Neu im Kino/Filmkritik: Die „Criminal Squad“ begeistert nicht

Februar 1, 2018

Wenn „Criminal Squad“ dreißig Minuten kürzer und dreißig Jahre älter wäre, wäre er einer dieser 80er-Jahre-Actionfilme, die damals bei Jungs so gut ankamen. Nicht mit Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone in der Hauptrolle. Auch nicht mit Chuck Norris, sondern der dritten oder vierten Garde.

Es ist allerdings ein aktueller Film, der gerne eine proletarische Version von „Heat“ mit einem tollen Twist wäre, der in den Neunzigern „Wow“ und heute „Gähn“ ist. Jedenfalls ist das nach den Handlungsfragmenten zu vermuten.

Es geht um eine Bande von Verbrechern, die Banken und Geldtransporter in Los Angeles ausraubt. Das geschieht dort, wie ein Insert am Filmanfang verrät, alle 48 Minuten. Die Bande um Ex-Special-Forces-Soldat und Ex-Sträfling Ray Merrimen (Pablo Schreiber) macht das allerdings sehr professionell und im Zweifelsfall mit der nötigen Gewalt. So verwandelt sich ihr jüngster Überfall in eine wahre Straßenschlacht.

Auftritt von ‚Big Nick‘ O’Brien (Gerald Butler) und seinem Team, den ‚Regulators‘, einer Spezialeinheit des L. A. County Sheriff’s Department, für die die Polizeimarke die Lizenz zum Ausleben ihrer niederen Triebe ist. Polizeiarbeit bedeutet für sie, mit maximaler Gewalt vorzugehen, Verdächtige zu foltern und sich schlecht zu benehmen. Es sind die Macho-Cops, die man in den Achtzigern in Filmen noch akzeptierte. Heute sind sie ein Haufen reaktionärer Rednecks, die immer noch Glauben, im Wilden Westen zu leben.

Bei der Darstellung dieser Truppe unternimmt Regisseur Christian Gudegast in seinem Debütfilm keinen Versuch, deren Verhalten zu problematisieren. Denn unkontrollierte Spezial- und Sondereinheiten haben immer eine Tendenz, das Gesetz im eigenen Interesse selbstherrlich auszulegen, ihre Taten mit den Ergebnissen zu rechtfertigen und, wenn das Umfeld stimmt, selbst zu Verbrechern zu werden. Los Angeles hat da eine lange Geschichte, die auch filmisch gut aufgearbeitet ist. Zu den aktuellen Beispielen zählen die Thriller „Dark Blue“ (spielt 1992 während und nach dem Rodney-King-Prozess), „Training Day“, „Final Call“, „Rampart – Cop außer Kontrolle“ und die TV-Serie „The Shield“, die alle vom Rampart-Skandal inspiriert waren. Damals wurden über siebzig Polizisten, die teilweise auch Mitglied der CRASH-Einheit waren, unter anderem wegen Polizeigewalt, Drogenhandel und Bankraub angeklagt. Wer will, kann auch in „Criminal Squad“ ferne Echos dieses Skandals finden. Immerhin hatte Christian Gudegast die Idee für den Film bereits 2002.

Criminal Squad“ macht sich allerdings mit diesen wirklich tumben Macho-Cops gemein und wir sollen sie als die Helden begreifen, weil sie auf der Seite der Guten stehen und in der Verbrechensbekämpfung der Zweck alle Mittel heiligt.

Die Verbrecher sind da nur die andere Seite der Medaille.

Über die Charaktere erfahren wir in dem über zweistündigem Film nichts. Das gilt für die beiden Hauptfiguren – O’Brien und Merrimen, die sich schon seit ihrer Schulzeit, als sie in gegnerischen High-School-Football-Manschaften spielten, kennen – und für ihre Gefolgsleute, die bis zum Ende „Cop 1“, „Cop 2“, „Cop 3“ und „Gangster 1“, „Gangster 2“ und „Gangster 3“ bleiben.

Die Filmgeschichte wiederholt die bekannten Situationen und Klischees des Polizeifilms und Heist-Movies. Allerdings ohne ihnen irgendeine Bedeutung zu geben oder sie in eine sinnvolle Geschichte einzubetten. Sie poppen einfach ungefähr in dem Moment auf, in dem sie in so einem Film aufpoppen müssen. Höflich formuliert sieht „Criminal Squad“ aus, als habe man „Heat“ durch einen Schredder gejagt, in den Müll geworfen und dann von Frankensteins Monster nach seinem Ebenbild zusammensetzen gelassen.

Gegen dieses Totaldisaster ist jeder Michael-Bay-Film ein Fest feinfühligen, strukturieren und überlegten Erzählens mit differenzierten Charakteren. Und wenn man den „Den of Thieves“ (Originaltitel) nicht bis zum Jahresende vergessen hat, ist dieses strunzdumme, überlange und tödlich langweilige Mucki-Kino ein heißer Anwärter für einen der vorderen Plätze auf jeder Jahresflopliste.

