Neu im Kino/Filmkritik: Stockholm Syndrom ist „Berlin Syndrom“

Mai 26, 2017

Stockholm-Syndrom: „ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ (Wikipedia)

Berlin Syndrom“ könnte der Titel eines Films von Dario Argento sein. Dann wäre es ein herrlich durchgeknallter Horrorfilm der den Exzess zum Stilprinzip erhebt.

Es ist aber der Titel des neuen Films der Australierin Cate Shortland („Lore“), der in Berlin spielt und, wenig subtil, auf das Stockholm-Syndrom anspielt.

Die australische Rucksackreisende Clare Havel (Teresa Palmer) trifft in Berlin-Kreuzberg Andi Werner (Max Riemelt). Er ist ein charmanter, literarisch interessierter Englischlehrer, der ihr Berlin abseits der Touristenpfade zeigt. Weil man als Reisende an keinen festen Terminkalender gebunden ist, verbringt sie etwas Zeit mit ihm. Inclusive einer Nacht in seinem Bett. Das ist, immerhin ist „Berlin Syndrom“ ein Thriller, ein böser Fehler. Denn Andi sperrt sie in seiner hermetisch abgeschlossenen Hinterhofwohnung in einem leeren, renovierungsbedürftigen und daher menschenleeren Wohnblock ein.

In diesem Moment ist das Fundament für einen klassischen Konflikt zwischen Entführer und Gefangener gelegt, der natürlich unterschiedlich ausformuliert werden kann. Einerseits, wie in dem Kriegsfilm-Klassiker „Gesprengte Ketten“ oder der Stephen-King-Verfilmung „Misery“, indem die Gefangene von der ersten Minute alles versucht, um auszubrechen. Andererseits indem die Gefangene Sympathie für den Täter entwickelt und sich vielleicht sogar in ihn verliebt.

Shortland beschreitet keinen dieser Wege konsequent. Zwar benutzt Clare etwaige Fluchtmöglichkeiten, wenn sie ihr auf dem Silbertablett serviert werden. Aber das sieht immer nach einer halbherzigen Pflichterfüllung aus. Die üblichen Thrillermechanismen einer Ausbruchsgeschichte werden in diesen Momenten höchst halbherzig bis zum vorhersehbaren Ende, das seine eigenen Probleme hat, bedient.

Als Thriller ist „Berlin Syndrom“ daher eine ziemliche Enttäuschung.

Auf der anderen Seite entwickelt sich keine Beziehung zwischen Clare und Andi. Sie leben fast wie ein altes Ehepaar nebeneinander her. Sie macht mehr oder weniger den Haushalt. Er verdient als Lehrer das Geld und er erzählt auch seinen Arbeitskollegen von seiner neuen Freundin. Dass diese Beziehung nur eine begrenzte Haltbarkeit hat, wird schon früh in einem Gespräch zwischen Andi und seinem Vater (Matthias Habich) deutlich. Er fragt seinen Sohn, warum er immer Berlin-Besucherinnen als Freundin habe.

In diesen Momenten könnte „Berlin Syndrom“ ein Drama über eine eine verquere Beziehung, über die Dynamik zwischen Anziehung und Ablehnung, und über Abhängigkeiten werden. Aber dafür geschieht einfach zu wenig zwischen Clare und Andi und das, was geschieht, bleibt zu sehr an der Oberfläche.

Immerhin liefert Max Riemelt ein hübsches Psychopathenporträt (natürlich mit DDR-Trauma) und es gibt Berlin-Impressionen von dem schon oft abgefilmten Kreuzberg (was bei Berlinern natürlich immer bestimmte Gefühle auslöst), während der Film das Potential seiner Prämisse verschenkt.

