TV-Tipp für den 3. Mai (+ Buchkritik): Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Mai 2, 2020

Pro7, 20.15

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (The Shape of Water, USA 2017)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor (nach einer Geschichte von Guillermo del Toro)

TV-Premiere – und wegen der Uhrzeit wird um 20.15 Uhr eine gekürzte Fassung gezeigt. Die Nachtwiederholung dürfte ungekürzt sein.

Guillermo del Toros sehr gelungene, mit zahlreichen Preisen (u. a. Oscar als bester Film des Jahres) ausgezeichnete Version vom „Schrecken vom Amazonas“. Der Fischmensch wird 1962 in Baltimore in einem Regierungslabor als Forschungsobjekt gefangen gehalten. Als eine stumme Putzfrau zu dem Wesen eine Beziehung aufbaut, beginnt eine der schönsten Liebesgeschichten des zeitgenössischen Kinos, die auch eine detailverliebte Liebeserklärung an die alten Hollywood-Monsterheuler und ein subversives Märchen über gesellschaftliche Außenseiter, die sich respektvoll, human und ohne Vorurteile begegnen, ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit Clips und Interviews).

mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, David Hewlett, Nick Searcy, Stewart Arnott

Der Filmroman

folgt selbstverständlich der Filmgeschichte. Allerdings erfahren wir mehr über die einzelnen menschlichen Figuren und auch was Richard Strickland im Dschungel bei der Suche nach dem legendären Fischmenschen erlebte. Diese Nebengeschichten variieren das Thema des Films und erhellen das damalige Denken und die damals herrschenden Ansichten. Dummerweise drängen diese Nebengeschichten die Hauptgeschichte in den Hintergrund.

Guillermo del Toro/Daniel Kraus: The Shape of Water

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Knaur, 2018

432 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

The Shape of Water

Feiwel and Friends/Macmillan, 2018

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Shape of Water“

Metacritic über „The Shape of Water“

Rotten Tomatoes über „The Shape of Water“

Wikipedia über „The Shape of Water“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)


TV-Tipp für den 29. Februar: Tödliche Entscheidung

Februar 28, 2020

Servus TV, 22.00

Tödliche Entscheidung (Before the devil knows you’re dead, USA 2007)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Wiederholung: Sonntag, 1. März, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Knives out – Mord ist Familiensache“, die Aufklärung weniger

Januar 2, 2020

Über viele Jahre, eigentlich schon Jahrzehnte, gab es traditionelle Rätselkrimis nur noch in Büchern und im Fernsehen. Erst mit der Kenneth Branaghs starbesetzter Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ kehrte das locked-room-mystery wieder ins Kino zurück. Der Krimi war ein Kassenhit. Inzwischen dreht er, wieder mit vielen Stars, seine nächste Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“.

Dazwischen hat jetzt Rian Johnson sein locked-room-mystery geschmuggelt. Ohne eine literarische Vorlage, nach seinem Drehbuch, mit vielen Verweisen auf die literarischen und filmischen Vorbilder und mit vielen bekannten Schauspielern. Daniel Craig spielt den brillanten Privatermittler Benoit Blanc. Die Verdächtigen werden von Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Chris Evans, Toni Collette, Michael Shannon und Ana de Armas gespielt. Und das Opfer von Christopher Plummer. Er spielt den renommierten Krimiautor Harlan Thrombey, der gerade, pünktlich zu seinem 85. Geburtstag, sein Testament geändert hat. Seine Familie, die aus unterschiedlichen Gründen auf das Geld spekulierte, ist entsetzt. Schließlich hat er sie mit seinem Vermögen schon seit Jahren durchgefüttert und sie haben das Erbe bereits fest für ihren Lebensstil eingeplant.

In der Nacht stirbt Harlan Thrombey in seinem Zimmer. Die Spuren, vor allem die Blutspuren, die Schnittwunde an seinem Hals und die in seiner Hand liegende Tatwaffe sprechen für einen Suizid. Auch wenn vollkommen rätselhaft ist, warum der durchaus rüstige Krimiautor sich umgebracht haben könnte.

Bevor die Polizei den Fall abschließen kann, mischt sich Benoit Blanc ein. Der Privatermittler hat einen Brief erhalten. In dem Brief steht, Harlan Thrombey wurde ermordet.

Blanc überprüft, nachdem die Polizei das schon getan hat, noch einmal die Alibis und Motive der Familienmitglieder und des Personals, wozu vor allem Harlan Thrombeys hispanische Pflegerin Marta (Ana de Armas) gehört. Sie ist die letzte Person, die den Ermordeten lebend sah. Für ihre Unschuld spricht, neben ihrem guten Wesen (für gestandene Rätselkrimifans kein stichhaltiger Grund), dass sie, immer wenn sie lügt, sich übergeben muss. Das passiert ihr, bis der Mörder überführt ist, öfter.

Schnell findet Blanc in den Aussagen der Menschen, die in der Tatnacht im Haus waren, Widersprüche und Merkwürdigkeiten. Das stiftet ihn zu weiteren Fragen und Ermittlungen bei den gar nicht ehrbaren Mitgliedern der Thrombey-Sippe an.

Knives out – Mord ist Familiensache“ setzt sich als liebevoll-ironische Auseinandersetzung mit dem traditionellem Rätselkrimi etwas unglücklich zwischen die Stühle. Für eine Komödie ist der Film zu ernst. Für einen ernsten Krimi ist er dann wieder zu unernst. Und das Rätsel ist, was vielleicht auch daran liegt, dass ich den Täter schon vor dem Filmstart erriet, zu leicht zu durchschauen.

Dafür sind die Schauspieler gut aufgelegt. Sie dürfen einen typisch britischen Clan von Neureichen, Aasgeiern und Erbschleichern verkörpern, die alle von dem Geld des Familienpatriarchen profitieren. Auch Thrombeys Anwesen erinnert an die altehrwürdigen britischen Landhäuser, in denen schon Hercule Poirot Mörder suchte. Weil die Geschichte in den USA in der Gegenwart spielt, gibt es dann einige Anspielungen auf die dortigen Lebensverhältnisse und auch einige moderne, für die Handlung letztendlich unerhebliche Gegenstände und Fahrzeuge.

So ist „Knives out“ ein vergnüglicher und stilbewusster Rätselkrimi, der allerdings lange nicht so gut ist, wie die euphorischen angloamerikanischen Kritiken vermuten lassen.

Knives out – Mord ist Familiensache (Knives out, USA 2019)

Regie: Rian Johnson

Drehbuch: Rian Johnson

mit Daniel Craig, Chris Evans, Jamie Lee Curtis, Toni Collette, Don Johnson, Michael Shannon, Ana de Armas, Katherine Langford, LaKeith Stanfield, Jaeden Martell, Christopher Plummer, Riki Lindhome, Edi Patterson, Frank Oz, K Callan, Noah Segan, M. Emmet Walsh

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Knives out“

Metacritic über „Knives out“

Rotten Tomatoes über „Knives out“

Wikipedia über „Knives out“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Looper“ (Looper, USA 2012 – mit weiteren Bildern, Links und einem 35-minütigem Interview mit Rian Johnson und Joseph Gordon-Levitt) und der DVD

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Star Wars: Die letzten Jedi“ (Star Wars: The last Jedi, USA 2017) und des Filmromans


TV-Tipp für den 30. Oktober: Nocturnal Animals

Oktober 29, 2019

ZDFneo, 23.15

Nocturnal Animals (Nocturnal Animals, USA 2016)

Regie: Tom Ford

Drehbuch: Tom Ford

LV: Austin Wright: Tony & Susan, 1993 (Tony & Susan) (manchmal auch „Tony and Susan“ bzw. „Tony und Susan“, US-Neuausgabe unter „Nocturnal Animals“)

Die erfolgreiche Kunsthändlerin Susan erhält ein unveröffentlichtes Roman-Manuskript ihres Ex-Mannes Edward, zu dem sie seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hat. Sie beginnt den Roman zu lesen und, während der Film zwischen Susans Leben und dem Roman hin und her springt, ahnen wir, dass Edward in seinem Kriminalroman ihre Beziehung verarbeitete.

