Neu im Kino/Filmkritik: „King Arthur: Legend of the Sword“, mal wieder neu interpretiert

Mai 11, 2017

Bislang tobte Guy Ritchie sich in der Gegenwart aus. Eigentlich immer im Gangstermilieu. Auch seine beiden Sherlock-Holmes-Filme waren mehr gegenwärtig als viktorianisch.

In seinem neuesten Film „King Arthur: Legend of the Sword“ springt er ganz weit in die Vergangenheit und erzählt die Geschichte von König Arthur, dem Schwert Excalibur, das er aus einem Stein herauszieht, der Festung Camelot und den Rittern der Tafelrunde neu. Selbstverständlich in 3D und, wie es sich für eine Big-Budget-Produktion gehört, mit namhafter Besetzung. Auch wenn die wirklich großen Namen fehlen. „Sons of Anarchy“ Charlie Hunnam, Jude Law (der in Ritchies Sherlock-Holmes-Filmen Dr. Watson ist), Djimon Hounsou, Aidan Gillen, Mikael Persbrandt und Eric Bana (der sich mit wenigen Drehtagen aus der Affäre zog) sind alle schauspielerisch erschreckend unterfordert in diesem Fantasy-Mischmasch, der mehr an den Katalog eines Fantasy-Shops als an einen auch nur halbwegs durchdachten Film erinnert.

Die Filmgeschichte beginnt damit, dass Vortigern (Jude Law) seinen Bruder, den rechtmäßigen, allseits beliebten und tapferen König Uther Pendragon (Eric Bana), und dessen Frau feige ermordet.

Pendragons kleiner Sohn kann, wie Moses, auf einem kleinen Boot entkommen. In London, oder Londinium wie es im Film heißt, wird er aufgenommen und wächst zu einem properen Mannsbild heran, das dann wie Charlie Hunnam aussieht. Er ist ein guter Kämpfer und verdient sein Geld als Beschützer eines Etablissements, in dem eine verdächtig hohe Zahl leicht bekleideter, junger Damen arbeitet. Für die weitere Filmgeschichte sind sie unwichtig. Wie es in dem gesamten Film keine einzige auch nur halbwegs interessante oder erinnerungswürdige Frauenfigur gibt. Es gibt daher selbstverständlich auch keine Liebesgeschichte.

Jedenfalls wird Arthur von den Schergen des Königs verhaftet, wie alle jungen Männer nach Camelot gebracht und, potzblitz, er zieht mühelos und erstaunlich lustlos, so als wolle er nur wieder möglichst schnell zurück in sein Bordell, das berühmte, mit magischen Kräften versehene Schwert Excalibur aus dem Stein. Jetzt wissen alle, dass er der rechtmäßige König ist.

Aber der böse König ist noch lange nicht besiegt.

Arthur wird jetzt von Kämpfern des Widerstands gegen Vortigern förmlich in den Kampf gedrängt. Und das ist eine weitere Neuerung: Ritchies König Arthur hat überhaupt keine Lust auf den Thron und er will auch nicht seine Eltern rächen. Das führt dazu, dass Arthur wie ein nasses Hemd im Film herumhängt und nur bei den Actionszenen lebendig wird. Weil: kämpfen kann er. Ohne dass seine weiße Weste einen Blut- oder Dreckspritzer abbekommt.

King Arthur: Legend of the Sword“ will als Neuinterpretation der Artuslegende in keiner Sekunde ein weiterer Ritterfilm sein, der seine Geschichte entlang der bekannten, bewährten und funktionierenden Konventionen einfach noch einmal erzählt. Allerdings hat Guy Ritchie keine Ahnung davon, was er stattdessen erzählen will. Er lässt die Liebesgeschichte weg. Er lässt den Comic-Charakter, den Witzbold, weg, der in anderen Ritterfilmen für die Lacher sorgte. Ritchie lässt dieses Mal sogar den Humor weg. Außer man hält abgeschlagene Gliedmaße für witzig.

