DVD-Kritik: Was ist die „Brotherhood of Tears“? Und was ist im Koffer?

August 3, 2015

Obwohl ihn seine Tochter abgöttisch liebt und er auch ein liebevoller Vater ist, taugt Gabriel Chevalier (Jérémie Renier) nicht zum Vorbild. Er war Polizist, ist Trinker, Spieler, ständig in Finanznöten und nicht der zuverlässigste Mitarbeiter, weshalb er auch seine Stelle als Fensterputzer verliert. Da bietet ihm ein alter Bekannter einen Traumjob an: er muss nur in einem Büro sitzen und ab und zu einen Koffer transportieren. Er darf den Koffer allerdings unter keinen Umständen öffnen. Trotzdem sei alles legal.
Durchaus skeptisch beginnt Gabriel mit seiner Arbeit. Das regelmäßig eintreffende Geld beruhigt ihn und er liefert die Koffer bis nach China aus, bis in einem Hotel eine Kofferübergabe schief geht. Der Besitzer eines Koffers wird ermordet und der Koffer geklaut.
Jetzt erwachen bei Gabriel seine alten Polizisteninstinkte. Er will wissen, was in den Koffern ist und wer ihn bezahlt. Denn bislang hörte er die Stimme seines Chefs nur am Telefon.
„Brotherhood of Tears – Die letzte Lieferung“ von Jean-Baptiste Andrea („Dead End“, der ebenfalls auf dem Fantasy Filmfest lief, „Big Nothing“) ist sicher kein künftiger Klassiker, aber ein kurzweiliger, eskapistisch-globetrottender Thriller, der eine hübsche Verschwörungsgeschichte mit einem überaschendem Ende erzählt. Ich glaube, niemand errät, was in den Koffern ist. Andreas Film steht damit in der Tradition der „Largo Winch“-Filme, die allerdings das deutlich höhere Budget hatten.
Aber für einen spannenden francophilen Krimiabend mit einer guten Flasche Rotwein reicht es allemal.

Brotherhood of Tears - DVD-Cover

Brotherhood of Tears – Die letzte Lieferung (La confrérie des larmes, Belgien/Frankreich/Luxemburg 2013)
Regie: Jean-Baptiste Andrea
Drehbuch: Jean-Baptiste Andrea, Gael Malry
mit Jérémie Renier, Audrey Fleurot, Mélusine Mayance, Bouli Lanners, Antoine Basler

DVD
Eurovideo
Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Französisch (DD 5.1)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Moviepilot über „Brotherhood of Tears“
AlloCiné über „Brotherhood of Tears“
Rotten Tomatoes über „Brotherhood of Tears“
Wikipedia über „Brotherhood of Tears“


Neu im Kino/Filmkritik: Der Fast-Stummfilm „Michael Kohlhaas“

September 13, 2013

Ist „Michael Kohlhaas“ noch Schullektüre?

Egal. Die von Heinrich von Kleist in wuchtigen Sätzen aufgeschriebene Geschichte über Michael Kohlhaas dürfte bekannt sein. Der Pferdehändler lässt bei einem Junker für einen erfundenen Passierschein zwei Pferde als Pfand zurück. Er bekommt sie in einem erbärmlichen Zustand wieder und möchte, dass der Junker ihm die Pferde ersetzt. Dieser tut es nicht und Kohlhaas beginnt einen blutigen Feldzug gegen ihn.

Arnaud des Pallières verfilmte diese Geschichte mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Dabei nahm er sich, wie auch die Regisseure der anderen Kohlhaas-Verfilmungen, einige Freiheiten. So verlegte er die Geschichte von Brandenburg und Sachsen, wo sie bei Kleist spielt, in die Cévennen, verzichtete auf eine präzise historische Einordnung und lässt das Drama vor einer prächtigen Landschaft in eher dunklen Bildern langsam seinen Lauf nehmen. Dummerweise hat sich des Pallières auch entschlossen, möglichst wenig zu schneiden und die Dialoge beschränkte er auf ein Minimum. So wird sein Michael Kohlhaas zu einem schweigsamen Brüter, der seine Gefühle hinter einer steinernen Mine verbirgt. Auch die anderen Charaktere reden eher wenig reden. Leider.

Denn „Michael Kohlhaas“ ist kein banaler Abenteuerfilm, kein Quasi-Western, sondern eine zeitlose Parabel, in der es um das Verhältnis des Einzelnen zum Staat, um das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit, dem Unterschied zwischen gerechtfertigtem Widerstand und Selbstjustiz, zwischen Rebellion und Terrorismus, welchen Regeln man folgen soll und wann das Befolgen von Regeln in Fanatismus umschlägt, geht. Bei diesen vielfältigen Anknüpfungspunkten der im 16. Jahrhundert spielenden Geschichte an die Gegenwart, wäre es gut gewesen, wenn Arnaud des Pallières Michael Kohlhaas einen Gefährten zur Seite gestellt hätte, mit dem er sich hätte unterhalten können. So trägt Kohlhaas die Konflikte schweigend mit sich aus. Wir dürfen das maskenhaft-edle Antlitz von Mads Mikkelsen und die archaische Landschaft bewundern und uns fragen, ob man den Film nicht um etliche Minuten hätte kürzen können.

Michael Kohlhaas - Plakat

Michael Kohlhaas (Michael Kohlhaas, Frankreich/Deutschland 2013)

Regie: Arnaud des Pallières

Drehbuch: Arnaud des Pallières, Christelle Berthevas

LV: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, 1810

mit Mads Mikkelsen, Bruno Ganz, Denis Lavant, Mélusine Mayance, David Kross, Delphine Chullot, Sergi Lopez, Amira Casar, David Bennent

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Michael Kohlhaas“

Moviepilot über „Michael Kohlhaas“

Rotten Tomatoes über „Michael Kohlhaas“

Wikipedia über „Michael Kohlhaas“ (deutsch, englisch, französisch)


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