TV-Tipp für den 19. Mai (+ Buchtipp): Cold in July

Mai 18, 2020

Nitro, 00.25

Cold in July (Cold in July, USA/Frankreich 2014)

Regie: Jim Mickle

Drehbuch: Jim Mickle, Nick Damici

LV: Joe R. Lansdale: Cold in July, 1989 (Kalt brennt die Sonne über Texas, Die Kälte im Juli)

Osttexas, 1989: Mitten in der Nacht überrascht und erschießt der glücklich verheiratete Vater Richard Dane einen Einbrecher. Kurz darauf möchte Ben Russell, der Vater des erschossenen Einbrechers, seinen Sohn rächen. Als die Polizei Russell auf die Bahngleise legt, rettet Dane ihn vor dem sicheren Tod. Und das ist noch nicht die letzte überraschende Wendung.

Eine gelungene Lansdale-Verfilmung mit lakonischen Dialogen, lakonischen Schauspielern und ordentlichen Portionen Suspense und Gewalt. Heute läuft der düstere Thriller als Mitternachtsfilm.

mit Michael C. Hall, Don Johnson, Sam Shepard, Vanessa Shaw, Nick Damici, Wyatt Russell

Die verdammt lesenswerte Vorlage (und in dieser Ausgabe mit Nachworten von Joe R. Lansdale und Jim Mickle, der in dem Moment die Postproduktion von „Cold in July“

machte)

Joe R. Lansdale: Die Kälte im Juli

(übersetzt von Teja Schwaner)

Heyne, 2015

272 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Kalt brennt die Sonne über Texas

(übersetzt von Kim Schwaner)

rororo, 1997

Originalausgabe

Cold in July

Bantam Books,1989

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Cold in July“

Wikipedia über „Cold in July“ (deutsch, englisch)

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Mein Interview mit Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Mucho Mojo“ (ursprünglich „Texas Blues“) (Mucho Mojo, 1994)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Bissige Biester! (Rusty Puppy, 2017)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Hap & Leonard – Die Storys“ (Hap and Leonard, 2016)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „The Report“ erteilt eine dringend nötige Geschichtsstunde

November 9, 2019

Geplant war wohl nur ein kleiner Bericht. Schließlich waren die für die Öffentlichkeit wichtigsten Fakten schon bekannt. Nach 9/11 hat die USA im ‚war on terror‘ Verdächtige gefoltert. Das war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen steht: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ Es war ein ebenso klarer Verstoß gegen den 1789 vorgeschlagenen und 1791 ratifizierten Fünften Zusatzartikel der US-amerikanischen Verfassung.

Aber das wahre Ausmaß war nicht bekannt. Im Dezember 2007 stieß die demokratische US-Senatorin Dianne Feinstein eine Untersuchung des „Detention and Interrogation Programm“, volkstümlich Folterprogramm, an. Der aktuelle Anlass war eine Zerstörung von Beweisen durch die CIA. Ihr Mitarbeiter Daniel J. Jones vertiefte sich mit einigen Kollegen in die Akten. Die CIA und alle in das Programm involvierten Institutionen bis hoch zum Weißen Haus versuchten ihre Arbeit mit allen möglichen Tricks zu behindern. Und zwar von der Recherche bis zur Veröffentlichung.

Am Ende erstellte Jones ein 6700 Seiten umfassendes, mit über 38.000 Fußnoten gespicktes Konvolut, das detailliert die Verstrickungen des Staates mit privaten Anbietern und deren Vertuschungen nachzeichnete. Nach heftigem Streit, ob und in welcher Form der Bericht veröffentlicht werden kann, wurde im Dezember 2014 eine auf 525 gekürzte, an vielen Stellen geschwärzte Fassung der „Committee Study of the Central Intelligence Agency’s Detention and Interrogation Program“ veröffentlicht.

Scott Z. Burns, der Autor von „The Bourne Ultimatum“, „The Informant!“, „Contagion“, „Side Effects“ und, aktuell, „The Landromat“ (yep, bis auf den ersten Film sind alle Filme von Steven Soderbergh inszeniert), nahm sich jetzt die Geschichte von Daniel J. Jones und seinem Kampf um die Veröffentlichung seiner Recherchen vor. Er schrieb, immer nah an den Fakten und dem CIA-Folterbericht, das Drehbuch und inszenierte den starbesetzten Film.