Er nahm dem Protagonisten, King Arthur, jegliche Ambitionen. Ritchies King Arthur ist der wohl unambitionierteste Thronanwärter der Filmgeschichte. Er zieht nonchalant das Schwert aus dem Stein, als ob er gerade eine lästige Fliege totschlagen würde und sich nicht in dem Moment als der legitime Thronfolger zu erkennen gäbe. Er scheint es – im Gegensatz zu uns – auch nicht zu wissen und wenn er es doch weiß, ist ihm egal, dass er mit dieser Tat sein eigenes Todesurteil schreibt. Denn Vortigern will unter allen Umständen an der Macht bleiben. Während des gesamten Films stolpert Arthur in Kämpfe, weil sie so im Drehbuch stehen. Aber nicht, weil sie Prüfungen auf dem Weg zu seinem Ziel sind, weil (siehe oben) er kein Ziel hat.

Ritchie inszenierte den gesamten Film, abgesehen von wenigen Landschaftsaufnahmen (gedreht wurde in Schottland und Wales), in dunklen bis sehr dunklen Bildern. Blut, Matsch, Schlamm, Modder und Scheiße sind eine monochrome braune Soße, die erfolgreich eine Freigabe „ab 12 Jahre“ (bzw. PG-13) anpeilte. Denn so brutal die Morde auch sind, so wenig sieht man von ihnen. Dass die dunklen Bilder für die Düsternis der Geschichte stehen sollen; – geschenkt. Das haben wir schon tausendmal gehört und es ist immer noch Quatsch. Ein Film wird durch seine Geschichte düster. Nicht durch seine dunklen Bilder.

Am Ende des Fantasy-Films gibt es eine Szene, die eine tagespolitische Lesart des gesamten Films geradezu herausfordert: ein stolzer Wikingerführer erkennt klag- und kampflos die Führerschaft von König Arthur an, weil Arthur jetzt der König und der Herrscher über die Welt und damit auch über die Wikinger ist. Das sieht dann – immerhin ist die Artus-Legende ein seit Ewigkeiten gepflegter Nationalmythos – wie die Visualisierung der chauvinistischen Brexit-Fantasien aus, nach denen Großbritannien nach dem Brexit wieder eine strahlende Großmacht ist, die anderen gnädig Schutz gegen bedingungslose Folgsamkeit gewährt. Ritchie inszenierte auch diese Szene ohne eine ironische Distanz.

Bis zu diesem Moment zeigt der Film einen beeindruckende Diskrepanz zwischen dem Anspruch, eine mitreisende Fantasy-Neuinterpretation der Artus-Legende zu präsentieren, und dem Endergebnis, das genau das nicht ist. „King Arthur: Legend of the Sword“ ist ein lustlos-pompöser, vor Selbstüberschätzung triefender Ritterfilm, der einen wehmütig an ältere und bessere Interpretationen der alten Geschichte denken lässt. Genau wie die Versprechen der Brexit-Befürworter von einem souveränen, grandiosen Großbritannien außerhalb der EU nichts mit der sich schon jetzt abzeichnenden Realität zu tun haben.

Das gilt, um wieder zum Film zurückzukommen, auch für die Pläne, nach denen „King Arthur: Legend of the Sword“ der Auftakt einer aus sechs (!) Filmen bestehenden Serie sein soll. Diese Pläne kann man, angesichts der Qualitäten des Films, schon beim Abspann in das Reich der Legenden verweisen. Erste Box-Office Prognosen gehen in die gleiche Richtung. Aktuell schätzt „The Hollywood Reporter“ den Film, wenn die Einnahmen außerhalb der USA nicht sehr hoch sind, als ersten Kassenflop des Jahres ein.

P. S.: Eine beruhigende Erkenntnis hat der Film: auch damals wurden die Bauarbeiter nicht fertig. Überall stehen halbfertige Häuser, Brücken und Tore herum. Etliche sind schon am verfallen; – – – – was auch eine Metapher für das Vereinigte Königreich sein könnte.

