Neu im Kino/Filmkritik: „The Founder“ Ray Kroc und die Anfänge von „McDonald’s“

April 21, 2017

Anfang der fünfziger Jahre war Ray Kroc ein bestenfalls mäßig erfolgreicher, aber hartnäckiger Handelsvertreter.

Als er am 14. Januar 1984 starb, war er der Gründer von McDonald’s. Ja, genau der Franchise-Kette, die das Synonym für Fastfood, aka Junkfood, ist. Auch wenn es dort inzwischen Salate gibt.

In seinem Film „The Founder“ erzählt John Lee Hancock („Saving Mr. Banks“), nach einem Drehbuch von Robert D. Siegel („The Wrestler“), die Geschichte der ersten Jahre von „McDonald’s“ nach – und das ist eine ebenso vergnügliche, wie interessante Firmengeschichtsstunde, die mindestens so lehrreich wie Danny Boyles „Steve Jobs“, sein Biopic über den Apple-Chef, oder David Finchers „The Social Network“ über die Anfänge von Facebook und die erbitterte Feindschaft zwischen Mark Zuckerberg und den Winklevoss-Zwillingen, ist. Aaron Sorkin schrieb für beide Filme die Drehbüchern.

Michael Keaton spielt Ray Kroc und es ist eine weitere Glanzrolle für ihn.

Mit Anfang Fünfzig tingelt Ray Kroc durch die Provinz und verkauft für Prince Castle Multimixer für Milchshakes an Restaurantbesitzer, die gar nicht glauben wollen, dass sie ein Gerät brauchen, mit dem gleichzeitig mehrere Milchshakes hergestellt werden können. Deshalb schleppt er am Ende des Verkaufsgesprächs den schweren Multimixer meistens wieder zurück zu seinem Auto. Und er ärgert sich über die schlechte Bedienung und das schlechte Essen in den Schnellimbissen, denen er im Mittleren Westen seine Multimixer verkaufen will. Damals fuhr man mit seinem Auto auf den Parkplatz, wartete, bis die Bedienung kam, bestellte, wartete und, mit viel Glück, erhielt man irgendwann, was man bestellt hatte. Manchmal auch etwas anderes. Manchmal schon kalt. Und die Qualität war wechselnd.

Als Richard ‚Dick‘ (Nick Offerman) und Maurice ‚Mac‘ McDonald (John Carroll Lynch) sechs Multimixer bestellen, ist er neugierig. Denn niemand braucht so viele Multimixer.

Kroc fährt also nach San Bernardino zu seinen Großbestellern und er ist zuerst erstaunt, dann begeistert. Die Brüder McDonald haben ihr Burger-Restaurant vollkommen anders aufgebaut als die anderen Schnellrestaurantbetreiber: nicht die Bedienung kommt zum Kunden, sondern der Kunde geht zur Theke. Er erhält in Sekunden das Essen in einer Verpackung, die er danach wegwerfen kann. Das Essen ist warm und von gleichbleibender Qualität. Und essen kann er es, wo er will. Heute kennen wir das Konzept allzugut. Aber damals war es neu – und wie Kroc, staunend wie ein kleines Kind, zum ersten Mal von den McDonalds bedient wird, ist einer der vielen wunderschön inszenierten Momente des Films. Dem viele weitere folgen. Wie die Szene, in der die McDonald-Brüdern, sich wie ein altes Ehepaar ergänzend, Kroc die Geschichte ihres Unternehmens erzählen und wie sie die Abläufe perfektionierten, damit die Kunden möglichst schnell ihr Essen erhalten, das immer die gleiche hohe Qualität hat. Dieses Speedee Zubereitungssystem probten sie mit ihren Mitarbeitern auf einem Tennisplatz, auf dem sie den Grundriss der Küche gezeichnet hatten, bis die Choreographie perfekt war. Am Ende bewegten sich die Burger-Brater wie Ballett-Tänzer.

Kroc hat die Vision einer Kette von Fast-Food-Restaurants, die ein fester Bestandteil des amerikanischen Lebens und der Kultur sind. Wie der sonntägliche Gottesdienst. Mühsam kann er sie überzeugen, dass er im ganzen Land Filialen von ihrem Geschäft eröffnen darf. Diese Expansion des von dem McDonald-Brüdern erfundenen Systems ist dann gar nicht so einfach. Es müssen Franchise-Nehmer gefunden werden. Die Qualität muss eingehalten werden. Das Geld muss fließen. Und dann gibt es ständig Konflikte zwischen Kroc, der ungehemmt expandieren will (und muss) und den McDonald-Brüdern, die penibel auf die Qualität achten. Vor allem Dick achtet unerbittlich auf jedes Detail. Im Zweifelsfall betreiben sie lieber ein Restaurant richtig als viele Restaurants mittelmäßig.

