TV-Tipp für den 23. November: Haywire

November 23, 2017

Vox, 23.05

Haywire (Haywire, USA 2011)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Lem Dobbs

Eine Geheimagentin will herausfinden, warum ihr Chef sie umbringen will.

Klasse besetzter, grandios-kurzweiliger Old-School-Agententhriller, bei dem Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Gina Carano auch als Schauspielerin (Drehbuch und Regie halfen) überzeugt.

mit Gina Carano, Michael Fassbender, Ewan McGregor, Bill Paxton, Channing Tatum, Antonio Banderas, Michael Douglas, Michael Angarano, Mathieu Kassovitz, Anthony Wong

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Haywire“

Rotten Tomatoes über „Haywire“

Wikipedia über „Haywire“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Logan Lucky“ (Logan Lucky, USA 2017)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte

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Neu im Kino/Filmkritik: Die Jo-Nesbø-Verfilmung „Schneemann“

Oktober 19, 2017

Als Vorbild taugt Harry Hole nicht. Der Osloer Mordermittler ist ein Trinker, der nur nüchtern wird, wenn er einen neuen Mordfall hat. Je gruseliger, vertrackter und mysteriöser, umso besser. Deshalb ist er auch von seinem neuen, sich langsam, aus einigen eher zufälligen Ereignissen entwickelnden Fall begeistert: junge Mütter verschwinden spurlos, ein Schneemann (ja, ein richtiger, echter Schneemann, weil in Oslo im Winter meterhoher Schnee liegt) steht vor der Tür der Verschwundenen und Harry Hole erhält per Post eine seltsame Nachricht von dem Mörder, nach der er Hole alle Informationen gegeben habe, um die Morde zu verhindern.

Holes Ermittlungen, mit einer jungen, überengagierten Kollegin, führen ihn in die Vergangenheit. Anscheinend hat der Killer in Bergen schon einmal mehrere Frauen ermordet. Der damalige Ermittler, ebenfalls ein Alkoholiker, soll Suizid begangen haben.

Und, – was wäre ein skandinavischer Krimi ohne die Politik? -, Norwegen bewirbt sich gerade als Ausrichter für die olympischen Winterspiele. Die Bewerbung wird von einem Unternehmer vorangetrieben, der während der früheren Morde in Bergen lebte.

Krimifans, vor allem Fans von skandinavischen Krimis, kennen den von Jo Nesbø erfundenen Harry Hole bereits seit zwanzig Jahren. Damals erschien in Norwegen sein erster Harry-Hole-Roman „Der Fledermausmann“. 1999 erschien bei Ullstein die deutsche Ausgabe. Ullstein ist immer noch sein deutscher Verlag.

Damit gehört Nesbø zu den ersten Autoren der immer noch anhaltenden Welle skandinavischer Krimis, von denen auch etliche verfilmt wurden. Manchmal fürs Kino, öfter fürs Fernsehen und, im Fall von Kommissar Wallander, mit vielen verschiedenen Darstellern.

Nur die Fans von Harry Hole mussten sich gedulden.

Mit „Schneeman“ kommt jetzt die erste Harry-Hole-Verfilmung in unsere Kinos und der Blick auf die Credits weckt hohe Erwartungen. Martin Scorsese ist einer der Produzenten. Er war auch einmal als Regisseur im Gespräch. Das Drehbuch ist von Peter Straughan („Eine offene Rechnung“, „Dame König, As, Spion“), Hossein Amini („Drive“, „Verräter wie wir“, „Die zwei Gesichter des Januar“ [auch Regie]) und Søren Sveistrup („Kommissarin Lund“). Tomas Alfredson („So finster die Nacht“, „Dame, König, As, Spion“) übernahm die Regie und Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny und Sofia Helin haben mehr oder weniger große Rollen übernommen. Marco Beltrami schrieb die Musik. Thelma Schoonmaker (alle Scorsese-Filme seit „Wie ein wilder Stier“) und Claire Simpson (Oscar für „Platoon“) waren für den Schnitt zuständig.

Das geht schon auf den ersten Blick eindeutig in Richtung Hollywood-Prestigeprodukt. Wie David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“.

