TV-Tipp für den 19. Oktober: Die Träumer

Oktober 19, 2018

Tele 5, 22.00

Die Träumer (The Dreamers, Großbritannien/Italien/Frankreich 2002)

Regie: Bernardo Bertolucci

Drehbuch: Gilbert Adair

LV: Gilbert Adair: The holy innocents – A Romance, 1988 (später überarbeitet zu „The Dreamers“ und dann auf Deutsch als „Träumer“ erschienen)

Paris, Frühling 1968: Die Cinémathèque Francaise wird geschlossen. Drei Studenten, Matthew und die Zwillinge Isabelle und Theo, ziehen sich in die riesige Wohnung der Zwillinge zurück und spielen anfangs Filme nach. Später wird es immer mehr zu einem Spiel sexueller Obsessionen.

Bertoluccis Liebeserklärung an das Kino und sein bester Film seit langem. Adair meinte, so sein Agent in einem Gespräch, Bertolucci habe in dem Film das gesagt, was er in seinem Roman habe sagen wollen. Ein schöneres Kompliment hat wahrscheinlich noch kein Regisseur gehört.

Mit Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Anna Chancellor, Robin Renucci, Jean-Pierre Kalfon, Jean-Pierre Léaud

Hinweise

Film-Zeit über „Die Träumer“

Moviepilot über „Die Träumer“

Metacritic über „Die Träumer“

Rotten Tomatoes über „Die Träumer“

Wikipedia über „Die Träumer“ (deutsch, englisch)

The Oxonian Review: Jenni Quilter über „The holy innocents“, die Verfilmung, das Buch „The Dreamers“ und Gilbert Adair

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Neu im Kino/Filmkritik: „Ghost in the Shell“ – viel Stil, wenig Substanz

März 30, 2017

Am Anfang war die Aufregung der Fans über White-Washing: Scarlett Johansson spielt eine Japanerin. Naja, eigentlich eine Japanerin, deren Gehirn in einen Roboterkörper implantiert wird. Und Roboter haben eigentlich keine Nationalität. Vor allem Roboter mit implantierten falschen Erinnerungen.

Außerdem sieht Scarlett Johansson in „Ghost in the Shell“ wirklich sehr japanisch aus und Mamoru Oshii, Regisseur des „Ghost in the Shell“-Animationsfilm ist ebenfalls begeistert: „Scarlett Johansson hat meine Erwartungen an die Rolle der Major bei Weitem übertroffen. (…) Sie ist meiner ursprünglichen Vorstellung dieser Figur so nahe gekommen. Diese Rolle war für sie, und niemand sonst hätte sie spielen können.“

Johansson spielt den ‚Roboter‘ Major überzeugend als emotionslose, leicht staksende Maschine, die sich langsam an ihre Vergangenheit (oder Zukunft oder andere implantierte Erinnerungen oder Fehler in der falsch formatierten Festplatte) erinnert und herausbekommen will, was sie bedeuteten. Dabei wird sie in ein politisches Komplott verwickelt, das auch die weniger pfiffigen Zuschauer nach einigen Sekunden von der ersten bis zur letzten Filmminute durchschauen. Auch wenn sie sich gerade nicht an „Robocop“ erinnern.

Denn Major wurde von Dr. Ouelet (Juliette Binoche) für die Hanka Corporation entwickelt. Auf einige wichtige Manager dieser Firma wurde jetzt ein Anschlag verübt. Verantwortlich dafür soll der brillante Hacker Kuze (Michael Pitt) sein, der auf einen Rachefeldzug gegen die Firma ist und der sich an einem unbekannten Ort in der Mega-Metropole versteckt. Major und ihre Kollegen von Anti-Terror-Einheit „Sektion 9“ sollen ihn finden.

Die Story könnte, wie in zahlreichen anderen Science-Fiction-Filmen, der erzählerische Faden sein, an dem entlang eine zum Nachdenken anregende Vision der Zukunft entworfen wird, die aktuelle Entwicklungen in die Zukunft projiziert und die auch und vor allem ein Kommentar zur Gegenwart ist.