Hancock erzählt diese Geschichte über die ersten Jahre von „McDonald’s“ mit viel Zeitkolorit, pointiert, informativ, vielschichtig, ohne eindeutig Partei zu ergreifen (was auch an der gewählten Erzählstruktur, in der die Geschichte primär von Kroc erzählt wird, liegt) und mit satirischen Spitzen, bis zu dem Moment, in dem Kroc die beiden Brüder bei einer Vertragsverhandlung in den frühen Sechzigern endgültig ausbootet.

Über viele Jahre waren sie und ihre Leistung, vor allem wegen des von Kroc gepflegten Firmenimage, fast unbekannt. Er hatte nicht nur ihre Ideen übernommen und sie zuerst in den USA, später weltweit, verbreitet, sondern er hat sich, als guter Verkäufer, auch immer so ins Rampenlicht gesetzt, dass am Ende alle glaubten, dass er der Gründer der Firma und des Schnellimbiss-Konzeptes sei. Schließlich stand auf seiner „Mc Donald’s“-Visitenkarte auch „Founder“ (Gründer). 1999 wurde Ray Kroc in die Liste der hundert einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts des Time-Magazine aufgenommen.

The Founder“ erzählt eine Firmengeschichte, die wie im Flug vergeht, ziemlich nah an den historisch verbürgten Fakten ist und in der Ray Kroc ein sympathischer Widerling ist, der mit Mitte Fünfzig seinen großen Durchbruch hatte, in dem er die heute immer noch erfolgreichste, weltweit bekannte Fastfood-Kette „McDonald’s“ schuf und die Essenskultur revolutionierte.

The Founder (The Founder, USA 2016)

Regie: John Lee Hancock

Drehbuch: Robert D. Siegel

mit Michael Keaton, Laura Dern, John Carroll Lynch, Nick Offerman, Patrick Wilson, Linda Cardellini, B. J. Novak, Katie Kneeland, Andrew Benator

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Founder“

Metacritic über „The Founder“

Rotten Tomatoes über „The Founder“

Wikipedia über „The Founder“

History vs. Hollywood über „The Founder“

Meine Besprechung von John Lee Hancocks „Saving Mr. Banks“ (Saving Mr. Banks, USA/Großbritannien/Australien 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Spotlight“ deckt auf