Er erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen: auf der einen Zeitebene begleiten wir Jones bei seinen Recherchen, die vor allem im Studium von Akten bestehen, und seinen Gesprächen mit Feinstein, auf der zweiten Zeitebene sehen wir, was Jones bei seinen Recherchen erfährt. Wir sehen also, wie wenige Tage nach dem 11. September 2001 die Bush-Regierung das Folterprogramm bewilligt und die CIA es ausführt. Zentral waren dafür die Psychologen James Mitchell und Bruce Jessen, die keinerlei Erfahrung und Wissen über Verhörtechniken und geheimdienstliche Aufgaben hatten, aber großmäulig behaupteten, dass ihre ‚verschärften Verhörtechniken‘ wirksam seien. Die Szenen, in denen Burns nachzeichnet, wie das Folterprogramm initiiert wird, wie wenig Widerstand es im Geheimdienst dagegen gibt und wie sehr sich alle der Illusion hingeben, dass einige selbsternannte Experten mehr wüssten als alle echten Experten, gehören zu den erschreckendsten Minuten des Films. Denn Burns zeichnet hier eine kollektive Realitätsverweigerung in mehreren Institutionen nach.

Als die Folterpraxis bekannt wurde, vor allem durch die Bilder aus Abu Ghuraib, begann die Bush-Regierung, Folter in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Hauptsächlich indem sie es in verschiedenen Variationen leugnete, erklärte, dass die von ihnen angewandten Methoden, wie Waterboarding, endloses Stehen und laute Musik keine Folter seien und behauptete, dass sie durch Folter wichtige Informationen im Kampf gegen Terroristen erhalten hatten. Das war Quatsch. Sie folterten und sie erhielten keine wichtigen Informationen.

Das alles bringt Burns zurück in das kollektive Gedächtnis und er zeigt, was ein kleiner Beamter tun kann.

Durch das parallele Erzählen der beiden Plots entsteht, auch wenn man die Fakten kennt (und nicht schon wieder vergessen hat), eine beträchtliche Spannung. Dabei konzentriert Burns sich bei seinem fast nur in Innenräumen spielendem Polit-Thriller auf die Schauspieler und die Dialoge. Die gesamte Inszenierung ist sehr ruhig. Sie orientiert sich an den Polit-Thrillern der siebziger Jahre, wie Alan J. Pakulas Watergate-Film „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976). Denn nichts soll vom Verstehen der Fakten ablenken.

Obwohl „The Report“ jetzt nur einen kleinen Kinostart hat und ab dem 29. November auf Amazon Prime gesehen werden kann, sollte man sich das Kammerspiel im Kino ansehen. Die Bilder und die Schauspieler füllen die Leinwand locker aus.

P. S.: Am 21. November läuft der ebenfalls sehenswerte Polit-Thriller „Official Secrets“ über die Whistleblowerin Katherine Guns an. Die beim britischen Geheimdienst beschäftigte Übersetzerin gab 2003 ein NSA-Memo an die Presse weiter. Nach dem Memo sollten UN-Delegierte ausspioniert und erpresst werden, damit sie einer UN-Sicherheitsresolution zustimmen, die die bevorstehende Invasion des Iraks legitimiert. Keira Knightley spielt Gun. Gavin Hood inszenierte.

The Report (The Report, USA 2019)

Regie: Scott Z. Burns

Drehbuch: Scott Z. Burns

mit Adam Driver, Annette Benning, Ted Levine, Jon Hamm, Sarah Goldberg, Maura Tierney, Michael C. Hall, Douglas Hodge, Fajer Kaisi, Jennifer Morrison, Tim Blake, Corey Stoll, Matthew Rhys

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Report“

Metacritic über „The Report“

Rotten Tomatoes über „The Report“

Wikipedia über „The Report“ (deutsch, englisch) und den CIA-Folterbericht (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Es sollte nur eine harmlose „Game Night“ sein…

März 1, 2018

Max (Jason Bateman) und seine Frau Annie (Rachel McAdams) sind begeisterte Spieler. Sie lieben diese altmodischen Brettspiele und bei Ratespielen, wie Charade oder Trivial Pursuit, sind sie immer dabei. Damit können sie ganze Abende, Tage und Wochenenden verbringen. Mit ihren Freunden Kevin (Lamorne Morris), seiner Frau Michelle (Kylie Bunbury) und Ryan (Billy Magnussen), der immer eine andere Frau mitbringt, – dieses Mal ist es Sarah (Sharon Horgan) -, veranstalten sie regelmäßig Spieleabende. Nett, harmlos, jugendfrei und garantiert legal.