Aber die neue Verfilmung von „Ghost in the Shell“ gehört zu den Science-Fiction-Filmen, die konsequent Stil über Substanz stellen.

Ghost in the Shell“ ist ein freies Remake des Kult-Animes von Mamoru Oshii, der auf Masamune Shirows gleichnamigen Manga von 1989 basiert und bei uns nach dem VHS-Start 1996 kurz darauf auch eine Kinoauswertung erlebte. Weitere Filme, zwei Fernsehserien und drei Videospiele folgten.

Vor zwanzig Jahren war die Cyberpunk-Welt von „Ghost in the Shell“ noch neu; auch weil er einer der wenigen Filme war, der die Ideen von Cyberpunk-Autoren wie William Gibson und Bruce Sterling auf die Kinoleinwand übertrug. Als Trickfilm hatte er keine Probleme mit den erforderlichen Spezialeffekten. Jetzt, dank CGI, sind auch die unmöglichsten Spezialeffekte kein Problem mehr und so basiert die Welt von „Ghost in Shell“ auf „Blade Runner“, „Matrix“ und „Das fünfte Element“, ohne letztendlich viel Sinn zu ergeben, wenn Major zwischen der Matrix und der realen Welt hin und her springt, Visionen hat und fantastische Technologien benutzt. Die reale Welt sieht wie eine riesige „Das fünfte Element“-Bilderwelt aus, in die man noch einige riesige, eher bewegungslos herumhängende Hologramme einfügte. Das sieht schick aus.

Auch wenn Scarlett Johansson reichlich nackt (Frage: Warum muss ein Roboter wie ein Playmate aussehen?) durch diese Cyperpunk-Welt schwebt, springt und kämpft, kann das Auge sich nicht beklagen, während das Gehirn wegen ständiger Unterforderung in jeder Beziehung in einen Dämmerschlaf versinkt.

Denn die Filmgeschichte hat niemals eine gesellschaftspolitische Relevanz als Utopie. Die große Zeit des Cyberpunk ist vorbei. Sie war in den Achtzigern und Neunzigern, als es eine pessimistische Weltsicht und Angst vor den Möglichkeiten von Computern gab. Cyberpunk-Autoren schrieben über weltweite Vernetzungen von Daten, das Internet, Smartphones, kybernetische Erweiterungen unserer Körper und kybernetische Ersetzungen von Körperteilen als es diese Dinge noch nicht gab.

Regisseur Rupert Sanders überträgt jetzt diese Welt in die Gegenwart, ohne – und das hätte er tun müssen, damit „Ghost in the Shell“ relevant wird – ihr als Utopie irgendetwas hinzuzufügen oder sie irgendwie zu aktualisieren. Er entwirft auch kein wirkliches Bild der Zukunft, weder als Utopie, noch als Dystopie oder als irgendwie geartete Gesellschaftskritik. „Ghost in the Shell“ hat, um nur einige der bekannten Cyberpunk-Topoi zu nennen, keine Position zum Kapitalismus, zur Kontrollgesellschaft oder zur Technik-Diktatur. Und das ist, wenn wir an unseren alltäglichen Umgang mit Computern und Überwachungstechnologien denken, dann zu wenig.

Sanders ignoriert in seinem Film die Gesellschaftskritik, die düstere Weltsicht und die philosophischen Fragen des Cyberpunks durchgehend zugunsten der bunt glitzernden Oberfläche.

So toll diese Bilder sind – hier scheint sich ein IMAX-Besuch zu lohnen -, so sehr wirkt „Ghost in the Shell“ wie der Besuch in einem SF-Museum mit Scarlett Johansson, die hier auf der visuellen Ebene ihre Rollen als ‚Black Widow‘ Natasha Romanoff aus den Avengers-Filmen (inclusive einer Fahrt auf dem Motorrad) und Luc „Das fünfte Element“ Bessons „Lucy“ wiederholt.