Februar 25, 2016

Als die Journalisten des „Spotlight“-Teams der traditionsreichen Tageszeitung „The Boston Globe“ mit ihren Recherchen für ihr neues Thema begannen, wussten sie, wer ihr Gegner sein wird, aber sie wussten nicht, wie groß der Skandal war, den sie aufdecken würden und welche Auswirkungen ihre Reportagen auch über die Stadtgrenze hinaus haben würden. Denn es hat immer wieder Fälle von pädophilen Priestern gegeben. In Boston und auch in anderen Orten. Aber das waren, so sagte die katholische Kirche, Einzelfälle und sie habe sich um diese Geistlichen gekümmert. Künftig würden sie sich nicht mehr an Minderjährigen vergreifen. Das war die offizielle Version, die auch die Mitglieder der Erzdiözese von Boston glaubten.
Aber Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) und seine ihm untergebenen Kollegen Mike Rezendes (Mark Rufallo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams [meine Besprechung von „True Detective – Staffel 2“ gibt es demnächst]), Matt Carroll (Brian D’Arcy James) und Ben Bradlee Jr. (John Slattery) beginnen 2001 tiefer zu graben. Sie sind das „Spotlight“-Team und damit das Team für investigative Recherchen, die manchmal im Sand verlaufen und oft handfeste Skandale aufdecken. Über den Kindesmissbrauch und den Umgang der in Boston enorm mächtigen katholischen Kirche, die dort ihre größte Erzdiözese in den USA hat, werden sie von dem neuen Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) angesetzt. Er kommt aus Florida vom Miami Herald. Ihm eilt ein Ruf als eiskalter Kosteneinsparer voraus. Außerdem kommt er nicht aus Boston, hat daher keinen Stallgeruch und wird entsprechend skeptisch von den alteingesessenen Journalisten erwartet. Baron meint, dass diese Missbrauchsgeschichte ein Thema für das „Spotlight“-Team und für die „Boston Globe“-Leser sei. Denn über die Hälfte der Leser sind Katholiken.
Wie die Geschichte der Recherche, die mit einer kleinen Notiz auf der Lokalseite begann, endete und welche Auswirkungen sie hatte, haben wir auch hier in Deutschland mitbekommen.
Der „Boston Globe“ veröffentlichte, nachdem wegen 9/11 die Veröffentlichung zunächst verschoben hatte, im Januar 2002 die ersten Rechercheergebnisse. Und damit endet das grandiose Drama „Spotlight“. Noch im gleichen Jahr erschienen im „Boston Globe“ fast 600 Artikel über sexuellen Missbrauch an Tausenden von Kindern durch Hunderte von Priestern in Boston und auf der ganzen Welt. Im Dezember 2002 trat Kardinal Law von seinem Amt in der Erzdiözese Boston zurück. Fast 250 Priester dieser Erzdiözese wurden öffentlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. In den USA wurden über 6400 Priester wegen sexueller Übergriffe angeklagt – und angesichts dieser Zahlen frage ich mich, warum in Deutschland bis jetzt so wenige Priester wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden.
2003 erhielt das Spotlight-Team den renommierten Pulitzer-Preis für seine investigative Berichterstattung.
Das ist natürlich auch eine Geschichte für einen Film. Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy („Station Agent“, „Win Win“) und Co-Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Inside Wikileaks“) gelingt es in „Spotlight“ diese Geschichte spannend, pointiert und ohne überflüssige Dramatisierungen zu erzählen. Sie konzentrieren sich nämlich einfach auf die reale Geschichte in all ihren unterschiedlichen Facetten und das ist schon, wie wir mit den recherchierenden Journalisten erfahren, skandalös genug. Im Mittelpunkt stehen nämlich die Journalisten, ihre Arbeit, was diese Recherchen bei ihnen auslösen, in welchem Geflecht unterschiedlicher Interessen sie sich bewegen und mit welchem mächtigen Gegner sie sich anlegen. Denn sie recherchierten nicht über einzelne pädophile Priester, sondern über die konsequente und planmäßige Vertuschung dieser Fälle durch die Vorgesetzten, also die Leitung der Erzdiözese (und vielleicht noch höher in der Hierarchie der katholischen Kirche), über Jahre und, wie man im Lauf des Films mit den Journalisten erfährt, Jahrzehnte.
McCarthy erzählt seine Geschichte in der Tradition großer Journalistenfilme, wie „Die Unbestechlichen“ (über die Recherchen von Bob Woodward und Carl Bernstein und den Watergate-Skandal, der zum Rücktritt von Präsident Nixon führte), und des aufklärerischen Kino eines Sidney Lumet, das auf ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler und eine unauffällige Kamera setzt. Dass die Sets exakt nachgebildet waren und die Schauspieler sich für die Recherche vorher mit den von ihnen porträtierten Journalisten trafen half. Diesen gefiel, wie sie und ihre Geschichte dargestellt werden.
„Spotlight“ wurde für sechs Oscars nominiert, erhielt bislang fast einhundert Preise und wurde für über einhundert weitere Preise nominiert; was allein schon etwas über die Qualität dieses grandiosen Ensemblestückes aussagt, das auch ein Hohelied auf die alltägliche journalistische Arbeit und auf den investigativen Journalismus ist, der schon immer gelobt, aber wenig geliebt wurde und seitdem in den USA und auch in anderen Ländern (in Deutschland wegen der Kultur des Zeitungsabonnements weniger) viele Tageszeitungen wegen des Internets um ihr Überleben kämpfen und teilweise ihr Erscheinen schon eingestellt haben. „Spotlight“ zeigt, was guter Journalismus leisten kann. Dass es auch ein in jeder Beziehung guter Film ist, hilft natürlich.

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Spotlight (Spotlight, USA 2015)
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer
mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian D’Arcy James, Stanley Tucci, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Elena Wohl, Gene Amoroso, Neal Huff, Paul Guilfoyle, Len Cariou
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Spotlight“
Metacritic über „Spotlight“
Rotten Tomatoes über „Spotlight“
Wikipedia über „Spotlight“ (deutsch, englisch) und sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche
History vs. Hollywood über „Spotlight“
Bishop Accountability (äußerst umfassende Seite, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche behandelt)


TV-Tipp für den 8. Dezember: Jackie Brown

Dezember 8, 2015

RTL nitro, 20..15

Jackie Brown (USA 1997, Regie: Quentin Tarantino)

Drehbuch: Quentin Tarantino

LV: Elmore Leonard: Rum Punch, Jackie Brown, 1992 (Jackie Brown)

Stewardess Jackie Brown hat Probleme mit der Polizei und dem Gangster Ordell, der sein Schwarzgeld-Konto mit Jackies Hilfe auflösen will.

