Neu im Kino/Filmkritik: Black History Tage: Die James-Baldwin-Verfilmung If „Beale Street“ could talk

März 11, 2019

Bei der diesjährigen „Oscar“-Preisverleihung erhielt Regine King den Oscar als beste Nebendarstellerin. Ansonsten wurde Barry Jenkins‘ berührendes Drama mit insgesamt nur drei Nominierungen sträflich ignoriert. Nicht einmal eine Nominierung als bester Film war drin. Und diese Nominierung, – eigentlich auch den Preis -, hätte „If Beale Street could talk“ (bei uns zu „Beale Street“ gekürzt) auch verdient.

Jenkins erzählt die in den frühen siebziger Jahren in Harlem spielende Geschichte von Tish Rivers. Die Neunzehnjährige ist verliebt in Fonny Hunt, den sie schon seit einer Ewigkeit kennt. Vor kurzem verlobten sie sich und demnächst wollen sie auch heiraten.

Eines Tages wird er verhaftet. Er soll eine Puerto-Ricanerin vergewaltigt haben. Er beteuert seine Unschuld. Trotzdem wandert er, ohne Prozess, ins Gefängnis. Nur Tish, ihre Familie und Fonnys Familie glauben an seine Unschuld. Während sie versuchen, ihn aus der Haft zu befreien, erfährt Tish, dass sie von Fonny schwanger ist.

Für ihre in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie ist das nur ein weiteres Problem.

Das ist einer der schönen und lebenswahren Momente in Jenkins‘ James-Baldwin-Verfilmung. Konflikte werden im Kreis der Familie gelöst. Tishs Familie hält, auch wenn sie sich mal lautstark zankt, zusammen. Sie ist, auch wenn das jetzt konservativ und pathetisch klingt, eine Wertegemeinschaft. Die Gegner sind ein weißer Polizist und das von ihm verkörperte System, das Schwarze konsequent benachteiligt.

Barry Jenkins schrieb das Drehbuch für „Beale Street“ vor sechs Jahren während eines längeren Europa-Aufenthalts. Im Sommer 2013 schrieb er in Brüssel „Moonlight“ und danach in Berlin „Beale Street“, der als Gegenentwurf zu „Moonlight“ gesehen werden kann. Immerhin erzählt der eine Film von einer nicht funktionierenden, der andere von einer funktionierenden Familie. Um nur einen Punkt zu nennen. Die Verhandlungen mit Baldwins Nachlassverwaltern dauerten dann einige Zeit, bis alle Fragen für die erste US-amerikanische Kinoverfilmung geklärt waren. Währenddessen drehte er „Moonlight“. Der Film war sein Durchbruch. Er erhielt den Drehbuchoscar und der Film erhielt, in einer denkwürdigen Zeremonie, den Oscar als bester Film des Jahres. Neben vielen anderen Preisen.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen nächsten Film. Er erfüllt sie mit einer zu Herzen gehenden Liebesgeschichte, die leicht ein Nicholas-Sparks-Kitschfeuerwerk hätte werden können.

Baldwins Roman „Beale Street Blues“ wurde bereits einmal verfilmt. Von Robert Guédiguian als 1998 als „À la place du coeur“ (Die Farbe des Herzens). Diese erste Verfilmung verlegte die Geschichte nach Marseille und auch wenn Beale Street überall sein kann, ist sie in New York, genauer in Harlem.

Jenkins erzählt, wie in „Moonlight“, eine universelle Geschichte, die gerade wegen ihrem genauen Blick auf seine Charaktere, ihr Umfeld und ihren Alltag ganz genau an einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit verortet ist. Niemand wird Tishs Wohnung für das Zimmer einer heute in Harlem lebenden jungen Frau halten. Gerade dadurch kann Jenkins eine allgemeingültige Geschichte erzählen.

