Neu im Kino/Filmkritik: Katastrophe! Sohn „Ben is back“

Januar 11, 2019

Wenige Tage nach Weihnachten, dem Fest der Familie, kommt das an Weihnachten spielende Drama „Ben is back“ in unsere Kinos. Das ist nur auf den ersten Blick eine paradoxe Entscheidung des Verleihs. Denn „Ben is back“ ist kein fröhlicher Weihnachtsfilm, sondern ein Drama über eine Familie und ihren drogensüchtigen neunzehnjährigen Sohn Ben (Lucas Hedges). Die Burns sind eine gut situierte, in einem New Yorker Vorort lebende Familie. Bens Mutter Holly (Julia Roberts) ist in zweiter Ehe mit Neal (Courntey B. Vance) verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Kinder. Aus ihrer ersten Ehe hat Holly noch eine Tochter. Sie lieben alle ihre Kinder. Ihr Sorgenkind ist Ben. Nach einer Sportverletzung wurden ihm Medikamente verschrieben. Er wurde abhängig, nahm auch illegale Drogen und bestahl und betrog seine Familie. Jetzt ist er in einer Entziehungsklinik.

Als er am Heiligabend überraschend auftaucht, reagieren die Familienmitglieder vollkommen unterschiedlich darauf. Bens beiden jüngsten Geschwister freuen sich über ihren älteren Bruder. Bens Schwester ist entsetzt. Bens Stiefvater möchte, dass Ben möglichst sofort wieder in die Klinik zurückkehrt. Bens Mutter freut sich und möchte, dass ihr Sohn den Heiligabend mit der Familie verbringt. Nachdem sie vorher alle Wertsachen und Drogen versteckte.

Schon diese Szene zeigt, wie schwierig der Umgang mit Süchtigen ist. Denn sie tun letztendlich alles, um an Drogen zu gelangen. Und Holly und Neal wissen das. Deshalb testet Holly ihren Sohn auf Drogen und er muss die ganze Zeit in ihrer Nähe bleiben. So hofft sie, kontrollieren zu können, ob er nicht doch an Drogen gelangt.

Peter Hedges schrieb die Drehbücher zu „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ (auch Roman) und „About a boy“ und führte bei „Das wundersame Leben von Timothy Green“ Regie. In seinem neuesten Film „Ben is back“ beschreibt er sehr genau die Schwierigkeiten, die eine Familien im Umgang mit einem Abhängigen hat. Er konzentriert sich dabei auf das Verhältnis von Holly zu ihrem Sohn und dank der guten Schauspieler würde das schon genügen.

Jedenfalls vergeht in der ersten Hälfte so schnell die Zeit und es gibt so viele potentielle Konflikte, dass man gut auf die Wendung zum Thriller hätte verzichten können. Ben trifft bei einer Einkaufstour mit seiner Mutter seine alten Freunde, die mit ihm noch eine Rechnung offen haben. Nachdem die gesamte Familie Burns den Gottesdienst besucht hat, stellen sie fest, dass bei ihnen eingebrochen wurde und ihr Hund Ponce verschwunden ist. Ben glaubt, dass einer seiner alten Freunde dafür verantwortlich ist. Er will Ponce zurückholen und verschwindet in der Nacht.

Seine Mutter sucht ihn verzweifelt in den Ecken der Stadt, die sie vorher niemals besuchte. In den Momenten bedient „Ben is back“ zu sehr altbekannte Thriller-Topoi.

Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen einen Film, der sich mit einem in den USA immer größerem Problem beschäftigt. Inzwischen beginnt und endet in den USA die Drogenabhängigkeit oft mit einer Medikamentenabhängigkeit. Auch bei Ben war die Einstiegsdroge ein verschreibungspflichtiges Medikament, das er nach einem Unfall erhielt. Der Dealer war sein Arzt. Die Anbieter Arzneimittelfirmen und Apotheker.

