TV-Tipp für den 26. Dezember: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

Dezember 25, 2018

ZDF, 15.05

Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen (Deutschland 2017)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Alexander Adolph

LV: James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen, 1962

Timm Thaler verkauft sein Lachen an den Baron Lefuet. Schnell bemerkt er, dass das eine sehr dumme Idee war und er will es wieder zurück haben.

Andreas Dresens Verfilmung von James Krüss‘ kapitalismuskritischem Kinderbuchklassiker ist ein guter, unterhaltsamer, kurzweiliger, auch anspielungsreicher Kinderfilm, der vor allem für Kinder ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Arved Friese, Justus von Dohnányi, Axel Prahl, Andreas Schmidt, Jule Hermann, Charly Hübner, Nadja Uhl, Steffi Kühnert, Bjarne Mädel, Fritzi Haberlandt, Harald Schmidt, Heinz-Rudolf Kunze, Milan Peschel, Joachim Król (Erzähler)

Wiederholung: ZDFneo, Donnerstag, 27. Dezember, 08.10 Uhr

Hinweise

Homepage von James Krüss

Oettinger-Verlag über James Krüss

Wikipedia über James Krüss und „Timm Thaler“

Homepage zum Film

Filmportal über „Timm Thaler“

Moviepilot über „Timm Thaler“

Wikipedia über „Timm Thaler“ (die aktuelle Verfilmung)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Gundermann“ (Deutschland 2018)

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TV-Tipp für den 23. Oktober: Ich und Kaminski

Oktober 22, 2018

WDR, 22.10

Ich und Kaminski (Deutschland/Belgien 2015)

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Wolfgang Becker, Thomas Wendrich

LV: Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski, 2003

Journalist Sebastian Zöllner ist ein ausgemachtes, von sich selbst überzeugtes Arschloch, das sich mit einer Biographie über den legendären, blinden Maler Manuel Kaminski finanziell sanieren will. Dummerweise ist der 85-jährige Künstler auch kein Kind von Traurigkeit.

Enorm kurzweiliger, verspielter, einfallsreicher und in jeder Beziehung schöner Film von „Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker über unsympathische Menschen.

Mehr in meiner Besprechung.

mit Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Denis Lavant, Jördis Triebel, Geraldine Chaplin, Jan Decleir, Joacques Herlin, Josef Hader, Peter Kurth, Milan Peschel, Patrick Bauchau

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Ich und Kaminski“
Film-Zeit über „Ich und Kaminski“
Moviepilot über „Ich und Kaminski“
Rotten Tomatoes über „Ich und Kaminski“ (derzeit noch keine Kritiken)
Wikipedia über „Ich und Kaminski“ (Roman) und Daniel Kehlmann
Perlentaucher über „Ich und Kaminski“
Homepage von Daniel Kehlmann

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (Deutschland/Belgien 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Gundermann“, ein Sängerknabe aus dem Osten

August 24, 2018

Gundermann“ ist der neue Film von Andreas Dresen und die meisten Kritiken sind, so mein Überblick, überaus positiv. Ich fand den Film, und das kann ich schon jetzt sagen, ärgerlich.

Bevor wir uns mit dem Biopic beschäftigen, muss ich einiges über Gerhard ‚Gundi‘ Gundermann erzählen. Im Osten war er bekannt wie ein bunter Hund. Im Westen nicht. Nicht vor der Wende, was natürlich auch daran lag, dass DDR-Musiker vor einer Westtour eine Ausreisegenehmigung brauchten und diese nicht so einfach bewilligt wurde. Nach der Wende war die große Zeit der Liedermacher vorbei. Grunge und Techno wurden gehört. Aus der ehemaligen DDR, den fünf neuen Ländern, kam in den Neunzigern musikalisch Mittelalter-Metal und „Rammstein“. Sogar Gundermanns Tod am 21. Juni 1998 wurde im Westen ignoriert. Jedenfalls ist mir kein Nachruf bekannt. Auch in den einschlägigen Musikzeitschriften wurde lieber über Grunge, Techno und die Hamburger Schule geschrieben und gesprochen, während die Kneipenboxen zur „Wonderwall“ wurden.

 

Gundermanns Leben in einigen Daten

 

Gerhard Gundermann wurde am 21. Februar 1955 in Weimar geboren. 1967 ziehen seine Eltern mit ihm nach Hoyerswerda. Nach seinem Abitur 1973 studiert er in Löbau an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte. Weil er ein Loblied auf einen Vorgesetzten nicht singen will, wird er exmatrikuliert. Danach beginnt er als Hilfsarbeiter im Tagebau Spreetal und wird schließlich Baggerfahrer im Braunkohletagbau. Die Lausitz ist seine Heimat. Über sie, seine Arbeitskollegen und ihr Leben schreibt er Lieder.