TV-Premiere. „Nocturnal Animals“ ist ein Manufactum-Film, bei dem der Stil, die richtige Geste, die richtige Ausleuchtung und der äußere Schein wichtiger als der Inhalt ist. Alles ist höchst elegant, gut besetzt und in jeder Beziehung gut inszeniert (was ihn unbedingt sehenswert macht), aber auch immer eine Spur zu offensichtlich und zu eindeutig, um wirklich zu verunsichern oder emotional zu bewegen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Karl Glusman, Armie Hammer, Laura Linney, Andreas Riseborough, Michael Sheen

Hinweise

Moviepilot über „Nocturnal Animals“

Metacritic über „Nocturnal Animals“

Rotten Tomatoes über „Nocturnal Animals“

Wikipedia über „Nocturnal Animals“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Fords „Nocturnal Animals“ (Nocturnal Animals, USA 2016)


TV-Tipp für den 19. Oktober: Broadway Therapy

Oktober 18, 2019

ZDFneo, 20.15

Broadway Therapy (She’s funny that way, USA 2014)

Regie: Peter Bogdanovich

Drehbuch: Louise Stratten, Peter Bogdanovich

Ein verheirateter Theaterregisseur bietet einer Prostituierten nach einer Liebesnacht 30.000 Dollar, wenn sie ihren Beruf aufgibt und ihre Träume verfolgt. Etwas später bewirbt sie sich um eine Rolle in einem Stück des Regisseurs – und all die Probleme, die man aus einer alten Screwball-Comedy kennt, tauchen auf.

Wunderschöne, flotte, zitatreiche Liebeserklärung an die alten Screwballkomödien, die im Kino etwas unterging.

mit Imogen Poots, Owen Wilson, Jennifer Aniston, Rhys Ifans, Cybill Shepherd, Will Forte, Kathryn Hahn, Tatum O’Neal, Michael Shannon, Quentin Tarantino

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Broadway Therapy“

Wikipedia über „Broadway Therapy“ (deutsch, englisch)

Peter Bodganovich über den Film

Peter Bogdanovich über den Film und den ganzen Rest


TV-Tipp für den 17. August: Midnight Special

August 17, 2018

Pro7, 22.55

Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)

Regie: Jeff Nichols

Drehbuch: Jeff Nichols

In Texas sind zwei Männer mit einem Jungen, der eine Schutzbrille trägt, auf dem Weg zu einem geheimnisvollen Treffpunkt. Wenn sie nicht vorher von ihren Häschern geschnappt werden.

Ein Film mit einer geheimnisvollen Atmosphäre, texanischen Sonnenauf- und Untergängen, guten Schauspielern und einer „Twilight Zone“-würdigen Prämisse. Trotzdem war ich letztendlich enttäuscht.

Warum verrate ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp

Wiederholung: Samstag, 18. August, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Midnight Special“
Metacritic über „Midnight Special“
Rotten Tomatoes über „Midnight Special“
Wikipedia über „Midnight Special“
Berlinale über „Midnight Special“

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Midnight Special“ (Midnight Special, USA 2015)

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Loving“ (Loving, USA/Großbritannien 2016)


TV-Tipp für den 22. März: Zeit der Trauer

März 22, 2018

3sat, 22.25

Zeit der Trauer (The Greatest, USA 2010)

Regie: Shana Feste

Drehbuch: Shana Feste

Wie soll man mit Verlusten umgehen? Shana Feste zeigt das am Beispiel von Allan (Pierce Brosnan) und Grace (Susan Sarandon), die ihren 18-jährigen Sohn Bennett (Aaron Taylor-Johnson) durch einen Verkehrsunfall verlieren. Und an Bennetts Bruder (Johnny Simmons) und Bennetts schwangerer Freundin (Carey Mulligan).

Allein schon die Besetzung spricht für „Zeit der Trauer“.

Bewegendes, präzise beobachtendes Familiendrama, das die emotionalen Befindlichkeiten seiner überzeugend gespielten Protagonisten auslotet und seelische Abgründe zeichnet.“ (Lexikon des internationalen Films)

Feste inszenierte danach „Country Strong“ und „Endless Love“.

mit Susan Sarandon, Pierce Brosnan, Carey Mulligan, Aaron Taylor-Johnson, Johnny Simmons, Jennifer Ehle, Zoë Kravitz, Michael Shannon

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zeit der Trauer“

Wikipedia über „Zeit der Trauer“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 3. März: Tödliche Entscheidung

März 3, 2018

MDR, 00.30

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: Wie ist die „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“?

Februar 17, 2018

Seine Weltpremiere erlebte Guillermo del Toros neuer Film „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ in Venedig. Dort erhielt er den Goldenen Löwen als bester Film. Seitdem erhielt der Film über achtzig Preise und fast zweihundertsiebzig Nominierungen. Allein diese Zahlen verraten schon einiges über die Qualität des Films. Der Höhepunkt der Preisverleihungen dürfte die Oscar-Nacht sein. Denn „The Shape of Water“ ist für dreizehn Oscars nominiert, unter anderem in den wichtigen Kategorien bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin, Nebendarstellerin, Nebendarsteller und Kamera. Und er hatte gute Chancen, einige Preise zu erhalten. Unter anderem, trotz starker Konkurrenz, den Preis als bester Film des Jahres. Denn wie „The Artist“, der 2012 den Oscar als bester Film des Jahres erhielt, feiert „The Shape of Water“ das alte Hollywood zwischen B-Picture-Monsterheuler und Musical in seiner ganzen Pracht.

Ungefähr 1963, zur Hochzeit des Kalten Krieges, wird ein seltsames Wesen (Doug Jones), das Filmfans beim ersten Anblick sofort als „Der Schrecken vom Amazonas“ (Creature from the Black Lagoon, USA 1954, Regie: Jack Arnold) erkennen, zu Forschungszwecken in eine geheime und hoch gesicherte US-Forschungsanlage in Baltimore gebracht. Es ist eine dieser Anlagen, in der niemand auch nur zwei Schritte gehen kann, ohne sich ausweisen zu müssen. Bis auf die Putzfrauen, die überall Zutritt haben und normalerweise nicht beachtet werden. Es sind ja nur die Putzfrauen. Wie die schüchterne und stumme Elisa (Sally Hawkins). Sie lebt allein in einem Apartment über einem riesigen Kino, das eines dieser alten Filmpaläste ist, die wir nur aus Filmen kennen. Mit einem netten Betreiber und einer überschauberen Kundschaft. Elisas einziger Freund ist ihr Nachbar Giles (Richard Jenkins). Er ist ein erfolgloser, netter, homosexueller Werbezeichner und Musicalliebhaber, mit dem sie im Fernsehen alte Filme ansieht. Ihre beste Freundin ist ihre redselige Arbeitskollegin Zelda (Octavia Spencer). Die Afroamerikanerin ist verheiratet und nie um eine spitze Bemerkung verlegen.

