Neu im Kino/Filmkritik: „Nymphomaniac 2“ – das Ende von Joes Geschichte

April 5, 2014

Am Ende von „Nymphomaniac – Teil 1“ hatte Joe (Stacy Martin) den Mann fürs Leben gefunden. Am Anfang des zweiten Teils ist sie glücklich mit Jerome (Shia LaBeouf) verheiratet. Sie haben ein gemeinsames Kind – und mit dem Sex läuft es bei der selbsternannten Nymphomanin nicht gut. Also probiert sie SM-Sex aus – und bringt dabei sogar ihr Kind in Gefahr. Nun, ja: sündiges Verhalten muss halt bestraft werden, aber gerade in diesen Szenen fällt auch von Triers verqueres Frauenbild auf. Denn die Frau als selbsternannte Sünderin will mit der Peitsche gezüchtigt werden.
Ungefähr in der Filmmitte beginnt sie für L (Willem Dafoe) als Geldeintreiberin zu arbeiten. Sie ist sehr talentiert, beginnt eine jüngere Frau in dem Gewerbe auszubilden. Joe verliebt sich in ihre Schülerin, aber ihr Lehrling hat es dann auch eher mit Männern, was dann auch dazu führt, dass Joe in der Gasse zusammengeschlagen wurde, in der Seligman sie am Anfang des Films fand.
Wie schon im ersten Teil wechselt Lars von Trier zwischen den tiefschürend abendländisch philosophischen Gesprächen zwischen Joe und Seligman und Joes Erzählungen aus ihrem Leben. Dabei spielt Charlotte Gainsbourg jetzt auch in den Rückblenden die inzwischen ältere Joe.
Ebenso wechselt von Trier, wie im ersten Teil, immer wieder den Stil. Er pendelt zwischen Sozialdrama, Arthouse-Kino und Blödeleien. Nur Seligmans tiefschürende Ausführungen zum Fliegenfischen, und wie Fliegenfischen und Sex miteinander zusammen hängen, fehlen. Dafür gibt es einen Auftritt von Udo Kier als Kellner und einen missglückten Sexversuch von Joe mit zwei Afroamerikanern, der als Comedy und als spektakuläres Bild, das fast überall abgedruckt wurde, grandios funktioniert.
Und so reihen sich auch im zweiten Teil die Szenen aneinander, aber während von Trier im ersten Teil noch einen erzählerischen Bogen spannte, lässt er ihn jetzt zugunsten verschiedener Episoden und einer abrupten Richtungsänderung in der Filmmitte links liegen. Sogar Joes große Lebensthese, dass sie als Nymphomanin die Strafe verdient habe, stimmt nicht mehr. Denn sie wurde eben nicht für ihre Sexsucht bestraft. Jedenfalls nicht direkt; indirekt über fünf Ecken, weil man halt irgendwann für seine Sünden bestraft wird.
Sowieso diente die gekünstelte Ausgangslage – Joe wird schwer verletzt von Seligman in einem Hinterhof entdeckt und sie erzählt ihm in einer quasi-therapeutischen Sitzung ihr Leben, weil sie ihm beweisen will, dass sie die Schläge verdient habe –, gekoppelt mit der Werbung, nur dazu, die Erwartungen des Publikums in Richtung Skandalfilm und Arthouse-Porno zu lenken. Beides ist „Nymphomaniac“ nicht. Eher schon ein liebevoll kuratierter YouTube-Abend.
Ich denke, Lars von Trier sitzt gerade in seinem Keller und lacht sich schlapp. Zuerst über die von ihm geweckten Erwartungen in Richtung „Porno“, jetzt über die Interpretationen, die aus dem eklektischen Wust von sich widersprechenden Erklärungen und Deutungsangeboten eine eindeutige künstlerische Botschaft herausdestillieren wollen und dafür versuchen, all die schönen Teile, Hinweise und Fährten zu einem kohärentem Gedankengebäude zusammen zu fügen.