Er wird Mitglied im „Singeklub Hoyerswerda“, der damals durch seinen mehrstimmigen Gesang begeistert. Bei ihren Auftritten zeigen sie, dass sie das Musizieren ernster als andere Chöre nehmen. Aus dem Singeklub entsteht die „Brigade Feuerstein“, für die Gundermann die Lieder schreibt, in denen er sein Leben und den Alltag reflektiert. Ohne Mitgesangserlaubnis (Öhm, das gab es im Westen nicht.). Die „Brigade Feuerstein“ präsentiert eine Mischung aus Gesang und Kleinkunst. Sie treten auch mit Musicals auf. Die Gruppe hat in der DDR zahlreiche Auftritte.

Während dieser Zeit, von 1976 bis 1984, ist Gundermann als „Grigori“ Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi. Die Stasi beendet die Zusammenarbeit, weil Gundermann ‚prinzipiell eigenwillig‘ ist. Ebenfalls 1984 wird er, nach mehreren Verwarnungen aus der SED ausgeschlossen. Als Idealist hatte er an die Partei geglaubt und gehofft, durch das Hinweisen auf Probleme die gesellschaftlichen Ziele zu erreichen.

1983 heiratet er, nach jahrelangem Werben, seine Jugendliebe Conny. Sie war damals bereits verheiratet. Sie hat zwei Kinder von ihrem ersten Mann, der ebenfalls mit Gundermann musizierte und später in dessen alte Wohnung zieht.

Musikalisch geht es in diesen Jahren für Gundermann weiter aufwärts. 1989 schreibt er Songs für „Silly“. Er tourt. Er erhält Preise. Er tritt auf und er bleibt weiterhin Baggerfahrer. Er wolle den Kontakt zur arbeitenden Klasse nicht verlieren und seine Unabhängigkeit von der Musikindustrie bewahren.

In der Wendezeit mischt der überzeugte Kommunist sich aktiv politisch ein. Er kandidiert auch für das Aktionsbündnis Vereinigte Linke. Erfolglos.

Nach der Wende tritt er mit der Band „Die Seilschaft“ auf. Im Westen bleibt er unbekannt. Zu seiner IM-Tätigkeit bekennt er sich 1995 während eines Konzerts. Seine Fans verübeln ihm das nicht weiter.

Zwischen seinen Auftritten, seiner Arbeit als Baggerfahrer (die er finanziell nicht mehr hätte ausüben müssen) und seinem Familienleben mit mehreren Kindern, hat er kaum Schlaf. Am 21. Juni 1998 stirbt er im sächsischen Spreetal an einem Gehirnschlag. Er wurde nur 43 Jahre alt.

 

Dresens Film über den Liedermacher

 

Das ist ein Leben, aus dem man ein Biopic machen kann. Man muss nur den Aspekt herausfiltern, der im Mittelpunkt des Films stehen soll. In „Gundermann“ ist es für Regisseur Andreas Dresen und seine langjährige Drehbuchautorin Laila Stieler Gundermanns Stasi-Verstrickung und der Film ist letztendlich eine ärgerliche Stasi-Weißwaschung, die einen immer wieder stutzen lässt und ihren Höhepunkt am Filmende erreicht. Dazu später mehr.

Dresen erzählt seinen Film auf zwei Zeitebenen. Einmal ab Mitte der siebziger Jahre, wenn Gundermann seine Stelle als Baggerfahrer im Braunkohletagebau antritt; einmal ab den frühen neunziger Jahren, wenn er zum ersten Mal mit seiner Stasi-Vergangenheit konfrontiert wird. Dieser Erzählstrang endet mit Gundermanns IM-Bekenntnis auf offener Bühne. Und, ja, seine Fans hatten anscheinend kein Problem damit.

Ein Problem bei dieser Erzählweise ist in diesem Fall, dass Gundermanns Aussehen sich innerhalb der zwanzig Jahre, die im Film erzählt werden, kaum verändert. So ist immer wieder im ersten Moment unklar, wann die Szenen genau spielen. Bei den zahlreichen Konzertausschnitten ist das Problem noch offensichtlicher. Auch weil die Musiker, wie fast alle anderen Charaktere, Staffage bleiben.

Die Musik, neu eingespielt von Hauptdarsteller Alexander Scheer (der im Film wirklich wie Gundermann aussieht) und Mitgliedern von Gisbert zu Knyphausens Band, klingt ‚ostig‘.

Für ein Publikum, das Gerhard Gundermann nicht kennt, wird im Film auch nicht deutlich, wie wichtig und groß er für sein Publikum und die DDR-Musik- und -Kleinkunstszene war. Nur bei einem DDR-Auftritt sehen wir sein Publikum und es ist überschaubar: er klampft in einer matschigen Grube vor seinen Kollegen und sie sind gerührt, wie treffend er sie beschreibt. Bei diesem und auch seinen anderen Auftritten ist unklar, ob es sich um eine lokale Berühmtheit so in Richtung „unser Kollege, der Gitarre spielt“ oder um mehr handelt. Auch weil Gundermann niemals seinen Beruf als Baggerfahrer aufgibt, scheint sich seine Situation nicht zu ändern. Es ist keine Entwicklung von einem Feierabendmusiker zu einem Profimusiker, der mit seiner Arbeit Geld verdient, erkennbar.