Sie ist auch heute, angesichts der Black-Live-Matters-Proteste, genauso relevant wie damals, als Baldwin die Geschichte von Tish und Fonny erzählte. Nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Beale Street (If Beale Street could talk, USA 2018)

Regie: Barry Jenkins

Drehbuch: Barry Jenkins

LV: James Baldwin: If Beale Street could talk, 1974 (Beale Street Blues)

mit KiKi Layne, Stephan James, Regina King, Colman Domingo, Teyonah Parris, Michael Beach, Aunjanue Ellis, Ebony Obsidian, Dominique Thorne, Diego Luna, Finn Wittrock, Ed Skrein, Brian Tyree Henry, Dave Franco

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Beale Street“

Metacritic über „Beale Street“

Rotten Tomatoes über „Beale Street“

Wikipedia über „Beale Street“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Moonlight“ (Moonlight, USA 2016) und der DVD

Ein Gespräch mit Barry Jenkins zum Film

Barry Jenkins (Regie, Drehbuch), Stephan James (Fonny) und Kiki Layne (Tish) sprechen über den Film

Nachtrag (21. März 2019)

Zum Filmstart von „Beale Street“ erschien bei dtv die Taschenbuchausgabe von James Baldwins Roman „Beale Street Blues“. Schon einige Tage früher erschien James Baldwins Essay „Nach der Flut das Feuer„. Ebenfalls in einer neuen Übersetzung. In dem Essay, das 1963 als „The Fire next Time“ erschien, schreibt er über die Rassenproblematik in den USA.

Im Taschen Verlag erschien jetzt „The Fire next Time“ mit zeitgenössischen Bildern von Steve Schapiro in der gebundenen Standardausgabe. Die kostet 40 Euro.

James Baldwin: Beale Street Blues

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Nachwort von Daniel Schreiber)

dtv, 2019

224 Seiten

12,90 Euro

Oritinalausgabe

If Beale Street could talk

Dial Press, New York, 1974

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer – The Fire next Time

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Vorwort von Jana Pareigis und einer Nachbemerkung von Miriam Mandelkow zur Übersetzung)

dtv, 2019

128 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The Fire next Time

Dial Press, New York, 1963

 

 

 

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „Aquaman“ Arthur Curry sucht einen Dreizack

Dezember 20, 2018

Neben Marvel ist DC Comics das andere große Unternehmen, das mit seinen Superheldencomics seit Jahrzehnten unendlich viele Kinder zum Lesen verführte. Bei den Filmen hat Marvel seit Jahren die Nase vorn. Die Kritiken sind gut. Die Einspielergebnisse fantastisch. Die Fans begeistert. Bei DC Comics kann man sich dagegen nur so halbwegs über die Einspielergebnisse des DC Extended Universe freuen. „Man of Steel“ (2013), „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (2016), „Suicide Squad“ (2016) und „Justice League“ (2017) waren mehr oder weniger missratene Geduldsproben. Nur „Wonder Woman“ (2017) überzeugte.

Aquaman“ ist wieder eine Geduldsprobe. Gut aussehend, mit viel Action und durchaus sympathischen Darstellern, aber mit einem konfusem Nichts an Story.

Arthur Curry (Jason Momoa), der titelgebende Aquaman, Sohn von Atlanna (Nicole Kidman), Königin von Atlantis, und dem Leuchtturmwächter Tom Curry (Temuera Morrison), kann mühelos im Wasser und auf der Erde leben. Als erster Sohn von Königin Atlanna könnte er den Thron von Atlantis für sich beanspruchen. Aber der Einzelgänger ist daran nicht interessiert. Viel lieber lebt er das Leben eines ungebundenen Drifters, der ab und an selbstlos einigen Menschen hilft.

Als er erfährt, dass sein machtgieriger Halbbruder Orm (Patrick Wilson) alle Ozean-Königreiche vereinigen und gegen die Landbewohner in den Krieg ziehen will, beschließt Arthur um den Thron zu kämpfen. Denn er möchte nicht, dass die Landbewohner getötet werden. Auch wenn sie seit Jahrzehnten die Ozeane verschmutzen. Orm benutzt diese Umweltsünden als Rechtfertigung für seinen Krieg gegen die Menschen.