King Arthur: Legend of the Sword (King Arthur: Legend of the Sword, USA/Australien 2017)

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Joby Harold, Guy Ritchie, Lionel Wigram (nach einer Geschichte von David Dobkin und Joby Harold)

mit Charlie Hunnam, Jude Law, Àstrid Bergès-Frisbey, Djimon Hounsou, Aidan Gillen, Mikael Persbrandt, Eric Bana, David Beckham

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „King Arthur: Legend of the Sword“

Metacritic über „King Arthur: Legend of the Sword“

Rotten Tomatoes über „King Arthur: Legend of the Sword“

Wikipedia über „King Arthur: Legend of the Sword“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“

November 18, 2016

Hans Falladas nach dem Kriegsende geschriebene Fiktionalisierung der Taten des Ehepaares Otto und Elise Hampel ist einer der Klassiker der deutschen Literatur. Das Ehepaar lebte in der Amsterdamer Straße 10 (Berlin-Wedding). Nach dem Tod ihres Bruders an der Westfront wurden die Hampels zu Regimegegner. Zwischen September 1940 und September 1942 verfassten sie über zweihundert Karten, in denen sie zum Widerstand und zur Sabotage aufriefen. Die Karten hinterlegten sie in Treppenhäusern. Am 8. April 1943 wurden sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Nach dem Kriegsende erhielt Hans Fallada vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ die Prozessakten. Im Oktober/November 1945 schrieb er in vier Wochen den Roman, der in der ersten Fassung 866 Typoskriptseiten umfasste, die vor der Veröffentlichung von Lektor Paul Wiegler überarbeitet wurden. 1947, kurz nach dem Tod von Hans Fallada, erschien im neugegründeten Aufbau-Verlag die Erstauflage von „Jeder stirbt für sich allein“, die seitdem unzählige Neuauflage erlebte. Übersetzungen gab es auch. Als der Roman 2009 in einer gekürzten Fassung erstmals ins Englische übersetzt wurde, wurde er sogar ein weltweiter Bestseller. In Deutschland erschien 2011 im Aufbau-Verlag eine ungekürzte Neuausgabe, die ebenfalls ein Bestseller wurde.

In dem Moment wollten Regisseur Vincent Pérez und der X-Filme-Produzent Stefan Arndt bereits den Roman wieder verfilmen. Es gibt bereits mehrere Verfilmungen, wobei die bekannteste die 1975er-Verfilmung von Alfred Vohrer ist. Arndt wollte das Buch als deutsche Produktion mit deutschen Schauspielern verfilmen. Aber er fand keine Geldgeber. Was angesichts der jetzt in den Kinos angelaufenen Verfilmung nicht nachvollziehbar ist. Als die damals erschienene englische Übersetzung sich zu einem Bestseller entwickelte, war die Idee geboren, den Film in Englisch für ein weltweites Publikum zu drehen. Und das taten sie dann auch.

Im Film stehen Anna (Emma Thompson) und Otto Quangel (Brendan Gleeson) im Mittelpunkt. Nach dem Tod ihres Sohnes im Krieg entschließen sie sich zum stillen Protest, indem sie in Berlin Postkarten auslegen. Ihnen auf der Spur ist Kommissar Escherich (Daniel Brühl).

Ergänzt wird dieser Krimiplot um zahlreiche Episoden aus dem Haus, die so ein Bild des Lebens in der Nazi-Diktatur entwerfen.