Tarantinos sehr werkgetreue Huldigung von Leonard und Pam Grier: cool (Leonards Dialoge!), etwas langatmig (Warum muß jedes Lied ausgespielt werden? Warum bemüht sich Tarantino so krampfhaft, die Antithese zu Pulp Fiction zu drehen? Warum nicht 20 Minuten kürzer?) und mit Starbesetzung (Robert de Niro, Samuel L. Jackson, Bridget Fonda, Robert Foster, Michael Keaton, Chris Tucker)

Von Leonards Homepage: „When Quentin Tarantino was a kid, he stole a copy of Elmore Leonard’s The Switch and got caught. Unrepentant, he later went back to the same store and stole the book again. Elmore Leonard was a beacon, lighting the direction that he would soon take in his films. He wrote a movie directed by Tony Scott called True Romance which he said was “an Elmore Leonard novel that he didn’t write.” It certainly was an homage; it even opens in Detroit. After Reservoir Dogs came out, Elmore wrote Rum Punch which reprises the three main characters from Tarantino’s shoplifted book, The Switch. Tarantino read it and wanted to buy it but didn’t have the money. Elmore and his agent, Michael Siegel, offered to hold it for him. When he finally did acquire the book and moved forward on the Rum Punch film project, Tarantino did not contact Elmore Leonard for a long time. When he did, he confessed a reluctance to call sooner. Elmore said, “Why, because you changed the name of my book and cast Pam Grier in the lead?” No worry. Elmore was down with that. He said, “That’s Ok, just make a good movie.” And Quentin did.

Jackie Brown is Elmore Leonard on the screen. Taking nothing away from Get Shorty and Out of Sight, Tarantino’s manic absorption of Elmore’s essence comes through in a way that only he could pull off especially for a long movie. The acting, the direction, the dialog are all great. There are so many great bits, especially with Jackson, De Niro, Chris Tucker and Bridget Fonda; and then there’s Hattie Winston as Simone the Supreme. Jackie Brown is the Elmore Leonard experience.“

Wiederholung: Mittwoch, 9. Dezember, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über “Jackie Brown”

Rotten Tomatoes über “Jackie Brown”

Wikipedia über “Jackie Brown” (deutsch, englisch)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos “Django Unchained” (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder,Pressekonferenz und Comic)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ oder die unverschämte Freude an einem guten Film

