Neu im Kino/Filmkritik: Marvel schickt „Captain Marvel“ in die Neunziger

März 8, 2019

Beginnen wir mit einigen Fakten: Der neue Marvel-Film beginnt mit einer ausführlichen Würdigung an den jüngst verstorbenen Stan Lee. Er hat im Film auch seinen obligatorischen Kurzauftritt. Es gibt, wie gewohnt, während und nach dem Abspann jeweils eine kurze Szene. Und – Ist das jetzt schon ein Spoiler? – die Ankündigung, dass ‚Captain Marvel‘ Carol Danvers im nächsten Avengers-Film „Endgame“ zurückkehren wird.

Nach „Captain Marvel“ ahnt man dann auch ziemlich genau, was ihre Aufgabe in dem Film sein wird: das Chaos, das die Avengers-Jungs hinterlassen, aufzuräumen. Denn sie ist unglaublich stark. So vernichtet sie im Finale des Films allein mehr Gegner als Superman. Der musste allerdings auch immer wieder gegen seine Kryptonit-Schwäche kämpfen.

Bis dahin erzählt das Regieduo Anna Boden und Ryan Fleck, die bislang als Independent-Regisseure Perlen wie „Half Nelson“ und „Dirty Trip – Mississippi Grind“ drehten, wie Carol Danvers zu Captain Marvel wird. Die Geschichte spielt 1995 auf der Erde, ein, zwei anderen Planeten und im Weltraum. Und viel mehr kann kaum gesagt werden, ohne wichtige Teile des Plots zu verraten. Denn dieses Mal gibt es wirklich einige Überraschungen.

Dabei folgt die Filmgeschichte zunächst den Konventionen eines aufs Tempo drückendes Chase-Movies, das anscheinend nur eine einzige Verfolgungsjagd mit wenigen Verschnaufpausen sein will. Später verlagert sich die Geschichte mehr in Richtung eines Verschwörungsthrillers. Es geht um Verrat und Betrug. Weil die Skrull Gestaltwandler sind, weiß man nie, ob der nette Kollege wirklich der nette Kollege ist. Und im großen Finale gibt es dann die erwartbare Zerstörungsorgie, die dieses Mal auf der Erde und im Orbit spielt.

Für einen Marvel-Film ist „Captain Marvel“ innerhalb dieser bekannten Geschichte, die auch als Origin-Story verkauft wird, sogar ziemlich gewagt erzählt. Es gibt nämlich einige Rückblenden, die zunächst eher Flashbacks sind, eine längere alptraumhafte Sequenz am Filmanfang, in der Danvers sich an ihr früheres Leben erinnert, und einige Szenen, die in ihrem Kopf spielen. Das hört sich jetzt vielleicht verwirrend an. Aber das Regieduo Anna Boden und Ryan Fleck erzählt das so flott und auch in sich schlüssig, dass man als Zuschauer niemals den Überblick verliert.

Dazu tragen sicher auch die bekannten Gesichter bei. Neben einigen aus den vorherigen Filmen vertrauten Gesichtern und Charakteren sind dieses Mal als prominente Neuzugänge Jude Law, Annette Bening und Ben Mendelsohn dabei.

Jude Law spielt Danvers‘ Mentor und Ausbilder, den Starforce Commander Yon-Rogg. Nachdem ein Starforce-Einsatz schiefgeht und Danvers verschwindet, sucht der Kree-Soldat sie.

Annette Bening ist als Oberste Intelligenz die spirituelle Anführerin der Kree. Sie spielt auch noch eine andere wichtige Rolle und sie kann immer mit ihrem allseits vertrauten und aus zahlreichen Filmen bekanntem Gesicht auftreten.

Dieses Glück hat Ben Mendelsohn nicht. Er spielt Talos, den Anführer der Skrull. Sie sind seit Jahren mit den Kree verfeindet. Alle Skrull sind Gestaltwandler. Deshalb ist Mendelsohn nur in wenigen Szenen als Mendelsohn erkennbar und in diesen Momenten spielt er wieder seine inzwischen sattsam bekannte, immer noch sehr vergnügliche Bösewicht-Rolle.

Die echsenartigen Gesichter und Körper der Skrulls sehen aus, als habe man sie aus dem „Star Trek“-Kostümfundus geklaut.

Weil „Captain Marvel“ vor gut 25 Jahren spielt, ist „Captain Marvel“ die Vorgeschichte zu allen anderen Marvel-Filmen. Die Avengers gibt es noch nicht. Captain America schläft noch im Polareis und Nick Fury ist ein junger Agent, der dann erstaunlich schnell akzeptiert, dass die Erde als Planet C-53 Teil einer intergalaktischen Schlacht zwischen den Kree und den Skrulls ist.

Selbstverständlich spielt Samuel L. Jackson wieder Nick Fury. Dieses Mal jovialer und humorvoller als gewohnt. Und, als Buddy von Danvers, mit viel Leinwandzeit.

