Neu im Kino/Filmkritik: Octavia Spencer ist keine echte „Ma“

Mai 31, 2019

Octavia Spencer war wohl etwas gelangweilt von ihren vielen netten mütterlichen Rollen, in denen sie immer die kompetente Ansprechpartnerin bei Problemen ist. Einmal spielte sie sogar Gott. Also schnappte sie sich die Rolle von ‚Ma‘ Sue Ann. Und diese ‚Ma‘ ist eine Mutter aus der Hölle. Die Tierarzthelferin lebt in einer Kleinstadt im ländlichen Ohio in einem einsam gelegenem Haus.

Eines Tages wird sie von der neu im Dorf lebenden Maggie (Diana Silvers [„Glass“]) gefragt, ob sie für Maggie und ihre Mitschüler Alkohol kaufen könne. Sue Ann tut es.

Kurz darauf lädt sie die Jugendlichen zu sich ein. Sie dürfen in ihrem Keller feiern und sie sollen nachher nicht betrunken nach Hause fahren. Für die Jugendlichen ist das ein grandioses Angebot auf unbegrenzte Party abseits von der strengen Blicken ihrer Eltern. ‚Ma‘, die das ermöglicht, ist ihre neue Heldin. Letztendlich gibt es bei ‚Ma‘ nur eine Regel: sie dürfen das restliche Haus nicht betreten.

Spätestens in dem Moment, wenn Octavia Spencer dieses Verbot verkündet, weiß man, dass die jugendlichen Partygäste das doch tun werden und dass das ein potentiell tödlicher Fehler ist. Trotzdem vergeht erstaunlich viel Filmzeit, bis Maggie zum ersten Mal den Keller verlässt und den Rest des Hauses betritt. Bis dahin baut Regisseur Tate Taylor die Spannung auf und zeigt Maggie und ihre Schulfreunde beim exzessiven Feiern. ‚Ma‘ Sue Ann feiert vergnügt mit den Schülern; was schon etwas merkwürdig ist. Sie ist eine Schwarze. Ihre Gäste sind fast nur Weiße. Sie ist mehr als doppelt so alt. Sie könnte locker ihre Mutter sein. Gleichzeitig schleicht sie sich in das Leben der Jugendlichen ein. Sie stalkt sie und die Eltern ihrer Kellergäste, die sie von früher kennt. Schließlich leben sie seit ihrer Kindheit in der gleichen Kleinstadt. Sie will, und hier ist die Story dann etwas unplausibel, sich rächen für Dinge, die ihr als Schülerin zugestoßen sind und im Film langsam enthüllt werden.

Mit seinem neuen Film probiert Regisseur Tate Taylor wieder ein neues Genre aus und wieder liefert er einen sehenswerten Film ab. Sein Spielfilmdebüt, die Komödie „Pretty Ugly People“ (2008), wurde bei uns anscheinend nie veröffentlicht. Sein zweiter Spielfilm, das Drama „The Help“ (2011) über Rassismus in den Südstaaten, wurde allgemein abgefeiert. Octavia Spencer erhielt einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Sowieso sind Spencer und Taylor seit über 25 Jahren miteinander befreundet. Sie lebten sogar sechs Jahre in der gleichen Wohnung. Als nächstes inszenierte Taylor das James-Brown-Biopic „Get on Up“ (2014) und die Paula-Hawkins-Verfilmung „The Girl on the Train“ (2016). Das ist, auch wenn man die Vorlage nicht kennt, ein typischer, sich vor allem an Frauen richtender Romantic-Thriller ohne große Überraschungen. In dem Film spielte Luke Evans mit, der jetzt auch in „Ma“ dabei ist. Und Allison Janney ist in „Ma“ als Sue Anns Chefin in einer kleinen Rolle dabei. Sie spielte auch in Taylors vorherigen Filmen mit.

Ma“ ist ein fieser kleiner B-Horrorfilm, der vor allem Angst und Schrecken verbreiten will. Das gelingt ihm dank der straffen Regie und dem gut aufgelegten Cast gut. Und Octavia Spencer ist in ihrer ersten Hauptrolle eine wirklich furchterregende Gastgeberin und gequälte Seele, die einfach nur von allen geliebt werden will.

Ma (Ma, USA 2019)

Regie: Tate Taylor

Drehbuch: Scott Landes

mit Octavia Spencer, Juliette Lewis, Diana Silvers, McKaley Miller, Corey Fogelmanis, Luke Evans, Dante Brown, Missi Pyle, Gianni Paolo, Tate Taylor, Dominic Burgerss, Allison Janney

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ma“

Metacritic über „Ma“

Rotten Tomatoes über „Ma“

Wikipedia über „Ma“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tate Taylors „The Help“ (The Help, USA 2010)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Get on Up“ (Get on Up, USA 2014)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Girl on the Train“ (Girl on the Train, USA 2016)

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TV-Tipp für den 18. April: The Artist

April 18, 2019

3sat, 22.25

The Artist (The Artist, Frankreich 2011)

Regie: Michel Hazanavicius

Drehbuch: Michel Hazanavicius

Michel Hazanavicius‘ Tragikomödie ist eine Liebeserklärung an Hollywood und an den Stummfilm. Selbstverständlich in SW und als Stummfilm.