Januar 29, 2015

Ich glaube, bei „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ kann ich es kurz machen.
Obwohl – als ich das das letzte Mal sagte, hatte ich danach eine Seite geschrieben und hatte noch lange nicht alles gesagt.
Aber wer die vergangenen Monate nicht nur mit dem Ansehen von Marvel-Trailern verbrachte, hat von „Birdman“ gehört. Seit einigen Wochen sammelt die Komödie verdient einen Preis nach dem nächsten ein. Denn Alejandro González Iñárritu gelingt ein wunderschön schwereloser Film, der ernst und witzig und philosophisch ist und einen Einblick in das Film- und Theatergeschäft liefert, der gerade durch die hochkarätige Besetzung an Würze gewinnt.
Dabei ist der Hauptplot denkbar einfach: Riggan Thomson, ein alternder Hollywood-Star, will mit einem ambitionertem Broadway-Theaterstück, das auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „What we talk about, when we talk about love“ basiert, seine darbende Karriere wieder auf die richtige Spur setzen. Iñárritus zweistündige Tour de Force ist eine Chronik der letzten Tage und Stunden vor der Aufführung, wenn die Emotionen hochkochen und die Zweifel groß sind.
Riggan war in Hollywood ein Star, als er vor Jahrzehnten Birdman spielte. Birdman ist ein erfundener Superheld. Noch heute wird Riggan für diese kindische Rolle von seinen Fans verehrt. Und Birdman ist Riggans Alter Ego, das ihm immer wieder, ungefragt, die Leviten liest und die Regieambitionen von Riggan am St. James Theater für ausgemachten Blödsinn hält.
Batman ist dagegen im filmischen Kosmos ein höchst realer Superheld und Riggan-Darsteller Michael Keaton war 1989 und 1992 in den beiden „Batman“-Filmen von Tim Burton als Batman-Darsteller ganz oben in Hollywood. Seitdem konnte er an diese Erfolge nicht mehr anknüpfen. Zuletzt trat er in prägnanten Nebenrollen auf, die den Film bereichterten, aber in der Werbung nicht groß angekündigt wurden und wegen Keaton ging niemand in „RoboCop“ oder „Need for Speed“. Da kann man schon darüber nachdenken, wieviel die Filmrolle mit dem echten Michael Keaton zu tun hat.
Als Hauptdarsteller hat Riggan den als extrem schwierig geltenden Mike Shiner engagiert, der es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hat, als Diva das gesamte Universum um sich herum kreisen zu lassen und dem Regisseur und den Geldgebern mindestens einen Nervenzusammenbruch zu bescheren. Nicht pro Produktion, sondern an jedem Tag. Aber beim Publikum ist er beliebt. Er kann eine Produktion zum Erfolg machen. Beim Publikum und bei der Kritik.
Gespielt wird Mike von Edward Norton, der unbestritten einer der besten Schauspieler seiner Generation ist und der in Hollywood als extrem schwierig gilt. Einige seiner Streitereien mit Produzenten und Regisseuren sind allgemein bekannt. Ich sage nur „American History X“ und „Der unglaubliche Hulk“.
Die anderen Schauspieler, obgleich prominent, sind nicht so sehr auf ein bestimmtes Image und Rolle festgelegt.
Und dann, wenn man es nicht weiß, fällt es einem erst ziemlich spät auf: Alejandro Iñárritu erzählt den Film ohne einen sichtbaren Schnitt. Wenn eine längere Zeitspanne vergeht, gibt es Zeitrafferaufnahmen vom Himmel, aber ansonsten bewegt sich die Kamera scheinbar schwerelos durch den Raum, ohne dass jemals ein Found-Footage-Gefühl entsteht oder die Wackelkamera nervt. Emmanuel Lubezki, unter anderem die Alfonso-Cuarón-Filme „Gravity“ und „Children of Men“ (wo er schon extrem lange, ungeschnittene Action-Szenen drehte) und die Terrence-Malick-Filme „To the Wonder“, „Tree of Life“ und „The new World“, gebührt hier die Ehre, etwas scheinbar unmögliches möglich gemacht zu haben.
Nachdem ich jetzt schon das Drehbuch, die Schauspieler, die Kamera und die Regie abgefeiert habe, muss ich auch etwas zur Musik sagen, die zu den besten Filmmusiken der vergangenen zwölf Monate gehört. Normalerweise soll die Filmmusik ja nur die Handlung unterstützen und sie nicht stören. Die Musik ist von Antonio Sanchez, einem Mitglied verschiedener Gruppen von Jazzgitarrist Pat Metheny. Er spielte am Schlagzeug eine Filmmusik ein, die banal gesagt wie eine Mischung aus der Übungsstunde eines Jazz-Drummers und freien Improvisationen klingt. Sie drängt sich immer wieder in der Vordergrund; vor allem wenn im Kopf von Riggan mal wieder alles drunter und drüber geht. In diesen Momenten verdeutlich das entfesselte, atonale Free-Jazz-Drumming akustisch, was Riggan fühlt: Chaos mit einer darunterliegenden Ordnung. Und, weil Sanchez seine Improvisationen bereits vor dem Dreh einspielte, verwandte Iñárritu sie beim Dreh, um den Schauspielern den Rhythmus der Szene zu verdeutlichen.
Sanchez‘ Soundtrack ist inzwischen für zehn Filmpreise nominiert (unter anderem den Golden Globe) und zehn Preise hat er schon erhalten.
„Birdman“ ist für neun Oscars nominiert (bester Film, bester Hauptdarsteller, bester Nebendarsteller, beste Nebendarstellerin, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, bester Ton und bester Tonschnitt). Für 149 weitere Preise ist er momentan nominiert und bis jetzt erhielt die wundervoll kurzweilige, vor kindlicher Entdeckerfreue und Experimentierfreude sprudelnde Komödie schon 129 Preise.

Birdman - Plakat

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman, USA 2014)
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris Jr., Armando Bo
mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts, Lindsay Duncan, Merritt Wever, Jeremy Shamos, Bill Camp, Damian Young
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Birdman“
Moviepilot über „Birdman“
Metacritic über „Birdman“
Rotten Tomatoes über „Birdman“
Wikipedia über „Birdman“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritu „Biutuful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)
Homepage von Antonio Sanchez

Das Publikumsgespräch beim NYFF

DP/30 unterhält sich mit Alejandro Iñárritu


TV-Tipp für den 29. August: Jackie Brown

August 28, 2014

ZDFneo, 22.15

Jackie Brown (USA 1997, Regie: Quentin Tarantino)

Drehbuch: Quentin Tarantino

LV: Elmore Leonard: Rum Punch, Jackie Brown, 1992 (Jackie Brown)

Stewardess Jackie Brown hat Probleme mit der Polizei und dem Gangster Ordell, der sein Schwarzgeld-Konto mit Jackies Hilfe auflösen will.