Bevor Arthur die Königswürde zugestanden wird, muss er den verlorenen Dreizack von Atlan findet und sich so als legitimer Herrscher des Meeres erweisen. Weil niemand weiß, wo der Dreizack ist, muss Curry mit Mera (Amber Heard), der Prinzessin des Meereskönigreichs Xebel, um die halbe Welt reisen. Von einem Abenteuer zum nächsten.

Diese Story ist die Entschuldigung für eine Abfolge viel zu lang geratener Actionszenen, die auch in einem „Fast & Furious“-Film nicht auffielen (naja, bis auf die Unterwasser-Action), langweiligen Erklärdialogen und Szenen, die anscheinend aus einem anderen Film stammen. Oder wie will man sonst damit umgehen, dass zwischen zwei Actionszenen Aquaman und Mera auf Sizilien Zeit haben, gemütlich wie ein frisch verliebtes Paar über den Markt zu schlendern, während ein bekannter Song die Boxen des Kinos austestet? Immerhin wird nach dem Song die Harmonie von einer wilden Hatz über die Dächer des Dorfes abgelöst. Oder dass, als sie auf ihrer globalen Schnitzeljagd in der Wüste die nächste Spur zum Ziel suchen, er sich wie ein pubertierender Teenager, der keine Lust auf eine Wanderung hat, benimmt? Das sind Szenen, die von ihrer Tonalität in einen vollkommen anderen Film gehören und die auch einen vollkommen anderen Arthur Curry zeichnen. Das ist, als ob James Bond plötzlich Mr. Bean würde.

In dem Moment hat man schon lange alle Fragen von Logik, storyinterner Stimmigkeit und Plausibilität ad acta gelegt. Da können Meeresbewohner mal mühelos Luft atmen, mal nicht. Da wird die Reise zum nächsten Ziel zunächst mit einem alten Fischerboot tuckernd begonnen, bevor Aquaman und Mera den Rest des Weges superflott im Wasser zurücklegen und so im Sturm den sie attackierenden Seemonstern entkommen. Da gibt es in Atlantis einen eigentümlichen Mix aus High Tech und tiefster Urzeit. Da ist die Gesellschaft immer noch wie ein uraltes Königreich aufgebaut, das sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht veränderte. Das ist der verstaubte Mythenquark, der vor Jahrzehnten in den Zimmern pubertierender Jungs abgeladen wurde.

Da hilft auch kein muskelbepackter Jason Momoa als breit grinsender Aquaman.

Am Ende des mit gut zweieinhalb Stunden viel zu lang geratenen Wasserfilms bleibt eine große Frage: Warum ist es so schwer, einen gescheiten Superheldenfilm zu drehen? Oder anders formuliert: Was macht Marvel so viel besser als DC bei seinen Filmen?

Aquaman (Aquaman, USA 2018)

Regie: James Wan

Drehbuch: David Leslie Johnson-McGoldrick, Will Beall (nach einer Geschichte von Geoff Johns, James Wan und Will Beall) (nach einem Charakter von Mort Weisinger und Paul Norris)

mit Jason Momoa, Amber Heard, Willem Dafoe, Patrick Wilson, Nicole Kidman, Dolph Lundgren, Yahya Abdul-Mateen II, Temuera Morrison, Michael Beach, Randall Park, Graham McTavish, Leigh Whannell

Länge: 144 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche WarnerBrosDC-Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Aquaman“

Metacritic über „Aquaman“

Rotten Tomatoes über „Aquaman“

Wikipedia über „Aquaman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Wans „Insidious: Chapter 2“ (Insidious: Chapter 2, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring“ (The Conjuring, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „Fast & Furious 7″ (Furious 7, USA 2015)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring 2″ (The Conjuring 2, USA 2016)

 


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