TV-Tipp für den 26. Mai: Oh Boy

Mai 25, 2018

Arte, 00.40
Oh Boy (Deutschland 2012, Regie: Jan-Ole Gerster)
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Der Endzwanziger und gescheiterte Langzeitstudent Niko driftet durch Berlin. Er trifft seltsame Menschen und fragt sich nach dem Sinn des Lebens.
Wunderschöne Berlin-Komödie, die bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut ankam. Wir warten immer noch auf Jan-Ole Gerstes zweiten Spielfilm.
mit Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Justus von Dohnány, Ulrich Noethen, Katharina Schüttler, Frederick Lau, Michael Gwisdek
Hinweise
Filmportal über „Oh Boy“
Film-Zeit über „Oh Boy“
Moviepilot über „Oh Boy“
Rotten Tomatoes über „Oh Boy“
Wikipedia über „Oh Boy“

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Das schweigende Klassenzimmer“ löst eine Staatskrise aus

März 2, 2018

Was passiert, wenn eine Schulklasse spontan eine Schweigeminute einlegt? Normalerweise nichts. Und genau das erwarteten die Schüler der Abiturklasse der Kurt-Steffelbauer-Oberschule in Storkow in der Mark Brandenburg in der Nähe von Berlin auch, als sie am 29. Oktober 1956 eine Schweigeminute für die Opfer des Aufstandes in Ungarn einlegten. Vor allem für den auch von ihnen verehrten Fußballer Ferenc Puskás, der nach einer Meldung von dem Radiosender RIAS Berlin eines der Opfer des Aufstandes war. Die 15 Schüler und 5 Schülerinnen wollten ihre Solidarität mit den Kämpfern gegen das sozialistische Regime demonstrieren.

Aber schnell zog die Aktion ungeahnte Kreise. Sogar Volksbildungsminister Fritz Lange besuchte persönlich die Klasse und forderte die Schüler auf, den Rädelsführer der Aktion zu nennen. Sonst würden sie in der gesamten DDR nicht zum Abitur zugelassen.

Die Jugendlichen wachsen unter dem Druck immer mehr zu einer Gemeinschaft, die die Schweigeminute gemeinsam beschlossen hat und die niemand verraten wird. Auch weil das Nennen eines Rädelsführers sie nicht aus ihrer misslichen Lage befreit hätte. Denn dann hätte die Klasse zwar nicht gemeinsam eine staatsfeindliche Aktion beschlossen, aber einen Klassenfeind gedeckt und ihn bei seiner Aktion unterstützt.

Am Ende sehen sie keine andere Möglichkeit mehr, als fast geschlossen und mit der Unterstützung bzw. Tolerierung ihrer Eltern vor allem an den Weihnachtstagen in den Westen zu flüchten. Fünfzehn Schüler und eine Schülerin verlassen ihre Heimat und ihre Eltern.

Dort werden sie mit offenen Armen als die Abiturienten, die die Freiheit gewählt haben, aufgenommen und sie können im März 1957 in Bensheim ihr Abitur ablegen.

2006 veröffentlicht Dietrich Garstka ein Buch über diese Geschichte, die auch seine ist. Er ist nämlich einer der Schüler und, nachdem nach dem Zusammenbruch der DDR Reisen in die alte Heimat problemlos möglich waren, die Abiturklasse sich zu verschiedenen Gelegenheiten in Storkow getroffen hat und die Medien über sie berichteten, beschloss der Gymnasiallehrer Garstka ein Buch über sie zu schreiben. In „Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt er, mit vielen zeitgenössischen Dokumenten und Zeitzeugeninterviews, ihre Geschichte.