Hedges zeigt auch sehr genau die widerstreitenden Gefühle und Dynamiken innerhalb einer Familie, wenn ein Familienmitglied zu einem potentiell die Familie zerstörendem Problem wird und man ihm nicht mehr vertrauen kann. So ist Ben zwar immer noch Hollys über alles geliebter Sohn. Aber ihre mütterliche Liebe sollte Strenge, Misstrauen und Kontrolle sein. Also alles das, was eine Mutter nicht tun möchte.

Ben wird gespielt von Lucas Hedges. Er ist der Sohn von Regisseur Peter Hedges. Aber, so das Presseheft, es war der Vorschlag und Wunsch von Julia Roberts gewesen, Lucas Hedges als ihren Sohn zu besetzen. Ihr gefiel seine Oscar-nominierte Performance in „Manchester by the Sea“. Demnächst können wir Hedges in „Der verlorene Sohn“ (ab 21. Februar) und „Mid90s“ (Berlinale und ab 7. März) im Kino sehen.

Am 24. Januar läuft mit Felix van Groeningens „Beautiful Boy“ an. Das ebenfalls sehenswerte Drama erzählt die Geschichte des renommierten Journalisten David Sheff und seines drogenabhängigen Sohns Nic. Beide schrieben Bücher darüber.

Ben is back (Ben is back, USA 2018)

Regie: Peter Hedges

Drehbuch: Peter Hedges

mit Julia Roberts, Lucas Hedges, Courtney B. Vance, Kathryn Newton, Mia Fowler, Jakari Fraser, Michael Esper, David Zaldivar, Rachel Bay Jones, Alexandra Park

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ben is back“

Metacritic über „Ben is back“

Rotten Tomatoes über „Ben is back“

Wikipedia über „Ben is back“ (deutsch, englisch)

Alle miteinander, vor und nach der Weltpremiere, beim TIFF auf der Bühne

Julia Roberts und Lucas Hedges sprechen über den Film

Peter Hedges und Ian Blume (Schnitt) über den Film

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TV-Tipp für den 24. November: The Drop – Bargeld

November 24, 2017

Pro7, 23.25

The Drop – Bargeld (The Drop, USA 2014)

Regie: Michaël R. Roskam

Drehbuch: Dennis Lehane

LV: Dennis Lehane: Animal Rescue, 2009 (erschienen in Dennis Lehane, Hrsg.: Boston Noir, Kurzgeschichte)

Bob ist etwas langsam und arbeitet als allseits beliebter Barkeeper in der Bar von seinem Vetter Marv, die von der Mafia auch als Ablageort für Bargeld benutzt wird. Als einige Gangster die Bar überfallen und das Geld stehlen, beginnen die Mafia und die Polizei die Diebe zu suchen. Zur gleichen Zeit lernt Bob Nadia kennen.

Langsam erzählter, in Brooklyn spielender Gangsterfilm, der sich mit seiner hochkarätigen Besetzung förmlich in der Atmosphäre suhlt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit James Gandolfini, Tom Hardy, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, Michael Esper, Ross Bickell, James Frecheville, Tobias Segal, Patricia Squire, Ann Dowd

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Drop“
Moviepilot über „The Drop“
Metacritic über „The Drop“
Rotten Tomatoes über „The Drop“
Wikipedia über „The Drop“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: James Gandolfinis Abschiedsvorstellung in Dennis Lehanes „The Drop – Bargeld“