Ghost in the Shell (Ghost in the Shell, USA/Großbritannien 2017)

Regie: Rupert Sanders

Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler, Ehren Kruger

LV: Masamune Shirow: Ghost in the Shell, 1989

mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Chin Han, Danusia Samal, Lasarus Ratuere, Yutaka Izumihara, Tawanda Manyimo

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ghost in the Shell“

Metacritic über „Ghost in the Shell“

Rotten Tomatoes über „Ghost in the Shell“

Wikipedia über „Ghost in the Shell“ (deutsch, englisch)

Meine Beprechung von Rupert Sanders‘ „Snow White and the Huntsman (Snow White and the Huntsman, USA 2012)

Und noch einige Plakate


TV-Tipp für den 25. August: Die Träumer

August 25, 2016

Arte, 22.30

Die Träumer (Großbritannien/Italien/Frankreich 2002, Regie: Bernardo Bertolucci)

Drehbuch: Gilbert Adair

LV: Gilbert Adair: The holy innocents – A Romance, 1988 (später überarbeitet zu „The Dreamers“ und dann auf Deutsch als „Träumer“ erschienen)

Paris, Frühling 1968: Die Cinémathèque Francaise wird geschlossen. Drei Studenten, Matthew und die Zwillinge Isabelle und Theo, ziehen sich in die riesige Wohnung der Zwillinge zurück und spielen anfangs Filme nach. Später wird es immer mehr zu einem Spiel sexueller Obsessionen.

Bertoluccis Liebeserklärung an das Kino und sein bester Film seit langem. Adair meinte, so sein Agent in einem Gespräch, Bertolucci habe in dem Film das gesagt, was er in seinem Roman habe sagen wollen. Ein schöneres Kompliment hat wahrscheinlich noch kein Regisseur gehört.

Mit Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Anna Chancellor, Robin Renucci, Jean-Pierre Kalfon, Jean-Pierre Léaud

Hinweise

Film-Zeit über „Die Träumer“

Moviepilot über „Die Träumer“

Metacritic über „Die Träumer“

Rotten Tomatoes über „Die Träumer“

Wikipedia über „Die Träumer“ (deutsch, englisch)

The Oxonian Review: Jenni Quilter über „The holy innocents“, die Verfilmung, das Buch „The Dreamers“ und Gilbert Adair


Neu im Kino/Filmkritik: „Criminal Activities“ von redseligen Verbrechern und Möchtegernverbrechern

März 31, 2016

Jackie Earle Haley, der in Hollywood als Schauspieler auf eine jahrzehntelange Karriere von „Die Bären sind los“ über „Watchmen“ bis, jüngst, „London has fallen“ (gut, das war nur eine nebensächliche Nebenrolle) zurückblicken kann, hat sich mit „Criminal Activities“ erstmals als Regisseur versucht und diesen Teil erledigte er souverän und ohne überflüssige Effekthaschereien. Allerdings ist das Drehbuch von Robert Lowell, in der Quentin-Tarantino-Gangsterfilmschule stehend, nicht so gelungen. Über ihn ist nichts zu erfahren. Laut IMDB ist er 1977 gestorben. Weil wohl kaum ein mindestens vierzig Jahre altes Drehbuch verfilmt wurde (obwohl der Film auch 1974 spielen könnte), dürfte es sich hier um ein Pseudonym handeln.

In „Criminal Activities“ geht es um vier High-School-Freunde, die sich auf der Beerdigung eines Schulkameraden treffen. Einer von ihnen hat Insiderwissen über eine Firma, die demnächst in ihrem Wert in astronomische Höhen steigen wird. Einer von ihnen könnte das nötige Geld für die Firmenaktion besorgen. Alle wollen sie an dem illegalen Geschäft verdienen.

Dummerweise löst sich, als die Börsenaufsicht gegen die Firma ermittelt, die gute Investition in Luft auf und die vier Freunde haben plötzlich einen Haufen Schulden bei dem Gangsterboss Eddie, der sein Geld will.

Glücklicherweise hat der sich betont jovial gebende Eddie (John Travolta in einer ziemlich umfangreichen Nebenrolle) eine grandiose Idee. Wenn die vier Zocker ihm einen Gefallen erweisen, sind sie schuldenfrei.