Tarantinos sehr werkgetreue Huldigung von Leonard und Pam Grier: cool (Leonards Dialoge!), etwas langatmig (Warum muß jedes Lied ausgespielt werden? Warum bemüht sich Tarantino so krampfhaft, die Antithese zu Pulp Fiction zu drehen? Warum nicht 20 Minuten kürzer?) und mit Starbesetzung (Robert de Niro, Samuel L. Jackson, Bridget Fonda, Robert Foster, Michael Keaton, Chris Tucker)

Von Leonards Homepage: „When Quentin Tarantino was a kid, he stole a copy of Elmore Leonard’s The Switch and got caught. Unrepentant, he later went back to the same store and stole the book again. Elmore Leonard was a beacon, lighting the direction that he would soon take in his films. He wrote a movie directed by Tony Scott called True Romance which he said was “an Elmore Leonard novel that he didn’t write.” It certainly was an homage; it even opens in Detroit. After Reservoir Dogs came out, Elmore wrote Rum Punch which reprises the three main characters from Tarantino’s shoplifted book, The Switch. Tarantino read it and wanted to buy it but didn’t have the money. Elmore and his agent, Michael Siegel, offered to hold it for him. When he finally did acquire the book and moved forward on the Rum Punch film project, Tarantino did not contact Elmore Leonard for a long time. When he did, he confessed a reluctance to call sooner. Elmore said, “Why, because you changed the name of my book and cast Pam Grier in the lead?” No worry. Elmore was down with that. He said, “That’s Ok, just make a good movie.” And Quentin did.

Jackie Brown is Elmore Leonard on the screen. Taking nothing away from Get Shorty and Out of Sight, Tarantino’s manic absorption of Elmore’s essence comes through in a way that only he could pull off especially for a long movie. The acting, the direction, the dialog are all great. There are so many great bits, especially with Jackson, De Niro, Chris Tucker and Bridget Fonda; and then there’s Hattie Winston as Simone the Supreme. Jackie Brown is the Elmore Leonard experience.“

Wiederholung: Samstag, 30. August, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über “Jackie Brown”

Rotten Tomatoes über “Jackie Brown”

Wikipedia über “Jackie Brown” (deutsch, englisch)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos “Django Unchained” (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder,Pressekonferenz)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Protzkarren mit „Need for Speed“

März 21, 2014

 

Need for Speed“ basiert auf einem Videospiel und wie bei vielen Spieleverfilmungen fragte ich mich, ob Spieleverfilmungen wirklich so komplett logikentkernt sein müssen. Allerdings erreicht „Need for Speed“ hier ganz neue Qualitäten, die dazu führen, dass ich mich die ganze Zeit fragte, warum ich auch nur den Funken eines Gefühls in diese Pappkameraden investieren sollte, die sich durchgängig vollkommen idiotisch verhalten.

Also, es geht um Tobey Marshall, einen begnadeten, herzensguten Automechaniker, der in illegalen Straßenrennen Geld verdient, und der mit dem stinkreichen und daher arroganten Ex-NASCAR-Rennfahrer Dino Brewster verfeindet ist. Um seinen Schuldenberg abzubezahlen, motzt er für Dino einen Mustang Shelby auf. Das drei Millionen Dollar teure Auto wird nach England verkauft und bei einem kleinen Rennen, tagsüber auf der gut befahreren Autobahn, zwischen Dino, Tobey und Tobeys Kumpel Little Pete bringt Dino Little Pete um und haut ab. Tobey wandert in den Knast – und wir fragen uns, ob es im Staat New York keine Forensiker mehr gibt, die einen Blick auf fehlende Bremsspuren, demolierte Autos und Videoaufnahmen werfen und Zeugen befragen. Auch alle Anwälte waren nach dem Unfall anscheinend anderweitig beschäftigt.

Jedenfalls wandert Tobey als Mörder von Little Pete in den Knast. Zwei Jahre später wird er entlassen, will sich rächen, kriegt als Leihwagen den superteuren Mustang Shelby (aus Great Britain mit blonder Aufpasserin eingeflogen) und macht sich, natürlich im Auto, auf den Weg zum nächsten illegalen Autorennen, das irgendwo in der Nähe von San Francisco stattfindet. Denn die optimale Vorbereitung für ein Rennen ist nun einmal eine 48-stündige Überlandfahrt von New York nach Kalifornien.