Dezember 4, 2014

Der Schock war groß, als James Gandolfini am 19. Juni 2013 in Italien an einem Herzinfarkt starb. Er war erst 51 Jahre alt und, nach seinem Durchburch als Mafiosi Tony Soprano in „Die Sopranos“, ein allseits beliebter Schauspieler, der in Spielfilmen oft einprägsame Nebenrollen hatte. Zuletzt war er in „Zero Dark Thirty“ der CIA-Direktor oder in „Killing them softly“ ein Killer mit Burn-Out-Syndrom und Alkoholproblem. In der Liebeskomödie „Genug gesagt“ spielte er, untypisch für ihn, einen Liebhaber und in „The Drop“, seinem letzten Film, den desillusionierten Barbesitzer Marv (oder Cousin Marv, wie ihn allen nennen), dessen Lokal in Brooklyn eine Drop Bar ist. Also eine Bar, in der die Mafia für einen Abend ihr Straßengeld lagert und später abholt. Eines Abends, kurz nach Weihnachten, wird die Bar überfallen und eine Serie von tödlichen Ereignissen beginnt. Denn selbstverständlich will der tschetschenische Gangsterboss Chovka (Michael Aronov) sein Geld haben und „Skrupel“ ist dabei für ihn ein Fremdwort.
Marvs langjähriger und mit ihm verwandter Barkeeper Bob Saginowski (Tom Hardy), ein introvertierter Mann, der bei dem Überfall dabei war und Detective Torres (John Ortiz) sagte, dass einer der Gangster eine kaputte Uhr gehabt hatte, findet auf seinem Heimweg in einer Mülltonne einen Hund, den er, eher widerwillig, bei sich aufnimmt. Er befreundet sich mit Nadia (Noomi Rapace), die sich gut mit Hunden versteht und in deren Mülltonne der kleine Pitbull war.
Kurz darauf will Eric Deeds (Matthias Schoenaerts) seinen Hund wieder haben. Er ist der frühere Besitzer von Rocco, wie Bob das Welpen nannte, und Nadias gewalttätiger Ex-Freund. Bob weigert sich, aber Eric, der damit prahlt, den vor Jahren spurlos verschwundenen Richie ‚Glory Days‘ Whelan ermordet zu haben, wird nicht lockerlassen.
Und dann liegt im Hof von Cousin Marvs ein abgehackter Arm auf. An seinem Handgelenk ist die kaputte Uhr. Bob entsorgt das Körperteil ohne zu Zögern und ohne ein Wort zu sagen. Aber Marv ist nervös.
„The Drop“ ist ein düsterer, ruhig erzählter, in Brooklyn spielender Gangsterfilm, der nicht thrillen, sondern ein alltägliches Porträt eines Viertels und einiger seiner Bewohner entwerfen will. Das gelingt Michaël R. Roskam in seinem US-Debüt, nach seinem Spielfilmdebüt „Bullhead“ (Rundskop, 2011), auch vorzüglich. Dank der minimalistisch spielenden Schauspieler und der knappen Dialoge von Dennis Lehane („Mystic River“), der hier eine auf den ersten Blick einfache Geschichte erzählt, die dann doch ziemlich komplex und verdammt gut konstruiert ist.
Die Filmgeschichte basiert auf seiner Kurzgeschichte „Animal Rescue“, die Lehane zuerst zu einem Drehbuch ausbaute und dann als Roman wiedererzählte, wobei der Roman und der Film in einem interessanten Spannungsverhältnis stehen. Denn Lehane veränderte einige Details (so spielt der Roman nicht in Brooklyn, sondern in Boston) und plötzlich erscheint in der kleinen Gangstergeschichte vieles in einem anderen Licht, weshalb sich ein Vergleich von Buch und Film lohnt.

The Drop - Plakat

The Drop – Bargeld (The Drop, USA 2014)
Regie: Michaël R. Roskam
Drehbuch: Dennis Lehane
LV: Dennis Lehane: Animal Rescue, 2009 (erschienen in Dennis Lehane, Hrsg.: Boston Noir, Kurzgeschichte)
mit James Gandolfini, Tom Hardy, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, Michael Esper, Ross Bickell, James Frecheville, Tobias Segal, Patricia Squire, Ann Dowd
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Der Roman zum Film

Lehane - The Drop - Bargeld - 4

Dennis Lehane: The Drop – Bargeld
(übersetzt von Steffen Jacobs)
Diogenes, 2014
224 Seiten
19,90 Euro