Man muss den gut siebenhundertseitigen Roman nicht kennen, um zu wissen, dass für den Film, der mit knapp hundert Minuten (ohne Abspann) eher kurz geraten ist, vieles aus dem Roman gestrichen wurde. Der Roman entfaltet ein breites Panorama der damaligen Zeit und der Bewohner des Mietshauses, in dem das Ehepaar Quangel lebt. Der Film erzählt dagegen vor allem eine Geschichte aus dem Haus. Außerdem endet der Film letztendlich mit der Verhaftung der Quangels, die im Roman in der aktuellen Ausgabe schon auf den Seiten 480 (er) und 491 (sie) ist. Der Roman endet in dieser Ausgabe auf Seite 668. Die Kürzungen fallen allerdings, solange man die Vorlage nicht kennt, nicht auf und allein schon das spricht für den Film und die Arbeit der Macher die eine Geschichte des stillen und gewaltlosen Widerstandes von zwei ganz normalen Leuten erzählen wollten.

Und das gelingt Pérez. Auch weil er sich auf Brendan Gleeson und Emma Thompson als Hauptdarsteller verlassen kann. Filmisch folgt „Jeder stirbt für sich allein“ dabei den Konventionen einer Romanverfilmung ohne eine wirklich eigene Handschrift. Es ist halt gediegenes Unterhaltungskino mit Anspruch und einer begrüßenswerten Botschaft.

Damit reiht sich „Jeder stirbt für sich allein“ in die von Fred Breinersdorfer geschriebene Widerstand-Trilogie ein, in der er mit „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, „Elser – Er hätte die Welt verändert“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ drei Schicksale junger Menschen aus der Nazi-Diktatur nah an der historischen Wahrheit erzählte (die von verschiedenen Regisseuren verfilmt wurden). Die Quangels sind dagegen schon älter. Alles ist deutlich gesetzter.

Weil die Verfilmung mit internationaler Besetzung für den internationalen Markt gemacht wurde, wird in der Originalfassung englisch gesprochen. Das führt, wie bei der le-Carré-Verfilmung „Marionetten“ (A most wanted man) für uns Deutsche zu der eher seltenen Situation, dass man die synchronisierte Version, in der auch etwas berlinert wird, bevorzugen sollte.

Falladas Roman kann man dann ja während der Weihnachtstage lesen.

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Jeder stirbt für sich allein (Deutschland/Frankreich/Schweiz/Großbritannien 2016)

Regie: Vincent Pérez

Drehbuch: Achim von Borries, Vincent Pérez (in Zusammenarbeit mit Bettine von Borries)

LV: Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, 1947

mit Emma Thompson, Brendan Gleeson, Daniel Brühl, Mikael Persbrandt, Katrin Pollitt, Lars Rudolph, Uwe Preuss

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (mit Filmumschlag)

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Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

(Ungekürzte Neuausgabe)

Aufbau Taschenbuch, 2016 (12. Auflage)

704 Seiten

12,99 Euro

Die ungekürzte Neuausgabe erschien erstmals 2011.

Die Erstausgabe erschien 1947 um Aufbau-Verlag.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Jeder stirbt für sich allein“

Moviepilot über „Jeder stirbt für sich allein“

Rotten Tomatoes über „Jeder stirbt für sich allein“

Wikipedia über „Jeder stirbt für sich allein“ (deutsch, englisch) und Hans Fallada

Perlentaucher über „Jeder stirbt für sich allein“

Die Zeit: Johannes Groschupf über das Ehepaar Hampel und die historischen Hintergründe des Romans