Nach einigem Zögern nehmen Zach (Michael Pitt), Warren (Christopher Abbott), Bryce (Rob Brown) und Noah (Dan Stevens), der sich von Eddie das Geld für das Geschäft lieh, das Angebot an: sie entführen Marques (Edi Gathegi).

Als die vier Noch-nicht-einmal-Möchtegern-Kriminellen mit ihrem Opfer in ihrem Versteck sind, erfahren sie, dass Marques der Neffe eines mächtigen, mit Eddie verfeindeten Gangsterbosses ist. In dem Moment ahnen die vier Entführer, dass die ihnen von Eddie weitschweifig erzählte Geschichte über Marques frei erfunden war und dass sie jetzt zwischen allen Fronten stehen.

Wenn man sich nur die Geschichte von „Criminal Activities“ ansieht, ist der Gangsterthriller einer dieser verwickelten, noirischen Geschichten, in denen einige ganz normale Männer durch Gier und eigenes Verschulden plötzlich knietief im Schlamassel stecken und Verbrecher und Polizisten alles noch komplizierter machen. Das sorgt dann bis zum Schluss für überraschende Entwicklungen und einige Tote.

Jackie Earle Haley erzählt diese in weiten Teilen altbekannte Geschichte strikt entlang der Konventionen und ohne irgendwelche, nervigen formalen Spielereien. Das erinnert dann an einen klassischen Gangsterfilm, wie sie in den vierzigern und fünfzigern im Dutzend gedreht und oft vergessen wurden.

Allerdings ist es auch eine Geschichte, die hauptsächlich in einigen wenigen geschlossenen Räumen spielt und, auch weil jede Szene viel zu lang ausgespielt wird, alles sehr theaterhaft wirkt. Die Dialoge haben nie die bekannte Quentin-Tarantino-Qualität, denen man endlos zuhören könnte und sich gleich einige Zitate notiert. In „Criminal Activities“ langweilen sie eher. Auch weil fast alle Charaktere nicht unbedingt durch ihre Intelligenz überzeugen. Vor allem die vier Entführer stellen sich oft sehr dämlich an. So zeigen sie sich unmaskiert ihrem Opfer, verraten ihm sofort ihre Namen und, was dann die logische Konsequenz wäre, wollen ihn nicht töten.

Heute ist ein Film wie „Criminal Activities“ Direct-to-DVD-Futter oder etwas, das man sich spätabends im Fernsehen ansieht. Im Kino wirkt der Film dagegen arg deplatziert.

Criminal Activities - Plakat

Criminal Activities (Criminal Activities, USA 2015)

Regie: Jackie Earle Haley

Drehbuch: Robert Lowell

mit Michael Pitt, Dan Stevens, Christopher Abbott, Rob Brown, Edi Gathegi, Jackie Earle Haley, John Travolta

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

 

Moviepilot über „Criminal Activities“

Metacritic über „Criminal Activities“

Rotten Tomatoes über „Criminal Activities“

Wikipedia über „Criminal Activities“

Ein etwas älteres Gespräch mit Jackie Earle Haley


TV-Tipp für den 16. Januar: Die Träumer

Januar 16, 2015

3sat, 22.35

Die Träumer (Großbritannien/Italien/Frankreich 2002, Regie: Bernardo Bertolucci)

Drehbuch: Gilbert Adair

LV: Gilbert Adair: The holy innocents – A Romance, 1988 (später überarbeitet zu „The Dreamers“ und dann auf Deutsch als „Träumer“ erschienen)

Paris, Frühling 1968: Die Cinémathèque Francaise wird geschlossen. Drei Studenten, Matthew und die Zwillinge Isabelle und Theo, ziehen sich in die riesige Wohnung der Zwillinge zurück und spielen anfangs Filme nach. Später wird es immer mehr zu einem Spiel sexueller Obsessionen.

Bertoluccis Liebeserklärung an das Kino und sein bester Film seit langem. Adair meinte, so sein Agent in einem Gespräch, Bertolucci habe in dem Film das gesagt, was er in seinem Roman habe sagen wollen. Ein schöneres Kompliment hat wahrscheinlich noch kein Regisseur gehört.