Berlin Syndrom (Berlin Syndrome, Australien 2017)

Regie: Cate Shortland

Drehbuch: Shaun Grant, Cate Shortland (zusätzliches Material)

LV: Melanie Joosten: Berlin Syndrome, 2011

mit Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich, Emma Bading, Elmira Bahrami, Christoph Franken, Lucie Aron, Nassim Avat

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Berlin Syndrom“

Metacritic über „Berlin Syndrom“

Rotten Tomatoes über „Berlin Syndrom“

Wikipedia über „Berlin Syndrom“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Berlin Syndrom“

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TV-Tipp für den 12. April: Freistatt

April 12, 2017

ARD, 20.15

Freistatt (Deutschland 2014)

Regie: Marc Brummund

Drehbuch: Marc Brummund, Nicole Armbruster

Sommer 1968: der Stiefvater schiebt den 14-jährigen Wolfgang nach Freistatt ab, eine hochangesehene evangelische Erziehungsanstalt für Schwererziehbare. Dort erlebt er ein drakonisches Regiment.

Trotz seiner Mängel ein sehenswerter, auf Tatsachen basierender Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung..

Im Anschluss, um 21.45 Uhr (Nachtwiederholung um 01.35 Uhr), läuft die Doku „Endstation Freistatt – Das Erziehungslager im Moor“ von Sascha Schmidt.

mit Louis Hofmann, Alexander Held, Max Riemelt, Katharina Lorenz, Stephan Grossmann, Uwe Bohm

Wiederholung: Donnerstag, 13. April, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Freistatt“
Film-Zeit über „Freistatt“
Moviepilot über „Freistatt“
Wikipedia über „Freistatt“ und Freistatt

Meine Besprechung von Marc Brummunds „Freistatt“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Freistatt“ – vorbildliche Erziehung vor fünfundvierzig Jahren