Die ‚A Star is born‘-Schmonzettenstory – Stummfilmstar George Valentin lehnt den Tonfilm ab. Er verliebt sich in das Starlet Peppy Miller, das durch den Tonfilm zum Star aufsteigt. – dient dabei nur als Rahmen für eine mit vielen wundervollen Details verzierte Liebeserklärung an das Kino.

Zum Kinostart wurde die Komödie überall abgefeiert und mit Preisen überhäuft. Unter anderem erhielt der französische Film fünf Oscars, unter anderem den Oscar als bester Film des Jahres.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jean Dujardin, Bérénce Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Malcolm McDowell, Uggy (Palm Dog Award Cannes 2011 als bester Hundedarsteller)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Artist“

Wikipedia über „The Artist“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Michel Hazanavicius‘ „The Artist“ (The Artist, Frankreich 2011)


TV-Tipp für den 2. Januar: The Artist

Januar 1, 2019

Arte, 20.15

The Artist (The Artist, Frankreich 2011)

Regie: Michel Hazanavicius

Drehbuch: Michel Hazanavicius

Unglaublich, aber wahr: Heute ist die TV-Premiere von „The Artist“, den Film, den damals alle liebten und der damals mit Preisen überhäuft wurde. Unter anderem erhielt der französische Film fünf Oscars, unter anderem den Oscar als bester Film des Jahres.

Michel Hazanavicius‘ Tragikomödie ist eine Liebeserklärung an Hollywood und an den Stummfilm. Selbstverständlich in SW und als Stummfilm.

Die ‚A Star is born‘-Schmonzettenstory – Stummfilmstar George Valentin lehnt den Tonfilm ab. Er verliebt sich in das Starlet Peppy Miller, das durch den Tonfilm zum Star aufsteigt. – dient dabei nur als Rahmen für eine mit vielen wundervollen Details verzierte Liebeserklärung an das Kino.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jean Dujardin, Bérénce Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Malcolm McDowell, Uggy (Palm Dog Award Cannes 2011 als bester Hundedarsteller)

Wiederholungen

Sonntag, 6. Januar, 09.25 Uhr

Freitag, 11. Januar, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Artist“

Wikipedia über „The Artist“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Michel Hazanavicius‘ „The Artist“ (The Artist, Frankreich 2011)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über David Finchers Gillian-Flynn-Verfilmung „Gone Girl – Das perfekte Opfer“

Oktober 2, 2014

Viel Zeit lässt David Fincher sich nicht. Gleich in den ersten Minuten von „Gone Girl“ verschwindet Amy, die Ehefrau von Nick Dunne, spurlos. Im Wohnzimmer gab es einen Kampf. Die Polizei beginnt mit der Suche. Schnell gerät der Ehemann in den Fokus der Ermittlungen. Denn es meldet sich kein Entführer. Es gibt auch keine Spur von Amy. Aber es gibt viele Indizien, die dafür sprechen, dass Nick Amy ermordete. In der Küche wurde eine Blutlache weggewischt. Nick hat eine deutlich jüngere Geliebte. Er hat kein Geld. Aber seine Frau verfügt über ein ordentliches Vermögen. Immerhin haben ihre Eltern ihr Leben in einer idealisierten Version als „Amazing Amy“ in einer erfolgreichen Kinderbuchreihe versilbert und einen Teil davon für ihre Tochter angelegt. Vor der Finanzkrise war die finanzielle Reserve sogar noch größer.
Nachdem sie in New York ihre Jobs in der Zeitungsbranche verloren und sich die teure Wohnung in Manhattan nicht mehr leisten konnten, zogen sie nach North Carthage, Missouri, zu Nicks gebrechlichen Eltern um. Während die statusbewusste Großstädterin Amy mit der Kleinstadt fremdelte und ungewollt zur Hausfrau mutierte, eröffnete Nick mit seiner Zwillingsschwester die Bar „The Bar“. Gleichzeitig kam das Eheleben des kinderlosen Paares zum Erliegen. Alltag eben.
Als die von den Medien begleiteten Suchaktionen nach Amy nichts bringen und die Polizei ihn als Mörder verdächtigt, versucht Nick seine Unschuld zu beweisen. Aber wie soll man seine Unschuld beweisen, wenn es keine Leiche gibt und alle Beweise gegen einen sprechen? Und ist Nick wirklich unschuldig oder will er nur mit einem Mord davonkommen?
Nach der Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ ist „Gone Girl“ David Finchers nächste Bestsellerverfilmung, die gediegen den gleichnamigen Bestseller illustriert. Die Änderungen zur gut sechshundertseitigen Vorlage sind minimal, verbessern sie aber durchgehend und es gibt eine erkennbar satirische Haltung zu dem Hipster-Ehepaar in der Kleinstadthölle, ergänzt um drei alptraumhafte Szenen, in denen „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor und Atticus Ross, die bereits für die vorherigen Fincher-Filme den Soundtrack einspielten, sich akustisch austoben konnte.
Das ist, trotz der Länge von 150 Minuten, kurzweilig und spannend, auch wenn einiges, wie im Roman, nicht besonders glaubwürdig ist. Denn Fincher treibt die Geschichte unerbittlich voran. Weil bereits in der ersten Hälfte gezeigt wird, wie die Polizei immer wieder über Beweise für Nicks Schuld stolpert, wirkt Nick auch viel verdächtiger als im Roman. Und je mehr über die Beziehung von Nick und Amy bekannt wird, desto mehr wird deutlich, wie aus Liebe eine besonders unappetitliche Form von gegenseitiger Abhängigkeit wurde. In seiner grandiosen und grandios gemeinen Cornell-Woolrich-Verfilmung „Martha“ erzählte Rainer Werner Fassbinder von einem Ehepaar, das ähnlich voneinander abhängig ist und „Gone Girl“ erinnerte mich immer wieder an „Martha“.