Mit Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Anna Chancellor, Robin Renucci, Jean-Pierre Kalfon, Jean-Pierre Léaud

Wiederholung: Sonntag, 18. Januar, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Die Träumer“

Moviepilot über „Die Träumer“

Metacritic über „Die Träumer“

Rotten Tomatoes über „Die Träumer“

Wikipedia über „Die Träumer“ (deutsch, englisch)

The Oxonian Review: Jenni Quilter über „The holy innocents“, die Verfilmung, das Buch „The Dreamers“ und Gilbert Adair


Neu im Kino/Filmkritik: I Origins; Like Father, like Son; Phoenix; Sieben verdammt lange Tage; Ein Sommer in der Provence; Who am I – Kein System ist sicher

September 26, 2014

Wenig Zeit, daher „Kurz & Knapp“ (auch eine Form von KuK) über die Neustarts im Kino am heutigen Donnerstag:

I Origins - Plakat

„I Origins“ ist einer der Filme, von denen ich viel erwartete und dann umso enttäuschter war. Denn die Prämisse, dass jede Iris einzigartig ist und ein Molekularbiologe, der in diesem Forschungsgebiet über die Evolution des Auges bahnbrechendes leistet, entdeckt, dass diese Arbeitshypothese falsch ist und damit seine gesamte Forschung und seine Überzeugungen in Frage stellen würde, verspricht einen philosophischen Science-Fiction-Film.
Aber dann geht es auch um eine Liebesgeschichte, die ungefähr in der Filmmitte ein abruptes Ende findet und später doch wieder wichtig ist. Es geht um Forschungsfragen. Es geht um die Frage nach der Einzigartigkeit des Menschen und um Wiedergeburt, was die Einzigartigkeit der Iris, aber auch etwas viel unangenehmeres beweisen würde. Es gibt auch ein seltsames Forschungsprogramm, das nicht näher erklärt wird, aber für die Fans von Paranoia-Thrillern gedacht ist. Für die gibt es auch eine Szene nach dem Abspann.
Letztendlich begnügt Mike Cahill sich in „I Origins“ mit dem Aufwerfen von Fragen und mehreren überraschenden bis abstrusen Wendungen, die nur verwirren ohne auch nur im Ansatz zu erklären, worum es den Machern ging.
„I Origins“ ist ein frustierender Film. Mit und ohne Seelenwanderung. Und dass Cahill im Presseheft sagt, dass für ihn „I Origins“ nur der Anfang seiner Erforschung des Bereiches zwischen Fakten und Glauben sei und er den Stoff in weiteren Filmen oder einer TV-Serie fortspinnen will, hilft nicht, weil wir dann den Film nicht als eigenständiges, in sich abgeschlossenes Werk, sondern nur als den Auftakt von etwas Größerem ansehen sollen.

I Origins – Im Auge des Ursprungs (I Origins, USA 2014)
Regie: Mike Cahill
Drehbuch: Mike Cahill
mit Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey, Steven Yeun, Archie Panjabi, Cara Seymour, Venida Evans, William Mapother, Kashish
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „I Origins“
Moviepilot über „I Origins“
Metacritic über „I Origins“
Rotten Tomatoes über „I Origins“
Wikipedia über „I Origins“ (deutsch, englisch)

Like Father Like Son - Plakat 1

Was wäre, wenn dein Kind bei der Geburt vertauscht worden wäre? Und was würdest du tun? Das muss sich Ryota Nonomiya fragen, als er erfährt, dass genau das vor sechs Jahren geschehen ist. Der distanzierte, statusbewusste Architekt, der in finanzieller Hinsicht alles für seinen Sohn tut, aber wegen der vielen Arbeit ihn fast nie sieht, hat jetzt eine Erklärung für die Defizite und den mangelnden Ehrgeiz seines Sohnes. Aber ist Blut wirklich dicker als Erziehung? Soll er seinen falschen Sohn gegen seinen echten Sohn tauschen, der bei einer zwar liebevollen, aber armen und furchtbar ambitionslosen Familie lebt? Oder soll er dafür kämpfen, das Sorgerecht für beide Kinder zu bekommen?
Hirokazu Kore-eda erhielt für seinen Film „Like Father, like Son“ in Cannes den Preis der Jury und das ist verständlich. Ruhig und aus Ryotas Perspektive erzählt er von diesem Dilemma. Dabei bleiben die Sympathien für den egoistischen Ryota, der das Kind vor allem als Statussymbol braucht, überschaubar. Aber die angesprochenen Fragen sind unversell und Hirokazu Kore-eda behandelt sie auch angemessen komplex in einer scheinbar einfachen Geschichte über zwei Familien und ihre Kinder in einer Gesellschaft, in der – wenn so ein Fehler entdeckt wird – die Kinder getauscht werden und ein Adoptionen selten sind.
Ein sehenswerter Film.