Immerhin wird in dem Film deutlich, wie wichtig für Gundermann diese Arbeit ist. Und es gibt verklärende Bilder von der Braunkohlegrube, in der die Kumpels Tag und Nacht schuften, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Dazwischen wird immer wieder, schon ab dem Filmanfang, Gundermanns Spitzeltätigkeit angesprochen. In dieser Szene spricht ein früherer Freund ihn auf seine Spitzeltätigkeit an. Gundermann behauptet, er könne sich nicht daran erinnern und beginnt, als er allein im Zimmer ist, sofort in der Akte zu blättern. Diese Einführung von Gundermann setzt das Thema des Films und sie macht ihn im gleichen Moment sehr unsympathisch. Denn er ist ein Mensch, der seine Vergangenheit leugnet, verdrängt, herumschnüffelt und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Dass er in der nächsten Szene einen Igel vor dem Tod rettet und liebevoll pflegt, ändert nichts an dem ersten Eindruck.

Im Film kann Gundermann sich ziemlich lange nicht an seine IM-Tätigkeit erinnern. Wir sollen glauben, dass er sich nicht an seine wenige Jahre zurückliegenden zahlreichen Gespräche mit seinem Führungsoffizier und an die Aufträge, die er von ihm bekommen hat, erinnert. Das wirkt nicht besonders glaubwürdig. Vor allem, weil in den frühen Neunzigern in Deutschland ausführlich darüber gesprochen wurde. Und wenn er später beginnt, mit den von ihm bespitzelten Menschen darüber zu reden, entwickeln diese Gespräche sich in ihrer fast immergleichen Dramaturgie zu einem schlechten Running Gag: Gunderman sagt, er habe gespitzelt. Der Gesprächspartner nimmt den Vertrauensbruch achselzuckend hin. Einmal lädt er ihn zum gemeinsamen Schnaps trinken ein, weil er ja auch Gundermann bespitzelt habe. Über den Verrat scheint dagegen niemand irgendwie schockiert zu sein.

Das Filmende steigert den Running Gag zu einem grotesken Höhepunkt: Gundermann tritt mit seiner Band auf. Er bekennt sich zu seiner IM-Vergangenheit. Die Band rockt los und alle, auch die von ihm früher bespitzelten Menschen, jubeln begeistert. Das ist eine klassische Überwältigungsstrategie, die dem Publikum – äußerst plump – eine bestimmte Meinung und Reaktion aufzwingt. Es kann dem vorher gesagten nur noch bedingungslos zugestimmt. Dem Konzert- (es ist eine wahre Szene) und Kinopublikum bleibt nur eine Möglichkeit: den Spitzel für eine coole Socke zu halten und ihm mit dem ersten Rockriff jubilierend die Absolution erteilen.

Dresen zwingt das Publikum emotional, einem Spitzel seine Tätigkeit zu vergeben. Und er lässt durch seine Montage keinen Zweifel daran, dass er das für die einzig richtige Reaktion hält. Schließlich hätte Dresen Gundermanns Stasi-Outing auch anders inszenieren können.

Angesichts der Diskussionen, die es in den Neunzigern über IM-Tätigkeiten und andere Verstrickungen mit der SED gab, angesichts der Diskussionen, die es in Berlin vor der ersten rot-roten Koalition gab (in Gesprächen traf ich damals viele Ostler, die eine Beteiligung der jetzigen Linkspartei vehement ablehnten) und angesichts des sehr schnell zu seiner Entlassung als Staatssekretär führenden Aufschreis, als 2016/2017 Andrej Holms Tätigkeit als Hauptamtlicher Mitarbeiter beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) von Ende September 1989 bis Ende Januar 1990 herauskam, ist Dresens Umgang mit Gundermanns IM-Vergangenheit umso ärgerlicher. Dieses Ende ist in dem Film kein Ausrutscher, sondern es wird schon von der ersten Minute an vorbereitet. Dabei, um es noch einmal klar zu sagen, ist das Problem des Biopics nicht, dass ich für einen Spitzel Sympathie empfinden soll, sondern mit welchen erzählerischen Methoden ich sein Handeln gutheißen soll.