Criminal Squad (Den of Thieves, USA 2018)

Regie: Christian Gudegast

Drehbuch: Christian Gudegast, Paul Scheuring

mit Gerard Butler, Curtis ’50 Cent‘ Jackson, Pablo Schreiber, O’Shea Jackson, Maurice Compte, Evan Jones, Kaiwi Lyman, Mo McRae, Brian Van Holt, Meadow Williams

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Criminal Squad“

Metacritic über „Criminal Squad“

Rotten Tomatoes über „Criminal Squad“

Wikipedia über „Criminal Squad“ (deutsch, englisch)

Werbeanzeigen

Neu im Kino/Filmkritik: „Der große Trip – Wild“ – Selbsterfahrung, the American Way

Januar 17, 2015

Besonders groß sind die Sympathien mit Cheryl Strayed am Anfang von „Der große Trip – Wild“ nicht. Denn die 26-jährige will, ohne ein Jota Wandererfahrung, aber mit einer anscheinend aus dem Alles-was-Sie-für-eine-lange-Wanderung-brauchen-Katalog zusammengekauften Ausrüstung, die sie kaum tragen kann, den über viertausend Kilometer (bzw. 2663 Meilen) langen Pacific Crest Trail, einen Wanderweg an der US-Westküste, der sich von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze erstreckt, abwandern.
Diese Wanderung soll, wie man aus den assoziativ eingefügten Rückblenden erfährt, ihr Weg zu einer inneren Läuterung und einem besseren Leben sein. Vor der Wanderung war ihr Leben ein einziges Chaos aus Sex, Drogen, gescheiterten Beziehungen und ohne Perspektive.
Drei Monate wandert sie durch die Wüste, den Schnee und unberührte Wälder bis sie nach 1100 Meilen an ihrem Ziel ist. Später schrieb Strayed über Selbstfindung beim Wandern das Buch „Wild: From Lost to Found on the Pacific Crest Trail“ (Der große Trip). Schon vor der Veröffentlichung kaufte Reese Witherspoon das Buch, das ein Bestseller wurde. Sie übernahm auch die Hauptrolle und jetzt wurde sie dafür, nach zahlreichen anderen Nominierungen (wie Bafta und Golden Globe), auch für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert. Laura Dern, die ihre Mutter spielt, wurde als beste Nebendarstellerin nominiert.
Und Witherspoons Leistung bei diesem Wanderfilm ist auch beeindruckend.
Allerdings funktioniert bei dem von „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée inszeniertem Film die Struktur von Strayeds Bericht im Film nur bedingt. Strayed wandert. Sie muss gegen ihren inneren Schweinehund und ihre Unerfahrenheit ankämpfen. Das gelingt ihr mit der manischen Energie einer Süchtigen, die sich jetzt ein Ziel gesetzt hat, das sie unbedingt erreichen möchte. Sie trifft andere Wanderer und Anwohner des Wanderweges. Diese Menschen sind – wie es in der Realität nun einmal ist – normalerweise nett und hilfsbereit. Sie erinnert sich an ihre Vergangenheit.
Das alles funktioniert in einem Erlebnisbericht, bei dem sich viel im Kopf des Erzählers abspielt, besser als in einem Film. Denn gerade diese Innensicht, diese Selbstgespräche und Erinnerungen (die immerhin in Rückblenden illustriert werden können), sind nicht filmisch. Außerdem fehlt Strayeds Wanderung, im Gegensatz zu, beispielsweise, „All is Lost“ (mit Robert Redford) oder „Spuren“ (mit Mia Wasikowska), die lebensbedrohliche Dimension. Strayed muss in „Der große Trip – Wild“ nicht um ihr Leben, sondern gegen ihren inneren Schweinehund kämpfen. Mit von Anfang an bekanntem Ergebnis.
So überzeugt „Der große Trip – Wild“ vor allem als Leistungsschau einer Schauspielerin, garniert mit schönen Landschaftsaufnahmen.

Der große Trip - Wild - Plakat

Der große Trip – Wild (Wild, USA 2014)
Regie: Jean-Marc Vallée
Drehbuch: Nick Hornby
LV: Cheryl Strayed: Wild, 2012 (Der große Trip)
mit Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski, Michiel Huisman, Gaby Hoffmann, Kevin Rankin, W. Earl Brown, Mo McRae, Keene McRae
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Der große Trip – Wild“
Moviepilot über „Der große Trip – Wild“
Metacritic über „Der große Trip – Wild“
Rotten Tomatoes über „Der große Trip – Wild“
Wikipedia über „Der große Trip – Wild“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Der große Trip – Wild“
Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Dallas Buyers Club“ (Dallas Buyers Club, USA 2013)
Homepage von Nick Hornby
Homepage von Cheryl Strayed


%d Bloggern gefällt das: