Neu im Kino/Filmkritik: „100 Dinge“ und Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz

Dezember 8, 2018

Wer sich nach einem Blick auf Plakat und Trailer fragt, wie oft man die Herren Schweighöfer und Fitz in einem ab 6 Jahren freigegebenem Film nackt sieht, muss nicht weiterlesen: man sieht sie oft. Vor allem Matthias Schweighöfer läuft erstaunlich oft nackt durch das Bild und er hat irgendwann vor dem Dreh ein umfangreiches Muskelaufbauprogramm absolviert. Das fällt vor allem am Ende des Films auf; nach einer Szene, die jeder Berliner sofort als Fantasie erkennt.

Wer wissen will, ob sich der Film „100 Dinge“ lohnt, kann weiterlesen.

Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz (auch Drehbuch und Regie) spielen die Jugendfreunde Toni Katz und Paul Konaske, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Während Paul (Florian David Fitz) mühelos jedes Weckerklingeln ignoriert, eine riesige Auswahl nie getragener, brandneuer Sneakers hat und gerade, wie in „Her“, in die Stimme der künstlichen Intelligenz seines Smartphones verliebt ist, ist Toni (Matthias Schweighöfer) das komplette Gegenteil. Er ist schon vor dem ersten Weckerklingeln wach, steckt mehr Zeit und Arbeit in sein Aussehen als jede Frau und er ist der perfekte aalglatte Verkäufer. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Trotzdem gründeten sie gemeinsam eine Firma. Ihr Start-Up entwickelte eine App, die ihren Kunden mit lieblicher Stimme und persönlicher Ansprache bei der täglichen Lebensgestaltung hilft und Kauftipps gibt. Diese App, die Paul gerade testet, präsentieren sie dem US-Internet-Milliardär David Zuckermann (Artjom Gilz, der wie eine schlechte Mark-Zuckerberg-Kopie aussieht).

Also die beiden Firmengründer präsentieren ihre Idee nicht dem großen Boss, sondern einem Kuratorium gelangweilter Angestellter. Aber weil Zuckemann zuhört und er in ihrer Idee Potential sieht, gibt er ihnen einen millionenschweren Entwicklungsauftrag und er will demnächst Berlin besuchen.

Am Abend feiern Paul und Toni mit ihren Angestellten das Riesengeschäft. Während der Büroorgie beginnen Paul und Toni sich zu streiten. Denn Toni behauptet, Paul sei viel zu konsumsüchtig und unbeherrscht, um nur einen Tag auf etwas zu verzichten. Er sei das perfekte Opfer für ihre App. Ein Wort gibt das nächste, bis Paul eine Wette vorschlägt: er und Toni verzichten jetzt sofort auf alles. In den kommenden 100 Tagen darf jeder sich jeden Tag einen Gegenstand aus einem Lagerraum, in dem ihre persönliche Habe deponiert ist, zurückholen. Wer als erster gegen die Regeln verstößt, hat die Wette verloren. Der Wetteinsatz ist die eigene Hälfte der Firma.

100 Dinge“ ist eine der Komödien, bei der man viel Zeit auf vollkommen unwichtige Fragen verwenden kann, wie warum einmal Schnee in Berlin liegt und einmal nicht. Es sind Fragen, die in einem besseren Film egal wären. Aber im zweiten gemeinsamen Film von Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer stimmt so wenig, dass solche Fragen wichtig werden.

Das beginnt schon mit ihren durchgehend unglaubwürdigen, meist hoffnungslos überdreht agierenden Charakteren. Sie sind so verschieden, dass ihre jahrzehntelange Freundschaft nie auch nur einen Hauch von Glaubwürdigkeit hat. Dazu kommt, dass sie, wie Erzfeinde, ständig versuchen, sich zu betrügen. Sie sind Kunstfiguren mit Problemen, die in diesem Licht auch künstlich erscheinen. So müssen wir einfach glauben, dass Paul sich in die Stimme seiner von ihm programmierten App verliebte. Warum und wieso ist in „100 Dinge“ egal. In Spike Jonzes „Her“ verstanden wir intellektuell und emotional, warum der einsame Theodore Twombly sich in die liebliche Computerstimme verliebte.

Die um Paul und Toni und ihre Wette herumgesponnene Geschichte, in der sie selbstverständlich auch eine Frau kennenlernen und auch einige persönliche Problemchen verarbeiten, streift dann etliche aktuelle und wichtige Themen, ohne sie jemals zu vertiefen. Stattdessen darf ein Kapitalismusjunkie die Liebe seines Lebens entdecken und am Ende wird alles gut, weil der Drehbuchautor es so will. Besser wäre es gewesen, weil die Figuren es so wollen. Garniert wird das ganze mit begrüßenswerter, aber wohlfeiler und nicht besonders glaubwürdiger Konsumkritik.

100 Dinge“ ist eine langweilig-vorhersehbare Komödie, deren Halbwertzeit schon auf dem Weg vom Kino zum gegenüberliegenden Konsumtempel überschritten wird.