TV-Tipp für den 4. Oktober: Kommissar Beck: Mord in Zimmer 302

Oktober 4, 2015

ZDF, 22.00
Kommissar Beck: Mord in Zimmer 302 (Schweden/Deutschland 2015, Regie: Mårten Klingberg)
Drehbuch: Mikael Syrén
Erfinder: Jörgen Bergmark
LV: Charaktere von Maj Sjöwall und Per Wahlöö
Im Hotelzimmer 302 wird die 18-jährige Denise tot aufgefunden. Kommissar Martin Beck (Peter Haber, sehr gealtert), Gunvald Larsson (Mikael Persbrandt) und ihr Team suchen den Mörder unter den zahlreichen verdächtigen.
„Mord in Zimmer 302“ ist der erste von vier neuen „Kommissar Beck“-Fällen, die das ZDF an den kommenden Sonntagen zeigt.
Der Auftakt hält, nach einer sechsjährigen Pause, das Niveau der früheren Fälle und ist ein unaufgeregter, angenehmen altmodischer Whodunit, bei dem die realistisch geschilderten Ermittlungsarbeiten im Vordergrund stehen. Und es ist schön, endlich einmal Verhörszenen zu sehen, in denen die Polizisten nicht als brüllende Derwische durch den Raum toben, sondern ruhig ihre Fragen stellen. Halt wie es sich für gehört, wobei Beck und Larsson fast schon zu ruhig sind.
Mit Peter Haber, Mikael Persbrandt, Ingvar Hirdwall, Rebecka Hemse, Måns Nathanaelson, Anna Asp, Elmira Arikan, Jonas Karlsson, Åsa Karlin, Anu Sinisalo, Sofia Zouagui, Niklas Hjulström, Rikard Björk, Filip Berg, Mikaela Ardai Jennefors
Wiederholung: Montag, 5. Oktober, 00.50 Uhr (Taggenau)
Hinweise
ZDF über „Kommissar Beck“
Wikipedia über „Kommissar Beck“, Maj Sjöwall, Per Wahlöö und ihre Romane


Neu im Kino/Filmkritik: „The Salvation – Spur der Vergeltung“ im Wilden Westen

Oktober 10, 2014

In den ersten Minuten von „The Salvation – Spur der Vergeltung“ gibt es einige Irritationen. Jedenfalls wenn man einen handelsüblichen US-Western erwartet, wo die Helden keine Vergangenheit und vor allem keine Einwanderervergangenheit haben. Denn Peter und Jon sind Auswanderer aus Dänemark, die 1864 ihre Heimat verließen, um in den USA ihr Glück zu suchen. In der Nähe von Black Creek, einer kleinen Gemeinde irgendwo im Nirgendwo, bauten die beiden Kriegsveteranen sich eine kärgliche Existenz als Farmer auf. Sieben Jahre später erwartet sie am Bahnhof Jons Frau Marie und seinen zehnjährigen Sohn Kresten.
Die zweite Irritation ist, dass Jon und Peter von Mads Mikkelsen und Mikael Persbrandt gespielt werden, die in einem US-Western nicht die Hauptrolle bekommen hätten. Die hätte Jeffrey Dean Morgan, der Bösewicht des Films, bekommen.
Allerdings gab es in den Sechzigern auch den Italo-Western, in dem Europäer sich im Wilden Westen austobten. Gedreht wurde in Spanien und Italien. Auch „The Salvation“ wurde nicht in den USA, sondern in Südafrika gedreht. Aber das stört höchstens die Feingeister, die glauben, dass ein Film unbedingt am Handlungsort entstehen muss. Außerdem spielte der Western immer auch an einem mythologischen Ort, der mal mehr, aber oft weniger mit den wirklichen Wilden Westen zu tun hatte.
Kristian Levrings Film ist deutlich von den bekannten US-Western-Klassikern, wie „Stagecoach – Höllenfahrt nach Santa Fé“, „High Noon“ und „Der schwarze Falke“, John Ford, Howard Hawks, Sergio Leone, Sergio Corbucci, Clint Eastwood und dem Italo-Western inspiriert. Vor allem die häufige Verwendung religiöser Symbole und den visuellen Stil kennen wir von den Italienern. Am Ende wird, weil die Filmgeschichte andere Schwerpunkte legt, unpassend das Ende von „Gangs of New York“ zitiert.
Nach der etwas steifen Begrüßung steigt der friedliebende Jon am Bahnhof mit Frau und Kind in eine Postkutsche. Ihre Begleiter sind zwei ungewaschen, betrunkene Wüstlinge, die sich schnell an Frau und Kind vergreifen. Jon werfen sie aus der Kutsche. Es gelingt ihm trotzdem die in der Nacht verschwindende Kutsche zu verfolgen und die beiden Bösewichter zu töten.
Nachdem er Marie und Kresten beerdigt hat, erfährt er im Dorf, dass einer der beiden Toten der gerade aus der Haft entlassene Bruder von Delarue (Jeffrey Dean Morgan) war und der den Tod seines nichtsnutzigen Bruders unbedingt rächen will. Um seine Position zu verdeutlichen, erschießt er eine harmlose alte Frau. Delarue ist wirklich ein Banditenanführer, wie er im Buch steht und der für eine große Gesellschaft billig das Land, auf dem Öl vermutet wird, besorgen soll. Wie er das tut, ist seinen Auftraggebern herzlich egal.
Obwohl Westernfans die Geschichte von „The Salvation“ schon dutzendfach gesehen haben, macht der Film, trotz der zu digital brillanten Bilder (jedenfalls für das geübte Western-Auge), dank der vielen Cinemascope-Landschaftsaufnahmen, auf der großen Leindwand Spaß.
Außerdem haben die Dänen jetzt bewiesen, dass sie Western können.