Bis Brooks (Kyle Chandler) sie zu einem besonderen Spieleabend einlädt. Brooks ist der erfolgreiche Bruder von Max. Er reist durch die Welt, hat viel Geld und ist sehr souverän. Halt das genaue Gegenteil des netten, treuen und zuverlässigen Max.

Brooks hat für den Abend einen besonderen Spieleabend organisiert. Sie müssen eine Entführung aufklären und sie werden bei dem Spiel nicht mehr zwischen Realität und Spiel unterscheiden können, weil die ganze Stadt das Spielfeld ist. Es ist, ohne dass er es sagt, „The Game“ in einer harmlosen Variante.

Seine sechs Gäste sind zunächst skeptisch. Immerhin haben sie sich auf einen ihrer normalen Spieleabende vorbereitet. Aber als zwei maskierte Männer das Haus betreten und sofort eine wilde Schlägerei zwischen ihnen und Brooks entbrennt, sind sie begeistert von dem Engagement der Spieler – und sie beginnen mitzuspielen.

Was sie in diesem Moment nicht ahnen: Brooks wurde wirklich entführt, weil er einen seiner Geschäftskunden hereinlegte. Und dieser Kunde ist kein Geschäftsmann mit Verbindungen zum Verbrechen, sondern ein Verbrecher der skrupellosen Sorte.

Bis sie das begreifen, dauert es eine Weile und das ändert nichts daran, dass sie Brooks suchen und retten müssen. Ohne die Polizei zu informieren.

Game Night“ ist eine weitgehend harmlose Komödie, die von seinen sympathischen Darstellern lebt, während der Humor sich weitgehend in Blödeleien ergeht und, etwas unbeholfen, mehrere ‚Spiele‘ miteinander verbindet. Denn neben der echten Entführung hat Brooks für den Abend auch eine falsche Entführung organisiert und der Nachbar, ein psychopathischer Streifenpolizist, der Hannibal Lecter zu einem warmherzigen Gesprächspartner degradiert, spielt ebenfalls ein Spiel.

Inszeniert wurde „Game Night“ von John Francis Daley und Jonathan Goldstein, den Regisseuren von „Vacation – Wir wind die Griswolds“ und Autoren von „Kill the Boss“, „Wolkig mit der Aussicht auf Fleischbällchen 2“ und „Spider-Man: Homecoming“ (als zwei von sechs genannten Drehbuchautore, aber immerhin nach einer von ihnen erfundenen Geschichte). Das Drehbuch für „Game Night“ ist von Mark Perez („S.H.I.T. – Die Highschool GmbH“).

Game Night (Game Night, USA 2018)

Regie: John Francis Daley, Jonathan Goldstein

Drehbuch: Mark Perez

mit Jason Bateman, Rachel McAdams, Kyle Chandler, Sharon Horgan, Billy Magnussen, Lamorne Morris, Kylie Bunbury, Jesse Plemons, Michael C. Hall, Danny Huston

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Game Night“

Metacritic über „Game Night“

Rotten Tomatoes über „Game Night“

Wikipedia über „Game Night“


Neu im Kino/Filmkritik: „The Secret Man“ Mark Felt ist Deep Throat

November 2, 2017

Über Jahrzehnte war er nur als Deep Throat bekannt. So hatte die Tageszeitung „Washington Post“ ihn genannt. Für die „Washington Post“-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward war er ihre Quelle im Regierungsapparat, die sie mit brisanten Informationen versorgte, die den Watergate-Skandal befeuerten und letztendlich zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führten.

Alan J. Pakula verewigte ihre Arbeit in „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976). Mit Robert Redford als Bob Woodward und Dustin Hoffman als Carl Bernstein. Der Film ist ein Klassiker.

Das kann über Peter Landesmans „The Secret Man“ nicht behauptet werden. Er erzählt die Geschichte von FBI-Vizechef Mark Felt. 2005 sagte Felt, über seinen Anwalt in einem „Vanity Fair“-Artikel von John D. O’Connor, dass er Deep Throat sei. Woodward bestätigte die Enthüllung des damals schon länger an Demenz leidenden alten Mannes.