Gundermann (Deutschland 2018)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Laila Stieler

mit Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Thorsten Merten, Eva Weißenborn, Benjamin Kramme, Kathrin Angerer, Milan Peschel, Bjarne Mädel, Peter Sodann, Alexander Schubert, Horst Rehberg

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Das Buch zum Film

Zum Film erschien das von Andreas Leusink herausgegebene Begleitbuch „Gundermann“. Es enthält ausführliche Interviews mit Conny Gundermann (seiner Frau), Hauptdarsteller Alexander Scheer, Drehbuchautorin Laila Stieler, Regisseur Andreas Dresen und den Musikern Tina Powileit, Mario Ferraro (beide „Die Seilschaft“), Sebastian Deufel (Gisbert-zu-Knyphausen-Band) und dem Film-Music-Supervisor Jens Quandt. Gundermann-Musiker Lutz Kerschowski erinnert sich an seine 1977 beginnende sieben Jahre währende Zusammenarbeit mit Gundermann. Ingo ‚Hugo‘ Dietrich erinnert sich an seine Zeit mit Gundermann bei der „Brigade Feuerstein“. Beide Texte geben einen interessanten und persönlichen Einblick in die DDR-Musikszene. Es gibt Texte über Gundermanns Eltern (und seine schwierige Beziehung zu seinem Vater), sein Verhältnis zur SED und über seine Spitzeltätigkeit (mit Originaldokumenten) und viele Bilder. Teils historische, teils aus dem Film. Das Buch ist, wie schon Andreas Leusink in seinem Vorwort schreibt eine Ergänzung zu den vorhandenen Büchern über Gundermann.

Damit ist es vor allem eine gelungene Ergänzung und Vertiefung des Films.

Andreas Leusink (Herausgeber): Gundermann – Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse…

Ch. Links Verlag, 2018

184 Seiten

20 Euro

Die Buchpräsentation

Am Mittwoch, den 5. September, gibt es im Pfefferberg-Theater (Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin) um 20.00 Uhr eine Buchpräsentation. Knut Elstermann (rbb/radio eins) unterhält sich mit Herausgeber Andreas Leusink, Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler über Gundermann, den Film und das Buch.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Ch. Links Verlags, literatur live berlin, der Thalia Buchhandlung und dem Pfefferberg Theater, präsentiert von radio eins und tip. Tickets kosten im Vorverkauf 12 Euro (plus Gebühren) und an der Abendkasse 13,50 Euro.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gundermann“

Moviepilot über „Gundermann“

Wikipedia über „Gundermann“ und Gerhard Gundermann

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Michael Ende, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ – jetzt mit Schauspielern

März 29, 2018

Es dauerte einige Minuten, bis ich Lummerland in Dennis Gansels Realverfilmung von Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ als Lummerland akzeptieren konnte. Nicht unbedingt wegen der allseits bekannten Verfilmungen der Augsburger Puppenkiste, in der die Insel Lummerland aus Pappe, Plastik und Klebstoff war, das Meer eine Folie, die Lok eine Spielzeugeisenbahn und die Bewohner Puppen. Die TV-Serie, – eigentlich zwei TV-ARD-Serien, einmal 1961/1962 in SW, einmal 1977/1978 in Farbe -, ist ein Klassiker. Vor allem die Farbversion gehört zur frühkindlichen Bildung jedes Kindes, das damals in der BRD aufwuchs.

Selbstverständlich habe auch ich als Kind die Serie gesehen. Wahrscheinlich habe ich damals auch das Buch gelesen. Und beides seitdem fast vollständig vergessen.

Das Problem in diesen Minuten war daher nicht meine nicht mehr wirklich vorhandene Erinnerung an die TV-Serie, sondern die Diskrepanz zwischen der Behauptung, dass auf einer sehr kleinen Insel, die „ungefähr doppelt so groß wie unsere Wohnung“ (Ende) ist, vier Menschen in ihren Häusern leben, deren König ein Schloss auf einem Berg hat und eine Eisenbahn ihre Runden dreht, und dem offensichtlichen Augenschein, dass das in der Realität niemals funktionieren würde. In einem Trickfilm oder einem Puppentheaterstück, in dem sowieso alles abstrahiert ist, oder einem Roman, in dem ich mir eine fantastische Welt so zusammenstellen kann, wie sie mir gefällt, stört das nicht. Aber wenn dann Henning Baum als Lukas der Lokomotivführer, Annette Frier als Frau Waas, Christoph Maria Herbst als Herr Ärmel, Uwe Ochsenknecht als König Alfons der Viertel-vor Zwölfte und Solomon Gordon in seinem Kinodebüt als Jim Knopf in ihren Häusern, die schon fast die gesamte Insel einnehmen, und die Lokomotive Emma, die hier um engste Kurven fahren muss, auf Lummerland stehen, dann ist das etwas anderes.

Nach einigen Minuten konnte ich das akzeptieren. Außerdem verlassen Jim Knopf, Lukas und Emma die Insel. König Alfons der Viertel-vor Zwölfte hat nämlich festgestellt, dass die Insel, wenn Jim Knopf erwachsen wird, zu klein für fünf Bewohner, ihre Behausungen und eine Lok ist. Deshalb soll der Bahnbetrieb eingestellt und Emma verschrottet werden.