Brie Larson, die für ihre Rolle in „Raum“ einen Oscar erhielt und spätestens seit „Kong: Skull Island“ allgemein bekannt ist, ist die erste Frau, die im Marvel Cinematic Universe einen eigenen Film erhielt. Scarlett Johansson kämpfte sich als Black Widow erfolgreich durch mehrere MCU-Filme und ein Solofilm mit ihr ist seit längerem im Gespräch. Aber bis jetzt ist er noch nicht gedreht. Auch über einen Captain-Marvel-Solofilm wurde seit Jahren gesprochen. Und immer wieder zugunsten eines weiteren Films mit einem oder mehreren Männern als Superhelden aufgeschoben.

Jetzt darf Brie Larson die Rolle von Captain Marvel spielen in einem Film, der, abgesehen von „Captain America: The First Avenger“, vor den vorherigen MCU-Filmen spielt. Er etabliert mehr oder weniger offensichtlich die uns bekannte MCU-Welt und versprüht viel 80er- und 90er-Jahre Charme. Larson zeigt in ihrer Superheldenuniform und mit einem „Nine Inch Nails“-T-Shirt mehr stolzgeschwellte Machobrust als alle anderen MCU-Helden und das „Top Gun“-Team zusammen. Die Szenen auf dem Militärflughafen und mit ihrer besten Pilotenfreundin verströmen dann auch viel „Top Gun“-Testosteron und etwas gut abgehangenes Americana-Feeling. Vor allem wenn mal schnell die halbe Popkultur der neunziger Jahre zitiert wird. Beginnend mit einem Besuch in der örtlichen Videothek.

Die Tricks sind durchgängig auf dem gewohnten hohen Niveau. Bei der Katze Goose, die von Nick Fury adoptiert wird, ist dann auch nicht erkennbar, wann sie von einer Katze gespielt und wann sie am Computer animiert wurde. Auch der Verjüngungseffekt bei Samuel L. Jackson als Nick Fury und Clark Gregg als Agent Coulson (yep, ebenfalls dabei) ist auf der technischen Ebene sehr gut gemacht. Trotzdem irritierte Samuel L. Jacksons verjüngtes Ich mich immer wieder. Er sieht immer etwas künstlich und zu porentief rein aus.

Captain Marvel“ ist kein schlechter Film. Aber nach zwanzig Marvel-Filmen, etlichen anderen Comicverfilmungen und den Transformers-Filmen (die mit „Bumblebee“ ebenfalls in die sattsam verklärte Vergangenheit gingen) ist dann der Überraschungseffekt doch etwas weg. Immerhin bleibt der Bösewicht dieses Mal länger im Gedächtnis und die Story entwickelt sich flott, mit einigen überraschenden Wendungen und, ohne Abspann, innerhalb von zwei Stunden.

Damit ist der Eintritt von Carol Danvers in das Marvel Cinematic Universe gelungen.

Captain Marvel (Captain Marvel, USA 2019)

Regie: Anna Boden, Ryan Fleck

Drehbuch: Anna Boden, Ryan Fleck, Geneva Robertson-Dworet (nach einer Geschichte von Nicole Perlman, Meg LeFauve, Anna Boden, Ryan Fleck und Geneva Robertson-Dworet)

mit Brie Larson, Samuel L. Jackson, Ben Mendelsohn, Jude Law, Djimon Hounsou, Lee Pace, Lashana Lynch, Gemma Chan, Algenis Perez Soto, Rune Temte, McKenna Grace, Clark Gregg, Stan Lee

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche MCU-Facebook-Seite

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Captain Marvel“

Metacritic über „Captain Marvel“

Rotten Tomatoes über „Captain Marvel“

Wikipedia über „Captain Marvel“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Anna Boden und Ryan Flecks „Dirty Trip – Mississippi Grind“ (Mississippi Grind, USA 2015)

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TV-Tipp für den 1. April: Alles steht Kopf

April 1, 2018

RTL, 20.15

Alles steht Kopf (Inside Out, USA 2015)

Regie: Pete Docter, Ronnie del Carmen

Drehbuch: Pete Docter, Meg LeFauve, Josh Cooley (nach einer Idee von Pete Docter und Ronnie del Carmen)

Die elfjährige Riley ist todunglücklich über den Umzug vom wundervollen Minnesota nach San Francisco – und dann passiert in ihrem Kopf etwas. Ab diesem Moment spielt der Film in Rileys Kopf, wo im Kontrollzentrum die verschiedenen Emotionen für ein geregeltes Leben sorgen. Als der Emotion Kummer ein dummes Missgeschick passiert, versucht Freude wieder den alten Zustand herzustellen. Dafür muss sich sich, zusammen mit Kummer, auf eine Reise durch Rileys Gedächtnis begeben.