Der Staat gegen Fritz Bauer“-Regisseur Lars Kraume las das Buch und er wollte diese Geschichte verfilmen. Dabei ist Garstkas Sachbuch für ihn eine Materialsammlung, an der er sich respektvoll, aber frei bediente. Immerhin ist ein Spielfilm kein Dokumentarfilm, teilweise müssen Persönlichkeitsrechte beachtet werden und die realen Ereignisse waren teilweise vielschichtiger als im Film, teilweise einfacher als im Film. So verlegt er die Geschichte von Storkow nach Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt), das eine klassische DDR-Architektur hat, die Storkow nicht hat. Er stellt vor allem zwei Schüler in den Mittelpunkt. Es gibt eine Liebesgeschichte. Es gibt einen am See lebenden Einsiedler, bei dem sie gemeinsam RIAS Berlin hören. Und einige der Eltern der Schüler haben größere Rollen. Schnell fügt sich das alles zu einem Porträt der DDR in den fünfziger Jahren, in dem jeder Charakter immer auch für etwas steht und so einen Teil der DDR erklärt. Das macht seine „wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg“ (Untertitel des Buches) immer wieder etwas didaktisch und es gibt etliche Details, die stören. Teils weil sie historisch falsch sind, teils weil sie unlogisch sind.

Wer auf solche Dinge achtet, hundertprozentige Faktentreue erwartet und den Film vielleicht in der Bildungsarbeit benutzt (was getan werden sollte), wird sich über diese Details ärgern. Aber letztendlich sind es Kleinigkeiten, die aus dramaturgischen Gründen so gefällt wurden. Und Kraume muss seinem Publikum, das die fünfziger Jahre und die DDR nicht erlebte, die nötigen Informationen, die zum Verständnis der Geschichte und des Konflikts nötig sind, als Teil der Handlung liefern. Das gelingt ihm sehr gut. Auch weil er den Konflikt zwischen den Schülern und dem Staat vielschichtig und differenziert zeichnet.

Das schweigende Klassenzimmer“ ist die politische Version von „Der Club der toten Dichter“. Kraumes Drama ist ein kraftvolles Plädoyer für Zivilcourage, ohne das aus US-Filmen bekannte überbordende Pathos und Sentiment, das zum erhöhten Taschentuchkonsum führt. Kraume spricht mehr den Kopf an. Er regt mit seinem Film, wie schon mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“, zum Nachdenken und Diskutieren an.

Das schweigende Klassenzimmer (Deutschland 2018)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume

LV: Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer, 2006

mit Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalski, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Florian Lukas, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Zum Kinostart spendierte der Ullstein-Verlag der lesenswerten Sachbuchvorlage einen schicken neuen Umschlag

Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer

Ullstein, 2018

256 Seiten (plus 16-seitiger Bildteil)

12 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das schweigende Klassenzimmer“

Moviepilot über „Das schweigende Klassenzimmer“

Rotten Tomatoes über „Das schweigende Klassenzimmer“

Wikipedia über „Das schweigende Klassenzimmer“

Berlinale über „Das schweigende Klassenzimmer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)


„Das schweigsame Klassenzimmer“ geht auf Kinotour

Februar 19, 2018

Ungefähr jetzt ist die galaktische „Berlinale“-Weltpremiere von Lars Kraumes neuem Film „Das schweigsame Klassenzimmer“ über eine DDR-Schulklasse, die im November 1956 mit einer Schweigeminute auf die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes reagierte. Ihre Lehrer und deren Vorgesetzten reagierten emport.

(Herrje, meine Lehrer wären froh gewesen, wenn wir mal geschwiegen hätten.)

Der Film läuft am 1. März an und dann erscheint auch meine Besprechung (musste bei der Pressevorführung ein Schweigelübde unterzeichnen, das ich bis dahin mönchisch einhalte).

Davor startet schon die Kinotour, deren Termine ich nicht marktschreierisch, sondern schweigsam verkünde:

Freitag, 23. Februar:

Eisenhüttenstadt (Schülerpremiere) / Filmpalast, Werkstraße 2A, 15890 Eisenhüttenstadt / Filmbeginn: 10:00 Uhr

Filmteam vor Ort: Regisseur Lars Kraume sowie die Darsteller Leonard Scheicher & Tom Gramenz

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Sonntag, 25. Februar

Leipzig / Passage Kino, Hainstraße 19a, 04109 Leipzig / Filmbeginn: 15:00 Uhr

Dresden / Programmkino Ost, Schandauer Str. 73, 01277 Dresden / Filmbeginn: 19:15 Uhr

Filmteam vor Ort: Regisseur Lars Kraume sowie die Darsteller Leonard Scheicher & Lena Klenke