Need for Speed“ klont weitgehend humorfrei „Auf dem Highway ist die Hölle los“ ohne das Autorennen von Küste zu Küste und ohne die Stars, mit der „Fast & Furious“-Serie; wobei nach „Need for Speed“ sogar der grottige „The Fast and the Furious: Tokyo Drift“ wie ein filmisches Meisterwerk wirkt. Immerhin sind Tobeys brave Kumpels ähnlich multiethnisch wie Doms wesentlich unterhaltsamere Gangsterposse.

Bis auf die erfrischende Mißachtung von Geld, wenn immer wieder innerhalb von Sekunden Autos, die mehrere Millionen wert sind, geschrottet oder auch mal mit einem Hubschrauber abtransportiert werden und den handgemachten Actionszenen, inclusive einiger spektakulärer Bilder von Stunts und Crashs, gibt es nichts, was die Klischeeparade „Need for Speed“ auch nur irgendwie sehenswert macht.

Ach ja, im Gegensatz zu „Alarm für Cobra 11“ wird hier sogar im 3D-Modus geschrottet.

Need for Speed - Plakat

Need for Speed (Need for Speed, USA 2013)

Regie: Scott Waugh

Drehbuch: George Gatins (nach einer Idee von George Gatins und John Gatins)

mit Aaron Paul, Dominic Cooper, Imogen Pots, Ramon Rodriguez, Michael Keaton, Rami Malek, Scott Mescudi, Dakota Johnson, Harrison Gilbertson

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homeapge zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Need for Speed“

Moviepilot über „Need for Speed“

Metacritic über „Need for Speed“

Rotten Tomatoes über „Need for Speed“

Wikipedia über „Need for Speed“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Scott Waughs „Act of Valor“ (Act of Valor, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Robocop“ ist zurück

Februar 6, 2014

Alle Signale deuteten auf ein weiteres Desaster hin: ein Remake von einem Kultfilm (Erinnert ihr euch noch an den „Total Recall“-Remurks?), der bis vor kurzem bei uns noch auf dem Index stand. Zu brutal für ein nicht volljähriges Publikum. Das Remake ist „freigegeben ab 12 Jahre“. Bei uns und in England läuft der Film vor dem US-Start an. Normalerweise ist das eine Maßnahme, um Verluste zu minimieren. Es gab ein Embargo für Kritiken bis kurz vor dem Filmstart. Als ob das Gemaule der Fans in den einschlägigen Foren nicht schon laut genug sei. Die Besetzung garantiert definitiv keinen Kassenerfolg. Samuel L. Jackson und Gary Oldman sind zwar immer eine Bereicherung, aber allein wegen ihnen geht man schon lange nicht mehr ins Kino. Und der Hauptdarsteller Joel Kinnaman ist bei uns vor allem aus „Easy Money“ bekannt. Aber wer hat den Film schon gesehen?

Nein, besonders groß waren meine Erwartungen vor der Pressevorführung von „Robocop“ nicht. Ich hoffte höchstens auf ein Nicht-Komplett-Desaster. Immerhin hatte ich auch „Total Recall“ überlebt.

Aber schon die ersten Minuten begeisterten mich und diese Begeisterung ließ bis zum Abspann nicht nach. „Robocop“ ist nicht nur besser als erwartet, sondern ein wirklich guter Film und einer der besten Science-Fiction-Filme der vergangenen zwölf Monate. Ein Action-Thriller mit Botschaft und gelungenen satirischen Spitzen und gleichzeitig ein Anti-Action-Film.

Robocop“ beginnt mit einer TV-Übertragung. Der Showmaster Pat Novak (Samuel L. Jackson), ein konservativer Demagoge, will, dass auch im robophobischen Amerika Roboter für Recht und Ordnung sorgen, wie sie es im Ausland tun. Er lässt in seiner Sendung „The Novak Element“ live nach Teheran schalten zu einem friedenserhaltendem US-Robotereinsatz. In seiner ideologischen Verblendung nimmt Novak überhaupt nicht wahr, dass die Einheimischen eine Heidenangst vor den Robotern haben. Der Selbstmordanschlag gegen die US-Militärs, bei dem kein US-Soldat verletzt wird, aber etliche Einheimische sterben, ist für ihn ein weiterer Beweis der Leistungsfähigkeit der Roboter in dieser Friedensmission.

Danach werfen wir einen Blick in die Firmenzentrale von OmniCorp, deren Chef Raymond Sellars (Michael Keaton) möchte seine Roboter auch in den USA einsetzen. Aber ein Gesetz verhindert das. Noch.

Erst danach begegnen wir Alex Murphy (Joel Kinnaman), einem Detroit-Cop, der sich gerade vor seiner Vorgesetzten für einen fehlgeschlagenen Einsatz rechtfertigt, später durch eine Autobombe schwer verletzt wird und von OmniCorp als menschliche Restmasse für den ersten Robocop-Prototyp für die USA dienen soll. Dr. Dennett Norton (Gary Oldman), der Forschungsleiter, macht trotz Skrupel mit. Immerhin haben seine bisherigen Arbeiten, in denen er mit künstlichen Gelenken Verletzten half, beachtliche Erfolge erzielt.

Und auch im folgenden Film steht eigentlich Dr. Norton, sein Verhältnis zu seiner Schöpfung und die Frage, wo die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen oder sogar verschwinden und was die Folgen davon sind, im Mittelpunkt. So hat Murphy als Robocop in Simulationen bei Geiselbefreiungen zunächst schlechtere Werte als ein Roboter, aber nachdem Dr. Norton das Gehirn von Murphy weiter manipuliert, übernimmt in Kampfsituationen der Roboter die Handlungen von Murphy und er absolviert die Übung beeindruckend perfekt. Aber: Ist es jetzt ein Mensch in einem Roboter oder ein Roboter in einem Menschen? Wie sehr ist ein Roboter mit dem Gesicht eines Menschen noch dieser Mensch? Und wer ist verantwortlich für die Handlungen des Robocops? Murphy? Der Roboter? Dr. Murphy? OmniCorp? Der Staat? Jemand anderes? Oder niemand? Diese Frage nach der Willensfreiheit des Individuums und nach der Verantwortung für seine Taten wird in „Robocop“ durchgängig thematisiert.

Damit knüpft „Tropa de Elite“-Regisseur José Padilha in seinem US-Debüt nahtlos an die derzeitige Diskussion über militärische Drohnen, ihren Einsatz und den damit verbundenen völker- und menschenrechtlichen Fragen an.

Auch die TV-Show von Pat Novak ist weniger eine Vision einer zukünftigen TV-Show, sondern eine bitterböse Satire auf konservativ-demagogische US-TV-Shows, die so seit Jahren im US-TV laufen und hemmungslos Stimmung machen.

Und natürlich ist „Robocop“ eine Anklage gegen gewinnversessene Sicherheitsfirmen und einen korrupten Staat. Vor allem die mit Verbrechern zusammenarbeitende Polizei kommt nicht gut weg, aber diese Korruptionsgeschichte wird nebenbei abgehandelt, weil es sich für einen Polizeifilm so gehört.

Dass dabei die Action, die es immer noch reichlich gibt, fast schon nebenbei als Pflichtprogramm abgehandelt wird, fällt kaum auf. Denn es gibt herrliche Anti-Action-Action-Szenen, wie die im Dunkeln stattfindende Schießerei in einer Lagerhalle, oder überraschende Momente. Wenn im Schlusskampf Robocop Murphy nicht nur gegen OmniCorp, sondern auch gegen seine OmniCorp-Programmierung kämpft, dann sind wir, mitten in einer furiosen Action-Szene auch wieder beim Thema des Films: Wie frei ist der Mensch? Was ist ein Mensch? Welche Verantwortung hat ein Hersteller für sein Produkt? Wie sehr darf ein Hersteller die Nutzung seines Produktes beschränken?

Politischer und tagesaktueller war wohl kein Hollywood-Science-Fiction-Blockbuster der vergangenen Monate. Denn „Robocop“ erzählt nicht von der Zukunft (auch wenn am Anfang behauptet wird, dass der Film 2028 spielt), sondern von der Gegenwart.

Ein großartiger Film!

Robocop - Plakat

Robocop (Robocop, USA 2014)

Regie: José Padilha

Drehbuch: Joshua Zetumer

mit Joel Kinnaman, Gary Oldman, Michael Keaton, Samuel L. Jackson, Abbie Cornish, Jackie Earle Haley, Michael K. Williams, Jennifer Ehle, Jay Baruchel, Marianne Jean-Baptiste, Zach Grenier

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Robocop“

Moviepilot über „Robocop“

Metacritic über „Robocop“

Rotten Tomatoes über „Robocop“

Wikipedia über „Robocop“ (deutsch, englisch)

Homepage von OmniCorp

Meine Besprechung von José Padilhas „Tropa de Elite“ (Tropa de Elite, Brasilien/USA 2007)


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