Originalausgabe
The Drop
William Morrow, New York, 2014

Hinweise
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Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Drop“
Moviepilot über „The Drop“
Metacritic über „The Drop“
Rotten Tomatoes über „The Drop“
Wikipedia über „The Drop“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „In der Nacht“ (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes “Shutter Island” (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Die Pressekonferenz zum Film beim diesjährigen Toronto International Film Festival (TIFF) mit Michaël R. Roskam, Dennis Lehane, Tom Hardy, Noomi Rapace und Matthias Schoenarts


TV-Tipp für den 6. September: Frances Ha

September 5, 2014

Servus TV, 20.15

Frances Ha (USA 2012, Regie: Noah Baumbach)

Drehbuch: Greta Gerwig, Noah Baumbach

Frances Ha stolpert durch ihr Leben – und wir sind verzückt.

Eines der Kino-Highlights von 2013.

mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen, Charlotte d’Amboise, Crace Gummer, Justine Lupe, Patrick Heusinger, Christine Gerwig, Gordon Gerwig

Hinweise

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Film-Zeit über „Frances Ha“

Metacritic über „Frances Ha“

Rotten Tomatoes über „Frances Ha“

Wikipedia über „Frances Ha“ (deutsch, englisch)

Berlinale: „Frances Ha“-Pressekonferenz Noah Baumbach und Greta Gerwig

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Frances Ha“ (Frances Ha, USA 2012)


TV-Tipp für den 15. Februar: Frances Ha

Februar 15, 2014

Servus TV, 20.15

Frances Ha (USA 2012, R.: Noah Baumbach)

Drehbuch: Greta Gerwig, Noah Baumbach

Frances Ha stolpert durch ihr Leben – und wir sind verzückt.

Eines der Kino-Highlights von 2013.

mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen, Charlotte d’Amboise, Crace Gummer, Justine Lupe, Patrick Heusinger, Christine Gerwig, Gordon Gerwig

Wiederholung: Sonntag, 16. Februar, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Frances Ha“

Metacritic über „Frances Ha“

Rotten Tomatoes über „Frances Ha“

Wikipedia über „Frances Ha“ (deutsch, englisch)

Berlinale: „Frances Ha“-Pressekonferenz Noah Baumbach und Greta Gerwig

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Frances Ha“ (Frances Ha, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Runner Runner“ in der Welt des Online-Pokers und auf Costa Rica

Oktober 18, 2013

 

Princeton ist eine noble Universität mit entsprechend hohen Studiengebühren, die über das elterliche Bankkonto, Stipendium oder Kredit bezahlt werden können. Doktorand Richie Furst (Justin Timberlake) probiert es anders. Er verdient, immerhin gehört er nicht zu den oberen Zehntausend, sein Geld als Vermittler. Was okay wäre, wenn er es nicht auf dem Uni-Campus tun würde und er seine Kommilitonen nicht an ein in den USA verbotenes Online-Glücksspiel vermitteln würde. Daher stellt ihm der Dekan vor die Wahl zwischen seinem Studium und seiner Arbeit. Furst, der sein Studium abschließen möchte, setzt alles auf eine Karte: in einer Nacht will er beim Online-Poker sein Vermögen so vermehren, dass er damit sein restliches Studium finanzieren kann.

Am Ende der Nacht hat er alles verspielt und als er sich später sein Spiel ansieht, stellt er fest, dass er betrogen wurde. Er reist nach Costa Rica, um dort Ivan Block (Ben Affleck) zu treffen. Block ist eine Zockerlegende, die das Online-Casino betreibt, dadurch sehr reich wurde und jetzt auf der Insel ein abgeschirmt mondänes Leben führt. Furst kann auf einer Party bis zu Block vordringen und ihm von dem Betrug in seinem Casino erzählen erzählen.

Block entdeckt in dem Jungen Potential und bietet ihm einen Job an, den Furst annimmt. Schnell schwimmt er im Geld und verliebt sich in Rebecca Shafran (Gemma Arterton), die Vertraute von Block.