Landesman, selbst ein ehemaliger Enthüllungsjournalist und Kriegsreporter, der auch das Drehbuch für „Kill the Messenger“ schrieb und „Erschütternde Wahrheit“ nach seinem Drehbuch inszenierte, war von dieser Enthüllung fasziniert. Immerhin wurde schon seit Ewigkeiten über die wahre Identität von Deep Throat, dem bekanntesten unbekannten Whistleblower, spekuliert. Schon damals erhielt er den Auftrag, ein Drehbuch über Felt zu schreiben. Bei seinen Recherchen traf er Felt (17. August 1913 – 18. Dezember 2008) mehrmals und jetzt, nach einigen Umwegen, konnte er Felts Geschichte, die in Deutschland den nichtssagenden Titel „The Secret Man“ hat (der knackige Originaltitel ist „Mark Felt – The Man who brought down the White House“), inszenieren. Wie Pakula bleibt Landesman nah an den Fakten. Aber während Pakula uns mit den beiden Protagonisten, die bei ihren Recherchen erst langsam das gesamte Ausmaß der Verschwörung begreifen – immerhin begann es relativ unspektakulär am 17. Juni 1972 mit einem banalen Einbruch in ein Zimmer des Watergate-Hotels, bei dem die Einbrecher Abhörausrüstung bei sich trugen und das Hotel auch das Hauptquartier der Demokratischen Partei war – , geht Landesman die Sache anders an.

Er erzählt aus der Perspektive von Felt, einem Mann, der sich seit Ewigkeiten in Washington bewegt, der alle Winkelzüge der Macht kennt, der die richtigen Leute kennt und der jetzt beginnt gegen seinen Arbeitgeber, seinen Vorgesetzten, den Präsident der USA, zu intrigieren. Dabei ist, in der Realität wie im Film, unklar, warum Mark Felt zum Whistleblower wurde. Bis dahin war er ein loyaler Beamter und FBI-Agent der alten Schule war. Er begann 1942 beim FBI, stieg unter J. Edgar Hoover auf und war von Mai 1972 bis zu seiner Pensionierung im Juni 1973 Associate Director und damit stellvertretender Direktor in Washington, D. C.. Er war das Sinnbild des ehrenwerten FBI-Agenten. Er war allerdings auch in seiner Eitelkeit gekränkt. Nach dem Tod von J. Edgar Hoover am 2. Mai 1972 sah er sich als künftigen FBI-Direktor. Nixon ernannte allerdings L. Patrick Gray zum Diensthabenden FBI-Direktor. Gray hatte keinen FBI-Stallgeruch. Dafür war der U-Boot-Kommandant ein Vertrauter Nixons, der auch brav dessen Anweisungen ausführte. In diesem Moment, und das ist Felts zweites mögliche Motiv, sorgte er sich um die Integrität des FBI als unabhängige Organisation. Das FBI war niemandem Rechenschaft schuldig und sie befolgte auch keine Anordnungen von Politikern. Oder Felt sorgte sich wirklich um die US-amerikanische Demokratie, die von Nixon und seinen Gefolgsleuten missachtet wurde.

Am Ende trat Nixon zurück und Felt leugnete über Jahrzehnte glaubhaft, dass er nicht Deep Throat sei.

1980 wurde Felt für seine Gesetzesübertretungen bei der Verfolgung der linken Terrororganisation „Weather Underground“ in den frühen Siebzigern zu einer geringen Geldstrafe verurteilt und von US-Präsident Ronald Reagan begnadigt. Er betrachtete sie als ausländische Agenten. Daher gelte für sie nicht der vierte Verfassungszusatz, der vor willkürlicher Durchsuchung, Festnahme und Beschlagnahme von Eigentum schütze, und deshalb autorisierte er entsprechende Maßnahmen gegen sie und ihre Familien.

Dass Landesman die Frage nach Felts Motiv nicht eindeutig beantwortet, ist nicht unbedingt ein Problem. Sie könnte sogar das Interesse an Felt und seinem moralischen Dilemma steigern.

Dummerweise konterkariert seine Inszenierung diese Absicht. Sein Drehbuch ist nicht analytisch genug und er findet deshalb niemals einen eigenen Zugang zu seinem Material. Er präsentiert es nur in der denkbar ungeschicktesten Form. Anstatt ein packendes Drama über Loyalitäten zu inszenieren, sehen wir nur mittelalte und noch ältere Anzugträger, die alle beim gleichen Schneider waren, und die in dunklen Büros miteinander reden. Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten. Wir kennen keinen einzigen von ihnen, wir wissen nicht, was für sie auf dem Spiel steht, welche Loyalitäten und Werte sie haben und wie sie reagieren. Wir wissen auch nicht, wer sie sind und weshalb sie für die Geschichte wichtig sind. Und wenn man sich das alles mühsam aus Halbsätzen zusammengereimt hat, ist es zu spät.