Wundervolle Pixar-Komödie, die locker schwierige Themen und Theorien erklärt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Wiederholung: Montag, 2. April, 16.30 Uhr (die Uhrzeit für das primäre Zielpublikum)

Hinweise
Englische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Alles steht Kopf“
Moviepilot über „Alles steht Kopf“
Metacritic über „Alles steht Kopf“
Rotten Tomatoes über „Alles steht Kopf“
Wikipedia über „Alles steht Kopf“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pete Docter/Ronnie del Carmens „Alles steht Kopf“ (Inside Out, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Alles steht Kopf“ in dem neuen Pixar-Film

Oktober 2, 2015

Lange hat es gedauert, bis der neue Pixar-Film „Alles steht Kopf“ bei uns anläuft. Der US-Kinostart war nämlich schon am 19. Juni und alle loben einhellig den Trickfilm, der für Erwachsene eine etwas zu episodische und vorhersehbare Geschichte erzählt. Aber der Film ist ja für Kinder gemacht. Erwachsene dürfen ihn sich auch ansehen und sie werden erstaunt sein, was die Macher dem Publikum zumuten. Denn die Geschichte dient nur dazu, ein gutes Dutzend psychologischer, soziologischer und philosophischer Theorien und Erkenntnisse über unseren Verstand und wie er funktioniert zu präsentieren, ohne sie besonders zu vereinfachen.
Pete Docter („Die Monster AG“, „Oben“) und Co-Regisseur Ronnie del Carmen, der ebenfalls schon lange bei Pixar ist, vertrauen einfach darauf, dass ihre Zuschauer es verstehen werden. Dafür lassen sie die Geschichte vor allem im Kopf der elfjährigen Riley spielen. Sie ist gerade mit ihren Eltern aus dem ländlichen Minnesota in die Großstadt gezogen. Die Wohnung in San Francisco ist eine Bruchbude. In der Schule kennt sie niemanden und eigentlich will sie nur zurück zu ihren Freunden.
In diesem Moment verlagert sich die Geschichte in ihren Kopf und wir sehen, wie ihre Emotionen und Handlungen gesteuert werden und wozu Erinnerungen da sind. Für die verschiedenen Emotionen – Freude, Angst, Wut, Ekel und Kummer – wurden Personen erfunden, die diese Eigenschaften in Reinkultur verkörpern. So ist ‚Wut‘ immer wütend, ‚Freude‘ immer fröhlich, ‚Angst‘ ängstlich. Vor jeder Handlung von Riley streiten sie untereinander. Die Filmemacher zeigen also, welche Prozesse in unserem Gehirn ablaufen, bevor wir irgendetwas tun und wie die verschiedenen Emotionen unsere Handlungen beeinflussen. Sie zeigen auch, was passiert, wenn plötzlich bestimmte Emotionen fehlen. Denn durch ein dummes Missgeschick von Kummer (die sich für vollkommen überflüssig hält und entsprechend lust- und antriebslos durch den Film schlurft) wird eine Veränderung bei den Kernerinnerungen hervorgerufen. Die Kernerinnerungen sind die für unsere Persönlichkeit besonders prägenden Erinnerungen. Wenn sie verschwinden, würde auch Rileys Persönlichkeit verschwinden. Freude will das verhindern. Aber es kommt noch schlimmer. Sie und Kummer werden vom Hauptquartier, wo die fünf Emotionen gemeinsam Entscheidungen treffen, in das Röhrensystem in Richtung Langzeitgedächtnis gesaugt. Von dort versuchen sie den Weg zurück zu finden und Rileys Kernerinnerungen zu schützen. Auf ihrem Weg besuchen sie verschiedene Teile von Rileys Verstand. Unter anderem treffen sie Bing Bong, einen schon lange vergessenen imaginären Freund von Riley aus Kindertagen, das Fantasieland und das Abstrakte Denken.
Währenddessen versuchen die im Hauptquartier verbliebenen Emotionen Wut, Ekel und Angst Rileys Leben zu steuern, was für Probleme sorgt.
„Alles steht Kopf“ zeigt, wie unser Verstand arbeitet. Das ist natürlich äußerst kurzweilig präsentiert und, wenn man den neuesten Pixar-Film mit anderen Filmen vergleicht, die explizit für ein jüngeres Publikum gemacht sind (wobei auch Erwachsene sich „Alles steht Kopf“ ohne einen einzigen Fremdschäm-Anfall ansehen können), kann man den Film kaum genug loben.

Alles steht Kopf - Plakat

Alles steht Kopf (Inside Out, USA 2015)
Regie: Pete Docter, Ronnie del Carmen
Drehbuch: Pete Docter, Meg LeFauve, Josh Cooley (nach einer Idee von Pete Docter und Ronnie del Carmen)
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Englische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Alles steht Kopf“
Moviepilot über „Alles steht Kopf“
Metacritic über „Alles steht Kopf“
Rotten Tomatoes über „Alles steht Kopf“
Wikipedia über „Alles steht Kopf“ (deutsch, englisch)


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