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Montag, 26. Februar

Hamburg / Abaton, Allende-Platz 3, 20146 Hamburg / Filmbeginn: 20:00 Uhr

Filmteam vor Ort: Regisseur Lars Kraume sowie die Darsteller Leonard Scheicher, Lena Klenke & Burghart Klaußner

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Dienstag, 27. Februar

Essen / Lichtburg, Kettwiger Straße 36, 45127 Essen / Filmbeginn: 20:00 Uhr

Filmteam vor Ort: Regisseur Lars Kraume, Leonard Scheicher, Lena Klenke & Zeitzeuge und Buchautor Dietrich Garstka

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Mittwoch, 28. Februar

Frankfurt (nur Interviews!) / Talents: Regisseur Lars Kraume sowie die Darsteller Leonard Scheicher & Lena Klenke

Kleinmachnow / Neue Kammerspiele, Karl-Marx-Straße 18, 14532 Kleinmachnow / Filmbeginn: 10:00 Uhr

Gast: Florian Lukas

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Donnerstag, 1. März

München (Schülerpremiere) /Mathäser Filmpalast, Bayerstraße 3-5, 80336 München/ Filmbeginn: 10:00 Uhr

München / City Kino, Sonnenstraße 12, 80331 München / Filmbeginn: 20:30 Uhr

Filmteam vor Ort: Regisseur Lars Kraume sowie die Darsteller Leonard Scheicher & Lena Klenke

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Freitag, 2. März

Freiburg / Kandelhof, Kandelstraße 27, 79106 Freiburg im Breisgau / Filmbeginn: 20:30 Uhr

Gast: Regisseur Lars Kraume

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Samstag, 3. März

Stuttgart / Atelier am Bollwerk, Hohe Str. 26, 70176 Stuttgart / Filmbeginn: 15:00 Uhr

Karlsruhe / Schauburg, Marienstraße 16, 76137 Karlsruhe / Filmbeginn: 20:30 Uhr

Gast: Regisseur Lars Kraume

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Sonntag, 4. März

Heidelberg / Die Kamera, Brückenstraße 26, 69120 Heidelberg / Filmbeginn: 11:30 Uhr

Aschaffenburg / Casino, Ohmbachsgasse 1, 63739 Aschaffenburg / Filmbeginn: 17:00 Uhr

Frankfurt / Cinema, Roßmarkt 7, 60311 Frankfurt am Main / Filmbeginn: 19:00 Uhr

Gast: Regisseur Lars Kraume

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Freitag, 9. März

Düsseldorf / Atelier Kino im Savoy, Graf-Adolf-Straße 47, 40210 Düsseldorf / Filmbeginn: 19:00 Uhr

Gast: Regisseur Lars Kraume

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Samstag, 10. März

Münster / Cineplex Schlosstheater, Melchersstraße 81, 48149 Münster / Filmbeginn: 17:30 Uhr

Osnabrück / Cinema Arthouse, Erich-Maria-Remarque-Ring 16, 49074 Osnabrück / Filmbeginn: 20:00 Uhr

Gast: Regisseur Lars Kraume

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Sonntag, 11. März

Oldenburg / Casablanca, Johannisstraße 17, 26121 Oldenburg / Filmbeginn: 11:30 Uhr

Lüneburg / Scala, Apothekenstraße 17, 21335 Lüneburg / Filmbeginn: 17:00 Uhr

Gast: Regisseur Lars Kraume

Das schweigende Klassenzimmer (Deutschland 2018)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume

LV: Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer, 2006

mit Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalski, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Florian Lukas, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Und der Ullstein-Verlag spendierte der Sachbuchvorlage einen schicken neuen Umschlag

Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer

Ullstein, 2018

256 Seiten

12 Euro

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Homepage zum Film

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Moviepilot über „Das schweigende Klassenzimmer“

Wikipedia über „Das schweigende Klassenzimmer“

Berlinale über „Das schweigende Klassenzimmer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)