100 Dinge (Deutschland 2018)

Regie: Florian David Fitz

Drehbuch: Florian David Fitz

mit Florian David Fitz, Matthias Schweighöfer, Miriam Stein, Hannelore Elsner, Wolfgang Stumph, Maria Furtwängler, Katharina Thalbach, Artjom Gilz

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „100 Dinge“

Moviepilot über „100 Dinge“

Wikipedia über „100 Dinge“

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DVD-Kritik: „The Team“ jagt einen Menschenhändler

Mai 18, 2015

Vor der TV-Ausstrahlung rührte das ZDF eifrig die Werbetrommel. Denn „The Team“ ist nicht nur, wie viele andere Krimiserien, eine Co-Produktion, sondern sie hat auch drei aus verschiedenen Ländern stammende Ermittler und die Ermittlungen finden in mehreren Ländern statt. Das Budget betrug zehn Millionen Euro, die Dreharbeiten dauerten acht Monate und gedreht wurde in einem halben Dutzend Länder. „The Team“ ist also eine große Produktion. Aber ist es auch eine gute Produktion?
Der achtstündige Krimi, der im TV in vier jeweils zweistündigen Folgen gezeigt wurde und auf DVD als Achtteiler geschnitten ist, beginnt flott. Gleich in den ersten Minuten werden in Berlin, Antwerpen und Kopenhagen Prostituierte ermordet. Aufgrund des Tathergangs (Schuss ins linke Auge, Finger abgetrennt) stellt Europol ein staatenübergreifendes Ermittlerteam zusammen. Denn es wird vermutet, dass es sich um den gleichen Täter handelt. Sein Motiv ist unklar. Ebenso, ob er weitere Morde begeht. In der Vergangenheit hat er allerdings schon mindestens einmal gemordet.
Harald Bjørn (Lars Mikkelsen), Hauptkommissar im Morddezernat Kopenhagen, Jackie Mueller (Jasmin Gerat), Hauptkommissarin im BKA Berlin, und Alicia Verbeek (Veerle Baetens), Kommissarin im Morddezernat in Antwerpen, sollen ihn überführen.
Auch die Ermittlungen laufen zügig an. Schnell haben sie einen Verdächtigen: Jean Louis Poquelin (Carlos Leal), der dann doch nicht der Täter ist. Er schreibt an einem Enthüllungsbuch über Marius Loukauskis (Nicholas Ofczarek), ein Verbrecher, der überall seine Finger drin hat.
Als Loukauskis von den Morden erfährt, fragt er sich, wer ihn anschwärzen will. Das ist am Ende der zweiten Episode (von acht). Ungefähr in diesem Moment haben die Autoren ihr Figurenensemble aufgefächert und wir dürfen ab jetzt mehreren parallel verlaufenden Handlungen (wobei ich immer wieder den Eindruck hatte, dass eine Gleichzeitigkeit suggeriert wurde, die nicht stimmte) folgen, die immer mehr in private Subplots abgleiten. Bjørn wird Vater. Verbeek kümmert sich um ihre Mutter, eine Alkoholikerin, und ihre Schwester, eine Prostituierte. Mueller um ihre beiden Kinder und ihren fremdgehenden Ehemann, über den wir – zum Glück – nichts Wesentliches erfahren. Eine ständig alkoholisierte Jazzsängerin, deren beste Tage schon lange vorüber sind und die eine Beziehung zu Loukauskis hat, torkelt immer wieder durch den Film, während die Ermittler viel telefonieren (der Einsatz der modernen Kommunikationsmittel ist angenehm unaufgeregt, wird aber auch zunehmend penetrant) und zwischen Berlin, Antwerpen, Kopenhagen und den Alpen hin und her pendeln, während der Fall sich über mehrere Episoden höchstens im Schneckentempo voranbewegt bis zum plötzlichen Ende, bei dem man fast übersieht, wer der Täter ist und sich zusammenpuzzeln muss, wie das jetzt alles zusammen hängt und was genau das Motiv war.
Trotz der bombastischen Werbung reiht „The Team“ sich unaufgeregt in die typisch skandinavischen Krimis ein: einige gruselige Morde, etwas Sozialkritik (hier gegen Menschenhändler, Zwangsprostitution und Ausbeutung), viele zeitraubende Privatgeschichten und eine lieblose Lösung, über die man nicht genauer nachdenken sollte. Bei „The Team“ gibt es außerdem etliche groß eingeführte Charaktere und Subplots, die plötzlich fallengelassen werden. Nein, wirklich begeistern kann das „Team“ nicht.
Auf der DVD ist die Originalfassung und die deutsche Fassung enthalten. Für die deutsche Fassung wurde alles konsequent eingedeutsch. Damit wurde die Serie gerade um ihren besonderen Aspekt beraubt. Deshalb sollte man die Originalfassung ansehen. In ihr reden die Ermittler, wie in der Realität, untereinander englisch und, wenn sie mit Kollegen, ihren Partnern und Verdächtigen reden, in ihrer Landessprache.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzehnminütiges „Making of“ und Kurzbiographien der drei Ermittler und des Bösewichts, die man sich in sechs Minuten ansehen kann. Das Bonusmaterial ist, nett, begrenzt informativ (das Booklet ist informativer) und gänzlich spoilerfrei.

The Team - DVD-Cover 4

The Team (The Team, Dänemark/Deutschland/Österreich/Schweiz/Belgien 2015)
Regie: Katherine Windfeld, Kasper Gaardsøe
Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe
mit Lars Mikkelsen, Jasmin Gerat, Veerle Baetens, Carlos Leal, Miriam Stein, Hilde Van Mieghem, Alexandra Rapaport, Andreas Pietschmann, Leo Gregory, Marc Benjamin, Filip Peeters, Sunnyi Melles, André Hennicke, Peter Benedict, Nadeshda Brennick

DVD
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, mehrsprachige Originalfassung (Dänisch, Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Kurzclips über die Hauptfiguren, 16-seitiges Booklet
Länge: 486 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
ZDF über „The Team“
Moviepilot über „The Team“
Wikipedia über „The Team“


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