Alfredsons „Schneemann“ ist trotz seines Potentials aber nie die intendierte große Hollywood-Verfilmung, sondern der typische düstere, humorlose skandinavische TV-Krimi, der sich nur durch die Besetzung von einem TV-Krimi unterscheidet. Er hat auch mit all den Problemen zu kämpfen, die wir aus den skandinavischen Krimis kennen. Es geht um einen Serienmörder. Das Motiv für seine Taten liegt in seiner Kindheit. Die Morde sind bestialisch. Die Ermittler haben mehr persönliche Probleme, als gestandene Hypochonder. Ihr Privatleben nimmt einen großen Teil der Geschichte ein. Meistens ohne den Fall irgendwie voranzubringen Sie sind persönlich in den Fall verwickelt. Es gibt etwas Kapitalismuskritik. In „Schneemann“ ist sie milder als man es von skandinavischen Krimis gewohnt ist. Und der Plot ist so labyrinthisch, dass man besser nicht darüber nachdenkt, ob das alles irgendwie logisch zusammenpasst. Manchmal ist die Identität des Mörders bekannt. Öfter nicht. Dann wird der Serienmörderfall als Whodunit erzählt. Gerne mit Rückblenden zu einem älteren Fall, weil die Morde in der Gegenwart weit in die Vergangenheit zurückreichen. Es gibt einige Verdächtige. In „Schneemann“ sind das vor allem ein vermögender Unternehmer, der eine Kampagne für olympische Spiele in Norwegen organisiert und ein Arzt mit unseriösen Nebeneinkünften.

Deshalb könnte ich auch eine alte Besprechung einer Henning-Mankell/Stieg-Larsson/Arne-Dahl/Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung (um nur Einige zu nennen) hervorholen, die Namen anpassen und sie als „Schneemann“-Kritik veröffentlichen. Alfredsons Film wirkt immer wie eine x-beliebige Episode aus einer x-beliebigen Krimiserie.

Angesichts des in diesem Fall versammelten Talents ist dieser durch und durch durschnittliche, niemals beeindruckende Kriminalfilm eine herbe Enttäuschung.

Schneemann (The Snowman, USA 2017)

Regie: Tomas Alfredson

Drehbuch: Peter Straughan, Hossein Amini, Søren Sveistrup

LV: Jo Nesbø: Snømannen, 2007 (Schneemann)

mit Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, Jonas Karlsson, Michael Yates, Ronan Vibert, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, Genevieve O’Reilly, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny, Leonard Heinemann, Sofia Helin

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Schneemann“

Metacritic über „Schneemann“

Rotten Tomatoes über „Schneemann“

Wikipedia über „Schneemann“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tomas Alfredsons John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Bonushinweis

Vor wenigen Tagen erschien bei Ullstein Jo Nesbøs neuer Harry-Hole-Roman „Durst“. In seinem elften Fall sucht Harry Hole, der inzwischen an der Polizeihochschule unterrichtet, einen Serienkiller, der seine Opfer über die Dating-App Tinder findet. Unter den Opfern ist eine Kellnerin aus seinem Stammlokal – und der Mörder ist für ihn kein Unbekannter.

Jo Nesbø: Durst

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Ullstein, 2017

624 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Tørst

Aschehoug, Oslo, 2017

Hinweise

Deutsche Homepage von Jo Nesbø

Englische Homepage von Jo Nesbø

Meine Besprechung von Morten Tyldums Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“ (Hodejegerne, Norwegen/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Magnus Martens‘ „Jackpot – Vier Nieten landen einen Treffer“ (Arme Riddere, Norwegen 2011) (nach einer Geschichte von Jo Nesbø)


Neu im Kino/Filmkritik: Bricht Michael Fassbender „Das Gesetz der Familie“?

August 4, 2017

Seit Generationen leben die Cutlers in Gloucestershire mitten im Herzen von Postkartenengland und sie haben mit dieser Postkartenidylle nichts zu tun. Wie Kesselflicker leben sie in Wohnwagen, halten zusammen und sind Kriminelle, die alles klauen, was nicht niet und nagelfest ist. Sie sind auch Stammkunden bei der Polizei und tauschen regelmäßig ihren Wohnwagen gegen eine Gefängniszelle.

Colby Cutler (Brendan Gleeson) ist der unumstrittene Clanchef. Chad (Michael Fassbender) sein Sohn und Nachfolger. Allerdings ist er mit Kelly (Lyndsey Marshal), einer Frau aus dem Dorf, verheiratet und er hat zwei Kinder, die er richtig erziehen möchte. Dazu gehört auch, dass sein achtjähriger Sohn die Schule besucht. Er selbst besuchte nie eine Schule und ist Analphabet.

Chad will sogar aus der familiären Wohnwagensiedlung wegziehen und ein bürgerliches Leben beginnen.

In seinem Spielfilmdebüt „Das Gesetz der Familie“ porträtiert der TV- und Musikvideo-Regisseurs Adam Smith einen autoritär strukturierten Clan, der außerhalb der Gesellschaft lebt und die Dynamik innerhalb einer Vater-Sohn-Beziehung. Brendan Gleeson und Michael Fassbender überzeugen als Vater und Sohn. Und Fassbender hat man noch nie so entspannt gesehen, wie wenn er mit seinem Filmsohn zusammen herumalbert. Sie allein machen den Film sehenswert.

Allerdings plätschert der Film unentschlossen zwischen Familien- und Gangstergeschichte hin und her, spitzt den Vater-Sohn-Konflikt kaum zu und er hat eines der feigsten Enden der letzten Jahre. In den letzten Minuten beendet er nämlich nicht den Konflikt zwischen Chad und Colby, sondern weicht ihm aus. So als habe man bei einem Agatha-Christie-Krimi einfach die Minute, in der der Mörder enttarnt wird, weggelassen, weil der Autor keine Ahnung hatte, wer der Mörder ist und es ihm auch vollkommen egal ist, weil er damit zufrieden ist, alle Verdächtigen vorgeführt zu haben.

In diesem Moment sind all die durchaus vorhandenen Qualitäten des Films obsolet. Aus einem Familienporträt wird, – grundlos -, ein dicker Stinkefinger in Richtung Publikum.

Das Gesetz der Familie (Trespass against us, Großbritannien 2016)

Regie: Adam Smith

Drehbuch: Alastair Siddons

mit Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal, Georgie Smith, Kacie Anderson, Rory Kinnear, Sean Harris, Killian Scott, Barry Keoghan

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Gesetz der Familie“

Metacritic über „Das Gesetz der Familie“

Rotten Tomatoes über „Das Gesetz der Familie“

Wikipedia über „Das Gesetz der Familie“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 23. Juni: Shame

Juni 23, 2017

3sat, 22.10
Shame (Shame, Großbritannien 2011)
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan
Brandon ist sexsüchtig – und das ist kein Vergnügen.
Grandioses, etwas kühles Drama von Steve McQueen, der davor „Hunger“ und danach „12 Years a Slave“ inszenierte. Alles keine leichte Kost, aber in jedem Fall sehenswert.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit zwei ausführlichen Interviews mit Steve McQueen und Michael Fassbender).
mit Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie
Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Shame“

Rotten Tomatoes über „Shame“

Wikipedia über „Shame“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Steve McQueens “12 Years a Slave” (12 Years a Slave, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Song to Song“, Terrence Malick to Terrence Malick

Mai 25, 2017

Seinen neuen Film drehte Terrence Malick in Austin, Texas. Unter anderem bei den dortigen Rockmusikfestivals und neben den Filmstars sind auch etliche Rockmusiker, wie Patti Smith, Iggy Pop und John Lydon (aka Johnny Rotten), dabei. Das macht „Song to Song“ allerdings nicht zu einem Film über die Musikszene von Austin oder die Rockmusik. Sie ist nur der beliebig austauschbare Hintergrund für Malickrismen, die in der richtigen Stimmung ihren Reiz entfalten können, meistens aber nur als Kunstkitsch nerven. Auch in seinem vorherigen Film „Knight of Cups“, in dem Christian Bale einen erfolgreichen Hollywood-Comedy-Drehbuchautor in einer Midlife-Crisis spielte, war es so. Da wurde im Presseheft zwar behauptet, dass Bale einen Autor spielte, aber man sah ihn nie bei der Arbeit und man erfuhr nichts, aber auch absolut nichts über Hollywood. Bale hätte genausogut jeden anderen Beruf ausüben können.

Im Gegensatz zu Malicks vorherigen Filmen ist in „Song to Song“ fast eine Geschichte erkennbar. Wenn man „Geschichte“ als eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Synopse, Film und Wahrnahme des Films sieht. Bei „Knight of Cups“ war die Synopse dagegen nur eine mögliche Zusammenfassung des Films. Bei „Song to Song“ geht es um eine junge Musikerin (Rooney Mara), die zwischen zwei Männern steht. Der eine ist ein erfolgreicher Musikproduzent (Michael Fassbender). Der andere ein aufstrebender Songwriter (Ryan Gosling). Sie ist mit beiden mal zusammen, mal getrennt. Mit einem gründet sie dann eine Familie.

An dieser „Geschichte“ hängt Terrence Malick seine Bilder auf, die sich nie um eine nachvollziehbare Chronologie kümmern und bei denen man auch überhaupt nicht versuchen sollte, sie in eine Chronologie zu pressen. Das war schon bei seinen vorherigen Filmen, die er seit 2011 mit „The Tree of Life“ in einem wahren Schaffensrausch heraushaute, so. Es geht Malick nicht um eine Geschichte, sondern nur um eine ästhetisch ansprechende Symphonie von Bildern und Tönen. Und genauso sehr, wie sich die Filme ähneln, könnte man einfach eine alte Besprechung recyclen. Denn wie in Malicks vorherigen Filmen ist der pompös herausgestellte Ort und das achsowichtige Milieu der Geschichte für die Handlung und die Charaktere vollkommen egal. So dürfen die Schauspieler in „Song to Song“ zwar, wie Groupies, im Backstage-Bereich der Bühne herumstehen und über das Festivalgelände streunen, aber sie könnten genausogut beliebige Festivalbesucher oder Freunde der Veranstalter sein. Am Ende der zwei Stunden wissen wir noch nicht einmal, welche Musik Faye, Cook und BV machen; außer dass es keine Klassik ist. Dann wären sie durch ein Opernhaus gestolpert.

Entsprechend beliebig ist der Soundtrack, den wahrscheinlich ein jüngerer Mitarbeiter von Malick als Mix-Tape zusammenstellen durfte, und die Auftritte der teils groß herausgestellten Rockmusiker. Bis auf Patti Smith beschränken sich ihre Auftritte auf Ein-Satz-Statements im Backstage-Bereich. Gedreht wurde während dem 2012er Austin City Limits Festival, dem South by Southwest Festival (SXSW) und dem Fun Fun Fun Fest. Im Film gibt es einige kurze Konzertausschnitte und Backstage-Impressionen mit mehr oder weniger bekannten Musikern und Bands.

Immerhin können die Austin-Festivalmacher sich über einen großen Werbefilm für Austin freuen. Die Weltpremiere des Films war dann auch am 10. März 2017 auf dem SXSW.

Fans der neuen Malick-Filme werden in „Song to Song“ all das finden, was ihnen an seinen in diesem Jahrzehnt gedrehten Filmen gefiel. Die schwebenden Bilder von Kameramann Emmanuel Lubezki; wobei die Festivalimpressionen sich nicht so wahnsinnig von anderen Konzertfilmen und Festivalberichten unterscheiden und sie auch nicht so schön wie Sonnenuntergänge in der Wüste sind. Die bedeutungsschwangeren Off-Texte, die dieses Mal von den verschiedenen Charakteren geflüstert werden und die die Liebesgeschichte etwas strukturieren. Über Kalenderweisheiten kommen sie allerdings nie hinaus. Und alles wird mit religiösem Kitsch zugekleistert.

Wobei es dieses Mal sehr lange dauert, bis der religiöse Kitsch in seiner ganzen Kraft zuschlägt. Dafür ist er am Ende des Films noch penetranter als in seinen vorherigen Filmen. Immerhin sorgte das Ende im Kinosaal für einen ungläubigen halbkollektiven Lacher und Oh-my-god-Stöhner. Denn Ironie, Witz, eine gewisse Doppeldeutigkeit oder ein Interpretationsspielraum bei der Botschaft kommen in Malicks Welt und im gesamten Film nicht vor. Dafür dürfen die Schauspieler, wie in seinen vorherigen Filmen, ohne Drehbuch improvisieren und so die Dreharbeiten als befreiende Selbsterfahrung erleben. Sie hatten sicher ihren Spaß. Für das Publikum ist das Ergebnis dann prätentiöser Quark mit banalreligiöser Beigabe, die immerhin schön aussieht.

Mit seinem grandiosen Frühwerk – „Badlands“ (1973), „In der Glut des Südens“ (Days of Heaven, 1978), „Der schmale Grad“ (The Thin Red Line, 1998) und, wenn auch sehr eingeschränkt, „The New World“ (2005) – hat „Song to Song“ nichts zu tun.

Song to Song (Song to Song, USA 2017)

Regie: Terrence Malick

Drehbuch: Terrence Malick

mit Ryan Gosling, Rooney Mara, Michael Fassbender, Natalie Portman, Cate Blanchett, Holly Hunter, Val Kilmer, Bérénice Marlohe, Lykke U, Tom Sturridge, Patti Smith, Iggy Pop, John Lydon, Florence Welch, The Black Lips, The Red Hot Chili Peppers (die meisten Auftritte bewegen sich im Cameo-Bereich)

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Aus der Freigabebegründung der FSK

Kindern im Grundschulalter bietet die Handlung praktisch keine Anknüpfungspunkte, weshalb sie eine große Distanz zu den Geschehnissen wahren können. Zugleich werden Kinder ab 6 Jahren von den teils mysteriös-poetischen Bilderwelten des Films nicht überfordert oder geängstigt.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Song to Song“

Metacritic über „Song to Song“

Rotten Tomatoes über „Song to Song“

Wikipedia über „Song to Song“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „To the Wonder“ (To the Wonder, USA 2012)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Knight of Cups“ (Knight of Cups, USA 2015)

Meine Besprechung von Dominik Kamalzadeh/Michael Peklers “Terrence Malick” (2013)

Terrence Malick in der Kriminalakte

Das Publikumsgespräch bei der Premiere mit Michael Fassbender und Terrence Malick (einer seiner sehr sehr, sehr seltenen öffentlichen Auftritte)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Alien: Covenant“ liefert neues Frischfleisch

Mai 18, 2017

 

Einerseits könnte sich langsam eine gewisse Unübersichtlichkeit einstellen. Denn „Alien: Covenant“ spielt zehn Jahre nach „Prometheus“ und noch vor dem legendären ersten „Alien“-Film, der bei dem damaligen Kinostart 1979 einige Karrieren beflügelte. Vor allem natürlich die von Regisseur Ridley Scott und Hauptdarstellerin Sigourney Weaver. Es soll, so sagte Scott in Interviews, auch noch weitere Filme geben, die vor „Alien“ spielen.

Andererseits ist das mit der Chronologie zu einem guten Teil Marketinggedöns. Denn „Alien: Covenant“ kann, wie alle „Alien“-Filme, ohne die Kenntnis der anderen Filme gesehen und verstanden werden. „Alien: Covenant“ ist ein Einzelfilm, der sich kaum um „Prometheus“ kümmert, der mit viel tiefsinnigem Bohei die Geschichte einer Forschungsreise zu einem fremden Planeten schilderte und dabei als Film einen ziemlichen Schiffbruch erlitt.

Das wichtigste Verbindungsglied zu „Prometheus“ ist Michael Fassbender, der wieder einen Androiden spielt. Walter heißt er dieses Mal und er hält die Covenant in Schuss, während die rund zweitausend Passagiere schlafen. Die Covenant ist ein Siedlungsschiff auf dem Weg zu dem erdähnlichen Planeten Origae-6. Auf dem Weg dorthin beschädigt eine Planetenexplosion das Schiff und Walter muss die Crewmitglieder aus dem Tiefschlaf aufwecken. Dabei stirbt Captain Branson.

Noch während der Reparaturarbeiten empfangen sie einen kryptischen Funkspruch, den sie für einen Hilferuf halten und sie entdecken, als sie nach der Quelle des Signals suchen, in unmittelbarer Nähe einen Planeten, der als zweite Erde fungieren könnte.

Sie beschließen ihn sich anzusehen (Yep, böser Fehler).

Auf dem Planeten entdecken sie die Überreste eines Raumschiffes, das wir sofort als das altbekannte Alien-Raumschiff wieder erkennen. Sie trampeln auf einigen Alien-Eiern herum. Sie treffen David (ebenfalls Michael Fassbender), ein Vorgängermodell von Walter, das uns im Verlauf des Films auch sagt, wie die Forscherin Elisabeth Shaw, die Protagonistin von „Prometheus“, starb.

Und damit entsorgt Ridley Scott seinen vorherigen Alien-Film in wenigen Filmsätzen und -bildern. Denn „Alien: Covenant“ ist, mit wenigen Änderungen, ein Remake von „Alien“. Es ist in vielen Momenten auch gelungen und, wie man es von Ridley Scott kennt, optisch sehr gelungen. Scott kann einfach keine schlecht aussehenden Filme machen.

Es ist allerdings auch ein Film, der einfach noch einmal eine bekannte Geschichte erzählt. Und weil wir wissen, was passieren wird, kann er sich bis die Covenant-Besatzung auf dem Planeten landet und bis der erste Alien-Angriff erfolgt, viel Zeit lassen, in denen wir die Besatzung und die Covenant kennen lernen. Denn irgendwann werden die Aliens beginnen, die Besatzungsmitglieder der Covenant zu dezimieren und diese werden versuchen, sie zu töten. Und, weil es zu den Grundpfeilern der „Alien“-Welt gehört, wird eine Frau im Schlusskampf die Aliens besiegen. Dieses Mal wird die Heldin von Katherine Waterston gespielt. Sie trat vorher in „Inherent Vice“, „Steve Jobs“ und „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ auf. Sie spielt Daniels Branson, die Frau des verstorbenen Captain Branson.

Wenn die Covenant-Besatzung schwerbewaffnet den fremden Planeten erkundet, fügt Ridley Scott etwas Kriegsfilmpatina bei. Das erinnert dann an James Camerons „Aliens“, den zweiten „Alien“-Film. Sie benehmen sich ab dem Moment auch wie Soldaten auf einer Erkundungstour in feindlichem Gebiet. Bei den Raumfahrern, die bis dahin als Zivilisten porträtiert wurden, führt das dann zu der beständigen Irritation darüber, welche Ausbildung sie hatten. Sind sie, wie in „Alien“, Astronauten, die vor allem das Frachtschiff in Schuss halten sollen? Oder, was einige Dialoge nahe legen, die ersten Eroberer und Siedler eines neuen Planeten? Wobei man sich dann Gedanken über den Auswahlprozess machen sollte. So ist Bransons Stellvertreter ein tiefgläubiger Mensch, der von jeder Führungsaufgabe komplett überfordert ist. Oder, was ihr Verhalten im Kampf gegen die Aliens nahe legt, Elitesoldaten? Denn sie können nicht nur verdächtig gut mit Schusswaffen umgehen, sie bevorzugen auch eindeutig die militärische Konfliktlösungsstrategie des alles abschießen, was sich bewegt.

Aber untereinander verhalten sie sich nie wie Soldaten, sondern wie Arbeitskollegen, mehr wie bodenständige Fabrik- oder Lagerarbeiter, als wie feingeistige Wissenschaftler.

Mit David und auch Walter rückt die Frage, wie sehr Computer (und mehr sind Androiden ja nicht) über einen eigenen Willen verfügen, stärker in den Mittelpunkt der „Alien“-Welt als in den vorherigen Filmen, in denen die Androiden von verschiedenen Schauspielern gespielt wurden. Das ist eine interessante philosophische Frage, die in „Alien: Covenant“ erst spät gestellt und deshalb nicht großartig vertieft wird. Und bei der Antwort, die Scott in dem Film gibt, bin ich mir nicht sicher, wie sehr sie mit den in den anderen, zeitlich später spielenden „Alien“-Filmen gegebenen Antworten übereinstimmt. Oder ihr widerspricht; – wobei Scott ja noch einige „Alien“-Filme drehen will, die vor seinem 1979er „Alien“ spielen und in denen er die Franchise-Geschichte so zurechtbiegen kann, dass es am Ende keine Widersprüche mehr gibt.