Auch wenn man die Geschichte des Watergate-Skandals kennt, sind diese Szenen nur eine Abfolge von Auf- und Abtritten von stoisch blickenden Anzugträger, die sich gegenseitig irgendetwas erzählen und sich dabei, erfolgreich, bemühen, möglichst keine Emotionen zu zeigen.

Liam Neeson, der eigentlich im richtigen Alter ist, um Mark Felt zu spielen, wirkt mit seiner grauen Betonfrisur und seinem maskenhaften Gesicht, wie ein jüngerer Schauspieler, der einen deutlich älteren Mann spielen muss und dafür schlecht auf alt geschminkt wurde.

Auch die restliche Besetzung ist hochkarätig, aber keiner der bekannten Schauspieler beeindruckt nachhaltig. Wir sehen Bruce Greenwood, aber nicht den vom ihm gespielten „Time Magazine“-Reprter Sandy Smith und wir wissen nicht, wer Smith war. Wir sehen Tom Sizemore als FBI-Agent Bill Sullivan, aber wir wissen nichts über die Beziehung zwischen ihm und Felt. Landesman verweigert die zum Verständnis nötigen Hintergrundinformationen.

Das alles inszenierte Landesman in einem gerontologischen Erzähltempo konsequent in gedeckten Brauntönen, die jede Farbe und Helligkeit vermissen lassen. Die bewusst unterbelichten Bilder sind auch Dank der Innenausstattung und der Anzüge eine Ode aus Braun, Dunkelbraun und Schwarz, die eine Bedeutung vorgaukelt, die der Film nie hat.

Dabei ist das Thema von „The Secret Man“ in der Trump-Ära von brennender Aktualität. Die Vergleiche zwischen damals und heute drängen sich förmlich auf. Über die Unterschiede werden lange Artikel geschrieben. Und wahrscheinlich murmelt ganz Washington „Wo ist unser Mark Felt?“.

P. S.: Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Oliver Stone zeigte in seinem Film „Snowden“ über den Whistleblower Edward Snowden, dass man einen spannenden Film über eine allseits bekannte Geschichte drehen kann. Wobei Stone auch eine klare Botschaft und Absicht hatte.

The Secret Man (Mark Felt – The Man who brought down the White House, USA 2017)

Regie: Peter Landesman

Drehbuch: Peter Landesman

LV: Mark Felt/Ralph de Toledano: The FBI Pyramid: From the Inside, 1979; Mark Felt/John O’Connor: A G-Man’s Life: The FBI, Being Deep Throat, and the Strggle for Honor in Washington, 2006 (beides Monographien, wobei „A G-Man’s Life“ Teile von „The FBI Pyramid“ enthält)

mit Liam Neeson, Diane Ladd, Marton Csokas, Tony Goldwyn, Ike Barinholtz, Josh Lucas, Wendi McLendon-Covey, Brian d’Arcy James, Maika Monroe, Michael C. Hall, Tom Sizemore, Bruce Greenwood, Julian Morris, Noah Wyle, Eddie Marsan

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre (als hätten Kinder keine Angst vor Grauen Herren in Anzügen)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Secret Man“

Metacritic über „The Secret Man“

Rotten Tomatoes über „The Secret Man“

Wikipedia über „The Secret Man“

Meine Besprechung von Peter Landesmans „Erschütternde Wahrheit“ (Concussion, USA 2015)

Peter Landesman über seinen Film (im Gebäude der „Washington Post“)

Peter Landesman und Brian d’Arcy James im Gespräch über den Film


TV-Tipp für den 30. Juni: Paycheck – Die Abrechnung

Juni 29, 2016

Pro 7, 20.15

Paycheck – Die Abrechnung (USA 2003, Regie: John Woo)

Drehbuch: Dean Georgaris

LV: Philip K. Dick: Paycheck, 1953 (Kurzgeschichte)

In naher Zukunft: Nachdem er drei Jahre bei einem Geheimprojekt arbeitete und sein Erinnerung daran gelöscht wurde, freut sich Michael Jennings auf ein mehr als fürstliches Honorar. Aber er erhält nur einige wertlose Gegenstände. Er habe das so gewollt. Jennings versucht, während er von Scharen Bösewichter gejagt wird, hinter das Geheimnis seiner Entlohnung zu kommen.

