verrät uns nichts über die einzelnen Charaktere. Auch der Ort wird nicht näher beschrieben und die vielen Szenenwechsel werden normalerweise ohne Orts- und Namensnennungen (was es beides in einem Drehbuch gibt) eingeleitet. Diese knappe Sprache erschwert oft die Orientierung in der vorhersehbaren Geschichte und sie verhindert jede Identifikation mit den Charakteren.
Auch die Geschichte läuft, im Gegensatz zu „Mountain Home“, ohne Überraschungen ab. Die Schützen sind eine Bande von Verbrechern, die an die von ihnen im Haus vermuteten Wertsachen wollen. Die Eingeschlossenen wehren sich. Irgendwann kommen Nachbarn und auch die Polizei. Dazwischen gibt es einige Anmerkungen zur Situation in Südafrika, die ungefähr so tiefgründig wie eine Kurzmeldung in einer Zeitung sind.
Insgesamt verfolgt man die Geschichte, emotional desinteressiert, wie einen telegraphierten Kriegsbericht, bei dem einem die Namen der Gefallen nichts sagen und daher auch herzlich egal sind.
Dennoch steht „Die Farm“ von Max Annas bereits auf der KrimiZeit-Bestenliste. „Mountain Home“ von Bracken MacLeod sollte dort demnächst gebührend erwähnt werden.

Bracken MacLeod: Mountain Home
(übersetzt von Christian Siege und Felix F. Frey)
Festa, 2014
224 Seiten
13,95 Euro

Originaltitel
Mountain Home
Books of the Dead, 2013

Max Annas: Die Farm
Diaphanes, 2014
192 Seiten
16,95 Euro

Hinweise

Homepage von Bracken MacLeod

Bracken MacLeod twittert

Books of the Dead Press: Interview mit Bracken MacLeod

The Alchemy Press: Brandneues Interview mit Bracken MacLeod

Perlentaucher über Max Annas


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