The Salvation - Plakat

The Salvation – Spur der Vergeltung (The Salvation, Dänemark/Großbritannien/Südafrika 2014)
Regie: Kristian Levring
Drehbuch: Kristian Levring
mit Mads Mikkelsen, Eva Green, Jeffrey Dean Morgan, Eric Cantona, Mikael Persbrandt, Jonathan Pryce, Douglas Henschall, Michael Raymond-James, Jonathan Pryce, Alexander Arnold, Nanna Øland Fabricius, Toke Lars Bjarke
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Hompage zum Film
Film-Zeit über „The Salvation“
Moviepilot über „The Salvation“
Metacritic über „The Salvation“
Rotten Tomatoes über „The Salvation“
Wikipedia über „The Salvation“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: „Agent Hamilton 2 – In persönlicher Mission“ unterwegs

April 17, 2013

 

Der erste Einsatz von Mikael Persbrandt als Carl Hamilton, schwedischer Geheimagent mit guten Verbindungen und einem eigenen Kopf, hat mir ausnehmend gut gefallen. „Agent Hamilton 2 – In persönlicher Mission“ schließt ziemlich nahtlos an „Agent Hamilton – Im Interesse der Nation“ an. Während er damals für die Regierung arbeitete, zieht er dieses Mal ohne Auftrag, unterstützt von einigen Verbündeten, los. Ein saudischer Prinz, der sich nach einem missglückten Attentatsversuch an der dafür verantwortlichen SÄPO-Chefin rächen will, hat die Patentochter von Carl Hamilton entführt.

 

Aufgrund ökonomischer Interessen verfolgt die schwedische Regierung die Angelegenheit nur mit gedämpftem Interesse. Also handelt Hamilton, wie so oft, auf eigene Faust.

 

Wie schon in dem ersten „Agent Hamilton“-Film wird die einfache Geschichte mit Subplots angereichert, komplexer und reichhaltiger gemacht. In dem so entstehendem zynischen Bild der internationalen Politik erscheint der US-amerikanische Geheimdienst als wahrer Bad Guy. Bei dem Bösewicht sind die Ähnlichkeiten mit Osama bin Laden und seiner sehr vermögenden Familie sicher nicht zufällig. Sowieso nimmt Drehbuchautor Stefan Thunberg, der auch das Buch für den ersten „Agent Hamilton“-Film schrieb, die Schlagzeilen und entstellt sie bis zur Kenntlichkeit als ein zwar tödliches, aber von der Staatsräson und nachvollziehbaren Interessen geleitetes Spiel.

 

Und Mikael Persbrandt verkörpert den von Jan Guillou erfundenen Geheimagenten als einen eiskalten Killer, der tut, was getan werden muss.