TV-Tipp für den 30. Juni: Oh Boy

Juni 30, 2017

Arte, 00.40
Oh Boy (Deutschland 2012, Regie: Jan-Ole Gerster)
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Der Endzwanziger und gescheiterte Langzeitstudent Niko driftet durch Berlin. Er trifft seltsame Menschen und fragt sich nach dem Sinn des Lebens.
Wunderschöne Berlin-Komödie, die bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut ankam. Wir warten immer noch auf Jan-Ole Gerstes zweiten Spielfilm.
mit Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Justus von Dohnány, Ulrich Noethen, Katharina Schüttler, Frederick Lau, Michael Gwisdek
Wiederholung: BR, Samstag, 1. Juli, 23.30 Uhr
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TV-Tipp für den 13. November: Oh Boy

November 13, 2015

Eins Festival, 21.05
Oh Boy (Deutschland 2012, Regie: Jan-Ole Gerster)
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Der Endzwanziger und gescheiterte Langzeitstudent Niko driftet durch Berlin. Er trifft seltsame Menschen und fragt sich nach dem Sinn des Lebens.
Wunderschöne Berlin-Komödie, die bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut ankam.
mit Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Justus von Dohnány, Ulrich Noethen, Katharina Schüttler, Frederick Lau, Michael Gwisdek
Wiederholung: Samstag, 14. November, 01.15 Uhr (Taggenau!)
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Neu im Kino – nach Kinotour/Filmkritik: „Heil“ die deutsche Komödie

Juli 13, 2015

„Heil“, der neue Film von Dietrich Brüggemann („Kreuzweg“, „3 Zimmer/Küche/Bad“) hätte der Film der Stunde werden können. Eine Satire über das heutige Deutschland. Eine Bestandsaufnahme über die Lage der Nation. Aber es wurde nur ein sich politisch gebender Klamauk, der nicht tiefer geht als ein Kneipenabend, bei dem man kräftig über alles ablästert und, nach dem dritten Bier, alles witzig findet. Vor allem die eigenen Witze. Auch und gerade wenn sie zum x-ten Mal erzählt werden.
Dabei setzt eine Satire, eine Komödie, eine „schrille Farce“ (Presseheft), eine Klarheit des Denkens und eine Analyse des Gegenstandes voraus, die „Heil“ nie leisten möchte. Es ist nur ein blinder Rundumschlag, bei dem wenigstens in jeder Sekunde die persönliche Betroffenheit von Dietrich Brüggemann spürbar ist. Es ist eine gigantische Entleerung, die ihm sicher guttut. Aber im Kino möchte man mehr sehen als diese halbgare Parade von Nazis, Autonomen, Verfassungsschützern, Polizisten, Richtern, Kulturschickeria, Politikern, Journalisten, Ausländern und einer Schwangeren, die alle mehr oder weniger einfältig dumm sind.
Die Schwangere ist Nina, die Freundin von Sebastian Klein, einem afrodeutschem Sachbuchautor und Liebling der liberalen Öffentlichkeit, der in Prittwitz, gelegen im Dreiländereck Thüringen, Brandenburg und Sachsen, lesen soll. Noch bevor das Empfangskomitee des Bürgermeisters ihn begrüßen kann, wird Sebastian von den örtlichen, strunzdummen Nazis zusammengeschlagen. Sebastian hat eine Totalamnesie, die dazu führt, dass er, wie ein Papagei, alles nachspricht. Für Sven Stanislawski, den geistig nicht besonders hellen Anführer der örtlichen Nazis, ist das die Gelegenheit. Mit einem Afrodeutschen als seiner Bauchrednerpuppe lässt er Sebastian, vor einem begeisterten Publikum landauf, landab in allen Talkshows ausländerfeindliche Sprüche aufsagen und alle freuen sich, dass endlich einmal jemand die Wahrheit sagt.
Nur Nina will die Verwandlung ihres Freundes nicht akzeptieren.
Und während sie versucht, ihren Freund wieder zurückzugewinnen, fährt Brüggemann eine Parade von Charakteren auf, die wohl alle, nah an der Wirklichkeit, diese demaskieren sollen. Aber es funktioniert nicht. Jedenfalls nicht, wenn man mehr als eine harmlose Sketch-Show erwartet. So sind die Nazis ohne irgendeine Grandezza einfach zu doof, um wirklich gefährlich zu sein. Dafür wird der Gag mit ihrer Rechtschreibschwäche so lange wiederholt, bis er nicht mehr witzig ist. Die Autonomen sind anscheinend in den Achtzigern stecken geblieben. Die Politiker, Verfassungsschützer und Polizisten nehmen Probleme überhaupt nicht wahr. Ein freier TV-Journalist verschärft wegen der Quote gesellschaftliche Probleme und Vorurteile. In Talkshows (es gibt mehrere Talkshow-Szenen, deren Erkenntnisgewinn schnell gegen Null geht) wird nur geredet. Sowieso wird jeder Gag mehrmals wiederholt, bis man sich, wie Sebastian Klein, einen Schlag auf den Kopf wünscht. Dann würde man „Heil“ vergessen. Beim nächsten Schlag sich, wie Sebastian, wieder an den Film erinnern. Beim nächsten Schlag wieder alles vergessen. Beim nächsten Schlag wieder daran erinnern; – nun, ich glaube, Sie haben das Prinzip verstanden. Sebastian erhält aber noch einige weitere Schläge.
Subtil geht anders.
Satire auch, wie, um nur zwei deutsche Beispiele, zu nennen, Rainer Werner Fassbinder in „Die Dritte Genration“ und Helmut Dietl in „Schtonk“ zeigten.
„Heil“ bestätigt dagegen nur das Urteil, dass die Deutschen keine Komödien machen können. Jedenfalls seitdem etliche deutsche Regisseure und Autoren nach Hollywood emigrieren mussten.