Weil Lukas sich nicht von Emma trennen will, will Lukas mit seiner geliebten Lok die Insel verlassen. Weil Jim Knopf nicht auf Lukas und Emma verzichten will, will er sie begleiten. Also verlassen sie zu dritt Lummerland.

Ihre Seefahrt endet an der Küste des Kaiserreichs Mandala. Das offensichtliche Vorbild für Mandala ist China. Dort erfahren sie, dass die Prinzessin Li Si von der Wilden 13 entführt wurde und in der Drachenstadt Kummerland von Frau Mahlzahn gefangen gehalten wird. In diesem Moment erfährt Jim Knopf im Buch, dass er als schlecht adressiertes Paket auf der Insel Lummerland ankam. Im Film, der sonst dem Roman sehr genau, fast schon sklavisch folgt, erfährt Jim Knopf das früher und die Suche nach seiner Herkunft ist für ihn, neben seiner Freundschaft zu Lukas und Emma, ein Grund, um Lummerland zu verlassen.

Jim und Lukas beschließen, Prinzessin Li Si zu retten. Auf dem Weg zur Drachenstadt müssen sie viele Gefahren in fantastischen Welten überstehen. Sie treffen sehr seltsame Geschöpfe, wie den Scheinriesen Tur Tur und den Halbdrachen Nepomuk, mit denen sie sich schnell anfreunden. Allerdings müssen sie weiter nach Kummerland.

Mit „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ durfte Dennis Gansel, der vorher unter anderem „Mechanic: Resurrection“, „Die Welle“ und „Napola – Elite für den Führer“ drehte, so richtig viel Geld ausgeben. Offiziell betrug das Budget 25 Millionen Euro und damit gehört er in jedem Fall zu den teuersten deutschen Filmen. Das Geld ist, wenn man auf Schauwerte steht, gut investiert. Die von fünf Computereffektfirmen und mehreren hundert Digital Artists geschaffenen Tricks überzeugen. Vieles wurde auch gebaut. So kann Lummerland seit einem Jahr im Filmpark Babelsberg besichtigt werden. Im Bavaria Filmstudio kann auf der Filmtour Nepomuks Höhle und eine Version der Lok Emma besichtigt werden. Und bei Massenszenen dürfen dann auch schon mal 150 prächtig kostümierte Schauspieler durch das Bild laufen.

Für Kinder ist Gansels „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ein wunderschöner Abenteuerfilm. Für Erwachsene ist der episodisch erzählte Film, in dem es für Jim Knopf, Lukas und Emma nie wirklich gefährlich wird, dann doch zu kindgerecht. Im Gegensatz zu Pixar-Filmen, in denen für Erwachsene mindestens noch eine zweite und dritte Bedeutungs-, Anspielungs- und Interpretationsebene vorhanden ist.

Das kann auch über Michael Endes glänzend geschriebene Buch gesagt werden. Er hat es in erster Linie für Kinder geschrieben in der Absicht, ihnen auf unterhaltsame Weise etwas beizubringen. Er will ihnen Mut machen, ihre Neugierde wecken, zu Toleranz erziehen und Freude am Lernen vermitteln. Denn Schule muss nicht, wie bei Frau Mahlzahn, der furchterregenden, diktatorischen Lehrerin, eine totalitäre Zwangsanstalt an.

Und er hat einen unerschütterlichen Glaube an das Gute. So verwandelt sich Frau Mahlzahn nach der Begegnung mit Jim Knopf. Der Scheinriese Herr Tur Tur, der seit Ewigkeiten einsam in der Wüste lebt, freut sich über die Begegnung mit Jim Knopf und Lukas. Sie laufen nicht vor ihm weg, sondern sie bleiben neugierig stehen. Wie sie später erfahren, ist ein Scheinriese jemand, der umso größer erscheint, je weiter entfernt man von ihm ist. Wenn man sich ihm nähert, wird er immer kleiner, bis er die größe eines normalen Menschen hat. Eine schöne, sich selbst erklärende Metapher, die Erwachsene leicht entschlüsseln können.

Und gerade die durch die Geschichte und ihre Figuren transportierte Weltsicht macht „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ auch für Erwachsene zu einer sehr interessanten und lohnenden Lektüre. Denn jetzt erkennt man die Absichten des Autors, die man als Kind überlas. Dabei ist auch erstaunlich, wie viel Ende Erwachsenen zu sagen hat und wie aktuell dieses fast siebzig Jahre alte Buch ist, das jetzt zu einem bunten Fantasyfilm für Kinder wurde, der sich nicht vor ähnlich gelagerten Hollywoodfilmen verstecken muss.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Deutschland 2018)

Regie: Dennis Gansel

Drehbuch: Dirk Ahner, Andrew Birkin, Sebastian Niemann

LV: Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, 1960

mit Henning Baum, Solomon Gordon, Annette Frier, Christoph Maria Herbst, Uwe Ochsenknecht, Milan Peschel, Rick Kavanian, Leighanne Esperanzate, Ozzie Yue, Michael Bully Herbig (Stimme von Nepomuk), Judy Winter (Stimme von Frau Mahlzahn)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

(mit Zeichnungen von Franz Josef Tripp, koloriert von Mathias Weber)

Thienemann, 2015

272 Seiten

16,99 Euro

Die Erstausgabe erschien 1960.