Nicht gerade Woos bester Film, aber immerhin Action, bei der man das Gehirn nicht vollkommen ausschalten muss. Und die Action war noch handgemacht.

Dicks Kurzgeschichte ist natürlich besser. Also, die Pointe ist gemeiner.

mit Ben Affleck, Uma Thurman, Aaron Eckhart, Paul Giamatti, Colm Feore, Joe Morton, Michael C. Hall, Kathryn Morris

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Paycheck“

Wikipedia über „Paycheck“ (deutsch, englisch)

Arte über Philip K. Dick

Homepage von Philip K. Dick

Meine Besprechung von Len Wisemans Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“ (Total Recall, USA 2012)

Mein Hinweis auf die Neuauflage der Philip-K.-Dick-Romane “Marsianischer Zeitsturz”, “Ubik” und “Der dunkle Schirm”

Philip K. Dick in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Kill your Darlings – Junge Wilde“ heute, Legenden später

Januar 30, 2014

Allen Ginsberg, Jack Kerouac, William Burroughs, die legendären Dichter, und Lucien Carr als Katalysator für deren literarisches Schaffen in einem Film. Wow! „Kill your Darlings – Junge Wilde“ erzählt die Geschichte der Beat-Poeten, bevor sie Beat-Poeten waren. In John Krokidas‘ Film sind sie noch vor dem Anfang ihrer Karriere.

Im Zentrum steht Allen Ginsberg (gespielt von Daniel Radcliffe im störendem Harry-Potter-Outfit), der 1944 als Studienanfänger an die New Yorker Columbia Universität kommt, seinen charismatischen Zimmergenossen Lucien Carr kennen lernt, der ihn in eine für ihn vollkommen neue Welt entführt: denn neben den Freiheiten des Studiums erkundet er auch die damalige Underground-Kunstszene mit ihren Drogen und den fetzigen Bebop-Rhythmen, während im Hinterzimmer Männer sich miteinander vergnügen. Und dann ist da noch David Kammerer, der deutlich ältere, eifersüchtige Freund von Lucien.

In „Kill your Darlings“ heißen die Protagonisten zwar Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William Burroughs und wir kennen, wenigstens rudimentär, ihre späteren Lebensstationen und wissen, wie groß ihr Einfluss war und ist. Aber hier sind sie noch austauschbare Studenten, die noch nichts geschrieben haben und das lockere Studentenleben, inclusive Studentenstreichen, in vollen Zügen genießen. Der Film erzählt einfach Episoden aus Ginsbergs erstem Studienjahr, was zunehmend langweilt, bis dann, am Ende, Lucien Carr plötzlich David Kammerer umbringt. Diese Tat wäre wohl besser als Beginn und nicht als das Ende der Geschichte genommen worden. Denn Carr verteidigte sich, indem er vor Gericht sagte, er habe sich gegen Kammerers homosexuelle Annäherung wehren müssen. Das Gericht ließ – heute unvorstellbar – diese „Ehrenmord“-Argumentation strafmildernd zu. Burroughs und Kerouac schrieben „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, das erst 2008 veröffentlicht wurde, in dem sie den Mord an Kammerer literarisch verarbeiteten. Aber das war erst nach dem Ende des Films.

Außerdem irritiert, dass diese jungen Männer nicht einen Gedanken an den Weltkrieg verschwenden. Sie sind Hedonisten vom Scheitel bis zur Sohle. Wenn wir nicht wüssten, dass die Geschichte 1944 spielt, könnte sie genausogut in jedem anderen Jahr spielen.

So ist „Kill your Darlings“ dann nur prominent besetztes, biederes Ausstattungskino über einige junge Männer in ihrer Selbstfindungsphase, die später berühmt wurden.

Kill your Darlings - Plakat

Kill your Darlings – Junge Wilde (Kill your Darlings, USA 2013)

Regie: John Krokidas

Drehbuch: John Krokidas, Austin Bunn

mit Daniel Radcliffe, Dane Dehaan, Michael C. Hall, Jack Huston, Ben Foster, David Cross, Jennifer Jason Leigh, Elizabeth Olsen, Kyra Sedgwick

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Kill your Darlings“

Moviepilot über „Kill your Darlings“

Metacritic über „Kill your Darlings“

Rotten Tomatoes über „Kill your Darlings“

Wikipedia über „Kill your Darlings“ 


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