Like Father, like Son (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)
Regie: Hirokazu Kore-eda
Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Keita Ninomiya, Lily Franky, Yoko Maki, Shogen Hwang
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Like Father, like Son“
Moviepilot über „Like Father, like Son“
Metacritic über „Like Father, like Son“
Rotten Tomatoes über „Like Father, like Son“
Wikipedia über „Like Father, like Son“

Phoenix - Plakat - 4

Nelly hat schwer verletzt und verunstaltet den Zweiten Weltkrieg und Auschwitz überlebt. Ihre Freundin Lene bietet ihr ein neues Leben in Israel mit einem neuen Gesicht an. Aber Nelly will wieder ihr altes Gesicht zurückhaben. Sie will in Deutschland bleiben und sie will wieder ihren Ehemann Johnny treffen. Er ist ihre große Liebe, der sie verraten hatte.
Johnny arbeitet jetzt in Berlin in der Bar „Phoenix“. Als er Nelly trifft, erkennt er sie nicht. Aber er bemerkt eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der unbekannten Schönheit und seiner toten Frau. Jedenfalls glaubt Johnny, dass Nelly tot ist. Er will die Fremde zu Nellys Ebenbild verändern, um so an Nelly Familienvermögen zu gelangen. Nelly spielt mit.
Cineasten werden in „Phoenix“ sofort eine Variante von Alfred Hitchcocks „Vertigo“ erkennen. Sowieso hat jedes Bild, jeder Satz, jede Geste und jede Szene mindestens eine weitere Bedeutung, was beim Ansehen und Entschlüsseln Spaß macht. Wobei, wie üblich bei Christian Petzold, der Film auch einfach als spannende Geschichte funktioniert. Jedenfalls bis Nelly auf Johnnys Angebot eingeht. Dann fällt die vorher vorhandene Spannung wie ein Soufflé in sich zusammen und die restlichen Minuten, wenn Nelly die Gestik von Nelly einstudiert und sie bei ihren Verwandten, die den Krieg überlebten, vorgestellt wird, haben dann etwa die Spannung von Malen-nach-Zahlen.
„Phoenix“ ist Fritz Bauer, dem Initiator und Ankläger des Auschwitz-Prozesses, gewidmet. Harun Farocki, mit dem Petzold bei, ich glaube, jedem seiner Filme zusammenarbeitete, verstarb kurz vor der Premiere des Films.
Insgesamt ist „Phoenix“ ein sehenswerter Film. Aber Petzolds bester Film ist es nicht.


Phoenix (Deutschland 2014)
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki (Mitarbeit)
LV (nach Motiven): Hubert Monteilhet: Le retour des cendres, 1961 (Der Asche entstiegen)
mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens, Imogen Kogge, Kirsten Block
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Phoenix“
Moviepilot über „Phoenix“
Rotten Tomatoes über „Phoenix“