Elisa führt ein einsames, geregeltes Leben, in das nur ihre Träume Farbe bringen. Bis sie den Amphibienmann trifft. Wobei trifft eigentlich nicht das richtige Wort ist. Schließlich ist er in dem Forschungslabor, das sie putzt, in einem Wasserbottich gefangen und angekettet. Sie kann ihn zunächst nur durch eine dicke Glasscheibe schemenhaft sehen.

Der Amphibienmann wurde von dem stahlharten Regierungsagenten Richard Strickland (Michael Shannon) eigenhändig aus dem Amazonasgebiet nach Baltimore geschleppt. Er möchte alles über das Wesen wissen und er will verhindern, dass es den Russen in die Hände fällt. Für ihn ist dieser Fischmensch eine gefährliche Bestie, die mit Schlägen gefügig gemacht werden muss. Der Meeresbiologe Dr. Robert Hoffstetler (Michael Stuhlbarg), der die Lungenstruktur des Amphibienmannes untersuchen soll, behandelt den Amphibienmann besser. Trotzdem ist er auch für ihn nur ein Forschungsobjekt.

Nur Elisa hat Mitleid mit ihm. Sie begegnet ihm unvoreingenommen, bringt ihm Essen mit und verständigt sich wortlos mit ihm. Langsam vertraut er ihr.

Gleichzeitig werden die Experimente für den Amphibienmann immer lebensbedrohlicher und russische Spione versuchen die Anlage zu infiltrieren.

Weil Elisa sich inzwischen in ihn verliebt hat, möchte sie ihn befreien. Aber wie? Und können ihr ihre Freunde, die wie sie gesellschaftliche Außenseiter sind, helfen?

Del Toros neuer Film ist ein überaus gelungener Crossover aus Monsterfilm, Liebesfilm und Thriller, garniert mit ein, zwei kräftigen Musical-Tupfern, der sich ausdrücklich auf die klassischen Fünfziger-Jahre-B-Pictures beruft. Damals gab es jede Woche eine Alien-Invasion, ein wissenschaftliches Experiment ging grotesk schief und natürlich mussten die Amerikaner sich gegen die bösen Russen verteidigen. Es waren und sind höchst unterhaltsame Filme, die auch, mehr oder weniger offensichtlich, Stimmungen aufgriffen. Es waren oft paranoide Fantasien, die das Herz jedes Analytikers erfreuen. Die besten dieser Filme wurden in jede Richtung interpretiert. Auch der Publikumserfolg „Der Schrecken vom Amazonas“ als „Die Schöne und das Biest“-Variante hatte eine Botschaft. Del Toro knüpft an diesen Klassiker an, führt ihn weiter und verändert vieles, bis eigentlich nur noch der Amphibienmann vorhanden ist. Allerdings nicht mehr als Herrscher über seine Welt, sondern als Gefangener und malträtierte Kreatur. Er ist wahrlich kein Biest mehr. Ein verwunschener Prinz ist er auch nicht. Und Elisa ist nicht die Anwärterin für „die Schöne“, sondern für „die Unsichtbare“. Wie ihre Freunde, die damals von der WASP-Gesellschaft, deren Vertreter Richard Strickland ist, nicht wahrgenommen wurden.

Durch diese Veränderungen wird „The Shape of Water“ zu einem subversivem Märchen über gesellschaftliche Außenseiter, die sich respektvoll, human und ohne Vorurteile begegnen.

Durch diese Veränderungen entgeht del Toro der Gefahr, einfach nur eine zweistündige, prächtig gefilmte, detailversessene Retro-Liebeserklärung an die alten B-Picture-Monsterheuler abzuliefern. Das ist „The Shape of Water“ auch. Aber im Gegensatz zu dem letztjährigen Oscar-Liebling „La La Land“ (das dann überraschend doch nicht der beste Film des Jahres wurde) benutzt del Toro die alten Filme und unsere Erinnerungen an sie, um daraus innerhalb und unter Verwendung der bekannten Formen etwas vollkommen Neues zu machen.

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (The Shape of Water, USA 2017)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor (nach einer Geschichte von Guillermo del Toro)

mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, David Hewlett, Nick Searcy, Stewart Arnott

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Shape of Water“

Metacritic über „The Shape of Water“

Rotten Tomatoes über „The Shape of Water“

Wikipedia über „The Shape of Water“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Die TIFF-Pressekonferenz

DP/30 spricht mit Guillermo del Toro über „The Shape of Water“

Peter Travers spricht mit Guillermo del Toro über „The Shape of Water“


Neu im Kino/Filmkritik: „Loving“ – eine Liebe, die Rechtsgeschichte schrieb

Juni 17, 2017

Am 12. Juni war ‚Loving Day‘.

Was?

Ein alljährliches Gedenken an ein Gerichtsurteil, ein Feiertag in einigen Städten und in Caroline County, Virginia, und die größte multirassische Feier in den USA.

Denn am 12. Juni 1967 urteilte der Oberste Gerichtshof einstimmige, dass ein Verbot von Eheschließungen aufgrund von Rassenmerkmalen verfassungswidrig und eine Verletzung des 14. Zusatzes der Gleichstellungsgarantie sei.

In seinem Film „Loving“, der jetzt endlich bei uns anläuft, erzählt Regisseur Jeff Nichols („Take Shelter“, „Midnight Special“) wie es zu dem Urteil kam. Dabei geht es ihm nicht um die juristischen Winkelzüge, sondern um die beiden Kläger: das Ehepaar Loving. Sie heirateten am 2. Juni 1958 in Washington, D. C., weil sie schwanger war und sie in Virginia, ihrer Heimat, nicht heiraten durften. Denn Richard Loving war ein Weißer und Mildred Jeter eine Schwarze. Sie waren schon als Kinder miteinander befreundet, lebten ärmlich auf dem Land in Central Point im Regierungsbezirk Caroline County, einem ländlichen, von Armut gekennzeichnetem Gebiet.

Richard, wahrlich kein Intellektueller, ignorierte einfach, wie andere County-Bewohner, die damals gültigen und allgemein akzeptierten Rassengrenzen. Mit seinen afroamerikanischen Freunden konnte der Maurer besser an Autos herumbosseln. Außerdem arbeitete sowieso die meiste Zeit gemeinsam, lebte nah beieinander und half sich gegenseitig. Warum, so dachte der schweigsame Richard, sollte er also nicht mit den Menschen zusammen sein, mit denen er sich verstand?

Die anderen Weißen in Caroline County sahen das nicht so entspannt und sie erwirkten – mühelos – ein Gerichtsurteil, das die beiden Lovings verbannte. Der Richter verurteilte sie im Januar 1959 zu einer einjährigen Haftstrafe, die er unter Auflagen aussetzte. Sie mussten den Staat Virginia sofort verlassen und durften in den nächsten 25 Jahren nicht gemeinsam zurückkehren oder sich zur gleichen Zeit in Caroline County aufhalten. Das galt selbstverständlich ohne irgendeine Ausnahme, zum Beispiel für Familienfeiern oder Trauerfälle.