Zum Filmstart erschien eine Filmausgabe mit über vierzig Filmbildern.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“

Moviepilot über „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“

Wikipedia über „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und Michael Ende

Homepage von Michael Ende

Thienemann über Michael Ende

Meine Besprechung von Dennis Gansels „Mechanic: Resurrection“ (Mechanic 2 – Resurrection, Frankreich/USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Hauptmann“ Willi Herold ist ein Massenmörder

März 17, 2018

Nach mehreren Hollywood-Filmen, wie „Flightplan“, „R. E. D. – Älter Härter, Besser“, „Die Bestimmung – Unsurgent“ und „Die Bestimmung – Allegiant“, kehrt Robert Schwentke mit seinem neuen Film „Der Hauptmann“ wieder zurück nach Deutschland, um eine sehr deutsche Geschichte zu erzählen. Nämlich die Geschichte eines deutschen Soldaten, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs desertiert, in einem Auto eine Hauptmannsuniform findet, sie anzieht und als Offizier Karriere macht.

Das klingt nach einer Variante des allseits beliebten Hauptmanns von Köpenick und auch Schwentke erzählt eine wahre Geschichte. Und damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen dem Schuhmacher Wilhelm Voigt und Willi Herold.

Herold, geboren am 11. September 1925 in Lunzenau, Mittelsachsen, macht nach seiner Volksschule eine Lehre als Schornsteinfeger, wird 1943 zur Wehrmacht eingezogen, dient an verschiedenen Kriegsfronten und wird Anfang April 1945 bei Gronau an der Nordwestfront von seiner Einheit getrennt. In einem liegen gebliebenem Militärfahrzeug entdeckt er eine Uniform, zieht sie an und wird von einem anderen Soldaten sofort als Hauptmann angesprochen. Herold nimmt diese Rolle an. In den nächsten Tagen scharrt er eine Gruppe von Soldaten um sich, die willig seinen Befehlen gehorchen.

Im Film ist dabei unklar, ob sie Herold als Schwindler erkennen und mitspielen oder nicht. Wobei die Schauspieler in ihrem Spiel oft die erste Interpretation nahe legen. Also dass sie sofort erkennen, dass Herold ein Hochstapler ist. Aus verschiedenen, mehr oder weniger naheliegenden Gründen Schweigen sie, spielen die Charade mit, gehorchen Herolds Befehlen und benutzen ihn, manchmal, für ihre Interessen.

Auf ihrer Irrfahrt durch das Emsland gelangen Herold und seine Männer in das Straflager Aschendorfmoor (aka Lager II). Dort lässt Herold über hundert gefangene Soldaten ermorden. Schwentke zeigt das Morden mit Vor-, Nach- und Zwischenspielen in detailfreudiger Ausführlichkeit.

Davor und danach morodieren Herold und die Kampfgruppe Herold durch das Emsland.

Nach dem Krieg wurde der Kriegsverbrecher Herold von einem britischen Militärgericht wegen der Ermordung von 125 Menschen verurteilt und am 14. November 1946, zusammen mit fünf seiner Helfer, hingerichtet.

Der Hauptmann“ zeigt erschreckend deutlich, wenn technisches Vermögen auf eine fehlende Haltung zu seinem Stoff und, in diesem Fall, zur realen Person trifft. Über die Schauspieler, die Kamera (Florian Ballhaus), die Ausstattung kann nicht gemeckert werden. Auch jede einzelnen Szene ist für sich genommen gut inszeniert. Nur fügen sie sich nie zu einer Einheit zusammen, weil Schwentke keine Haltung zu seinem Stoff hat. Es ist auch unklar, für was Herolds Geschichte stehen soll. Soll sie die Geschichte einer einzelnen Person sein, eines geborenen Sadisten, der einfach in dem festen Glauben dafür nicht bestraft zu werden, sich ihm bietende Gelegenheiten ausnutz, um seine sadistischen Triebe zu befriedigen? Oder geht es um einen Typus, beispielsweise den des deutschen Untertans, der blind, den Befehlen von Uniformträgern gehorcht? Oder, was Schwentke im Presseheft mit der Frage „Wie hätte ich mich verhalten?“ andeutet, will der Film eine Geschichte über die normalen Männer, die zu Täter werden erzählen? Dafür ist Herold angesichts der von ihm verübten Taten allerdings das denkbar ungeeignetste Beispiel.