Heil - Plakat
Heil (Deutschland 2015)
Regie: Dietrich Brüggemann
Drehbuch: Dietrich Brüggemann
mit Benno Fürmann, Liv Lisa Fries, Jerry Hoffmann, Jacob Matschenz, Daniel Zilmann, Oliver Bröcker, Anna Brüggemann, Thelma Buabeng, Richard Kropf, Jörg Bundschuh, Michael Gwisdek, Hanns Zischler, Heinz-Rudolf Kunze, Dietrich Kulbrodt, Thees Uhlmann, Bernd Begemann, Alfred Holighaus, Andreas Dresen, Heike-Melba Fendel, Robert Gwisdek, Leslie Malton, Marie-Lou Sellem, Lavinia Wilson (viel Spaß beim Entdecken dieser und weiterer Cameos)
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

„Heil“ on Tour
Montag, 13. Juli, 20.00 Uhr
Berlin / Premiere – Kino International
In Anwesenheit der Produzenten, des Regisseurs und der Darsteller sowie weiterer Beteiligter.

Dienstag, 14. Juli, 19.00 Uhr
Potsdam – Thalia
mit Dietrich Brüggemann, Liv Lisa Fries, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Mittwoch, 15. Juli, 20.00 Uhr
Hamburg – Abaton
mit Dietrich Brüggemann, Liv Lisa Fries, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Donnerstag, 16. Juli, 20.15 Uhr
Münster – Cinema
mit Dietrich Brüggemann und Jacob Matschenz

Freitag, 17. Juli, 21.00 Uhr
Bremen – Cinema Ostertor
mit Dietrich Brüggemann, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Samstag, 18. Juli, 20.00 Uhr
Karlsruhe – Schauburg
mit Dietrich Brüggemann, Benno Fürmann, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

Sonntag, 19. Juli, 21.30 Uhr
Freiburg – Open Air im Mensagarten
mit Dietrich Brüggemann, Benno Fürmann, Jacob Matschenz, Jerry Hoffmann

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Neu im Kino/Filmkritik: Nur Jungs im „Männerhort“