Nymphomaniac 2 - Plakat

Nymphomaniac – Teil 2 (Nymphomaniac – Volume 2, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Schweden 2013)
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
mit Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Willem Dafoe, Michael Pas, Jean-Marc Barr, Udo Kier
Länge: 124 Minuten (Kinofassung)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englischsprachige Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Moviepilot über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Moviepilot über „Nymphomaniac – Teil 2“

Metacritic über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Metacritic über „Nymphomaniac – Teil 2“

Rotten Tomatoes über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Rotten Tomatoes über „Nymphomaniac – Teil 2“

Wikipedia über „Nymph( )maniac – Teil 1“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lars von Triers „Nymphomaniac – Teil 1 (Nymphomaniac – Volume 1, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Schweden 2013)

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TV-Tipp für den 5. März: Code 37: Sexsüchtig/Sehen und gesehen werden

März 5, 2014

ZDFneo, 22.30

Code 37: Sexsüchtig/Sehen und gesehen werden (Belgien 2009)

Regie: Jakob Verbruggen

Drehbuch: Hola Guapa

Code 37“ ist in Belgien der Code der Staatsanwaltschaft für Sexualdelikte, wie sexuelle Gewalt, Vergewaltigung, Inzest, Kinderpornografie, Kindesmissbrauch, Pädophilie, Exhibitionismus, sexuelle Belästigung, sexuelle Diskriminierung und Prostitution.

In der belgischen Krimiserie „Code 37“ verfolgen wir die Fälle einer vierköpfigen Polizeieinheit, die sich in Gent nur mit Sexualdelikten beschäftigt, was für gestandene Krimifans schon einmal eine willkommene Ablenkung von den zahlreichen Mordermittlern ist.

Hannah Maes (gespielt von „Broken Circle“-Hauptdarstellerin Veerle Baetens – was allein schon ein Grund zum Einschalten ist) und ihre rein männlichen Untergebenen sind eine prächtig funktionierendes Team, bei dem die Arbeit und nicht persönliche Befindlichkeiten im Vordergrund stehen. Obwohl Bob De Groof Probleme mit einer Vorgesetzten hat. Dafür haben der ältere Verhörspezialist Charles Ruiters und der junge Computernerd Kevin Desmet keine Probleme mit ihr. Und, auch wenn wir einiges über Maes‘ Privatleben erfahren, stört es jedenfalls in den ersten beiden Folgen nicht die Polizeiarbeit.

In ihrem ersten gemeinsamen Fall „Sexsüchtig“ wollen sie herausfinden, wer eine 35-jährige Frau in einem Hotelzimmer strangulierte. Schnell finden sie heraus, dass die Tote keine Prostituierte, sondern eine sexsüchtige, verheiratete Headhunterin war. Entsprechend viele Affären hatte sie und die Ermittler haben etliche Tatverdächtige.

In „Sehen und gesehen werden“ wird die verprügelte Deborah Linden in ein Krankenhaus eingeliefert. Sie will allerdings keine Anzeige erstatten. Maes und ihr Team ermitteln trotzdem. Dabei bemerken sie, dass Linden Todesangst hat und dass sie von einem Nachbarn beobachtet wurde.

Nach den ersten beiden Fällen lautet mein Fazit: „Code 37“ ist ein ordentlicher Polizeikrimi mit vorhersehbaren Fällen, aber einem sympathischen Team und glaubwürdigen Fällen. Das macht Lust auf mehr.

ZDFneo strahlt in den kommenden Wochen, in Doppelfolgen, die ersten dreizehn Fälle aus. Für weiteren Nachschub ist gesorgt. Denn von 2009 bis 2012 entstanden 39 Folgen und, 2011, ein Kinofilm. .

mit Veerle Baetens (Hannah Maes), Michael Pas (Bob De Groof), Marc Lauwrys (Charles Ruiters), Gilles De Schrijver (Kevin Desmet), Geert Van Rampelberg (Koen Verberk), Carry Goossens (Robert Maes)

Hinweise

ZDF über „Code 37“

Wikipedia über „Code 37“


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