Eine Köpenickiade ist „Der Hauptmann“ jedenfalls nicht. Auch wenn das Filmende, in dem die Schauspieler in Uniform und Militärfahrzeug durch eine deutsche Kleinstadt fahren und Fußgänger schikanieren, in dieser vollkommen deplatzierten Szene versucht, den humoristischen Tonfall des Filmanfangs wieder aufzunehmen. Diese Szene passt, egal wie man sie interpretieren will, nicht zu dem vorher gezeigten.

Das ist keine Kleinigkeiten. Denn eine Haltung und eine damit verknüpfte Botschaft zwingt zu einer bestimmten Anordnung des Materials. Sie gibt Vorgaben, wie man seine Geschichte erzählt. Sie sagt, was in die Geschicht hineingehört und was nicht. Und über sie kann gestritten werden. Über einen Film, der tonal alles bedient und dessen Protagonist, mehr oder weniger gleichzeitig ein zweiter ‚braver Soldat Schweijk“ (vor allem in den ersten Minuten), ein typisch deutscher ‚Untertan‘ (wie man es aus Heinrich Manns Roman und Wolfgang Staudtes Verfilmung kennt) und, ziemlich schnell, weil er das schon von Anfang an war, eine seine Macht genießender und über Gebühr ausnutzender Sadist ist, kann nicht gestritten werden. Es ist auch kein Film, der zu irgendeiner Erkenntnis führt. Er porträtiert nur einen Sadist, der ein Sadist ist, weil er ein Sadist ist, und den wir trotzdem mögen sollen, weil er doch ein Schlawiner ist, der die Dummheit des Systems vorführt.

Stefan Ruzowitzky, um nur ein Beispiel, wie man es besser macht, zu nennen, hatte in seiner Dokumentation „Das radikal Böse“ LINK eine Frage, eine Haltung und eine Botschaft. Er fragte sich, wie ganz gewöhnliche deutsche Männer im Zweiten Weltkrieg zu Mördern wurden. Mit auch der für uns Zuschauer unangenehmen Botschaft, dass auch wir zu diesen Taten in der Lage wären.

Der Hauptmann“ ist dagegen nur edel inszenierte Gewaltpornographie mit einigen witzigen Szenen. Damit ist diese „Studie in Sachen Sadismus und Menschenverachtung“ (epd Film) dann doch erstaunlich nah an den „Saw“-Filmen.

Der Hauptmann (Deutschland/Frankreich/Polen 2017)

Regie: Robert Schwentke

Drehbuch: Robert Schwentke

mit Max Hurbacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus, Alexander Fehling, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Britta Hammelstein, Sascha Alexander Geršak

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Hauptmann“

Moviepilot über „Der Hauptmann“

Rotten Tomatoes über „Der Hauptmann“

Wikipedia über „Der Hauptmann“ (deutsch, englisch) und Willi Herold

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Insurgent“ (The Divergent Series: Insurgent, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016)


TV-Tipp für den 21. Juli: Ich und Kaminski

Juli 20, 2017

Arte, 20.15

Ich und Kaminski (Deutschland/Belgien 2015)

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Wolfgang Becker, Thomas Wendrich

LV: Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski, 2003

Journalist Sebastian Zöllner ist ein ausgemachtes, von sich selbst überzeugtes Arschloch, das sich mit einer Biographie über den legendären, blinden Maler Manuel Kaminski finanziell sanieren will. Dummerweise ist der 85-jährige Künstler auch kein Kind von Traurigkeit.

Enorm kurzweiliger, verspielter, einfallsreicher und in jeder Beziehung schöner Film von „Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker über unsympathische Menschen.

Mehr in meiner Besprechung.

mit Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Denis Lavant, Jördis Triebel, Geraldine Chaplin, Jan Decleir, Joacques Herlin, Josef Hader, Peter Kurth, Milan Peschel, Patrick Bauchau

Wiederholung: Sonntag, 30. Juli, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Ich und Kaminski“
Film-Zeit über „Ich und Kaminski“
Moviepilot über „Ich und Kaminski“
Rotten Tomatoes über „Ich und Kaminski“ (derzeit noch keine Kritiken)
Wikipedia über „Ich und Kaminski“ (Roman) und Daniel Kehlmann
Perlentaucher über „Ich und Kaminski“
Homepage von Daniel Kehlmann

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (Deutschland/Belgien 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Verfilmung des Kinderbuchklassikers „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“