Oktober 2, 2014

Die Jungs brauchen ihre Freiräume. Einen „Männerhort“ eben. Früher war das Vereinsheim, das Wohnzimmer (Samstags beim Fußball) oder eben der liebevoll ausgebaute Keller ein solches Refugium. Heute, so behauptet Franziska Meyer Price in ihrer Boulevard-Komödie „Männerhort“, gibt es diesen von den inzwischen so furchtbar anspruchsvollen Frauen geduldeten Ort des reinen und wahren Mannseins nicht mehr. Also müssen die Männer sich konspirativ in einem verdächtig gut geputztem Heizungskeller treffen, den sie mit einigen Sperrmüllmöbeln, Kühlschrank, Playboy-Bildern und einem Dixi-Klo wohnlich einrichteten. Es gibt sogar einige Zimmerplanzen. Dort sehen sich der ziemlich entspannte Software-Entwickler Eroll (Elyas M’Barek), der dauergeile Dixi-Klo-Vertreter Lars („Stromberg“ Christoph Maria Herbst) und der arbeitslose Berufspilot Helmut (Detlev Buck) Fußballspiele an und spielen Computerspiele, während ihre Frauen das tun, was Frauen halt so tun. Nämlich einkaufen.
Als der neue Hausmeister Aykut (Serkan Cetinkaya) das pubertäre Pennälerparadies in der Vorstadtsiedlung entdeckt, will er es gleich auf der nächsten Müllkippe entsorgen. Obwohl er Türke ist, benimmt er sich wie der typische deutsche Hausmeister in einer klischeetriefenden Komödie. Sowieso wechselt Aykut ganz nach Belieben zwischen typisch türkischer und typisch deutscher Identität, was ihn vor allem gegen die Bestechungsversuche der drei Heizungskellerbesetzer immun macht.
Die drei Musketiere Eroll, Lars und Helmut müssen jetzt um ihren mietfreien Rückzugsort kämpfen. Gleichzeitig haben sie noch einige Probleme mit ihren Frauen. Neben Kaufrausch und Selbstfindung sind es Schwangerschaft und Seitensprung. Halt das Programm für einen boulevardesken Schwank, dessen Humor primär unter die Gürtellinie zielt.
Und Helmut ist mit einem Mann verheiratet, was aber seine Saufkumpanen, die alle in der gleichen langweiligen, sich noch im Bau befindlichen Reihenhausvorstadtsiedlung wohnen, nicht wissen.
„Männerhort“ basiert auf einem erfolgreichem Boulevard-Theaterstück von Kristof Magnussen und während in einem Theaterstück, wenn es nur schnell genug gespielt wird und das Publikum ämusierwillig jeden Auftritt beklatscht, die Klischees für Lacher sorgen, fallen in einem Film eben diese unreflektiert wiedergekäuten Uralt-Klischees negativ auf. „Männerhort“ spielt zwar in der Gegenwart, aber es versprüht den Muff der fünfziger Jahre.
Eine irgendwie erinnerungswürdige Geschichte hat die substanzlose Nummernrevue nicht. Sie pendelt unentschlossen zwischen wenig engagiertem Kampf um den Kellerraum und vorhersehbarem Beziehungsgedöns. Auch die Klischees von den ewig pubertierenden Männern, die Witzeleien gegen „emanzipierte“ und „moderne“ Frauen (shoppen, Kinder kriegen, ständig Sex haben wollen, weil der Mann das doch so will, und auf den Beruf des Uniform-tragenden Mannes fliegen sind nicht gerade das, was sich der Feminismus auf die Agenda geschrieben hat) und die weinerliche Selbstvergewisserung von Eroll (am wenigsten), Lars (am großmäuligsten) und Helmut (am feigsten), dass wir Männer doch unbedingt einen Raum brauchen, in dem wir uns entfalten können, fischen einfach nur beifallheischend nach der erstbesten Pointe, ohne dass bei den Machern jemals eine eigene Position, eine durchgehende erzählerische Haltung erkennbar wird. Außer die von Larmoyanz und Pantoffelheldentum; was wir ja aus gut abgehangenen Boulevard-Komödien, in denen Frauen schon vor Jahrzehnten die Hosen anhatten, kennen.

Männerhort - Plakat
Männerhort (Deutschland 2014)
Regie: Franziska Meyer Price
Drehbuch: Rainer Ewerrien, David Ungureit
LV: Kristof Magnusson: Männerhort, 2003 (Theaterstück)
mit Elyas M’Barek, Christoph Maria Herbst, Detlev Buck, Serkan Cetinkaya, Cosma Shiva Hagen, Lisa Maria Potthoff, Jasmin Schwiers, Dominic Boeer, Michael Gwisdek
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Männerhort“
Moviepilot über „Männerhort“
Wikipedia über Kristof Magnusson
Homepage von Kristof Magnusson


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