Runner Runner“, der neue Film von Brad Furman, erinnert mit seiner langsamen Erzählweise und der Konzentration auf seine eher halbseidenen Charaktere, die alle in Teilen undurchschaubar bleiben und ihre dunklen Seiten haben, an die 70er-Jahre-Filme, in denen Antihelden im Mittelpunkt standen. So ist Richie Furst ein aus einer Spielerfamilie kommender Junge, der sich erstaunlich leicht von Block und der Botschaft des schnellen Geldes blenden lässt. Block, schön diabolisch von Ben Affleck gespielt, verführt ihn dabei in erbaulichen Sentenzen, die anscheinend aus dem letzten Selbsthilfeseminar stammen und immer zwischen Verführung des willigen Opfers und Demaskierung der Management-Plattitüden schwanken. Denn natürlich baut er Furst nur als möglichen Strohmann auf. Blocks rechte Hand Shafran findet den Neuling Furst zwar sympathisch, aber ob sie wirklich in ihn verliebt ist oder ihn nur zur sexuellen Entspannung benutzt, bleibt lange unklar. Und der FBI-Agent Shavers (Anthony Mackie) ist auch keine moralische Lichtgestalt. Er will Block unbedingt ins Gefängnis bringen und erpresst Furst dafür gnadenlos.

Das könnte, wenn wir akzeptieren, dass der geniale Bösewicht das Online-Casino von seinem Wohnort betreibt und auch dort, richtig old-school-mäßig, sein Geld bunkert, hochspannendes Kino vor exotischer Kulisse sein, wenn die Geschichte nicht so vorhersehbar wäre und Furman sich, nach einem Drehbuch von Brian Koppelman und David Levien („Das Urteil“, „Ocean’s Thirteen“, „The Girlfriend Experience“ und die kurzlebige Poker-TV-Serie „Tilt“), nicht am Anfang zu viel Zeit lassen würde. Denn nachdem lange Zeit die Geschichte gemütlich vor sich hinplätschernd immer düsterer wird, kommt das Ende dann viel zu überhastet.

Runner Runner“ erreicht nie die Qualität von Furmans vorherigem Film, der grandiosen Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“. Aber als vor exotischer Kulisse spielendes Spielerdrama, das auch einen kleinen Blick in die Welt des Online-Glücksspiels wirft und dies mit endlosen Partys vor südländischer Kulisse verknüpft, ist es goutierbar.

Allerdings wird einem auch schmerzlich bewusst, was in der Welt des Online-Glücksspiels fehlt: der Glamour der alten Casinos. Denn ein Raum voller Computer ist einfach nicht so sexy wie ein Casino in Las Vegas, Monte Carlo oder Kuba. Sogar Atlantic City hat mehr Charme.

Runner Runner - Plakat

Runner Runner (Runner Runner, USA 2013)

Regie: Brad Furman

Drehbuch: Brian Koppelman, David Levien

mit Justin Timberlake, Ben Affleck, Gemma Arterton, Anthony Mackie, Michael Esper, Oliver Cooper, Christian George, Yul Vazquez, John Heard

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Hinweise

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Film-Zeit über „Runner Runner“

Moviepilot über „Runner Runner“

Metacritic über „Runner Runner“

Rotten Tomatoes über „Runner Runner“

Wikipedia über „Runner Runner“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brad Furmans „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Frances Ha“ ist – zum Glück – nicht auf der Suche nach dem Mann fürs Leben

August 1, 2013

 

Frances – oder sollte ich Greta Gerwig sagen? Denn selten verschwimmt ein Schauspieler so mit ihrem Charakter (oder wir wünschen es uns), wie Greta Gerwig mit Frances in „Frances Ha“. Woody Allen fällt einem ein. Auch bei ihm ist ja unklar, wie sehr er er selbst oder der Charakter „Woody Allen“ ist.