Der gleichnamige Roman von Gillian Flynn, der auf dreihundert Seiten ein fieser, kleiner Noir hätte werden können, leidet dagegen unter seiner epischen Länge von gut sechshundert Seiten und seiner weitgehend vorhersehbaren Geschichte. So vermutete ich nach wenigen Seiten, nachdem Amy verschwunden ist, dass sie eine Variante von „The Game“ inszeniert. Ihr wisst schon, der David-Fincher-Film, in dem Sean Penn seinen Filmbruder Michael Douglas, wie wir am Filmende erfahren, mit einem Spiel beglückte, das ihn zu einem besseren Menschen machen soll. In Flynns Roman erfahren wir auf Seite 30, dass die verschwundene Amy zu jedem Hochzeitstag eine Schnitzeljagd für ihren Ehemann inszeniert, die zu einem Geschenk führt. Außerdem ist Nick vollkommen verstört von ihrem Verschwinden. Und weil Nick in diesem Teil der Ich-Erzähler ist, kann auch nicht an seinen Worten gezweifelt werden. Außer, natürlich, wenn Flynn irgendwann erklärt, dass Nick eine gespaltene Persönlichkeit hat. Aber eine solche Erklärung wäre eine ärgerliche Variante des Alles-nur-geträumt-Endes, das zeigt, dass der Autor selbst nicht wusste, wie er seine Geschichte beenden soll.
Bis zur Buchmitte, zum Nachschlagen Seite 307, gab es keinen Hinweis, der mich an meiner These zweifeln ließ. Dann gibt es eine Enthüllung – und die zweite Hälfte des Buches verläuft ebenso überraschungsarm auf das Ende der Geschichte zu. Dabei wechselt Flynn kapitelweise zwischen Nick und Amy als Erzähler, wobei Amys Tagebuch uns die Vergangenheit des Paares verrät. Im Buch nimmt diese Rückschau einen breiten Raum ein. Im Film wird sich auf die wichtigsten Tagebucheinträge konzentriert.
Diese Struktur mit dem beiden Erzählern wurde im Film weitgehend beibehalten und sie funktioniert, überraschenderweise, ausgezeichnet. Im Roman erfarhen wir erst langsam, dass Nick und Amy unzuverlässige Erzähler sind. Im Film überwiegt dagegen der satirische Ton, der ätzende Blick in die Ehehölle der Thirty-Somethings, die glauben, dass die Welt sich nur um sie dreht, und die Thriller-Mechanik, in der ein Unschuldiger versucht seine Unschuld zu beweisen.

Gone Girl - Plakat

Gone Girl – Das perfekte Opfer (Gone Girl, USA 2014)
Regie: David Fincher
Drehbuch: Gillian Flynn
LV: Gillian Flynn: Gone Girl, 2012 (Gone Girl – Das perfekte Opfer)
mit Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry, Carrie Coon, Kim Dickens, Patrick Fugit, David Clennon, Lisa Banes, Missi Pyle, Emily Ratajkowski, Casey Wilson, Sela Ward
Länge: 150 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Flynn - Gone Girl - Movie Tie-In

Gillian Flynn: Gone Girl – Das perfekte Opfer
(übersetzt von Christine Strüh)
Fischer, 2014
592 Seiten
9,99 Euro

Die Hardcover-Ausgabe erschien 2013 bei Fischer.

Originalausgabe
Gone Girl
Crown Publishers, 2012

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Gone Girl“
Moviepilot über „Gone Girl“
Metacritic über „Gone Girl“
Rotten Tomatoes über „Gone Girl“
Wikipedia über „Gone Girl“ (deutsch, englisch)
Homepage von Gillian Flynn
Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)


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