Sieben verdammt lange Tage - Plakat


Nach dem Tod ihres Vaters müssen die Mitglieder der Familie Altman, auf Wunsch des Verstorbenen, eine siebentägige Totenwache nach jüdischer Tradition halten, was natürlich dazu führt, dass die gar nicht so gläubige Familie, die uns als dysfunktional vorgestellt wird, über alte und neue Probleme reden muss.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist gut besetzt. Jason Bateman als gerade entlassener und getrennt lebender Radio-Producer (seine Frau schlief mit seinem Boss), der jetzt nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Tina Fey, Adam Driver und Corey Stoll als seine Geschwister. Jane Fonda (Die soll Jahrgang 1937 sein? Niemals.) als Mutter mit vergrößerter Brust und die ihre Kinder als Studienobjekte für ihre populären Erziehungsratgeber benutzte. In Nebenrollen sind unter anderem Rose Byrne als Batemans alte und neue Freundin und Timothy Olyphant als verblödeter, aber sehr verständnisvoller Nachbar und Ex-Freund von Tina Fey dabei.
Es ist auch gut inszeniert von Shawn Levy (Real Steel, Prakti.com). Jonathan Troppers Drehbuch schmeckt die dramatischen und die komödiantischen Teile in dieser in Richtung harmonieseliger RomCom gehenden Familienzusammenführung ordentlich ab.
Aber die Charaktere, die alle in einem luftleeren Raum abseits von all den normalen Alltagsproblemen lebten, interessierten mich niemals wirklich. Auch die Prämisse wirkte arg ausgedacht. Immerhin versteht die Familie sich gut und sie traf sich in den vergangenen Jahren sicher zum üblichen Thanksgiving-Dinner und dem gemeinsamen Weihnachts-/Silvesterurlaub. Immerhin leben sie doch in und um Long Island, New York, ziemlich nah beieinander.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist kein schlechter, aber ein uninteressanter Film.

Sieben verdammt lange Tage (This is where I leave you, USA 2014)
Regie: Shawn Levy
Drehbuch: Jonathan Tropper
LV: Jonathan Tropper: This is where I leave you, 2009 (Sieben verdammt lange Tage)
mit Jason Bateman, Jane Fonda, Tina Fey, Adam Driver, Rose Byrne, Corey Stoll, Kathryn Hahn, Connie Britton, Timothy Olyphant, Dax Shepard, Debra Monk, Abigail Spencer, Ben Schwartz,
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sieben verdammt lange Tage“
Moviepilot über „Sieben verdammt lange Tage“
Metacritic über „Sieben verdammt lange Tage“
Rotten Tomatoes über „Sieben verdammt lange Tage“
Wikipedia über „Sieben verdammt lange Tage“ (deutsch, englisch)
Homepage von Jonathan Tropper

Meine Besprechung von Shawn Levys „Real Steel“ (Real Steel, USA 2011)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Prakti.com“ (The Internship, USA 2013)

Ein Sommer in der Provence - Plakat

Für die beiden Pariser Teenager Léa und Adrien ist schon die Hinfahrt im Zug eine Tortur, die ihren Höhepunkt erreicht, als sie erfahren, dass das Gut ihres Großvaters ab von jeglicher Zivilisation mitten in der Einöde liegt und dass es dort keinen Handy-Empfang gibt (gut, das Problem wird später gelöst). Für ihren jüngeren, gehörlosen Bruder Théo ist die Zugfahrt wohl eher der Beginn eines großen Abenteuers. Und für ihren Großvater Paul (Jean Reno als grumpy old man) ist der Besuch auch eine höchst unwillkomme Unterbrechung seines geruhsamen Landlebens zwischen Olivenbäumen und funktionierendem Alkoholiker, der sich vor Ewigkeiten so heftig mit seiner Tochter zerstritt, dass er seine Enkelkinder noch nicht gesehen hat.
Dennoch verleben sie einen schönen „Sommer in der Provence“, in dem Léa sich in einen schönen Reiter und Pizzabäcker (mit Nebeneinkommen) verliebt, während ihr Bruder ein Auge auf die ebenfalls etwas ältere Dorfschönheit und Eisverkäuferin wirft. Sie treffen auch, via einer von Adrien gefakten Facebook-Einladung, die alten Freunde von Paul und seiner Frau Irène. Eine Bande echter Rocker. Jedenfalls im Sommer. In den anderen Jahreszeiten gehen sie bürgerlichen Berufen nach. Gemeinsam erinnern sie sich am Lagerfeuer an ihre Jugend, die so um 68 rum war, inclusive einem Besuch des legendären Woodstock-Festivals.
In der Realität hätten die Franzosen damals wohl eher das unbekanntere Isle-of-Wight-Festival besucht, aber diese kleine Ungenauigkeit ändert nichts daran, dass jetzt die 68er alt werden und damit auch neue Themen in das typisch französische „Die Familie verbringt einen Sommer auf dem Land“-Komödie gelangen.
Davon abgesehen ist Rose Boschs „Ein Sommer in der Provence“ die diesjährige Ausgabe dieses Genres, in dem die Familie einen Urlaub auf dem Land macht, die Teenager sich verlieben, die Generationen sich etwas streiten und versöhnen und es viele kleine Episoden für jeden Geschmack gibt. So ist „Ein Sommer in der Provence“ ein luftiger Ensemblefilm, der keinen Protagonisten und keine eindeutige Erzählperspektive hat. Diese Positionslosigkeit im Erzählerischen kann man dem Film vorwerfen, oder sich einfach von den Schönheiten der Landschaft verzaubern lassen.