Sie fuhren nach Washington, D. C., zu Mildreds Cousin. Trotzdem fühlten sie sich in der Großstadt unwohl.

Über einen Brief an Präsident John F. Kennedy, den Mildred 1963 in ihrem Exil in Washington, D. C., schrieb, kamen sie in Kontakt mit Anwälten von der Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union), die ihren Fall zu einem Grundsatzstreit machten.

Dabei wollte sie nur zurück zu ihrer Familie nach Central Point und dort auf dem Land mit ihrem Mann und ihren Kindern leben.

Jeff Nichols erzählt diese in den USA bekannte (in jedem Fall bekanntere) Geschichte strikt chronologisch, langsam und mit dem Ehepaar Loving im Mittelpunkt. Joel Edgerton und, vor allem, Ruth Negga wurden, zu Recht, für ihre Interpretation des Ehepaares Loving mehrfach ausgezeichnet und für etliche prestigeträchtige Preise, wie den Golden Globe, nominiert. Ruth Negga war auch für den Oscar nominiert. Sie gibt Mildred eine stille Kraft, die die Familie zusammen hält und die für ihre Rückkehr in ihr Heimatdorf kämpft. Dafür geht sie auch in die Öffentlichkeit. Richard, ein introvertierter Mann, der auch wenn es sein Anliegen befördern würde, nicht in die Öffentlichkeit geht, ist das Gegenteil. Aber sie liebten sich.

Der Film selbst ist klassisches Hollywood-Erzählkino. Dabei erzählt Nichols die Geschichte etwas spröde, indem er bewusst auf Schmalz, große Emotionen, kitschige Taschentuchszenen und Nicholas-Sparks-Sonnenuntergänge verzichtet und sehr naturalistisch, fast wie ein Dokumentarfilm, erzählt. „Loving“ ist auch eine gelungene Geschichtsstunde über einen Sieg der Bürgerrechtsbewegung. In erster Linie ist es aber die Geschichte zweier Menschen, deren Verbrechen es war, dass sie sich liebten, heirateten, Kinder bekamen und in ihrer Heimat leben wollten.

Loving (Loving, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Jeff Nichols

Drehbuch: Jeff Nichols

LV: Nancy Buirski: The Loving Story, 2011 (Dokumentarfilm)

mit Joel Edgerton, Ruth Negga, Marton Csokas, Nick Kroll, Terri Abney, Alano Miller, Jon Bass, Christopher Mann, Sharon Blackwood, Michael Shannon

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Loving“

Metacritic über „Loving“

Rotten Tomatoes über „Loving“

Wikipedia über „Loving“ (deutsch, englisch)

History vs Hollywood über „Loving“

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Midnight Special“ (Midnight Special, USA 2015)

DP/30 unterhält sich mit Jeff Nichols über „Loving“ und den ganzen Rest (Ton wird im Lauf des Gesprächs besser)

DP/30 spricht mit Ruth Negga und Joel Edgerton über den Film

Eine kurze BBC-Reportage über den Fall (BBC World Service – Witness)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Tom Fords „Nocturnal Animals“

Dezember 22, 2016

Susan Morrow (Amy Addams) erhält von ihrem Ex-Mann Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal), von dem sie seit Jahren nichts gehört hatte, ein Exemplar seines noch nicht veröffentlichten Debütromans „Nocturnal Animals“. Während die Kunsthändlerin den Kriminalroman liest, erinnert sie sich an ihre Beziehung zu Edward.

Der zweite Spielfilm des bekannten Modedesigners und „A single Man“-Regisseurs Tom Ford „Nocturnal Animals“ ist ein durchgehend elegantes Werk, das sich formschön und funktionell zwischen den verschiedenen Ebenen bewegt ohne jemals zu verunsichern. Alles, jeder Erzählstrang, jede Szene, jedes Bild, ist sauber voneinander getrennt, eindeutig in jeder Beziehung und es überfordert niemanden. Auch wenn Jake Gyllenhaal eine Doppelrolle spielt. Er ist Susans Ex-Mann und der Protagonist des Romans, was verdeutlicht, dass der Roman aus Susans Sicht (aber auch aus Edwards und der Sicht des Zuschauers) eine literarische Verarbeitung ihrer Beziehung ist.

Edward erzählt in seinem Roman letztendlich eine simple Rachegeschichte, für die Stephen King an einem schlechten Tag zwanzig Seiten benötigt hätte. Während einer nächtlichen Autofahrt durch West-Texas werden Tony Hastings und seine Familie von Ray Marcus (Aaron Taylor-Johnson) und seinen Kumpels bedrängt und zu einem Unfall provoziert. Anschließend entführt Marcus Tonys Familie. Als er sie wieder sieht, sind sie tot und Tony möchte sich rächen.

Dass in der Gegenwart Susans Ehemann fremdgeht und damit ihre Vergangenheit und die Fiktion gespiegelt werden, überrascht dann nicht mehr, bringt aber auch keine neuen Erkenntnisse.

Nocturnal Animals“ ist ein Manufactum-Film, bei dem der Stil, die richtige Geste, die richtige Ausleuchtung und der äußere Schein wichtiger als der Inhalt ist. Alles ist höchst elegant, gut besetzt und in jeder Beziehung gut inszeniert (was ihn unbedingt sehenswert macht), aber auch immer eine Spur zu offensichtlich und zu eindeutig, um wirklich zu verunsichern oder emotional zu bewegen. Im Gegensatz zu den Horrorfilmen von David Cronenberg, zum Beispiel „Crash“ oder sein Hollywood-Film „Maps to the Stars“, und zahlreichen anderen Horrorfilmen, in denen die Protagonisten sich mit ihren Ängsten herumschlagen müssen (Hat Susan überhaupt vor etwas Angst? Will sie überhaupt ihr Leben ändern? Verändert die Lektüre des Romans sie irgendwie?). Man fragt sich auch nie, wie bei Olivier Assayas „Die Wolken von Sils Maria“, wo die Grenzen zwischen den verschiedenen Ebenen verlaufen. In „Nocturnal Animals“ sind Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion sauber voneinander getrennte Schubladen.

Dabei ruft Tom Ford in den ersten Filmminuten mit betont ästhetischen Bildern von in Zeitlupe tanzenden, übergewichtigen nackten Frauen beim Zuschauer genau die Verunsicherung hervor, die er später erfolgreich vermeidet.

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Nocturnal Animals (Nocturnal Animals, USA 2016)

Regie: Tom Ford

Drehbuch: Tom Ford

LV: Austin Wright: Tony & Susan, 1993 (Tony & Susan) (manchmal auch „Tony and Susan“ bzw. „Tony und Susan“, US-Neuausgabe unter „Nocturnal Animals“)

mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Karl Glusman, Armie Hammer, Laura Linney, Andreas Riseborough, Michael Sheen

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Nocturnal Animals“

Metacritic über „Nocturnal Animals“

Rotten Tomatoes über „Nocturnal Animals“

Wikipedia über „Nocturnal Animals“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Tom Ford

Im AOL Building wird Tom Ford von Amy Addams, Michael Shannon und Aaron Taylor-Johnson unterstützt


Neu im Kino/Filmkritik: „Elvis & Nixon“, „Salt and Fire“, Michael Shannon und Kevin Spacey, Michael Shannon und Veronica Ferres

Dezember 9, 2016

Wann schläft Michael Shannon eigentlich? Am 22. Dezember kommt der Arthouse-Thriller „Nocturnal Animals“ mit ihm in einer Nebenrolle in die Kinos. Vor einigen Monaten lieferte er ein „Midnight Special“ und diese Woche laufen zwei Filme mit ihm als Hauptdarsteller an. In „Elvis & Nixon“ spielt er Elvis Presley. In „Salt and Fire“, dem neuen Werner-Herzog-Film, spielt er den Entführer Matt Riley.

Er entführt Prof. Dr. Laura Sommerfeld (Veronika Ferres). Sie ist die Leiterin einer wissenschaftlichen Delegation. Im Auftrag der Vereinten Nationen sollen sie in Bolivien herausfinden, was und wer eine große Umweltkatastrophe auslöste, durch die sich der Salzsee Diablo Blanco unerbittlich ausdehnt. Sie glaubt, dass ein global agierender Konzern dafür verantwortlich ist. Riley ist der CEO dieser Firma.

Nachdem Werner Herzogs letzter Film „Königin der Wüste“ mit Nicole Kidman als Gertrude Bell nur 08/15-Hollywood-Schnulzenkino war, ist „Salt and Fire“ wieder ein richtiger Herzog-Film, der uns in eine fremde Landschaft entführt. Denn die zweite Hälfte des Films spielt auf dem Salzsee Diablo Blanco. Dort wird Sommerfeld mit zwei blinden, einheimischen Kindern auf einer kleinen Felseninsel ausgesetzt. Sie haben Lebensmittel für eine Woche. Sie können sich nicht miteinander verständigen. Und Sommerfeld hat keine Ahnung, warum sie zu der kleinen Felseninsel im Salzsee gebracht wurde.

Das ist, gedreht wurde in der riesigen Salzlandschaft der Salar de Uyuni in Bolivien, der visuell beeindruckendere Teil des betont eigenwilligen, aber letztendlich auch idiotischen Films. Denn Riley und seine Helfer führen die Entführung von Sommerfeld und ihrem Team professionell durch und auch in dem abgelegenem Haus, in dem sie gefangen gehalten werden, verhalten sie sich sehr vernünftig. Die Situation und auch die Machtspiele zwischen Geisel und Geiselnehmer schildert Herzog spannend. Auch die Gespräche zwischen Sommerfeld und Riley, der Philosophen zitiert, Weisheiten von sich gibt und an seiner Existenz und seinem Leben zweifelt, sind spannend, weil Riley die Erwartungen, die man an den Chef eines umweltzerstörenden Konzerns hat, unterläuft und er eher wie ein umweltschützender Philosoph wirkt.

Aber dann kommt die seltsame zweite Hälfte, in der man sich fragt, was Riley erreichen will. Denn der Ökoterrorist setzt die Person mitten in der Salzwüste aus, die schon aufgrund ihres Auftrages verpflichtet ist, sein Anliegen zu unterstützen. Und wenn er sie nicht wieder aus dieser Lage befreit, wird seine potentielle Verbündete sterben.

So hat „Salt and Fire“ zwar durchgehend den Herzog-Touch, aber der letztendlich interessant gescheiterte Film zerfällt in zwei Teile und hat, wenn man traditionelle Beurteilungsmaßstäbe anlegt, eine unglaubwürdige Geschichte. Herzog selbst nennt „Salt and Fire“ allerdings einen „Tagtraum, der den Regeln des Kinos nicht folgt“. Das verdeutlicht er schon in den ersten Minuten, wenn das Forscherteam entführt und dabei höflich wie Staatsgäste behandelt wird. Es ist ein gesittetes Theater, bei dem sich dann auch die Überraschung, wenn einer der Entführer, der zunächst im Rollstuhl saß, plötzlich steht, in Grenzen hält. Er ist nicht behindert; er hat nur manchmal keine Lust, alleine zu gehen. Und Herzog hat dieses Mal keine Lust, eine konventionelle Kinogeschichte zu erzählen.

Salt and Fire“ folgt eher einer Traumlogik und dem absurden Theater. Mit einprägsamen Bildern aus Bolivien, die man sich in einer Mischung aus Staunen und ungläubigem Kopfschütteln ansieht.

 

Unglaubwürdig, aber wahr (mehr oder weniger) ist die Geschichte von „Elvis & Nixon“. Am 21. Dezember 1970 traf sich US-Präsident Richard Nixon im Oval Office mit Elvis Presley. Von dem Treffen gibt es ein Bild, aber keinen Tonmitschnitt. Denn Nixon begann seine paranoide Alles-aufnehmen-Politik erst im Februar 1971.

Liza Johnson erzählt jetzt, schön pointiert, mit viel Zeitkolorit und liebevoll die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Politik und Pop, zwischen den ähnlich gestressten Helfern des Präsidenten und des Rockstars ausspielend, wie es zu dem Treffen kam. Denn Elvis Presley war von der Jugendkultur, der Gegenkultur, den Hippies und ihrem Drogenkonsum angeekelt. Er will etwas dagegen tun und möchte Nixon vorschlagen, dass er als Bundesagent für das Land arbeitet und undercover die kommunistische Gegenkultur und ihre Drogenringe infiltrieren möchte.

Nixon, hübsch grantig von Kevin Spacey gespielt, möchte sich allerdings nicht mit dem Entertainer treffen. Aber seine Tochter hätte gerne ein Autogramm.

Michael Shannon spielt Presley und bleibt dabei letztendlich immer Michael Shannon. Das liegt allerdings auch an den unzähligen Elvis-Imitatoren und den unzähligen bekannten Bildern von Elvis in seinen verschiedenen Lebensphasen und seinen vielen Spielfilmen, die immer wieder im Nachmittagsprogramm laufen. Da fällt in jeder Sekunde auf, dass Elvis Presley und Michael Shannon, der Elvis auf dem schmalen Grad zwischen Mensch und Parodie spielt, verschieden aussehen.

Ein viel größeres Problem von „Elvis & Nixon“ ist allerdings die eingesetzte Musik. Es gibt kein einziges Elvis-Lied (wobei seine für die Popgeschichte wichtigen Songs in den Fünfzigern erschienen und er damals, nach seiner Hollywood-Karriere, vor allem in Las Vegas live spielte und belanglosen Breitwand-Pop ablieferte). Stattdessen werden Songs von Blood, Sweat & Tears, Creedence Clearwater Revival und Otis Redding gespielt. Es sind heute immer noch coole Songs, die Elvis in dem Film eine vermeintliche Hipness verleihen, die er damals nicht hatte. Für die Jugendkultur war er ein Teil des verhassten Establishments – und seine Wunsch, als Undercover-Agent den Drogensumpf der Gegenkultur trockenzulegen, bestätigt ihre Einschätzung. Auch wenn Elvis‘ selbstgewählte Mission nie mehr als eine spinnerte Idee eines von der Welt abgehobenen Stars war.

Elvis & Nixon“ erzählt eine in jeder Beziehung unbedeutende Anekdote, die zu einem neunzigminütigem Spielfilm aufgeblasen wird und Elvis inszeniert, als sei er noch ein Teil des jugendlichen Aufbegehrens gegen die Gesellschaft.

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Salt and Fire (Salt and Fire, Deutschland/USA/Frankreich/Mexiko 2016)

Regie: Werner Herzog

Drehbuch: Werner Herzog

LV: Tom Bissell: Aral (Kurzgeschichte, erschienen in „God Lives in St. Petersburg: Short Stories“, 2006)

mit Veronica Ferres, Michael Shannon, Gael Garcia Bernal, Lawrence Krauss, Volker Michalowski, Danner Ignacio Marquez Arancibia, Gabriel Marquez Arancibia

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „Salt and Fire“

Moviepilot über „Salt and Fire“

Metacritic über „Salt and Fire“

Rotten Tomatoes über „Salt and Fire“

Wikipedia über „Salt and Fire“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Königin der Wüste“ (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)

Werner Herzog in der Kriminalakte

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Elvis & Nixon (Elvis & Nixon, USA/Deutschland 2016)

Regie: Liza Johnson

Drehbuch: Joey Sagal, Hanala Sagal

mit Michael Shannon, Kevin Spacey, Alex Pettyfer, Johnny Knoxville, Colin Hanks, Evan Peters, Sky Ferreira, Tracy Letts

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Elvis & Nixon“

Metacritic über „Elvis & Nixon“

Rotten Tomatoes über „Elvis & Nixon“

Wikipedia über „Elvis & Nixon“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. April: Ein fürsorglicher Sohn

April 14, 2016

 

3sat, 22.30

Ein fürsorglicher Sohn (USA/Deutschland 2009, Regie: Werner Herzog)

Drehbuch: Herbert Golder, Werner Herzog

Zwei Polizisten wollen einen Geiselnehmer zur Aufgabe bewegen. Er soll seine Mutter ermordet haben und er scheint ein Problem mit der Realität zu haben.

Werner Herzog durchsetzt den Thriller mit sardonisch-absurden und philosophisch-surrealen Spitzen und löst die Handlung mittels Rückblenden in eine bezugsreiche Bricolage auf.“ (Lexikon des Internationalen Films)

Ein großer Spaß halt.

Avantgarde-Jazzer Ernst Reijseger schrieb die Musik.

Mit William Dafoe, Chloë Sevigny, Michael Shannon, Brad Dourif, Loretta Devine, Udo Kier, Michael Peña

auch bekannt als „My Son, My Son, What Have Ye Done?“ (Originaltitel und der deutsche DVD-Titel)

Hinweise

Moviepilot über „Ein fürsorglicher Sohn“

Metacritic über „Ein fürsorglicher Sohn“

Rotten Tomatoes über „Ein fürsorglicher Sohn“

Wikipedia über „Ein fürsorglicher Sohn“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Königin der Wüste“ (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)

Werner Herzog in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Freeheld – Jede Liebe ist gleich“, aber nicht jeder Pensionsanspruch

April 7, 2016

Die Frau erhält die Pension ihres verstorbenen Mannes. Das ist ein ganz einfaches, uns wohlvertrautes Prinzip. Manchmal gibt es Probleme. Wenn, zum Beispiel, sie ihn erkennbar nur wegen Pension heiratete.

Manchmal gibt es auch andere Probleme und von einem erzählt Peter Sollett in seinem auf einem wahren Fall basierendem Spielfilm. In „Freeheld“ geht es um eine Polizistin, die dafür kämpft, dass ihre Pension nach ihrem Tod an ihren Partner ausgezahlt wird. Es gibt nur ein kleines Problem: ihr Partner ist eine Frau – und die fünf gewählten, republikanischen Ocean-County-Bezirksvertreter (die sich Freeholders nennen) meinen, dass eine Pension nur an einen andersgeschlechtlichen Partner ausgezahlt werden könne. Schließlich gelte es die Familie zu schützen und eine Familie bestehe nun einmal aus Mann und Frau, die dann auch Kinder bekommen.

An Kinder hat Detective Laurel Hester (Julianne Moore) nie gedacht. Als der Film 2002 beginnt, hat sie seit zwanzig Jahren als unerschrockene und gute Polizistin gearbeitet. Sie ist respektiert und aufgrund ihrer Arbeit und ihres Charakters auch ein Vorbild für ihre Kollegen in Ocean County, New Jersey. Als sie bei einem Volleyballspiel die neunzehn Jahre jüngere Automechanikerin Stacie Andree (Ellen Page) kennen lernt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem zögert Hester. Sie will Privatleben und Beruf strikt trennen, was aufgrund der unter Polizisten verbreiteten Homophobie vernünftig ist. Aber Andree möchte mit ihrer großen Liebe zusammen sein. Auch in der Öffentlichkeit.

Sie ziehen in ein typisches Vorstadthaus, renovieren es und könnten glücklich sein, wenn nicht 2005 bei Hester nach 23 Dienstjahren Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert würde. Hesters einziger und letzter Wunsch ist, dass ihre Pensionsansprüche auf ihre Lebenspartnerin übertragen werden, damit sie weiterhin im gemeinsamen Haus leben kann. Als die Bezirksvertreter ihr diesen Wunsch verweigern, den sie jedem anderen Staatsdiener, der eine andersgeschlechtliche Person heiratet, problemlos erfüllen (auch wenn die Ehe nur wenige Tage dauerte), beginnt Hester für ihr Recht auf gleiche Behandlung zu kämpfen. Denn Partnerschaft ist Partnerschaft. Unterstützt wird sie dabei von dem großspurig und theatralisch auftretendem Bürgerrechtsaktivisten Steve Goldstein (Steve Carell), der aus den Anhörungen vor den Freeholders ein großes, öffentlichkeitswirksames Theater macht.

Dieses Theater steht natürlich in der Tradition der großen Gerichtsfilme, in denen dann auch die Werte der amerikanischen Gesellschaft und auch die Werte liberaldemokratischer Gesellschaften verhandelt werden. Aber „Freeheld“ ist kein Gerichtsfilm, sondern ein konventionell erzähltes, durchaus auf die Tränendrüse drückendes Liebesdrama, das eben deshalb sehenswert ist. Schließlich richtet Peter Solletts Film, nach einem Drehbuch von „Philadelphia“-Autor Ron Nyswaner, sich nicht an die ohnehin überzeugte LGBT-Gemeinschaft sondern an das Mainstream-Publikum. Diese Zuschauer müssen von dem Anliegen überzeugt werden. Emotional und rational. Für die emotionale Seite sind dann Julianne Moore und Ellen Page zuständig. Steve Carell für die rationale. Und Michael Shannon, der Hesters Kollegen Dane Wells spielt, zeigt die Wandlung eines konservativen Mannes, der sich niemals für die Rechte von Homosexuellen interessierte und der jetzt für die Rechte seiner Arbeitspartnerin kämpft.

Der wahre Fall, der auch in der Oscar-gekrönten Dokumentation „Freeheld“ von Cynthia Wade, die die Inspiration für den Spielfilm war, geschildert wird, und die mit ihm verbundene Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war in den USA einer der Marksteine auf dem Weg zur Entscheidung des United States Supreme Court vom 26. Juni 2015, die allen Amerikanern, auch gleichgeschlechtlichen, die Heirat erlaubt. In Deutschland ist das immer noch nicht möglich.

Freeheld - Plakat

Freeheld – Jede Liebe ist gleich (Freeheld, USA 2015)

Regie: Peter Sollett

Drehbuch: Ron Nyswaner (basierend auf dem Dokumentarfilm „Freeheld“ von Cynthia Wade)

mit Julianne Moore, Ellen Page, Steve Carell, Michael Shannon, Luke Grimes, Gabriel Luna, Skip Sudduth, William Sadler

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Freeheld“

Metacritic über „Freeheld“

Rotten Tomatoes über „Freeheld“

Wikipedia über „Freeheld“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Batman v Superman: Dawn of Justice“ für Superhelden?

März 24, 2016

Beginnen wir mit zwei Informationen: es gibt keine Szene im oder nach dem Abspann. Das macht Marvel. Batman, Superman und noch einige andere Superhelden gehören zu DC Comics.

Laut IMDB kostete der Film 250 Millionen US-Dollar.

Gehen wir zum Geschmäcklerischen über: die durchgehend dunklen Bilder störten mich. Zack Snyder verwechselt hier, wie viele andere Regisseure, dunkle Bilder mit Düsternis und Bedeutung.

Und wo wir gerade bei „Bedeutung“ sind: Zeitlupe ist okay. Zeitlupe kann grandios sein. Sam Peckinpah war ein Meister darin und jeder Actionfilm-Regisseur sollte ein Gespür dafür entwickeln. Allerdings wäre „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (ein Titel wie die Ankündigung für einen Boxkampf) ohne die Zeitlupe nur noch halb so lang. So schafft es die erste filmische Begegnung zwischen Superman (ein grundgütiger Kämpfer für die gute Sache) und Batman (ein etwas schlecht gelaunter Kämpfer für die gute Sache) auf gut 150 Minuten (der Abspann ist relativ kurz geraten). Dass die beiden Jungs sich am Ende vertragen, können wir uns denken. Sind ja beides Superhelden, die sich niemals gegenseitig töten würden. Deshalb endet so ein Zusammentreffen wie ein Boxkampf, der selbstverständlich mit einem ‚Unentschieden‘ oder einem vorzeigen Abbruch endet. Dass die Szene, in der aus den beiden Gegnern Verbündete werden, sich in Snyders Film in ihrer Absurdität schon jetzt für viele Parodien empfiehlt, konnten wir uns dagegen nicht denken. Und dass der Weg dahin so langweilig ist, haben wir nicht erwartet (über diesen Punkt bestand nach der Vorstellung zwischen mit allen, mit denen ich über den Film redete, Konsens). Denn wenn schon das Ende klar ist, sollte wenigstens, wie bei den Marvel-“Avengers“, der Weg dorthin kurzweilig, unterhaltsam und voller Überraschungen sein.

Batman v Superman: Dawn of Justice“ ist nichts davon. Die von Chris Terrio und David S. Goyer geschriebene Filmgeschichte besteht nämlich nur aus der länglichen Einführung der Hauptcharaktere und vielen Set-Ups. Es beginnt, wieder einmal, mit der Schilderung der Ermordung von Bruce Waynes Eltern. Später wird der kleine Bruce Batman. Wir sehen, noch einmal, den Schlusskampf aus Zack Snyders vorherigem, ziemlich schlechten, aber immerhin schön bunten Superman-Film „Man of Steel“. Dieses Mal aus der Perspektive von Bruce Wayne. Und der Milliardär Lex Luthor sucht Kryptonit, um so Superman zu besiegen. Superman hat auch Ärger mit der US-Regierung, die seine letzte Weltrettung wegen der Kollateralschäden nicht so lustig fand. Deshalb will auch Batman Superman besiegen.

Zwischen den Kloppereien – mal real, mal als Alptraum von Mister Bruce Wayne – wird dann etwas Tiefe vorgegaukelt. Dabei erinnert „Batman v Superman“ an Zack Snyders ungleich gelungenere Alan-Moore-Verfilmung „The Watchmen“, in der all die Dinge verhandelt wurden, die in „Batman v Superman“ nur behauptet werden, weil der Film kein Thema, keine Botschaft, kein Anliegen hat, das konsequent zu Ende erzählt wird. Außer die nächsten Superman-Batman-Filme vorzubereiten.

Er macht aus seiner Grundidee, Superman gegen Batman kämpfen zu lassen, erstaunlich wenig, weil die Macher nachdem sie die beiden Superhelden in den Ring stellten, keine weitere Idee hatten, außer sie aufeinander einschlagen zu lassen. Auch der wirkliche Bösewicht des Films, der bekannte Superman-Gegner und LexCorp-Chef Lex Luthor (hier gespielt von Jesse Eisenberg), bleibt blass. Am Ende des Films werden einfach die verschiedenen Handlungsstränge und Storyideen mutwillig zusammengeknüpft zu einem überlangem, lärmendem und vollkommen sinnfreiem Showdown, bei dem dann auch Wonder Woman ihr Kostüm anziehen darf und Supermans irdische Mutter und seine Freundin durchs Bild huschen.

Die Schauspieler machen ihre Sache ganz gut, ohne jemals wirklich gefordert zu werden. Etliche Schauspieler, die bereits bei „Man of Steel“ dabei waren, sind wieder dabei, wie Amy Adams, Diane Lane, Laurence Fishburne und Kevin Costner. Henry Cavill spielt Superman wieder so herrlich blasiert als männliche Barbie-Puppe, dass er seinen treudoofen Blick unmöglich ernst meinen kann. Immerhin hat es, wie die gesamte Inszenierung von Superman, durchaus Camp-Potential. Ben Affleck kann als Batman und Bruce Wayne immer angemessen grimmig gucken, bis er für den Schlusskampf in ein Kostüm schlüpfen muss, das mehr an Robocop als an Batman erinnert. Gal Gadot absolviert ihren ersten Auftritt als Wonder Woman und Jesse Eisenberg darf als Lex Luthor erratische Sätze aufsagen. Weitgehend ohne Glatze. Die wird ihm erst am Filmende verpasst.

Die Tricks sind – verglichen mit den grandiosen Animationen in Jon Favreaus „The Jungle Book“ (Kinostart ist am 14. April) – erbärmlich schlecht. Wahrscheinlich wird deshalb bevorzugt nach Sonnenuntergang in schlecht beleuchteten Räumen gekämpft. Mit vielen Schnitten, Lichtblitzen und Explosionen.

Das Ende ist, wenig überraschend, eine riesige Schlacht, die trotzt eines vermeintlich schockierenden Ereignisses, genug Raum für mehrere Fortsetzungen bietet. Mit dem Zweiteiler „The Justice League“ von Zack Snyder und mehreren begleitenden Solo-Superheldenfilme, wie wir es von Marvel kennen, wird es in den kommenden Jahren auch von DC Comics hoch budgetiertes Superheldenfutter geben.

Für die Heimkinoauswertung hat Zack Snyder schon eine um eine halbe Stunde längere Fassung angekündigt, die – eher unwahrscheinlich – einige Probleme von „Batman v Superman“ beheben könnte oder – viel wahrscheinlicher – einfach nur noch lääänger ist, ohne dass sich die grundlegenden Probleme dieses Slow-Motion-Desasters ändern. Und die liegen in schlecht motivierten Charakteren (vor allem natürlich das Trio Superman, Batman und Lex Luthor) und einer vergessenswerten Geschichte. Eigentlich werden uns nur ein Haufen zusammenhangloser, pompöser, nirgendwohin führender Szenen, garniert mit einigen Traumsequenzen, präsentiert. Der Showdown ist dann auch nicht aus der Geschichte, sondern aus der Laufzeit des Films begründet.