Alien: Covenant“ ist kein schlechter Film. Für einen Hollywood-Blockbuster hat er eine sehr durchdachte Story, die eher bedächtig erzählt wird. Die Schauspieler sind gut. Die Tricks sowieso. Und dennoch will sich keine rechte Begeisterung einstellen. Alles ist zu vertraut, um noch Angst auszulösen. Alles bewegt sich zu sehr in den erwartbaren Bahnen, um zu überraschen.

Genau diesen Vorwurf konnte man den ersten „Alien“-Filmen nicht machen. In ihnen drückten die Regisseure James Cameron („Aliens“), David Fincher („Alien 3“) und Jean-Pierre Jeunet („Alien – Die Wiedergeburt“) den Filmen ihren unverwechselbaren Stempel auf. Bis auf Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die von H. R. Giger erfundenen Alien-Kreaturen und dem Mensch-kämpft-gegen-Monster-Grundplot gab es mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten zwischen den Filmen. Es waren Filme von Regisseuren am Beginn ihrer Karriere, die eine Carte Blanche erhielten und sie für eine vollkommen eigenständige Interpretation der „Alien“-Welt nutzten.

Heute ist Sir Ridley Scott kein junger Mann mehr. Er ist ein alter Mann mit unbestrittenen Verdiensten, der hier noch einmal einen Hit aus seiner Jugend covert.

Insofern ist „Alien: Covenant“ das filmische Äquivalent zur x-ten Studioversion eines tollen Songs, der ohne große Variationen wieder eingespielt wird, weil die Fans genau das wollen.

P. S.: „Alien: Covenant“ läuft auch im IMAX: „Das CineStar IMAX im Sony Center (Potsdamer Straße 4, 10785 Berlin), das Filmpalast am ZKM IMAX in Karlsruhe (Brauerstraße 40, 76135 Karlsruhe) und das Auto & Technik Museum in Sinsheim (Museumsplatz, 74889 Sinsheim) zeigen den Film sowohl in der deutschen Fassung als auch in der englischen Originalversion.“

Könnte sich lohnen.

Alien: Covenant (Alien: Covenant, USA 2017)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: John Logan, Dante Harper (nach einer Geschichte von Jack Paglen und Michael Green) (nach Charakteren von Dan O’Bannon und Ronald Shusett)

mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bechir, Carmen Ejogo, Nathaniel Dean, Benjamin Rigby, Callie Hernandez, James Franco, Guy Pearce

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Alien: Covenant“

Metacritic über „Alien: Covenant“

Rotten Tomatoes über „Alien: Covenant“

Wikipedia über „Alien: Covenant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Der Marsianer – Rettet Mark Watney” (The Martian, USA 2015)

Ridley Scott in der Kriminalakte

Es gibt zwei Vorfilme zu „Alien: Covenant“: „The Crossing“ und „The last Supper“

Und hier das Teaserplakat

Nachtrag (Juli 2017)

Alan Dean Foster hat den lesenswerten Roman zum Film geschrieben

Alan Dean Foster: Alien: Covenant

(übersetzt von Peter Mehler)

Luzifer Verlag, 2017

396 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Alien: Covenant

Titan Publishing Group Ltd., 2017


TV-Tipp für den 7. Januar: Eine dunkle Begierde

Januar 7, 2017

3sat, 23.30
Eine dunkle Begierde (A dangereous method, Deutschland/Kanada/Großbritannien/Schweiz 2011)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Christopher Hampton (nach dem Roman „A dangerous method“ von John Kerr und dem Theaterstück „The talking cure“ von Christopher Hampton)
Auf Tatsachen basierender Film über die Beziehung zwischen C. G. Jung, seiner Patientin Sabina Spielrein (die später eine geachtete Psychologin wird) und Sigmund Freud.
Ein toller Schauspielerfilm, der aber mehr wie eine besonders gute Arte-Produktion und weniger wie ein David-Cronenberg-Film wirkt.
mit Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender, Vincent Cassel, Sarah Gadon, André Hennicke, Arndt Schwerin-Sohnrey, Anna Thalbach
Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

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Film-Zeit über „Eine dunkle Begierde“

Rotten Tomatoes über „Eine dunkle Begierde“

Wikipedia über „Eine dunkle Begierde“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014) (und die DVD-Kritik)

David Cronenberg in der Kriminalakte


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