Sie ist eine 27-jährige, in New York lebende Tänzerin, die gerne eine feste Anstellung in einer Tanzcompanie hätte und weiter mit ihrer besten Freundin Sophie (Stng-Tochter Mickey Sumner) zusammen wohnen würde. Und sie ist ein angenehm verpeilter Sonnenschein, der wenig Geld, aber viel Gottvertrauen und eine positive Weltsicht hat und nicht erwachsen werden möchte. Denn eigentlich ist ihr Leben und die vielen Umzüge, die dem Film auf den ersten Blick eine notdürftige Struktur verschaffen, okay. Sie ist zwar „undateable“, aber sie ist auch nicht wirklich auf der Suche nach dem Traummann. Gleich am Anfang verlässt sie ihren Freund, weil sie lieber weiter mit Sophie zusammen wohnt.

Greenberg“-Regisseur Noah Baumbach, der auch die Drehbücher für die Wes-Anderson-Filme „Die Tiefseetaucher“ und „Der fantastische Mr. Fox“ mitschrieb, verfolgt Frances in seiner episodischen, in Schwarz-Weiß gedrehten New-York-Komödie ein gutes Jahr, das sie meistens in New York in verschiedenen Wohnungen verbringt, weil Sophie ihren Mann fürs Leben gefunden hat, ausgezogen ist und Frances sich die Wohnung nicht mehr leisten kann.

Sie besucht, in einer etwas kurz geratenen Episode, über die Weihnachtstage ihre Eltern, die von Gerwigs Eltern gespielt werden, in ihrem Geburtsort Sacramento. Und sie fliegt für ein Wochenende nach Paris, das hier nicht die Stadt der Liebe, sondern der Einsamkeit ist. Dieser Kurztrip ist etwas ziellos und auch dramaturgisch unnötig.

Es gibt eine kurze, viel zu plötzlich kommende Depri-Phase, die etwas außerhalb des restlichen Tons des Films steht und zu sehr außerhalb ihres Charakters ist, was sie am Ende eines Monologs auch selbst sagt.

Der Ausflug zu ihrer alten Universität in Poughkeepsie ist dagegen gelungen, auch um die Fäden für ihre Rückkehr nach New York zusammenzubinden, und das Ende in New York versöhnt.

Baumbachs Feelgood-Movie erinnert an die Nouvelle Vague, an Woody Allens Filme, vor allem natürlich an sein SW-Meisterwerk „Manhattan“ und die Filme von Charlie Chaplin, bei dem auch unklar war, wie sehr er der von ihm gespielte Tramp war und der wahrscheinlich ein besserer Tänzer als Frances war. Doch der Tonfall, die Stimmungswechsel, die Improvisationsfreude (wobei das alles schon in Baumbach und Gerwigs Drehbuch stehen soll) und die weitgehend unbekannten Schauspieler erinnern dagegen an die Nouvelle Vague, an Filme von Francois Truffaut, Eric Rohmer und Jean-Luc Godard, die keine Stars engagierte, sondern Filmstars machten.

Es gibt witzige Dialoge, passend eingesetzte Musik und ein Gefühl überschäumender Lebensfreude, auch wenn die Umstände nicht so rosig sind. Das alles fügt sich so locker zusammen, dass kaum auffällt, wie genau durchstrukturiert der Film ist und wie viel zusammenhängende, aufeinander aufbauende Geschichte sich in den einzelnen Episoden, die wie zufällig aneinandergereihte Beobachtungen wirken, verbirgt.

Aber eigentlich ist die Story egal, weil man einfach gerne mit Frances und ihren männlichen und weiblichen Freunden zusammen ist. Es ist wie ein Besuch in einer netten WG.

Frances Ha - Plakat

Frances Ha (Frances Ha, USA 2012)

Regie: Noah Baumbach

Drehbuch: Greta Gerwig, Noah Baumbach

mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen, Charlotte d’Amboise, Crace Gummer, Justine Lupe, Patrick Heusinger, Christine Gerwig, Gordon Gerwig

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Frances Ha“

Metacritic über „Frances Ha“

Rotten Tomatoes über „Frances Ha“

Wikipedia über „Frances Ha“ (deutsch, englisch)

Berlinale: „Frances Ha“-Pressekonferenz Noah Baumbach und Greta Gerwig

 

 


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