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Batman v Superman: Dawn of Justice (Batman v Superman: Dawn of Justice, USA 2016)

Regie: Zack Snyder

Drehbuch: Chris Terrio, David S. Goyer

mit Ben Affleck, Henry Cavill, Amy Adams, Jesse Eisenberg, Diane Lane, Laurence Fishburne, Jeremy Irons, Holly Hunter, Gal Gadot, Scoot Mnnairy, Callan Mulvey, Kevin Costner, Michael Shannon

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Moviepilot über „Batman v Superman: Dawn of Justice“

Metacritic über „Batman v Superman: Dawn of Justice“

Rotten Tomatoes über „Batman v Superman: Dawn of Justice“

Wikipedia über „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Jeff Nichols‘ „Midnight Special“

Februar 19, 2016

„Midnight Special“ – ein Titel wie ein Joe-R.-Lansdale-Roman oder für eine Anthologie im Geist von „The Twilight Zone“ oder für einen herrlich abgeranzten Südstaaten-Blues voller Sex und Gewalt.
Nun, das ist Jeff Nichols‘ neuer Film nicht. Auch wenn er in den Südstaaten spielt. Zwei schwerbewaffnete Männer fahren mit einem Kind durch Texas, das gewohnt fotogen mit Sonnenauf- und -untergängen in Szene gesetzt wird. Sie werden verfolgt. Von einer Sekte und von der Polizei, die sie sogar über eine öffentliche Fahndung im Fernsehen im Fernsehen sucht. Die beiden Männer wollen den Jungen zu einem Ort bringen, an dem es in wenigen Tagen zu einem wichtigen Ereignis kommen soll. Sie glauben, dass es der Tag des Jüngsten Gerichts ist und der Junge irgendetwas damit zu tun hat.
Aus dieser Ausgangssituation entfaltet Nichols („Take Shelter“, „Mud“) über lange Zeit eine beträchtliche Spannung. Denn nur langsam enthüllen sich für den Zuschauer die Hintergründe und damit auch die Handlungsmotive der verschiedenen Figuren. Der Junge ist ein Medium, das Signale und Botschaften empfängt, und der übernatürliche Fähigkeiten hat, die auch schon einmal ein halbes Haus zerstören können. Oder mehr. Das ist so sehr Stephen-King-Land, dass es erstaunt, dass „Midnight Special“ nicht auf einer seiner Geschichten basiert, sondern eine Originalgeschichte von Nichols ist. Eine andere, ebenso offensichtliche, Inspiration ist natürlich Steven Spielbergs freundlicher Alien-Begegnungs-Science-Fiction-Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“.
Begleitet wird der Junge Alton (Jaeden Lieberher) von seinem Vater Roy (Michael Shannon), der ihn aus der Sekte entführte, und Lucas (Joel Edgerton), einem Schulfreund von Roy, der inzwischen ein State Trooper mit besonderen Fähigkeiten ist. Er hilft ihnen, weil er gesehen hat, wozu Alton fähig ist. Dafür übertritt er auch einige Gesetze und schießt auf Polizisten.
Verfolgt werden die drei von zwei Handlangern der Sekte, die den Jungen zurückbringen sollen, weil er für ihre Gemeinde wichtig ist. Er ist, nun, ihr Heiland. Ihr Jesus-Kind.
Und dann gibt es noch den gesamten Staatsapparat, der Roy, Lucas und Alton, der die meiste Zeit unbeeindruckt „Superman“-Comics liest, einträchtig und ohne irgendein Kompetenzgerangel verfolgt. Die Polizei, das FBI, das helfende Militär und die NSA setzen alles ein, was sie haben. Die wichtigste Person der Verfolger ist der sehr nerdige und schusselige NSA-Analyst Sevier (Adam Driver), der herausfinden will, wie es Alton gelang, an die geheimen, nur über verschlüsselte Leitungen gesendete Informationen zu kommen. Oh, diese Informationen, Koordinaten meist, bildeten den Grundstock der Sekten-Gottesdienste; was ihnen, bis sie vom FBI gestört werden, einen besonderen Touch verleiht.
Das klingt ziemlich krude. Ist es auch. Aber die Geschichte wird von Nichols mit viel Sinn für Atmosphäre und einem Hang zum Siebziger-Jahre-Kino (was uns mit dem Anblick vieler Charakterköpfe und älterer Schauspieler belohnt) konsequent entschleunigt erzählt bis hin zu einem ziemlich hirnrissigen „A world beyond“-Finale. Dabei leben solche Geschichten, in denen sich mehrere Gruppen, mehr oder weniger unabhängig voneinander, auf den Weg zu einem bestimmten Ort, an dem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein besonderes Ereignis erwarten, ohne zu wissen was sie dort erwartet, von ihrer Auflösung. Also ob die Enthüllung des vorher immer wieder beschworenen Mysteriums so gut ist, wie die davor erzeugten Erwartungen. In „Midnight Special“ werden sie enttäuscht.
Weil Nichols seine Geschichte so unglaublich langsam erzählt und sie sich absolut gradlinig auf ihr Finale hin entwickelt, bleibt schon beim Ansehen des Films viel Zeit, sich mehr oder weniger wichtige Fragen zu stellen, die alle dazu führen, dass die Geschichte insgesamt immer unglaubwürdiger wird.
Letztendlich ist „Midnight Special“ eine große Enttäuschung. Da helfen auch nicht die engagiert spielenden Schauspieler, die Bilder, die über weite Strecken des Films vorhandene latente Spannung, die lässig eingestreuten Witze (vor allem Adam Driver hat die besten Dialogzeilen und Sam Shepard überzeugt in seinem kurzen Auftritt als Sektenführer) und die Anspielungen auf andere Werke.
Stephen King und Joe R. Lansdale hätten aus der Grundidee von „Midnight Special“ ein echtes Midnight Special für die nächste Mitternachtsvorstellung gemacht. Bei Jeff Nichols endet der Ausflug ins Hinterland, in religiösen Wahn, Paranoia und kaputte Familien im strahlenden Sonnenlicht in einer deplatzierten, nichts sinnvoll erklärenden Special-Effects-Orgie.

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Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)
Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Moviepilot über „Midnight Special“
Metacritic über „Midnight Special“
Rotten Tomatoes über „Midnight Special“
Wikipedia über „Midnight Special“
Berlinale über „Midnight Special“


TV-Tipp für den 21. Februar: Tödliche Entscheidung

Februar 20, 2015

Eins Festival, 22.00

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Wiederholung: Sonntag, 22. Februar, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


TV-Tipp für den 24. September: Tödliche Entscheidung

September 23, 2014

Ja, schon wieder. Denn von den TV-Premieren („Der Fall Bruckner“, ARD, 20.15 Uhr, könnte gut sein. Ebenso „Helen Dorn: Unter Kontrolle“, ZDFneo, 20.15 Uhr, oder „Der Retter“, Arte, 20.15 Uhr, oder „Omar – Ein Justizskandal“, BR, 23.10 Uhr. Und „Dark Tide“ Halle Berry, Kabel 1, 20.15 Uhr, spielt eh in einer anderen Liga) kenne ich keine. Daher

Eins Plus, 22.15

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Wiederholung: Donnerstag, 25. September, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


TV-Tipp für den 25. Juli: Tödliche Entscheidung

Juli 24, 2014

3sat, 22.35

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Hinweise

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Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


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