Juni 26, 2015

„Freistatt“ hat ein wichtiges Thema: die Erziehung von Kindern und Jugendlichen in Heimen in den Nachkriegsjahren bis weit in die siebziger Jahre in Westdeutschland. Erst durch die von den 68er angestoßene Diskussion über Erziehungsmethoden und die Frage von Gewalt in der Erziehung wurden die Vorgänge in den Heimen, in die Waisen und schwer erziehbare Kinder geschickt wurden, zu einem in der Gesellschaft diskutierten Thema. Heime wurden aufgelöst. Die Erziehung reformiert.
Aber auch nach einem Runden Tisch Heimerziehung, der 2010 seinen Abschlussbericht vorlegte, und eine Entschädigung versprochen wurde, warten immer noch viele ehemalige Zöglinge auf diese Entschädigung und eine Anerkennung ihres Leids. Denn die Erziehung in den Heimen bestand darin, die Jugendlichen in ein System von Befehl und Gehorsam einzufügen. Sie zu gefügigen Untertanen zu machen. Eine der härtesten Einrichtungen war Freistatt, gelegen im Landkreis Diepholz in Niedersachsen, betrieben von der Diakonie Bethel, geführt als Wirtschaftsbetrieb mit den Zöglingen als kostenlosen Arbeitskräften, die Torf stechen mussten.
Das ist der heute wohl ziemlich unbekannte historische Hintergrund von Marc Brummunds Film „Freistatt“, in dem er die Geschichte von Wolfgang (Louis Hofmann) erzählt. 1968 wird der Vierzehnjährige von seinem Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) und seiner Mutter Ingrid (Katharina Lorenz) nach Freistatt geschickt. Dort sollen dem aufsässigem Bengel Manieren beigebracht werden.
Geleitet wird das Heim von Hausvater Brockmann (Alexander Held), der mit öliger Freundlichkeit und harter Hand die Zöglinge zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft machen will. Das geschieht nicht mit Schulunterricht, sondern mit harter Arbeit, Drohungen, Gewalt und Psychofolter.
Aus diesem Thema hätte man viel machen können. Aber Regisseur Marc Brummund und seine Co-Drehbuchautorin Nicole Armbruster haben nur die Faszination und das Erschrecken über die nur etwas über vierzig Jahre zurückliegende, uns heute vollkommen fremd erscheinende Erziehung und danach nichts mehr. Denn anstatt anhand der Geschichte von Wolfgang eine klare Position zu beziehen, liefern sie nur einen Reigen des Schreckens, den wir schon besser gesehen haben; in zahlreichen Gefängnisfilmen, aber auch in Erziehungs- und Schuldramen wie „Der junge Törless“ und „King of Devil’s island“, um zwei gelungenere Filme zu nennen, in denen das Unterdrückungssystem im Rahmen einer packenden Geschichte genau analysiert wird.
In „Freistatt“ präsentiert Brummund die auch aus anderen Filmen bekannten Szenen von Unterdrückung und Freiheitsdrang des Einzelnen, ohne dass sie hier jemals wirklich packen. Dafür ist Wolfgangs Freiheitsdrang und seine Revolte gegen das System zu diffus. Und die Szenen sind zu beliebig angeordnet. Es gibt fast nie eine direkte Verbindung von Ursache und Wirkung, von unbotmäßigem Verhalten und Strafe. Von einer folgerichtigen Eskalation der Strafen im Rahmen der Erziehung. So gibt es gerade am Anfang, wenn Wolfgang nach Freistatt kommt und die dortige, archaische Gesellschaft, die mehr mit einem Gefängnis, das mit Hilfe der Inhaftierten geführt wird, als mit einer Erziehungsanstalt zu tun hat, starke Szenen. Obwohl die einzelnen Charaktere blass und austauschbar bleiben. Später gibt es mehrere Szenen, die wohl als Metapher gedacht waren, aber im Rahmen eines realistischen Dramas abstrus wirken. Zum Beispiel wenn Wolfgang mit einem anderen Zögling in das Moor flüchtet und sie im Kreis laufen, ohne es zu bemerken.
Es gibt auch keine Verknüpfung von der damaligen Erziehung, der sich ändernden Gesellschaft, der Jugendrevolte (die sich in den Großstädten austobte, während das platte Land noch im Tiefschlaf lag) und der Gegenwart (in der wieder über geschlossene Heime für schwer erziehbare Jugendliche gesprochen wird).
„Freistatt“ ist auch ein Reigen, der trotz der genauen Datierung von Ort und Zeit seltsam aus der Zeit gefallen ist. Denn ohne den Hinweis, dass die Geschichte 1968 spielt, könnte sie auch Jahrzehnte früher spielen. Brummund sagt zwar, sie habe die Gleichzeitigkeit zwischen Studetenrevolte und der Fortschreibung eines institutionalisierten Missbrauchs in Heimen und Institutionen fasziniert, aber Faszination allein ergibt keinen guten Film. Sie muss in eine packende Geschichte übersetzt werden.
Das Ende des Films zeigt eindrücklich, dass Brummund nicht wusste, was er erzählen wollte. Ein Film sollte genau dann enden, wenn die Geschichte erzählt ist. Er sollte mit der Botschaft des Films enden. Keine Sekunde früher, aber auch keine Sekunde später. Brummund bietet drei Enden an, von denen nur das erste Ende überzeugt und zum Nachdenken anregt. Es zeigt Wolfgang am Ende seiner aus Sicht der Heimleitung erfolgreichen Erziehung: jetzt darf er am Tisch über die Neuankömmlinge bestimmen, wie einige Monate früher über ihn bestimmt wurde. Er ist ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft. Ein Untertan. Nach diesem Ende kommen dann noch zwei weitere Szenen, die ebenfalls die Geschichte von Wolfgang beenden, aber das vorherige Ende und auch die Filmgeschichte verraten; – wenn sie denn eine eindeutige Position gehabt hätten.
Und es ist keine gute Idee, einen Film komplett überbelichtet zu präsentieren.

Freistatt - Plakat - 4

Freistatt (Deutschland 2014)
Regie: Marc Brummund
Drehbuch: Marc Brummund, Nicole Armbruster
mit Louis Hofmann, Alexander Held, Max Riemelt, Katharina Lorenz, Stephan Grossmann, Uwe Bohm
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Freistatt“
Film-Zeit über „Freistatt“
Moviepilot über „Freistatt“
Wikipedia über „Freistatt“ und Freistatt


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