Ein Sommer in der Provence (Avis de mistral, Frankreich 2014)
Regie: Rose Bosch
Drehbuch: Rose Bosch
mit Jean Reno, Anna Galiena, Chloé Jouannet, Hugo Dessioux, Lukas Pelissier, Tom Leeb, Aure Atika
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ein Sommer in der Provence“
Moviepilot über „Ein Sommer in der Provence“
AlloCiné über „Ein Sommer in der Provence“
Rotten Tomatoes über „Ein Sommer in der Provence“
Wikipedia über „Ein Sommer in der Provence“ 

Who am I - Plakat

Nachdem seine Freunde in einem Hotelzimmer ermordet wurden, geht Benjamin (Tom Schilling) zur Europol-Cybercrime-Polizistin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), um ihr alles über die von ihm mitgegründete und polizeilich europaweit gesuchte Hackergruppe CLAY (Clowns laughing @ You) zu erzählen. Gemeinsam machten er und seine Kumpels Max (Elyas M’Barek), Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot, Jr.) etliche Anonymus-Aktionen, die meistens mit einem Einbruch oder mindestens einem Hausfriedensbruch und Benjamins überragenden Computerkenntnissen durchgeführt wurden, gerieten in Kontakt mit der Russian Cyber-Mafia und in den Fokus der Polizei, die sie unerbittlich als Großverbrecher verfolgte.
Das klingt jetzt, nach Wikileaks und den NSA-Enthüllungen von Edward Snowden, wie ein schlecht ausgedachter Scherz und genauso unglaubwürdig wirkt dann auch der gesamte Thriller „Who am I – Kein System ist sicher“ mit seinen eindimensionalen, sich unlogisch verhaltenden Charakteren, die wir immer durch Benjamins Augen sehen. Denn fast der gesamte Film besteht aus Benjamins Geständnis.
Für mich hörte sich Benjamins Geschichte allerdings von der ersten bis zur letzten Minute wie eine schlecht ausgedachte Kolportage aus Schlagzeilen und pubertärer Phantasie an, die eine erfahrene Polizistin niemals glauben würde. Das ist allerdings die Voraussetzung dafür, dass sie später Benjamin hilft und die doppelte Schlusspointe funktioniert. Wobei die erste Pointe Benjamins oft vollkommen unglaubwürdige Geschichte erklärt und die zweite ein netter Abschluss eines vermurksten Films über Hacker, Cybercrime, Lug und Trug ist.
Besser man sieht sich noch einmal „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ an. Da gibt es auch atmosphärische Berlin-Bilder und einen glaubwürdigeren Einblick in das Hacker-Leben.

Who am I – Kein System ist sicher (Deutschland 2014)
Regie: Baran Bo Odar
Drehbuch: Jantje Friese, Baran Bo Odar
mit Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot, Jr., Triny Dyrholm, Stephan Kampfwirth
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Who am I“
Moviepilot über „Who am I“
Wikipedia über „Who am I“
Meine Besprechung von Baran Bo Odars „Das letzte Schweigen“ (Deutschland 2010)


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