Februar 4, 2017

Jetzt hat es auch Andreas Dresen getan. Einen Kinderfilm gedreht. Nach einem erfolgreichen Buch. Und bei Andreas Dresen hätte man das – siehe „Bibi & Tina“-Regisseur Detlev Buck – am wenigsten erwartet. Immerhin ist Dresen als Regisseur von Filmen wie „Die Polizistin“, „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“ und „Wolke 9“ vor allem als improvisationsfreudiger Erwachsenenregisseur bekannt. Mit „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ inszenierte er jetzt eine Big-Budget-Produktion, die ganz anderen Gesetzen gehorcht. Sie ist mit vielen alten Dresen-Bekannten und einigen Neuzugängen prominent besetzt und für ein junges Publikum inszeniert. Die dürfen mit diesem Kinofilm ihren Timm Thaler, der von Arved Friese gespielt wird, entdecken. Ältere Semester erinnern sich ja immer noch an ihren 1979er Timm Thaler, der von Thomas Ohrner gespielt wurde. Ohrner hat als Concierge des Grand Hotel einen Kurzauftritt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Timm Thaler. Ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, der mit seinem Lachen jeden verzaubert. Auf der Pferderennbahn lernt er Baron Lefuet (Justusvon Dohnányi) kennen, der ihm ein teuflisches Geschäft anbietet: wenn er Lefuet sein Lachen verkauft, wird er fortan jede Wette gewinnen. Der in bitterster Armut lebende Timm ist einverstanden und ab jetzt gibt es zwischen dem Roman von James Krüss und dem Film von Andreas Dresen (nach einem Drehbuch von „Unter Verdacht“-Erfinder Alexander Adolph) auf der reinen Handlungsebene viele Unterschiede. Auf der emotionalen Ebene und dem Ende nicht. Deshalb habe ich mit den Veränderungen auch keine Probleme und finde sie sogar gut. Denn wer will schon wirklich einen Film sehen, in dem Timm während der halben Geschichte durch die Welt stolpert, Geschäftspartner von Baron Lefuet kennenlernt und sich um Firmeninterna kümmern muss? Außerdem erstreckt sich der Roman über mehrere Jahre.

Der Film spielt dagegen in einem überschaubarem Zeitraum in einer Stadt zwischen Timms Armenviertel, der Pferderennbahn, dem Grand Hotel und dem Anwesen von Baron Lefuet. Wie der Roman spielt der Film in den zwanziger Jahren. Allerdings in einer Steampunk-Variante der zwanziger Jahre, die deutlich von Fritz Langs Filmen, wie „Metropolis“, „Spione“ und seinen „Dr. Mabuse“-Filme inspiriert ist.

Timm hat im Film viele Freunde und damit ein soziales Umfeld, das die gesamte Geschichte realistisch erscheinen lässt. Neben dem aus dem Roman bekannten Kreschimir (Charly Hübner), der ihm im Film als freundlicher Bartender des Grand Hotels hilft und schnell Timms Geheimnis erahnt, ist vor allem Timms Freundin Ida (Jule Hermann) wichtig. Im Roman ist Timm, trotz böser Stiefmutter und bösem Stiefbruder, ein Waisenknabe.

Einige Details in Dresens gelungener und eigenständiger Verfilmung sind allerdings misslungen. Am ärgerlichsten sind Behemoth (Axel Prahl) und Belial (Andreas Schmidt. Koptisch sprechend, in Frauenkleidern), die von Baron Lefuet immer wieder zu Ratten verwandelt werden und Timm hinterherspionieren sollen. Das spekuliert, wenn sie als Ratten durchs Bild laufen, zu sehr auf billige Lacher.

Und das große Finale auf der Rennbahn fällt arg schwach aus. Obwohl es pompöser als das Buchfinale ist.

Erwachsene dürfte auch die fehlende zweite (oder dritte) Ebene stören, die aus Anspielungen besteht, die sie, aber nicht die Kinder verstehen. Wie das geht, zeigt Pixar ja in seinen Animationsfilmen.

So ist „Timm Thaler“ dann ein guter, unterhaltsamer, kurzweiliger, auch anspielungsreicher Kinderfilm, der vor allem für Kinder ist, die wissen wollen, warum Timm keine Freude an seinem Wettglück hat, mit dem er alles haben kann, was er sich wünscht. Außer seinem Lachen und allem, was damit zusammenhängt.

James Krüss‘ kapitalismuskritischer Roman ist nach dem Filmbesuch immer noch eine Lektüre wert. Immerhin erzählt Krüss eine andere, eine globetrottende Geschichte, in der man an einigen Stellen vermutet, dass Behemoth und Belial schon damals Timm beobachten mussten.

timm-thaler-plakat

Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen (Deutschland 2017)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Alexander Adolph

LV: James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

mit Arved Friese, Justus von Dohnányi, Axel Prahl, Andreas Schmidt, Jule Hermann, Charly Hübner, Nadja Uhl, Steffi Kühnert, Bjarne Mädel, Fritzi Haberlandt, Harald Schmidt, Heinz-Rudolf Kunze, Milan Peschel, Joachim Król (Erzähler)

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

kruess-timm-thaler-filmausgabe

James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

Verlag Friedrich Oetinger, 2017

336 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von James Krüss

Oettinger-Verlag über James Krüss

Wikipedia über James Krüss und „Timm Thaler“

Homepage zum Film

Filmportal über „Timm Thaler“

Moviepilot über „Timm Thaler“

Wikipedia über „Timm Thaler“ (die aktuelle Verfilmung)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)


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