 

Die zahlreichen Action-Szenen sind alle etwas zerfahren im Post-Action-Modus inszeniert und hinterlassen alle den Eindruck, dass mit etwas mehr Geld und Zeit deutlich mehr möglich gewesen. So sieht es eher nach TV als nach Kino aus.

 

Davon abgesehen ist „Agent Hamilton 2 – In persönlicher Mission“ ein angenehm altmodisch-zynischer Polit-Thriller, in dem es nicht um höhere Moral, sondern schnöde Interessen und machtpolitische Spielchen geht, mit einer ordentlichen Portion Action.

 

Agent Hamilton 2 - DVD-Cover

 

Agent Hamilton 2 – In persönlicher Mission (Hamilton: Men inte om det gäller din dotter, Schweden 2012)

 

Regie: Tobias Falk

 

Drehbuch: Stefan Thunberg

 

LV: Charakter von Jan Guillou

 

mit Mikael Persbrandt, Saba Mubarak, Frida Hallgren, Reuben Sallmander, Nadja Christiansson, Lennart Hjulström, Peter Eggers, Steven Waddington, Cal Macaninch, John Light, Nigel Whitmey

 

 

DVD

 

Ascot-Elite

 

Bild: 2.35:1 (16:9 PAL)

 

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Schwedisch (Dolby Digital 5.1)

 

Untertitel: Deutsch

 

Bonusmaterial: Deutscher und Originaltrailer, Wendecover

 

Länge: 86 Minuten

 

FSK: ab 16 Jahre

 

 

Hinweise

 

Wikipedia über „Agent Hamilton – Im Interesse der Nation“

 

Krimi-Couch über Jan Guillou

 

Wikipedia über Jan Guillou (deutsch, englisch, schwedisch)

 

Meine Besprechung von Kathrine Windfelds „Agent Hamilton – Im Interesse der Nation“ (Hamilton – I nationens intresse, Schweden 2012)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Hypnotiseur“ hypnotisiert nicht

Februar 21, 2013

Als ich „Der Hypnotiseur“ sah, dachte ich, dass die Plotschwächen in Lasse Hallströms neuen Film an der Vorlage, einem Kriminalroman von Lars Kepler, liegen und die Macher sich, um keine Fans des Buchs zu verschrecken, einfach viel zu sklavisch an die Vorlage hielten.

Nachdem ich das Buch trotz tödlicher Langeweile überlebt habe, kann ich sagen, dass die Drehbuchautoren Paolo Vacirca und Peter Asmussen und Regisseur Lasse Hallström die Geschichte durchaus kräftig änderten und sie sogar verbesserten, aber es half nichts. „Der Hypnotiseur“ ist ein langweiliger, unlogischer Krimi, der sich kräftig in der Ikea-Klischeeabteilung bediente.

Dabei beginnt es spannend und ohne langes Vorspiel gleich mit dem Mord an einer Familie. Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) hat im winterlichen Stockholm gleich zwei Tatorte: in einer Sporthalle wurde der Sportlehrer Ek brutal erstochen; in seinem Haus wurde etwas später der Rest der Familie ebenso bestialisch ermordet. Nur der Sohn Josef Ek (Jonatan Bökman) überlebte schwerverletzt und liegt jetzt im Koma. Josefs Schwester Evelyn (Emma Mehonic) war nicht da. Linna glaubt jetzt, dass der Mörder auch sie umbringen will und nur Josef Ek kann ihm bei der Fahndung mit einer Beschreibung des Täters helfen. Aber der ist nicht ansprechbar. Da schlägt seine Ärztin eine Hypnose vor. Von dem besten Hypnotiseur, den es in Schweden gibt: Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt). Der will zwar, weil er in der Vergangenheit einen schlimmen Fehler beging, nie wieder jemand hypnotisieren, aber er lässt sich von Linna überreden.

Nach der ersten Hypnose, die schon einige Hinweise auf den Täter brachte, wird der schwer kranke Sohn der Barks, der deshalb in regelmäßigen Abständen seine Medizin braucht, entführt. Der Entführer hat ihnen eine Botschaft hinterlassen: „Schluss mit der Hypnose, oder er stirbt!“

Neben dem Krimiplot beschäftigt der Film sich, wie schon in Lars Keplers Roman, ausführlich mit Barks Eheproblemen. Denn seine Frau Simone (Lena Olin) ist eifersüchtig, hält ihm immer noch einen lange zurückliegenden Seitensprung vor und wirft ihm, mit leidendem Blick, alles Elend der Welt vor. Lena Olin hätte man eine bessere Rolle als die des Heimchens am Herd gewünscht.

Aber auch Mikael Persbrandt kämpft sich hier durch die Untiefen eines lahmen Drehbuchs, das sich nie entscheiden kann, ob es jetzt ein Krimi oder ein Drama der schlechten Sorte sein will. Denn die Familienproblem der Familie Bark interessieren nicht. Auch weil sie mit der Mördersuche nichts zu tun haben. Sowieso wird der Hypnotiseur, der in den polizeilichen Ermittlungen ja nur eine Nebenfigur ist, über eine gewagte Storyvolte (der Täter muss erfahren, dass Josef Ek hypnotisiert wird; glauben, dass er ihn in Hypnose verraten kann und dass er durch die Entführung eines Kindes seiner Bestrafung entkommen kann), in die Geschichte einbezogen.

Und über die Motive des Mörders kann man nur den Kopf schütteln. Aber immerhin im Film weniger als im Buch. Denn im Buch werden die Morde und die Entführung von verschiedenen Tätern mit ebenso verschiedenen Motiven verübt. Im Film ist es immerhin ein Täter (ja, gut, genaugenommen Tätergrüppchen) und damit verändern sich seine Motive erheblich. Aber der Showdown im Schnee, bei dem ein Bus eine wichtige Rolle hat, bleibt gleich.

Somit verbucht „Der Hypnotiseur“ auf der Habenseite nur die kompetente Regie von Lasse Hallström, der zuletzt mit „Lachsfischen im Jemen“ eine wunderschön, satirisch angehauchtes Drama vorlegte und auch dessen nächster Film, die Nicholas-Sparks-Verfilmung „Safe Haven – Wie ein Licht in der Nacht“ (Kinostart 7. März 2013) als vorhersehbare Schmonzette durchaus gefällt, und das hochkarätige Ensemble, das hier allerdings weit unter Wert verkauft wird.

Warum Hallström ausgerechnet dieses Drehbuch für seinen ersten schwedischen Spielfilm nach über 25 Jahren, die er hauptsächlich in Hollywood verbrachte, auswählte, wissen vielleicht die nordischen Götter.

Der Hypnotiseur - Plakat

Der Hypnotiseur (Hypnotisören, Schweden 2012)

Regie: Lasse Hallström

Drehbuch: Paolo Vacirca (auch Story Adaption), Lasse Hallström (Story Adaption), Peter Asmussen (Mitarbeit Drehbuch)

LV: Lars Kepler: Hypnotisören, 2009 (Der Hypnotiseur)

mit Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin, Helena af Sandeberg, Oscar Pettersson, Anna Azcarate , Jonatan Bökman, Jan Waldekranz, Eva Melander

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Kepler - Der Hypnotiseur - 2

Lars Kepler: Der Hypnotiseur

(übersetzt von Paul Berf)

Bastei Lübbe Taschenbuch, 2012

656 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Bastei Lübbe, 2010

Originalausgabe

Hypnotisören

2009

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Hypnotiseur“

Rotten Tomatoes über „Der Hypnotiseur“

Wikipedia über „Der Hypnotiseur“ (deutsch, englisch, schwedisch)

Homepage von Lars Kepler

Krimi-Couch über Lars Kepler

Wikipedia über Lars Kepler

Buchjournal: Ein Besuch bei Lars Kepler

Meine Besprechung von Lars Keplers „Der Hypnotiseur“ (Hypnotisören, 2009)

 


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